• Koppelgebrauchshund

    Vorwort von Hütehund-Experte Prof. Karl-Hermann Finger ins Stammbuch von Hütehund-Züchtern: "Modische Übertreibungen bei Körperform, Beinstellung und -winkelung führen früher oder später zur Minderung des Gebrauchswertes derart selektierter Familien. Hyänen mit "Schauvortrieb" oder Vorstehhundetypen mit überstarker Schulter bei schwacher Hinterhand sind für den Herdendienst unbrauchbar."

    Deutlicher kann man die problematische Zuchtauswahl gerade für den Border Collie (inzwischen mehr Agility-Sport- als Arbeitshund) nicht ausdrücken.

    Von Marco Heyer, Border Collie-Trainer und Betriebsleiter eines landwirtschaftlichen Grossbetriebs mit Rinder-, Schaf-, Schweine- und Pferdehaltung

    Bei der Auswahl beziehungsweise dem Kauf eines jungen Border Collies sollte man darauf achten, dass dieser auf jeden Fall aus einer Zuchtlinie mit arbeitenden Vorfahren stammt.

    Mit der nötigen Erfahrung sollte man Junghunde beziehungsweise Einjährige bevorzugen, bei denen entsprechend gewünschte Veranlagungen bereits zu erkennen sind. Dabei muss erwähnt werden, dass die Abstammung durchaus in den Hintergrund treten kann, wenn die gewünschte Veranlagung vorhanden ist.

    Der Border Collie ist vor allem ein Arbeitshund, ein Hund, der seit langer Zeit auf Arbeitswillen und grosse Leistungsbereitschaft selektiert und gezüchtet wurde. Der Kauf eines solchen Hundes verpflichtet dazu, sich im Klaren zu sein, dass es eine Qual für den Hund wäre, ihm seine wahre Bestimmung, nämlich die Arbeit am Nutztier, vorzuenthalten. Er ist eine "Arbeitsmaschine".

    Die spätere Ausbildung seines Könnens ist nicht ohne eine gute Schulung möglich. Das erste Lehrjahr kann man dazu nutzen, dem jungen Hund die normalen Dinge des Hütehundelebens nahe zu bringen. Schon in diesem Alter muss bedacht werden, dass der Border eben, wie es der britische Name sagt, ein Arbeitshund (und kein Knuddelhund) ist, und dass beim Training schon dazu konsequent Grenzen gesetzt werden.

    Bevor man den jungen Hund zum ersten Mal zu den Schafen führt, sollte er im Grundgehorsam so weit trainiert sein, dass er sich durchaus schon mal unter starker Anregung zum Beispiel durch laufende Schafe, stoppen lässt.

    Für die ersten Trainingslektionen sollte man eine kleine Gruppe nicht zu fluchtwilliger Tiere auswählen (etwa fünf Schafe, Kälber, Enten oder Gänse). Nun sollte man versuchen, die Tiere in die Mitte des Feldes zu bringen, den Abstand zwischen Hund, Ausbilder und Nutztieren zu verringern und in einem günstigen Moment den Hund laufen zu lassen.

    Hierbei ist viel Glück und Schäfer-Erfahrung für Hund und Tiere notwendig. Anfänger sollten sich unbedingt von erfahrenen Ausbildern helfen lassen.

    Ein geeigneter Hund umkreist veranlagungsgemäss die Nutztiere in idealem Abstand. Der Ausbilder lässt den Hund am Balancepunkt, also dem Punkt, an dem das Zutreiben der Nutztiere in Richtung des Ausbilders am effektivsten ist, ablegen.

    Er selbst geht daraufhin rückwärts, so dass der Border Collie auf die Nutztiere zugeht und sie so in Richtung des Ausbilders treibt. Kommt der Hund zu dicht dran, wird er gestoppt, arbeitet er in idealem Zustand, gestattet man ihm, auf den Füssen zu bleiben.

    Erkennt man, dass diese Handlungen zur Zufriedenheit vollzogen werden, ändert der Ausbilder die Richtung und lässt den Hund weiterhin ausbalancieren. Geschieht das jedoch nicht zur Zufriedenheit des Ausbilders, so muss dieser durch entsprechende Körpersprache den Hund dazu bringen, den Balancepunkt wiederzufinden und ihm die Nutztiere zuzuhalten.

    Ziel dieser Ausbildungsphase ist, das selbstständige Zuhalten der Nutztiere zum Ausbilder zu fördern.

    Englische Fachausdrücke für die Prüfungsaufgaben:

    Outrun: Lauf des Hundes vom Schäfer zu den Schafen Lift: Aufnahme der Schafe Fetch: Treiben der Schafe durch ein Tor zum Schäfer Look back: Holen einer zweiten Gruppe von Schafen Drive: Treiben der Schafe durch Tore vom Schäfer weg Pen: Einpferchen der Schafe Single: Trennen eines einzelnen Schafes von den übrigen

    Neue Erkenntnis über die Intelligenz der Schafe

    Keith Kendrick und seine Kollegen vom Babraham Institute in Cambridge, England (Nature414, pp 165-166; 2001) zeigte Schafen 25 Bilderpaare von Artgenossen und brachte ihnen bei, jeweils ein Paarmitglied mit einer Nahrungsbelohnung zu verbinden. So trainierten sie die Tiere, individuelle Gesichter zu erkennen. Anschließend massen die Wissenschaftler die Aktivität in den für die visuelle Wahrnehmung zuständigen Hirnregionen der Schafe. Dabei fanden sie heraus, dass Schafe bis zu 50 Schafgesichter und sogar deren Profile in ihrem Gedächtnis speichern können. Ebenfalls können die Tiere sich an ein ihnen vertrautes menschliches Gesicht erinnern. Die britischen Forscher stellten fest, dass das Erinnerungsvermögen erst nach zwei Jahren der Trennung zu schwinden beginnt. Die Wissenschaftler vermuten, dass hier mögliche Beweise für "Emotionen" bei Schafen vorliegen, die Bedeutung für die Tierzucht haben könnten.

    © beim Autor 12/ 2001