• Von Natur keine Ahnung

    Der Wissenszustand deutscher Schüler über Natur ist nach einer seriösen Studie erschreckend, und das nicht erst seit kurzem: Bambiismus und Animal Comics statt Wissen um die Zusammenhänge in der Natur.

    Der Natursoziologe am Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Marburg, Rainer Brämer, untersucht seit 1997 Empfindung und Wissen von Natur bei Schülern.

    Sein neuestes Ergebnis gleich in Auszügen – sie erhellen auch die land- und stadtläufigen Ansichten über unser Problem-Thema, das älteste Haustier.

    Mich wundert die galoppierende Denaturierung schon lange nicht mehr. Meine Einlassungen dazu prallen bei den betroffenen Menschen auch folgerichtig mit Staunen ab. So wundert es auch nicht, dass die meisten Hundehalter gar kein Verständnis mehr aufzubauen fähig sind. Sie bleiben in ihrem Egotrip („ich brauche meinen Hund für mich“) hängen. Da laufen dann zwei Lebewesen - das eine hofft auf Verständnis, das andere kann es nicht mehr aufbringen - nebeneinander her, „onlein“. Die Käufer suchen sich daher auch oft nur menschliche Ersatzbeschäftigungen, die der Hund nur als biologischem Eigennutz (wer mir Fressen bringt, für den tu ich alles) übernimmt. Und diese Menschen bilden sich in ihrer Selbstsucht ein, der Hunde habe an dem tierischen Spass, was sie mit ihm anstellen. Sie werden Tiere nie begreifen. Sie brauchen Tiere aber für sich.

    Nun dringt dieses Unverständnis von natürlichen Zusammenhängen immer häufiger bis in die Schulzimmer durch. Fragwürdiger oder überforderter Biologieunterricht in der Schule tut das Seine zur Denaturierung. Doch weder Lehrer noch Schule sind schuld an diesem defekten Naturbild von Kindern. Kleinkindern sind sie noch nicht abdressiert worden, aber der Prozess der Ahnungs- oder Interesselosigkeit, gepaart mit Dekadenz, fängt sie schnell ein. Dann wird ihnen erst einmal Angst vor Tieren beigebracht oder Respektlosigkeit. Erziehung zur Extreme.

    Die Studienergebnisse des Natursoziologen in seinem Jugendreport Natur '06:

    Ein Drittel aller Schüler zwischen 12 und 15 Jahren hat noch nie einen Käfer oder Schmetterling auf der Hand gehabt, jeder Vierte noch nie ein Reh in der Natur beobachtet. Digitale Fantasiewelten stehen hoch im Kurs: bis zu vier Stunden hocken sie vor dem Bildschirm; mehr als zwei Drittel besitzen einen eigenen Fernseher oder Computer. Jugendlichen sei eine "übertriebene Waldmoral" eingepflanzt worden, sagt Brämer. Es überwiege eine "bambihafte Verniedlichung der Natur" in den Köpfen, die sich in Leitsätzen wie "Tiere nicht stören", "Im Wald auf Wegen bleiben", "Pflanzen nicht beschädigen" oder "Nichts wegschmeißen" erschöpfe. Viele denken, es sei verboten, Frösche oder Würmer spontan in die Hand zu nehmen. Oft hielten Schüler die Natur für "immer gut" und jegliche Nutzung für schlecht. Natur diene ihnen hauptsächlich als "Kulisse für Feste und Sport". Auch das Wissen über Zusammenhänge fehle oft. Mehr als die Hälfte der Schüler in Nordrhein-Westfalen ahnt nicht, dass Rosinen getrocknete Trauben sind. Bio-Äpfel oder Tiefkühlspinat als Naturprodukte zu bezeichnen, kommt vielen Schülern nicht in den Sinn. Auch wenn es auf dem Land mehr Naturkontakte gebe, führt das nicht zwangsläufig zu mehr Wissen. "Sie leben alle hinter Glas. Sie sitzen im Auto oder vor dem Computer", sagt Brämer.

    Bereits 2003 und 1997 erstellte der Natursoziologe umfangreiche Studien zur Naturerfahrung von Jugendlichen. Damals schon hielten viele Kinder „Enten für gelb“. Der neueste Jugendreport dokumentiere ein zunehmendes Verschwinden der Natur aus dem alltäglichen Horizont junger Menschen. Unklar sei, ob das Interesse an der Natur bei ihnen später doch noch erwachen wird.

    Ich hoffe: Niemand muss dumm bleiben, jeder hat sie Chance, dazuzulernen, wenn er will. Ich frage jedoch: Woher soll diese Geisteswende kommen? Denn der zusätzliche Faktor Konsumsucht überholt doch etwaiges Nachdenken links und rechts der Datenbahn.

    Was bleibt uns übrig? Aufklären zu jedem Anlass. Ich bin schon froh, wenn ich nur einem Kind ein paar natürliche Zusammenhänge nahebringen oder ein paar der Vorurteile oder Irrtümer richtigstellen kann. Einen Hund, eine Katze, eine Kanarienvogel oder eine Schildkröte zu kaufen und zu behalten, ist noch nicht Tierliebe oder Naturverständnis. Oft ist es das Gegenteil.

    Wer kann wenigstens die Kinder zur Natur (damit meine ich keine Zoo – oder Zirkusbesuch) bringen oder davon abhalten, weil sie selbst davon nichts wissen (wollen)? Die Erwachsenen – darunter eben die Verursacher des Unverständnisses, die Patienten des Programms „“.

    Kinder, die ihr betroffen seid von jenen älteren Geschwistern und Eltern: geht allein vor die Haustür und lernt sehen, riechen, fühlen. Lasst die anderen vor ihrer aggressiven und verdummenden Mattscheibe verkümmern, erfahrt, so lange es Natur noch gibt.

    Und die ebenfalls urbanisierten Hunde und Katzen und anderen Tiere werden euch nachlaufen. Offline. Vielleicht trefft ihr eine pensionierte Biologielehrerin oder einen, der sich in der Natur auskennt und eure Fragen korrekt beantworten kann.

    Passen Sie gut auf ihre Hunde auf!

    Ihr Rainer Brinks

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