Bindung zu Tieren
Ohne soziales Lernen kann kein Lebewesen eine Beziehung zu anderen herstellen, aufbauen und pflegen. Man nennt es Bindung (wer ein schickes Schlagwort dazu braucht: Bonding, auf Tiere übertragen: „amichien bonding“. Wie auch immer: Bindung kann der Mensch sich nicht erlesen. Es gibt Menschen, die haben es einfach drauf, die anderen können sich mühen, wie sie wollen. Eine echte Bindung lässt sich nicht erzwingen, weder mit psychischen oder physischen Tricks noch verführerischen Leckereien. Dieser Mangel an Talent (dazu gehört auch das Sein-Lassen) wird aber meist nicht wahrgenommen oder/und akzeptiert.
Wie man merkt, ob Tiere (vor allem fremde) eine Bindung zu einem Menschen aufbauen oder nicht? Das erkennen wirkliche Fachleute daran, wie diese Tiere auf diesen Menschen zugehen, falls sie es denn tun. Diese „verbindliche„ (zutrauliche) Reaktion muss von den Tieren ausgehen. Wie das dann aussieht, ist so unterschiedlich wie der Charakter eines Tieres: mal zurückhaltend, mal fast aufdringlich, mal schüchtern-zögerlich, mal offenherzig-körpernah. Aber sie müssen es immer von sich aus tun, nie auf Geheiss.
Bei bindungssensiblen Katzen wissen Tierfreunde, dass sie entweder nur zögerlich zu einem kommen und im offensivsten fall schon mal sich am Bein reiben, dabei tief schnurren. Wer sie jedoch grapschen und besitzen will, hat verloren, falls er nicht eine gescheuert bekommt, weil sie Katze dies als eine Art Freiheitsbedrohung empfindet und sich zurecht gegen diese grobmotorische Aufdringlichkeit wehrt.
Ich sehe aus Erfahrung: die meisten „Tierfans„ sind unfähig, eine echte Bindung aufbauen zu können, ja zu verstehen, sie wollen hur besitzen, beherrschen, befehlen, egomanisch streicheln. Es sind Gebrauchshundler: sie gebrauchen Hunde für sich. Als Spassfaktoren. Sie benutzen Tiere. Das hat mit Bindung nichts gemein. Sie werden Tiere nie verstehen, da können sie so viele Seminare besuchen und teuer bezahlen wie sie wollen - auch gern Tierkommunikationsseminare, der neueste Schrei, von Tier- und Menschenverdummungspredigern ersonnen. Tierbindung aus der Glaskugel oder: jede Saison hat ihre Beute. Tierbindung kann man nicht predigen, vor allem nicht von Leuten, die so was nie begreifen werden. ist etwas erlernbares, nur wenigen ist es vergönnt, dies ohne Bücher zu besitzen, das sind die seltenen Talente. Sie sind aber keine Angeber.
Ich weiss von einem 70-jährigen französischen Weinbauern, Pierre, der selbst dem Krebs noch mal ein Schnippchen geschlagen hat, der hat Katzen und einen altes Pferd (das er aus einem Wassergraben rettete), und der hat immer Hunde. Er hat Hunde um sich herum - neben dem, der immer da ist. Er besitzt die Tiere nicht. Er will gar nicht. Deshalb hat er sie um sich herum. Sie kommen gar von weit her, ein Labrador zum Beispiel rennt jeden Tag vom Nachbardorf auf seinen abgelegenen Hof.
Dann sitzen sie da und machen - nichts.
Er beobachtet sie, er redet vielleicht zwei, drei Worte mit diesem oder jenem Hund, er bevorzugt natürlich auch keinen. Warum auch? Er verführt sie nicht, er lockt sie nicht, er macht sich nicht wichtig gegenüber ihnen, er dominiert sie nicht, er belehrt sie nicht, er dressiert sie nicht zu irgendwas. Er lässt sie einfach in Ruhe. Es gibt auch unter den Tieren keinen Stress. Nur ab und zu gibt er dann was von seinem Schafskäse oder dem Baguette oder der Wurst ab. Das sind in dem Sinne auch keine Bestechungs-Leckerli, die manche benutzen als Krücke für Bindung. Nein, Pierre teilt nur. Das aber kann sie nicht dazu bewegen, freiwillig zu ihm zu kommen. Er ruft sie nie. Sie kommen einfach. Sie dürfen auch wieder gehen, wann sie wollen.
Das ist echte, selbstverständliche Bindung, weil zu nichts verpflichtend. Respekt gehört zu dieser Bindung.
Die Voraussetzung nämlich, der uneigennützige Respekt, der fehlt den meisten, die von Bindung und anderen verkaufsträchtigen Slogans schwafeln. Wer jedoch diese echte Bindung begriffen hat, versteht Tiere. Der muss nicht mal flüstern.
Es ist sicherlich eine Philosophie, die nicht modisch ist. Das ist nicht ihr Fehler. Man kann nicht herbeireden. Es werden viele nicht verstehen, was ich ausdrücken will. Sie können nicht verstehen, nicht nachempfinden, weil der Aktionismus Teil ihres Problems ist. Sie glauben, ihr Hund hätte eine Bindung zu ihnen, aber sie wissen nicht, was Bindung heisst. Sie meinen leider Anbindung: Kette, Fessel, wenn auch nur geistig. Wo ist der Unterschied zur eisernen Kette?
Bindung ist selbstlos – und das ist für viele nicht begreifbar, weil sie Ihr Tier abhängig halten wollen.
Passen Sie gut auf Ihre Hunde auf!
Ihr Rainer Brinks
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