• Schleppleinen-Training

    Mit Haken und Ösen - die Schleppleine

    Von Peter Holzapfel

    Warnung: Eine Schleppleine kann schmutzig sein und dazu noch nass. Eine Beschädigung Ihres Outfits ist ebensowenig ausgeschlossen wie eine nachhaltige Schädigung Ihres Egos. Fragen sie Ihren Apotheker nach einer Creme gegen Muskelschmerzen und Hautabschürfungen.

    Für die Schlepp- oder Feldleine unterscheide ich 3 Einsatzgebiete: Ausbildung: kontrolliertes Lernen, z.B. bei der Jagdhundeausbildung Prävention: Unarten gar nicht erst entstehen zu lassen Korrektur: Unarten (meist aus Jagdverhalten heraus)abzugewöhnen oder wenigstens einzudämmen

    Für den Privathundehalter wird die Korrektur der weitaus häufigste Grund zur Benutzung einer Schleppleine sein.

    Mit der Schleppleine soll und kann erreicht werden, dass der Hund aus einer -durchaus artgerechten- Spontanreaktion durch ein vorher “vereinbartes” und in sicherer Umgebung oder an kurzer Leine geübtes Signal abgerufen werden kann, weil er gelernt hat, dass sonst unweigerlich unangenehme Folgen eintreten. Günstiger Nebeneffekt ist, dass man sich -auf beiden Seiten- wieder mehr wahrnimmt.

    Mit dem Versuch des rein passiven Abgewöhnens durch das blosse Verhindern des Verhaltens vergibt man sich die Chance der Verbesserung des allgemeinen Gehorsams des Hundes und wird nach meiner Überzeugung eher scheitern..

    Wenn man, wie die meisten Halter, die Schleppleine nicht präventiv einsetzt, sondern erst dann, wenn bereits unerwünschtes Verhalten eingerissen ist, darf man sich über die Dauer des notwendigen Trainings keine Illusionen machen. Zur eigenen Sicherheit sollten mindestens 100 tadellos ausgeführte Anweisungen in der Spontansituation verlangt werden, bevor die Übung als erfolgreich beendet werden kann.

    Es kann natürlich auch vorkommen, dass ein schlauer Hund bereits nach wenigen Korrekturen von seinem Tun absieht und so weitere Einwirkung verhindert. Man darf sich dann durchaus als ausgetrickst fühlen und muss sich mit Trockenübungen behelfen oder verlockendere Versuchungen erfinden.

    Hier einige Erfahrungen aus der Arbeit mit der Schleppleine, ohne Anspruch auf allgemeine Gültigkeit:

    1. Gegen Anmache von Jung-Hunde-Experten hilft die Überzeugung, dass eine Schleppleine weit besser ist, als seinem Hund hilflos hinterherzubrüllen und dass erst unter dem Strich zusammengezählt wird.

    2. Erste Versuche macht man zweckmässigerweise auf einer ebenen, freien Wiese oder einem breiten Feldweg. Alleine, weil sonst die Verwirrung noch grösser ist. Langsam tastet man sich über sicher befolgte Anweisungen zu den „kritischen“ und erhöht später den Situationsdruck. Ich empfehle ein Geschirr, man hat dann viel weniger damit zu tun, die Hundebeine aus der Leine zu befreien. Schleppen Sie die Leine einfach hinter sich her, den Rat die Leine wie ein Lasso in Schleifen über dem Arm zu tragen, halte ich für falsch und gefährlich. Falsch, weil das zuviel Aufmerksamkeit vom Hund abzieht und gefährlich, weil das ohne weiteres zu einem ausgekugelten Arm führen kann. Wählen sie lieber ein leichteres Seil, das der Hund schneller vergisst.

    3. Ewiges halbherziges Laborieren mit der Schleppleine führt nur dazu, dass die Leine "verbrannt" und nichts gewonnen ist. Man muss schon deutlich machen, was gut ist und was böse. Setzen Sie sich durch, aber bleiben sie ruhig. Das ist nicht einfach.

    4. Die Länge der Schleppleine muss anfangs auf den individuellen Radius des Hundes abgestimmt sein. Läuft der Hund ständig gegen die Leine, kann er sehr schnell unleidlich werden. Längen bis 15m sind gut, bis 25m noch leidlich handhabbar. Später kann man die Leine etwas kürzen.

    5. Je schwerer und temperamentvoller der Hund ist, desto elastischer sollte mit Rücksicht auf den Halter die Leine sein. Es gibt in Baumärkten hohlgeflochtene Seile (siehe Bild), die sich gut eignen und mit einem herzhaften doppelten Knoten oder mit speziellen Klemmen am Haken befestigt werden können. Erste Adresse ist aber der Bergsteigerbedarf, Kletterer haben nämlich ein ähnliches, allerdings ernsteres Problem. Die handelsüblichen, meist grünen Suchleinen sind in der Befestigung von Haken und Schleife zu schwach für Wildfänge. Schlauchband halte ich für unhandlich und auch für nicht notwendig, wenn man als Widerlager nur sich selbst und nicht etwa einen Baumstamm vorsieht. Aus demselben Grund reicht für ein 75/30-kg-Gepann eine Reissfestigkeit des Seils von etwa 500kp (500daN) völlig, auch kann man den Haken durchaus eine Nummer kleiner wählen. XXL-Teams brauchen aber eine stärkere Bindung. Günstige Haken sind sogenannte Feuerwehrkarabiner, die wegen des fehlenden Drehgelenks im Gegensatz zu Zangen- und Bolzenhaken praktisch nicht versagen können. Der fehlende Wirbel spielt aber bei der Länge der Schleppleine keine Rolle, es sei denn, man führe einen Derwisch.

    6. Bewährt hat sich eine Umhängeleine nach Jagdhundeführerart (Oberländer oder Hegewald), brauchbar ist aber auch eine normale 2m-Doppelleine. Die Schleppleine mit Feuerwehrkarabinern an beiden Enden wird dann am Ring der Umhängeleine in Hüfthöhe befestigt. Das hat den Vorteil, vor unwegsamen Gelände den Hund an der Umhängeleine sichern zu können und dann beide Hände frei zu haben zum Aufwickeln (nach Art eines Wollknäuels) und Verstauen der Schleppleine.

    8. Gute Schuhe, am besten Wanderstiefel sind ebenso notwendig wie Hosen aus stabilem Stoff, etwa Jeans. Auch Knieschützer, wie sie Skater tragen, sind zu Beginn hilfreich.

    9. Die Hände bleiben immer weg von der Schleppleine, es sei denn sie sei aus Leder. Üble Abschürfungen und Hautverbrennungen könnten sonst die Folge sein. Vermeiden Sie unter allen Umständen, innerhalb einer Seilschlinge zu stehen. Wenns dann im Unterholz knackt, sind Sie im Wortsinne fällig. Der Hund sollte eher voraus laufen, einem Zug nach hinten haben wir Menschen nur sehr wenig entgegenzusetzen...

    10. Die Leinen und Haken unterliegen dem Verschleiss, regelmässige Sichtkontrollen und Belastungsproben vermeiden unliebsame Überraschungen.

    11. Bei Spiel mit Artgenossen Leinen los. Viel zu gross ist die Gefahr, dass die Hunde sich verwickeln und dadurch in eine Beisserei geraten könnten. Wenn Ihr Genosse ein Oberjäger ist, dann eben in kritischem Gebiet kein Spiel.

    2 wenig geeignete Haken, Zangenhaken, Bolzenhaken, idealer Feuerwehrkarabinerhaken. Leine für eine 10kg-Lady, bewährte Leine für den 30kg-Wildfang, handelsübliche Suchleine

    12. *Wenn Sie Ihr Ziel nicht erreichen können, trösten Sie sich mit dem Gedanken, dass die Schleppleine inwischen fast nicht mehr stört, zwischen Ihrem Hund und Ihnen eine wahrhaft starke Bindung herrscht und Sie sich als verantwortungsvoller Hundehalter fühlen dürfen. Das ist schon eine ganze Menge.

    Anhang für Realisten:

    Wer ganz genau wissen will, was da von ihm wegflitzt, kann es sich leicht selbst ausrechnen:

    Masse des Hundes in kg mal Geschwindigkeit in m/sec mal Geschwindigkeit in m/sec geteilt durch 2 geteilt durch den Bremsweg in Metern geteilt durch 9,81 ist gleich Zugkraft an der Leine in kp.

    Beispiel:

    30kg-Hund knallt mit 30km/h (8,33m/sec) in die Leine, Mensch und Leine geben 1,5m nach.

    Macht 30X8,33X8,33/2/1,5/9,81 = 70,7 kp.

    Das ist aber leider nur die durchschnittliche Kraft. Im Ruck, wenn das Menschlein sich in Bewegung setzt, kann geschätzt wohl gut das Doppelte erreicht werden.

    Diese Kraft in Horizontalrichtung hält kein Mensch aus, ohne zu stürzen.

    Wichtig ist deshalb eine gute Dehnbarkeit des Seils, diese ist weit wichtiger als eine möglichst hohe Bruchlast. Die oben erwähnten 500 kp reichen völlig, um nach erfolgreicher Bauchlandung hilflos von der Dogge über den Acker geschleift zu werden.

    Man sieht: Wohl kann man einen grossen Hund an der Schleppleine erziehen, niemals aber wird man ihn ohne Ausbildung nur durch die Schleppleine beherrschen.

    *

    © beim Autor 04 / 2005