• Hundefreie Städte: 2010

    Hundefreie Städte: 2010

    Juli 2005

    Eine paradoxe Überschrift? Ja, denn es könnte gut sein, dass das zutrifft; dann ist es nicht mehr paradox, sondern wirklich.

    Erst haben sie nach vielen weiteren nachvollziehbaren Vorfällen gemerkt, dass die Aufführung einiger Rassen nach dem hochgradig naiven und dilettantischen Entwurf des zuständigen Ministeriums der Regierung Nordrhein-Westfalens nicht einmal für Juristen haltbar ist, denen es schliesslich nur um eine Verwaltungsdurchsetzung ging. Dann haben sie gemerkt, dass das auch nicht half, was sie hätten vorher von den wirklichen Fachverständigen wahrnehmen können, aber sie waren unbelehrbar stur.

    Nachdem sie die Gesetze anpassten, merkten sie, dass es natürlich die wirklichen Täter nicht juckt, (die vorher schon nicht kontrolliert wurden von denselben Ordnungs-Nichthütern). Also dachten sie sich was anderes aus, was ja im Düsseldorfer Ministerium als Papier im Juli 2000 als Parole, als Ziel formuliert wurde: Hundehaltung in den Ballungszentren rigoros zu dezimieren.

    Das haben heute wieder viele vergessen. Nun wundern sie sich in der Mitte dieser Spanne der Hundeausgliederung, dass weiter an dieser Reduzierungsschraube gedreht wird. Ein paar Zusatzzwänge, jedes Jahr einen neuen, so als Übergangslösung. Es wird mit Leinenzwang erst in der City gestartet, dann im Stadtkerngebiet, dann in den Stadtteilen usw.

    Mehr und mehr werden zuvor als Alibi zugewiesene Freilaufflächen für Hunde und ihre Halter eingeschränkt, gar zurückgenommen. Da halten sich dann ja auch hundehassende Jogger und Walker auf, die diese Reservate ignorieren. Sie provozieren gern weiter. Dann passiert es ja immer wieder, dass ein Hund zwickt oder zubeisst, was vor Juni 2000 alle für so interessant hielten wie wenn ein besoffener Autofahrer wieder mal ein Schulkind umnietet.

    Die Parks für Hunde werden geschlossen. Früher war der Kot das Argument, als ob es jährlich mehr Hunde gäbe (gibt es nicht), heute ist es die erwünscht vermutete Gefahr, dass was passieren könnte.

    Und das trifft passend auch noch irgendwann wieder zu. Dann klappt das mit den zusätzlichen Argumenten, um die restlichen Hundehalter zu vergraulen.

    Die Auflagen werden höher geschraubt, der Fachverstand diametral runter. Da können sich die Hundeverständigen einen ablabern. Sie wurden vorher nicht erhört, jetzt schon gar nicht, weil damals schon nicht, und künftig erst recht nicht. Da hat sich doch ein bekannter Hundeschulinhaber noch im Sommer 2000 stark gemacht, um seine Wesenstests mit einer flugs importierten Prüfmethode aus dem Starkzwanglager in Serie und gegen Entlohnung aus dem nun mehrfach zitierten Ministerium durchzudrücken. Der Mann stand oft in diesem Hause, bis er merkte, dass er diesen gigantischen Auftrag nicht als Monopolstellung auskosten durfte (zur Ehrenrettung dieser damaligen Ministeriumsführung), schon hatte er sein Interesse verloren und wetterte öffentlich gegen die Dame des hohen Hauses.

    Wesenstests sind nun auch unwirksam, weil es immer die fast Falschen trifft. Es gibt ja auch immer ein erstes Mal, wenn ein Halter/eine Halterin mit ihrem Hund auffällt.

    Die Halter besorgen sich halt einen neuen, wenn es den alten trifft.

    Hätte man in den Verordnerämtern auch im Juli 2000 wissen können, wenn man wollte. Oder vorher. Früher scheint überhaupt nie etwas gewesen zu sein. Kein Biss.

    Keine Anzeigen, die Presse hat das nicht interessiert, weil es keine Erregungszustände hervorrief. Höchstens Gähnen. Aber nun, Mitte 2005, da kommen sie wieder, diese Vorfälle. Was wirklich dran war, interessiert nach einem Tag schon niemand mehr. Nichts ist so uninteressant wie der Biss von gestern. Aber es lässt sich damit die Hunde-Ablehnung untermauern. Die Wirkung gegen Hundehaltung in der Stadt ab 10 000 Einwohner darf nicht nachlassen, dafür sorgen kranke oder idiotische Hundehalter wie die Hundehasser.

    Beides sind, davon bin ich überzeugt, in der Minderheit. Aber beide sorgen für Wirbel.

    Nun zählt eine "Zeit"-Redakteurin Hamburg schon zu den hundefeindlichen Städten, Berlin war es schon länger. Hundefeindlichkeit ist das einzige, was in diesen und andere Städten wächst.

    Lange vorbei sind die Zeiten, in denen das schiere Aufkommen an Hunden als hundefreundliches Indiz galt. Es wird weiter gegen die Hunde gearbeitet. In der Verdrängung, in der Kontrolle, in der Ausbildung. Was haben eigentlich die ganzen Hundeschulen an dieser Ursache bewirkt, besonders auch der Hundeführerschein? Der Hundeführerschein ist eine Gelddruckmaschine für einen nichtstaatlichen Verband. Es trifft da aber die halbwegs vernünftigen Hundehalter, die sich ja vorbildlich benehmen.

    Die anderen wird auch das nicht interessieren. Hundehaltungsverbot für die Täter, so kontrolliert wie ein Asylantrag, das wäre nur eine unter mehreren wirksamen Kontrollen. Ein straffes Gesetz für Hundezucht, was die Verantwortung für die Züchter (und andere Vermittler) einschliesst, wäre eine Vorsorge, aber kein Riegel.

    Züchten und Hunde verkaufen und Hunde ausbilden darf jeder, ungeschoren.

    Selbst wenn dies eine Regierung gesetzlich reglementieren würde, woran ich nicht glaube, weil ein Verbot viel schlichter ist, es würde sich nicht ändern. Weil sich an der Ursache nichts ändert. So lange jeder **** einen Hund ergattern darf. So sehe ich die Überschrift kommen.

    Hunde raus aus den Städten. Erst die Grosstädte, dann die mittleren, dann die kleinen... die Dörfer wehren sich gegen die Invasion mit Vans und Wohnmobilen, die sich wie Wagenhochburgen um die alten Bauern mit ihren Hühnern legen. Ein paar schlaue Bauern verkaufen den letzten Acker zu bodenabhebenden Preisen, damit dort mit Stacheldraht die Hunde samt Halter Freilauf haben. Später werden durch deutsche Bastler dieser Insassen massivere Baustahlzäune errichtet.

    Nach dem Dorf steht ein Schild: "Vorsicht! Sie betreten eine Hundezone auf eigene Gefahr! Ihre Hausratsversicherung tritt nicht für Schäden ein. Ferngläser werden gegen Gebühr gerne ausgeliehen."

    Die verbleibenden Hundehalter, falls sie nicht in Moldavien eine vorläufig letzte Bleibe gefunden haben, werden mit GPS über Satellit überwacht, damit sie brav ihre Hundesteuer in Höhe eines halben Arbeitslosengehalts zahlen. Ghettos mit Hunden bilden sich, in der Hoffnung der Machthaber, die Halter und Hunde würden sich selbst eliminieren.

    2010 ist es soweit. Oder ein paar Jährchen später, weil mal wieder ein bisschen wichtigerer Menschenkrieg (statt Outsourcing, höchstens ein Kollateralschaden gegen Hunde über 20 cm und 5 kg) dazwischen kommt, der lediglich unterbricht, was 2000 anfing.

    Nur Satiriker dachten damals schon weiter. Aber es hörte ja niemand auf sie. Sie sind mit ihren Hunden längst ausser Landes und schreiben sich mit Bleistift handverfasste Briefe, die sie mit Brieftauben zustellen lassen.

    Sehe ich schwarz?

    Ihr Rainer Brinks

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