Virtuelle Grundschule für Hundehalter und Hunde
Kooperative Tests
Teil 2: Die Tests und Abläufe im Detail
Tester und Halter schalten der bisherigen Wesensprüfung eine Welpen-Eigenkontrolle für Züchter und Halter vor, die als Entwicklungstest bezeichnet wird. Wie bei allen höheren Lebewesen ist die individuelle Entwicklung ist für die Zukunft eines Welpen von entscheidender Bedeutung. In wenigen Wochen kann aus der Veranlagung alles gefördert und alles verhunzt werden. Das Verhältnis von Veranlagung zu Förderung ist - entgegen allen eigennützigen Schuldzuweisungen auf den Hund („Versager" und dergleichen) - nicht 50 zu 50, sondern eher 30 zu 70 Prozent.
Aus der ehemaligen „Wesensprüfung" wird dann für den Junghund (und für den Züchter/Halter ein Eignungstest, aus dem Talente und Schwächen zu erkennen sind, die gefördert beziehungsweise abgebaut werden können. Aus einem mittelbegabten Hund kann der Mensch einen vielseitigen Hund machen, aus einem hochbegabten jedoch einen abgestumpften. Die Leistungen im Rettungswesen oder bei der Behindertenhilfe beweisen die Vielseitigkeit. Auch dies ist Teamarbeit - mit Züchtern und Haltern. Nicht nur bei Übungen deckt einundderselbe Hund unter einem jeweils anderen Halter dessen Schwächen schonungslos auf. Wenig körper- und lautsprachliche Unterstützung oder fehlendes Vertrauen in den Hund beantwortet der Hund durch entsprechend gehemmtes oder freieres Verhalten auf dem Stress-Parcours. Schon deshalb ist nur die Bewertung des gesamten Teams fair; nicht der Hund wird allein bewertet, auch die Motivierung durch seinen jeweiligen Halter und dessen Verhalten.
Als Steigerung, für erwachsene Hunde, dient ein Leistungstest (mit Elementen der herkömmlichen Begleithunde- und zivilisierten Selbstsicherheits-Prüfung). Der Begriff „Begleithundeprüfung" ist Nonsens, denn jeder Hund begleitet seinen Halter „irgendwie" - und umgekehrt. Die Frage ist eben: wie? Die bisherige „Begleithundeprüfung" wird durch zwei Teile ersetzt: Zur Überprüfung des aktuellen Verhaltens geht ein Verständnisteil (statt „Gehorsam") auf dem Test-Platz voraus, nach dem Bestehen schliesst sich ein Verkehrsteil an. Ein „Landei" muss natürlich intensiver auf den Verkehrsteil vorbereitet werden als ein „Citydog". Beim Eignungs- wie Leistungstest wird unter anderem als Stresseinführung ein Jogger (alternativ: ein Fahrradfahrer; beim Leistungstest ein fremder Hund mit Halter) am Hund vorbeilaufen respektive -fahren.
In einem praxisgerechten Selbstsicherheitstest wird der Hund auf Team-Verteidigungsbereitschaft überprüft. So kann man erkennen, ob er seinen Halter beschützt. Es gibt auch keine „Schusssicherheit", sondern „Unerschrockenheit". Nur bei Polizeihunden ist eine absolute Schusssicherheit praxisgerecht. Eine Schreckschusspistole wird nur als technisches Testmittel verwendet. Auch hier wird ein verunsicherter Hund in jedem Fall mit Kontaktschnuppern des Schützen, der aus seinem Versteck auf den Hund zugeht, zur Entspannung aufgelöst.
Für Freunde der ehemaligen Schutzhunde-Prüfung wird ein praxisgerechter Sonder-Leistungstest mit Elementen korrigierter Schutzhunde-Prüfungsteile angeboten. Die Kooperativen Tests unterscheiden sich nicht nur im Sonder-Leistungstest von der üblichen „Schutzhunde-Ausbildung" dadurch, dass wir erkennen wollen, ob der Hund bei „Angriffshaltung" eines einfühlungsfähigen Leiters sich selbst behaupten kann, oder ob er „Schutz" bei seinem versteckten Halter sucht. In dieser Richtung empfindsame Hundetypen werden nicht bis zum „Anschlag" gereizt; der Versuch wird bei zu grosser Belastung abgebrochen und mit einem auflösenden Spiel mit dem „Angreifer" entspannt. Alternativen werden angeboten, zum Beispiel für Jagd- und Schutzhunde Suchaufgaben, für Hirten- oder Herdenschutzhunde Futterverweigerung und Tierschutz (Schafe oder Pferde).
Allgemeine Voraussetzungen für die Test-Zulassung:
Entwicklungstest für Welpen und Junghunde von 3 bis 6 Monaten
Der Züchter führt und motiviert den Welpen mit Belohnung an und über die „Hindernisse". Diese Objekte sollen vom Welpen ausgiebig beschnuppert werden können. Der Züchter baut dazu einen Parcours auf mit folgenden Objekten, die dem Test auf Geräuschempfindlichkeit, Schreckhaftigkeit, Selbstsicherheit und Menschen- wie Umweltprägung dienen. Nach jedem Test wird der Welpe gelobt. Empfehlungen der Objekte, deren Aussehen und Wirkung unterschiedlich sein soll: Ein mindestens 25 Zentimeter breites, ausreichend langes Brett, auf zwei ca. 10 Zentimeter hohen Backsteinen oder sonstigen Klötzen.
Eine beim Betreten raschelnde Plane auf dem Boden.
Ein Tunnel oder eine ausreichend grosse Röhre, in die der Welpe unter freudiger Anregung hingeführt wird. Dann wird der Welpe an einem Ende des Tunnels oder der Röhre von einem Helfer gehalten, am anderen Ende begrüsst und regt ihn der Züchter freundlich dazu auf, zu ihm zu kommen.
Ein Spielzeug-Lastwagen wird an einer Schnur vor dem Beschnuppern vom Welpen weggezogen. Dann soll der Welpe das fahrende, scheppernde „Ungeheuer" mit Unterstützung des HH beschnuppern.
Im Parcours kann „plötzlich" ein Wecker rasseln. Der Welpe darf dieses Ding, wie den gesamten Parcours, mit Unterstützung des HH kennenlernen.
Eine Plastiktüte mit Blechdosen wird an einer Schnur leicht bewegt, so dass die Tüte rasselt. Und die Gewöhnung an Autos einschliesslich ans Autofahren, an Fahrradfahrer, Jogger und ähnlichen „Beute"-Objekten.
Wie die Objekte auch beschaffen sein mögen: Der Welpe darf sich an lockerer Leine frei zurück bewegen, wird dabei mit beruhigender Stimme bestärkt, dass von den Dingen keine Gefahr ausgeht. Und dann ausführlich gelobt, vorzugsweise mit Belohnung. Nach dem Test wird der Welpe zum Spielen mit seinen Lieblingsspielzeugen aufgefordert, so dass er sich von der Spannung lösen kann und wieder „frei" wird. Der Test sollte - wegen der Belastung des Welpen - nicht länger als 15 Minuten dauern. Sinn dieses Tests ist es, die Prägung auf Menschen zu fördern, den Welpen selbstsicherer zu machen, wenn dies erforderlich ist. Kinder sollten bei diesem Test mitmachen, um selbst Angst vor Hunden abzubauen und den verständigen Umgang mit Welpen kennen zu lernen.
Eignungstest für Junghunde ab 8 Monate
Zuchtvoraussetzung. Ort: Test-Platz. Der Zuchtleiter prüft bei diesem Test das Verständnis des
Halters/Züchters mit dem Junghund mit Hör- und Sichtzeichen (Herkommen, Sitzen, Platz nehmen), damit der Züchter/Halter gegebenenfalls den Junghund korrigieren kann. Bei diesem Test kann man die speziellen Veranlagungen des Hundes bereits erkennen und seine weitere Ausbildung danach ausrichten wie Fährtenarbeit, Lastenziehen, Apportierfreude, Rettungstraining, Behindertenhunde-Ausbildung oder Schutz- und Wachaufgaben.
Die selben oder ähnliche Objekte analog zum Entwicklungs-Test werden in anderer Position aufgebaut, damit der Junghund sich nicht darauf spezialisiert. Dazu kommen einige andere Geräusch- und Fremdkörper wie zum Beispiel:
Auch bei diesem Test sollten Kinder mitwirken, denn Kinderfreundlichkeit von Hunden ist nicht „vererblicher Standard", sondern Teil des Lernens.
Testablauf:
1. Begrüssung des Teams:
Der Hunde-Halter (im folgenden mit HH abgekürzt) geht mit dem angeleinten Hund auf den Testplatz zu den Leitern und begrüsst sie. Der Hund muss sich in dieser Situation neutral oder freudig zu den Fremdpersonen verhalten.
Der Tierarzt/die Tierärztin kontrolliert die Identifizierung des Hundes (elektronische Kennzeichnung oder Tätowiernummer) und nach Absprache mit dem HH das Gebiss.
Eindeutig aggressives oder ängstliches Hunde-Verhalten führt zum Abbruch des gesamten Tests. Die Leiter dürfen den Hund nur nach Rücksprache mit dem HH streicheln.
1.2 Aufmerksamkeits-Spielen mit dem Hund:
Nun soll der HH mit seinem Hund auf dem Platz spielen. Er kann dazu einen Gegenstand (Ball, Bringsel o. ä.) verwenden. Die Entscheidung, ob der HH den Hund ableint, bleibt dem HH überlassen. Der HH lockert den Hund auf.
Nun geht der HH mit seinem Hund auf den Testparcours, der auf einem fremden Gelände aufgebaut sein muss. Dem Hund wird für den gesamten Parcours eine 10-Meter-Leine angelegt (1,5 Meter vom Hund entfernt befindet sich - als Hilfe für den HH - ein Knoten an der Leine). An diesem Knoten wird der Hund zunächst gehalten.
1.3 Fremdbegegnung:
Zur Stresseinführung wird das Team (der Hund ist an kurzer, aber lockerer Leine - siehe 1.2 - zu
führen) auf dem Weg zum Testparcours von einem Jogger (Helfer) in sicherem Abstand (ca. 1,5 Meter) passiert, alternativ von einem Radfahrer.
Der Hund soll sich neutral bis gleichgültig verhalten. Er darf den Passanten nicht angehen, die Leine soll sich nicht straffen.
1.4 Unerschrockenheit:
Der HH nimmt nun zur Sicherung die Leine am 10-Meter-Ende auf. Er führt seinen Hund aber am 1,5-Meter-Knoten (lockere Leine). Auf Zeichen des Leiters lässt der HH die Leine nur am 1,5-Meter-Knoten fallen.
Ein Helfer (darf für den Hund nicht sichtbar sein) gibt auf Zeichen des Leiters in einem seitlichen Abstand von ca. 10 Meter zwei Schüsse (6 mm Schreckschuss) ab.
Zeigt der Hund hier eindeutige Schreckhaftigkeit, Fluchttendenz (10-Meter-Leine strafft sich), oder deutliche Aggression gegen Menschen, wird der Test hier wegen zu grosser Belastung für den Hund abgebrochen.
Der Leiter befindet über einen zweiten Versuch, wenn das Team wegen anderer Fremdeinwirkung nicht eindeutig beurteilt werden kann. Dabei soll der Hund auf jeden Fall freundlichen Kontakt zum Schützen, der aus seinem Versteck auf den Hund zugeht, aufnehmen.
1.5 Fremdpersonen:
Der Hund wird von einer Person festgehalten. In einer Entfernung zwischen 15 und 20 Schritt bildet eine Menschengruppe (mindestens sieben Personen) einen eng geschlossenen Kreis mit dem
Rücken zum Hund.
Der HH geht nun bewusst zügig durch diese Menschen hindurch. Dann dreht er sich um und ruft seinen Hund auf Zeichen des Leiters betont freudig ab. Befindet sich der Hund in einer Entfernung von ca. 5 Meter vor der Menschengruppe, dreht sich die Gruppe zum Hund um. Der Hund soll freudig und ohne Umschweife zum HH laufen.
1.6 Fremdkörper:
Nun geht das Team weiter. Im Abstand von 4 Metern sitzt seitlich eine menschenähnliche Puppe (ausgestopfter Overall mit Kopf und Schirmmütze) auf einem Stuhl oder einer Bank.
Die Puppe darf erst sichtbar sein, wenn sich das Team auf gleicher Höhe mit der Puppe befindet (zum Beispiel hinter einem Busch o. ä. Verstecke).
Zeigt der Hund hier eindeutige Fluchttendenz, oder ist er nicht innerhalb von 3 Minuten durch seinen HH an die Puppe heranzuführen, wird der Test hier abgebrochen. Dem HH ist erlaubt, den Hund durch beruhigende Stimme oder Belohnung zu unterstützen.
1.7 Selbstsicherheit:
Der Hund wird nun an einer dafür vorgesehenen Stelle festgemacht. Der HH begibt sich etwa drei Schritt vor seinen Hund (in Richtung des sich zivil gekleideten Leiters - also ohne Hetzanzug) und bleibt dort stehen. Aus einer Entfernung von mindestens 40 Schritt „bedroht" ein Leiter den Hund nur durch eindeutig ernsthaften Blickkontakt und überdeutliche Körpersprache. Er geht nun bis auf 30 Schritt langsam auf den Hund zu und fixiert ihn kurze Zeit.
Der Hund soll sich eindeutig abwehrend verhalten. In jedem Fall zieht sich der bedrohende Leiter fluchtartig zurück, um dem Hund Sicherheit und Erfolg zu vermitteln. Der HH leitet seinen Hund in jedem Fall zum erfolgreichen Beuteverhalten an mit aggressions-entladenden Mitbringseln wie Beisswurst, Ball oder ähnlichen Dingen.
1.8 Menschenfreundlichkeit:
Nun geht der HH mit seinem Hund spielend in eine Menschengruppe (mindestens sieben Personen inklusive des Leiters).
Hier muss der Hund zumindest Gutmütigkeit gegenüber allen Personen zeigen. Zeigt er eindeutige Aggressionen gegen Menschen, kann er die Prüfung nicht bestehen.
1.9 Abschlussspiel:
Zum Abschluss und zur Entspannung regt der HH den Hund mit Beisswurst oder anderen
Lieblings-Spielzeugen an, so dass sich der Hund entspannt und die Übung als spielerische
Beschäftigung abspeichert.
Danach geht das Team - der Hund ist an der lockeren Leine - vom Platz und der HH schenkt seinem Hund die verdiente Ruhe. Erst damit ist der Test beendet.
Teil 3: Leistungstest statt "Begleithundeprüfung" ist hier!
©Rainer Brinks 1997


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