• Haben kleine Hunde Angst vor grossen Hunden?

    Von Bea Urban

    Immer wieder taucht auch auf der Hundewiese, dem Hundezeitung-eigenen Forum, die Thematik auf "Verhalten kleiner Hunde bzw. deren Halter grossen Hunden bzw. deren Haltern gegenüber". Während die Absicht des Artikels nicht ist, die Halter kleiner Hunde und ihre Sorge, "dass der grosse meinem kleinen etwas tun kann" zu belächeln oder als irrelevant abzutun, oder gar die gesundheitlichen Folgen eines möglichen Zusammenstosses Grosshund auf Kleinhund in Frage zu stellen, möchte ich folgende Frage stellen: Warum wird oftmals angenommen, dass kleine Hunde sich vor grossen fürchten?

    Viele Halter kleiner Hunde nehmen ihre Kleinhunde im Hinblick auf eine Begegnung mit einem grossen Hund "vorsichtshalber" auf den Arm, an die Leine, zerren sie vom möglichen und meist durchaus friedvollen Kontakt mit grösseren Hunden weg. Dass so eine aggressive, eine Anti-Haltung der Kleinhunde grossen Hunden gegenüber einstudiert wird, liegt auf der Hand. Es wird den Kleinhunden die Möglichkeit genommen, sich mit grossen Hunden kontrolliert auseinanderzusetzen. Wieso eigentlich? Klar sind nicht alle grossen Hunde gut sozialisiert - genausowenig wie alle kleinen es sind. Aber ist den Kleinhundehaltern mal folgender Gedanke gekommen?

    Alle Hunde, genauer: jeder Hund hat seinen Lebensweg als kleiner Hund angefangen. Wenn eine sagen wir mal 70 kg schwere und entsprechend grosse Hundemutter wirft, sind ihre Welpen im Vergleich winzig, oft sind Welpen gerade mal so lang wie die Schnauze der Hundemutter. Selbst eine Spanielmutter wirkt gross im Vergleich zu ihren Welpen.

    Die Tatsache, dass sich die Augen der Welpen erst mit zwei Wochen öffnen, sie erst allerdings erst deutlich später einen Focus erreichen können, um ihre Umwelt ganz bewusst kennenzulernen und einzuschätzen, tut nichts zur Sache, dass die Welpen vom Moment der Geburt an ganz selbstverständlich und vertrauensvoll auf dem Weg zur Milch über ihre "riesige" Mutter krabbeln, über Füsse und Beine, die lang oder kurz, haarig oder glatt sein mögen, sich ggf. unter Riesenhängeohren durchwurschteln müssen, über einen "Baumstamm" von Rute klimmen oder Rutschpartien, Handstände und absonderlichste Akrobatiken auf dem oder um den Mutterleib herum vollbringen.

    Da kommt die Hundemutter mit ihrer überdimensional grossen Schnauze, der riesengrossen Nase und einer Zunge, die einen Welpen ruckzuck in ein Stück Sushi verwandeln kann, schiebt sich recht unsanft unter den Bauch des Welpen, um ihn zu säubern, ohne dass der Welpe sich dagegen wehren will oder wird. Der Welpe saugt sich an einer Brustwarze fest, an der er fast erstickt und die er nicht so schnell wieder aufgibt. Ein Welpe kuschelt sich zwischen die Vorderläufe an eine Brust, die Platz für mehrere seiner Geschwister bietet … und all das völlig ohne Angst.

    Wieso wird also angenommen, dass "kleine" Hunde sich vor "grossen" Hunden fürchten sollen? Wenn nun Welpen mit ihrer riesigen Mutter aufwachsen, entwickeln sie ab irgendwann ein Bewusstsein, dass diese riesige Mutter ein All-in-one Aspekt in ihrem Leben ist. Nahrung. Wärme. Schutz. Hygiene. Ohne diese vier Komponenten ist ein Welpe ausserhalb seines Wurfes nicht überlebensfähig. Er sucht die Nähe der Riesin um zu überleben. Sobald die Welpen mobiler werden, klettern sie auf der Mutter herum, sie dürfen sich spielerisch in Ohren, Nackenfell, Rute verbeissen und erste Lernkontakte knüpfen. Die Nahrungs- und Schutzrolle entwickelt sich weiter in die des Spielkameraden, Lehrers, Klettergerüst … und mittlerweilen zum Leidwesen des Welpen in die Waschmaschine.

    Glücklich die Welpen, die mit anderen Hunden aufwachsen dürfen; selbst nur wenige Wochen ältere Welpen als sie sind "riesig". Die älteren Welpen gehen weniger feinmotorisch mit den Kleinwelpen um als Erwachsene, sie hauen drauf. Ziehen fest. Schmeissen um. Welpen sind so gelenkig, dass sie dieses Händling in der Regel ohne Blessuren überstehen. Sie nehmen diese Art der Behandlung nicht krumm. Sie fürchten sich nicht vor den groben Spielen der "grossen Hunde". Sie lernen durch "grosse Hunde", wie hund sich als Kleinteil zu benehmen hat. Sie lernen, dass sie durchaus auch austeilen dürfen, wo es die Manier gebietet und dass auch "grosse Hunde" nach denselben Regeln leben wie sie und diese akzeptieren.

    Mir stellt sich diese Frage: Wird dieses "Fürchten vor dem grossen Hund" ggf. sogar in sogenannten Welpenspielgruppen gefördert? Ich kann diese Frage nicht beantworten, weil ich noch nie an einer Welpenspielgruppe teilgenommen habe. Mir ist bekannt, dass Welpen etwa gleichen Alters dort "sozialisiert" werden - mit gleichaltrigen Welpen wohlgemerkt. Gross das Entsetzen, wenn ich meinen neuen Welpenfamilien empfehle, mit den jungen Hunden direkt in eine Junghundegruppe zu gehen; Welpensozialisation haben unsere Welpen mit 14-16 Wochen lange hinter sich. Ebenfalls sind sie es gewohnt, von erwachsenen Hunden entsprechend behandelt zu werden.

    Ich stelle mir gerade vor, wie ein Welpe, der den "geordneten" Weg von der Hundemutter mit sagen wir 8-10 Wochen geht, oft auf Empfehlung erst mal wegen der Impfungen "nicht raus darf" bzw. keine Hundekontakte hat und dann als einzige Kontakte nur gleichaltrige Hunde kennenlernt, es durchaus "verlernen" kann, grossen Hunden sozial und kompetent zu begegnen. Der Welpe signalisiert diese Unsicherheit seinem - vielleicht genauso unsicherem Menschen - der entsprechend unsicher reagiert und seinen "kleinen Hund" vor dem "grossen Hund" beschützen will.

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    © bei der Autorin 06/2005