Schatztruhe Tagebücher
Februar 2006Ich führe aus traurigem Grund Tagebücher über meine Hunde. Der zweite Anlass war die idiopathische, die erbliche Epilepsie meiner ersten Hündin Sabah. Weil dies, so die junge Tierärztin, eine genaue Dokumentation sei und zu vielen Informationen führe, die für eine Anamnese (Krankheitsgeschichte) wichtig sind.
Der erste Anlass war, mich später lachend oder ärgernd an meine Fehler erinnern zu dürfen, wenn ich die Tagebücher hervorhole – modern über den Aufruf einer Datei im Computer, wo ich diese Dokumente gespeichert habe.
Tagebücher über, nicht von Hunden.
Man muss es immer wieder betonen: Hunde können nicht schreiben!
Also führen Hunde keine Tagebücher. Also kann es nicht heissen: Tagebuch von. sondern über.
Wir führen die Bücher über die Tagesabläufe über unser Hunde. Dass wir drin häufig vorkommen, hat Zwang und Erkenntnis auch über uns. Vielleicht sind diese Tagebücher nur für uns wichtig? Tagebuchschreiben hat nichts mit rosa Schleifchen über geblümte Booklets (neudeutsch für kleine Bücher) zu tun, in denen auf blümchenbetupftem Papier sentimentaler Schmalz, Herzschmerz und Liebesleid wie böser Zorn verbleicht, weil mit klassischer Tinte geschrieben.
Nein, Tagebuchschreiben ist nichts anderes, als ja berühmte Geschichtsschreiber getan haben. Es sind Reporter des Tages gewesen, die zu Geschichte wurden.
Bleiben wir bescheiden und häuslich-hundlich, dann reicht es auch, es reicht, um uns selber zu erfreuen an dem, was wir gemacht haben , was wir mit unseren Hunden erlebt und durchgemacht haben.
Die ganzen Geburten, die ersten Tage bei uns, die ersten Verletzungen, das Fieber, die Rauferei, den Ärger, die letzen Tage. Tagebücher müssen ehrlich sein, sich selber anlügen ist umsonst Tagebuch geführt.
Tagebücher müssen spontan präzise niedergeschrieben werden, brutal ehrlich und offen, sonst sind sie wertlos.
Dies alles mal wieder hervorzukramen, wenn einem danach das Gefühl ist, das ist wie eine Schatztruhe öffnen, wo alte Geschichten wie wunderliche Märchen herausrufen.
Und wenn wir dann beim Lesen laut lachen, wenn wir leise weinen – na und?
Ich könnte ganz effizient argumentieren: Erst durch die Dokumentation der Fehler an früheren Hunden können wir ermessen, was wir an den Nachfolgern besser machen können. Da steht es geschrieben. Ein Mahnmal, ein Denkmal. Denk mal nach beim wiederholten Lesen!
Meist wird uns aber erinnerlich: so schlecht waren wir gar nicht, nur schlechter informiert. Die Hunde würden es uns auch im Nachhinein nicht übel nehmen. Sie führen aber auch keine Tagebücher über uns!
Ich beichte Intimes, aus den Tagebüchern über meine Hunde – die, wenn ich noch älter sein werde und diese Einträge, brühwarm eingetippt, wieder lese, ein wahrer Schatz an Empfindungen und Informationen sind, und zum Heulen und zum Lachen. Es gibt Dramatik, es gibt Komik, es gibt leise und heftige Töne.
Es gibt alles zusammen – Information, über vieles, vor allem über unseren Zustand zu jenem Zeitpunkt, als wir dies schrieben. Ich bringe mal ein nettes Beispiel, für Nettigkeiten bin ich ja sonst nicht berühmt:
„Wenn ich jetzt so die beiden Herdenschutzhundeköpfe schlafend Kopf an Kopf sehe, könnte ich sie beide abknutschen. Aber dann würden die armen Hunde ja aufwachen. Kaum habe ich das jetzt hier niedergeschrieben, haben sie ihre Position gewechselt. Aber die beiden liegen gern beieinander. Nun habe ich mich zu ihnen runtergelegt, habe auch nicht weit vom Arbeitssessel runter. Und erst mit dem Lümmel Kutya, dann mit Aria herumgeblödelt. Es ist von unermesslichem Wert, welches blinde Vertrauen mir die Hunde schenken. Sie geniessen den Körperkontakt, der bei meinem Alter halt auch seltener wird. Vor allem Aria lernt es, den Körperkontakt zu geniessen, was sie wohl vorher nie erfuhr. Jemand, der keine Hunde mag oder bei sich hat, wird dies nie erfahren.“
Ist das nicht schön, so was Ähnliches wieder mal zu lesen?
Schreiben wir Tagebücher über andere, um uns selbst zu verstecken?
So eine tägliche geistige Bestandsaufnahme ist auch eine Art Selbstkontrolle, oder sie sollte eine sein. Sich selbst auch noch dabei anzulügen, oder auch nur zu übertreiben oder zu verdrängen oder zu beweihräuchern, das wäre dann eher eine Dokumentation für einen Psychiater. Es ist vertane Zeit.
Ganz abschminken sollte man sich die unerträglichen Geschichten über den eigenen tollen Hund als Literaturvorlage! Jeden Tag gehen bei unzähligen Verlagen derartige miese langweilige, weil gleichartige tolle Geschichten ein. Nein, es ist nur ein Schatz für sich selbst.
Ein sinnvolles Tagebuch (über Hunde) sollte neben den Informationen über die Befindlichkeit des Hundes auch ein Indikator sein für die eigene Befindlichkeit.
Testen Sie sich selbst: sind sie direkt, spontan und ehrlich zu sich und ihrem Hund? Sind Sie auch noch präzise und gewitzt im Ausdruck, damit das Tagebuch lesenswert ist und bleibt und nicht so doof wie eine Fernsehvorabendserie à la Gute Zeiten – Schlechte Zeiten? Ihr Tagebuch beweist es eines Tages: Gutes Tagebuch – Schlechtes Tagebuch.
Selbstwertvoll wird so ein Tagebuch über xyz erst in ein paar Jahren. Tagebücher müssen die Patina der Vergangenheit zieren. Dann ertragen wir sie bekömmlicher.
Passen Sie gut auf Ihre Hunde auf!
Ihr Rainer Brinks
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