• Touren-Schlittenhund

    Für wen oder für wen nicht? Sie hätten gern einen Schlittenhund? Dann wissen Sie hoffentlich auch, was auf Sie zukommt! Der süsse, kuschelige Welpe verwandelt sich binnen weniger Monate in einen Kraftprotz mit ausgeprägtem Dickschädel und dem Lebensmotto "Ich und der Chef".

    Foto: Marilis Weisskopf und Helmut Weisskopf
    Geruhsame Spaziergänge? Vergessen Sie solche Gedanken. Schlittenhunde sind Energiebündel und nicht zum beschaulichen Flanieren geeignet (höchstens im fortgeschrittenen Greisenalter). Ohne Leine frei laufen lassen? Gefährlich! Sowohl für Weidetiere, wild lebende Tiere, Kaninchen in Ställen, Hühnerhöfe, und natürlich für den Schlittenhund selbst. In seinem Jagdfieber kann er zum Opfer des Strassenverkehrs werden oder dem nächsten Jagdpächter vor die Flinte laufen. Glauben Sie nicht, dass Sie ihn von seinem Tun abrufen können. Ein Schlittenhund, den der Jagdeifer gepackt hat, ist taub für alle Rufe und Pfiffe.

    Beschauliches Leben in Haus und Hof? Nur wenn Sie den Garten und den Hof mindestens 1,80 Meter hoch eingezäunt haben, und er den Zaun nicht untergraben kann. Selbst da gibt es Spezialisten, die zwei Meter hohe Zäune überwinden und regelrechte Fluchttunnel graben.

    Sportliches Joggen oder Radfahren? Das passt schon eher, ist aber recht anstrengend, da der Schlittenhund ständig seine Umgebung nach Abwechslung absucht und abhört und den Jogger oder Radfahrer, der am anderen (meist hinteren) Ende der Leine hängt, plötzlich unvermutet nach rechts oder links ins Gebüsch reissen kann. Man muss mit Argusaugen durch die Landschaft streifen, um aufspringendes Wild oder auffliegende Vögel schon vorher auszumachen.

    Mutmacher für Rolli-Fahrer

    Foto: Marilis Weisskopf und Helmut Weisskopf
    Was Lebensmut bedeutet, beweist die seit acht Jahren an multipler Sklerose (MS) erkrankte Alexandra-Juliane Rokohl aus dem Saarland. Im März unternahm die 33-jährige begeisterte Hundewagen- Fahrerin mit zwei ihrer vier Briards eine zweiwöchige 300-Kilometer-Tour durchs Saarland. Nun hat sie ein neues Ziel: die norddeutsche Küste. Sie wurde von Schlittenhunde- Sportlern vorbereitet. Für welche Ausbildung also geeignet? Was macht man also mit einem solchen Hund, der so gar nicht in das Schema des wohlerzogenen, bei Fuss gehenden Freund des Menschen passt? Man lässt ihn das tun, wozu er seit Jahrtausenden gezüchtet und ausgebildet wird: Zugarbeit verrichten, und zwar über Strecken, so lang wie es unsere mitteleuropäischen Landschaften nur hergeben. (Sie werden staunen, wo gut Sie Ihre nähere und weitere Umgebung kennenlernen können.)

    Die Ausbildung fängt schon beim jungen Schlittenhund an. Sobald Sie merken, dass der junge Springinsfeld anfängt, sich bei Ausflügen zu verselbstständigen und nicht mehr wie jeder brave Junghund ihre Nähe sucht, gehört er konsequent an die Leine. Leinen mit Aufrollautomatik sind sehr praktisch, haben aber den Nachteil, dass sie aufgrund ihrer Länge viel Raum für plötzliche Spurts bieten. Wer also acht Meter hinter Herrchen herbummelt, kann volle 16 Meter lossprinten und so Herrchen (oder Frauchen) die nächste Wiese mit hinunterreissen.

    Bewährt haben sich Leinen mit eingebautem Ruckdämpfer, das schont den Hund, den eigenen Arm oder, falls Sie mit Bauchgurt laufen, den Rücken.

    Foto: Marilis Weisskopf und Helmut Weisskopf
    Wie gewöhnt man sie an Lasten- und Schlittenziehen? Uff, da muss ich mich erinnern. Wir hatten Banja mit der Rollpulka (kleiner leichter Kunststoff-Schlitten für Einzelhunde - für die schneelose Zeit mit Rollen statt Kufen) angefangen, und die hat sich einen Dreck darum geschert, was hinter ihr hergerollt ist. Hauptsache vorwärts mit Karacho. Und von ihr haben alle anderen gelernt.

    Schlitten- und Trainingswagen standen auf der Terrasse, so dass die Hunde schon als Welpen darüber gestolpert sind und versucht haben, die Bremsaufhängung durchzunagen. Wenn man zum ersten Mal was ins Geschirr einhängt, sollte es ruhig rollen, also nicht bei jeder Bodenwelle ins Hüpfen geraten, das erschreckt nur.

    Aber wenn ein Hund vor dem Fahrrad trainiert wird, ist er es gewohnt zu ziehen, und dass was hinter ihm herrollt. Das ist dann kein grosser Unterschied mehr zwischen Fahrrad und Trainingswagen. Das Geschirranlegen ist ja immer das Signal für den "Aufbruch", und die Begeisterung darüber ist so gross, dass es völlig uninteressant ist, ob Wagen, Schlitten oder Pulka dranhängen.

    Man muss nur aufpassen, dass man das Gefährt nicht aufrollen lässt, beziehungsweise den Hund nicht unter die Räder bekommt. Wagen und Schlitten haben deshalb eine "Stossstange", die das verhindern soll. Und dann muss natürlich ein Ruckdämpfer in die Zugleine eingebaut sein, der das ungestüme "Davonschiessen" etwas mildert.

    Foto: Marilis Weisskopf und Helmut Weisskopf
    Es ist übrigens viel schwieriger, einen Hund auf schwere Lasten zu trainieren, als richtiges Gewichtziehen. Wenn er merkt, das es nicht gleich vorwärts geht wie sonst auch, denkt er, er wäre festgebunden - und setzt sich hin.

    Anm. der Red.: Das Prinzip des Ziehenlernens gilt auch für Hunde, die kleine Wagen hinter sich herziehen. Früher arbeiteten viele Neufundländer, Berner Sennenhunde, Leonberger oder Bernhardiner wie Rottweiler als kleine Zugtiere.

    Wie lernen sie? Schlittenhunde werden nur über Zurufe gelenkt. Die in den Jack London-Filmen zu sehenden Hundepeitschen sind hierzulande glücklicherweise verboten. Der junge Hund muss lernen, die Hörzeichen "rechts, links, geradeaus, vorwärts, langsam, halt, zurück" zu beherrschen.

    Mit dem einzelnen Hund übt man am besten bei Wanderungen. Junge Hunde, die in ein schon bestehendes Gespann integriert werden sollen, lernen durch viel Abgucken von ihren Artgenossen.

    Um dem Schüler die Hörzeichen für den Richtungswechsel einzuprägen, benutzt man die entsprechenden Wörter bei jeder Abzweigung oder Kurve, die man nimmt. Man sollte sie unterschiedlich aussprechen, wie etwa ein langgezogenes "liiiiiiinks, liiiiiiinks" und ein kurzes, abgehacktes "rechts, rechts".

    Da Schlittenhunde die Angewohnheit haben, mit einem ziemlichen Tempo vor einem herzulaufen, gibt man die Hörzeichen, sobald der Hund kurz vor der Höhe der Abzweigung ist. Reagiert er richtig, ist grosses Lob angesagt. Ist er unsicher und blickt Sie ratlos an, zeigt man mit dem ausgestreckten Arm in die gewünschte Richtung und geht selbst dort hin.

    Die meisten Schlittenhunde kapieren ganz schnell, was man von ihnen will. Es gibt aber auch welche, die einem die Tränen in die Augen treiben können mit ihrer Sturheit. Das hat aber nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun. Diese Burschen wollen nur austesten, wie weit sie sich widersetzen können. In einem Gespann haben sie sich ruckzuck angepasst.

    Während "rechts", "links", "vorwärts" und "geradeaus" schnell beherrscht werden, bereiten die Hörzeichen "langsam", "halt" und "zurück" grössere Probleme. Das liegt hauptsächlich daran, dass Schlittenhunde einen unbändigen Vorwärtsdrang haben. Hörzeichen, die diesem Drang hinderlich sind, passen ihnen gar nicht in den Kram.

    "Langsam" und "halt" bekommt man nur durch konsequentes Ausbremsen und Üben in ihre Köpfe. Immer und immer wieder, und gerade dann, wenn doch so etwas Interessantes da vorne zu entdecken ist. Das erfordert nicht nur Nerven, sondern auch Kraft. Ein 40 Kilo schwerer Malamute zum Beispiel scheint sich in solchen Situationen in einen durchgehenden Ackergaul zu verwandeln. (Die Schlittenhundart Alaskan Malamute wird eben nicht umsonst als Lokomotive des Nordens bezeichnet. Huskies und Samojeden sind leichter.)

    Das Hörzeichen "zurück" übt man am besten mit zwei Personen. Nach dem Hörzeichen "halt", wenn Musher (Schlittenhundführer) und Hund zum Anhalten gekommen sind, geht der Begleiter nach vorn zum Hund, fasst ihn am Halsband und führt ihn in einem Bogen zurück am Musher vorbei in die entgegengesetzte Richtung, bis die Leine wieder unter Zug steht. Dann das Hörzeichen "vorwärts", und es geht los in die Richtung, aus der man gekommen ist.

    Das "Zurück" hat uns selbst einmal vor grösseren Schäden bewahrt. Wir waren zu zweit auf dem Schlitten mit fünf Malamutes im schwedischen Fjäll unterwegs und konnten plötzlich in einiger Entfernung eine riesige Rentierherde sehen, die unterhalb unseres Weges in einen Talkessel flutete. Die Hunde hatten sie zum Glück noch nicht entdeckt, da ihnen einige grosse Felsen den Blick versperrten. Auf "zurück" wendeten die beiden Leithunde brav das Gespann, und wir entfernten uns eiligen Schrittes von den Rentieren. Bergab hätten wir ein durchgehendes Gespann von fünf Malamutes nicht beherrschen können, das Gelände war sehr felsig und es hätte mit Sichherheit nicht nur beim Schlitten Bruch gegeben.

    Wo und wieviel kann man in welchen Sportarten trainieren? Welche Strecken kann man nun mit einem Schlittenhund bewältigen? Jeden Tag 80 bis 100 Kilometer, wie man es manchmal hört, ist natürlich völlig überzogen und in unseren Breiten nicht umzusetzen. Bei uns herrscht statt knackiger, trockener Kälte oft ein schmuddeliges, kühles Wetter mit hoher Luftfeuchtigkeit. Grundsätzlich gilt, bei Temperaturen über 15 Grad Celsius sollte man seinem Schlittenhund keine grossen Anstrengungen zumuten.

    Der Schlittenhundsport unterscheidet sich grob in drei Kategorien. Es gibt die Sprinter, die Longtrailer und die Tourenfahrer. Eine Erklärung der einzelnen Gespannklassen, die auch noch nach den Rassen der Hunde unterschieden werden, würde an dieser Stelle zu weit führen. (Anm. der Red.: Mehr Informationen dazu gibt es in der Rubrik "Links" zu Schlittenhunde-Homepages).

    Die Sprinter legen relativ kurze Strecken von fünf bis zwölf Kilometer zurück, dafür in einem schnellen Tempo mit viel Galopp. Die Longtrailer gehen es etwas geruhsamer an, dafür sind sie zwischen 25 und 50 Kilometer unterwegs, je nach Trainingsstand und Jahreszeit. Die Tourenfahrer gleichen den Longtrailern, nur dass sie nicht gegen die Stoppuhr fahren, sich unterwegs auch mal die Zeit nehmen, die Landschaft zu betrachten, technisch schwierige Strecken ausprobierenund oft in einer kleinen Gruppe Gleichgesinnter unterwegs sind.

    Foto: Marilis Weisskopf und Helmut Weisskopf
    Die Erlebnisse Tourenfahren eignet sich hervorragend für den skandinavischen Raum, dort kann man tagelang mit den Hunden von Hütte zu Hütte ziehen oder mit dem Zelt und Schlitten die verschneiten Hochflächen erforschen.

    Wir selbst sind mit unseren Malamutes vom Sprint zu den Tourenfahrern gekommen. Eine Herzerkrankung unserer ältesten Hündin führte dazu, dass wir die Sprintrennen verliessen und uns auf die langen Strecken und das Ausdauertraining verlegten. Der Gewinn war enorm. Anstatt so schnell wie möglich eine kurze Strecke abzureissen, waren wir stundenlang mit unserem Gespann im Wald unterwegs, hievten den Trainingswagen über umngestürzte Bäume, hielten einen kurzen Schwatz mit dem Förster, der sehr erstaunt war, dass sich unsere Hunde auf Hörzeichen ablegten und sogar die Klappe hielten, anstatt herumzujohlen.

    Foto: Marilis Weisskopf und Helmut Weisskopf
    Wir hatten wundersame Begegnungen mit wandernden Gesangsvereinen, mit Hausziegen, die an der Leine herumgeführt wurden, Wildschweinen, Wanderreitern und so weiter. Bei letzteren war es von Vorteil, dass wir zu zweit mit den Hunden unterwegs waren, denn so konnte einer vorn die Leithunde kontrollieren und notfalls festhalten, während der andere den Wagen oder Schlitten führte. Unsere alte Hündin blühte wieder auf und lief noch im hohen Alter von zwölf Jahren eifrig mit. Wehe, wir hätten sie zu Hause gelassen. Ein riesiges Geschrei wäre die Folge gewesen.

    Da die Winter ín Deutschland immer unansehnlicher wurden, verlegten wir unsere Aktivitäten in dieser Zeit nach Schweden, was uns unvergessliche Touren durch tief verschneite Wälder und kahle Hochflächen brachte. Durch das trockene Klima waren die Hunde wesentlich leistungsfähiger, an die grössere Kälte passten sie sich schnell an und bauten ein dichtes, dickes Fell auf, wie es eben ihrer Natur entspricht.

    Ein einzelner Schlittenhund lässt sich auch gut vor die Langlaufski spannen, vorausgesetzt, man beherrscht die Skier gut. Der Hund kann dann eine so genannte Pulka ziehen: ein wannenförmiger kleiner Schlitten, den man mit Proviant, Zelt etc. beladen kann oder den Familiennachwuchs hineinsetzt. Es gibt spezielle Kinderpulken mit Windschutzscheibe und bequemen Sitzen. Ist das Kind noch schön warm verpackt, steht einem aussergewöhnlichen Familienausflug nichts mehr im Wege.

    Wie Sie sehen, ist ein Schlittenhund aufgrund seiner Besonderheiten nicht so einfach zu "handhaben", bietet auf der anderen Seite aber eine Fülle an Erlebnissen und Erfahrungen. Wer sich auf einen Schlittenhund einstellen kann und seine Eigenarten akzeptiert, wird viel Freude mit ihm haben, und dann dauert es nicht mehr lange, bis einen das so genannte "Schlittenhundefieber" packt. Zum ersten Hund kommt ein zweiter, und dann ein dritter. Und ehe man es sich versieht, hat man ein komplettes kleines Rudel zusammen. Und das ist dann schon wieder eine Lebensaufgabe.

    © Hundezeitung.de 2001