Die meisten Hundefreunde schreiben immer noch - wenn sie auf das Datum der Haushundewerdung kommen, von 10 000 bis 15 000 Jahren. Das war einmal. Seit einem Jahr ist bekannt, dass dies eine enorme Unterschätzung der Beziehung zwischen Mensch und Hund war. hundezeitung.de brachte die neuesten Erkenntnisse schon in der ersten Ausgabe im Frühjahr 2000: der Haushund ist danach vermutlich mindestens 100 000 Jahre alt.
Da sich die Alterschätzung auf dem alten, viel zu jungen Stand weiter wiederholt, weil keine naturwissenschaftlichen Erkenntnisse gelesen oder diese nicht wahrgenommen werden, wiederholt hundzeitung.de diese - für die damals wenigen Leser der ersten Stunden nicht mehr so neuen - Erkenntnisse aus der DNA-Forschung. Es mag aber durchaus mal wieder wert sein, sich über das Phänomen der Beziehung Gedanken zu machen, was die meisten Neuzeitmenschen offensichtlich immer noch nicht verstanden haben, obwohl Hunde schon so lange bei und um uns sind.
Woher der Hund kommt. Märchen und Tatsachen Eine Besinnung darauf, woher das Tier kommt, das wir bei uns aufnehmen, erklärt sein Verhalten. Wir interessieren uns ja auch für unsere Vorfahren. Daraus leiten wir viele unserer Eigenheiten und Veranlagungen ab.
Die Urgruppe der Carnivoren (Tierfresser) hat viele Verwandte: Ich will nicht zu ausführlich in zoologischer Historie graben, nur so viel: Katzen, Hunde, Marder und Bären sind ursprünglich enge Verwandte, aus denen sich vielfältige Formen bildeten. Darunter kleinste wie das Mauswiesel und grösste wie der Säbelzahntiger oder heute der Kodiakbär.
Einer der ursprünglichsten Wildhunde ist der (kleine) Erdwolf. Wildhunde spalteten sich alsbald ab und gründeten Jagdgemeinschaften rund um den Erdball. Nur im Rudel konnten Hunde ihren Bestand halten. Die Canidae (Hundeartige) sind Läufer, weil hetzende Beutefänger. Unter ihren ausgeprägten Sinnen steht der Geruch an erster Stelle.
Über die Herkunft des Haushundes ist viel geforscht, gerätselt und verworfen worden. Prof. Dr. Konrad Lorenz stellte die Vermutung an, dass der Goldschakal wohl der Vater aller domestizierten Hunde sei. Später kehrte er, wie schon andere Ethologen, von seiner früheren Annahme ab und schloss sich nun den meisten anderen an, die überzeugt sind, dass der Hund vom Wolf, also vom Canis lupus abstamme. Seit der umfassenden DNA-Analyse eines Forscherteams aus Los Angeles, am 13. Juni 1997 in "Science" veröffentlicht, herrscht Klarheit: der Wolf ist der Vater aller Hunde. Mit "der" ist aber nicht ein moderner, sondern die damalige Gattung gemeint. Und von ihm existieren keine Wand-Bilder, genauso wenig wie von den ersten Haushunden. Aber durch die Gentechnik bekommen Forscher neue Beweismittel in die Hand.
Untersucht wurden Gewebeproben von 162 Grauwölfen aus verschiedenen Erdteilen, von 140 Haushunden aus 67 Arten ("Rassen") - auch Proben von Kojoten und Schakalen, weil sich alle Caniden untereinander verpaaren können. Die Analyse ergab, dass der Hund vom Grauwolf abstammt und von keinem anderen Caniden. Beim Wolf wurden dabei 27 unterschiedliche Sequenzen (Haplotypen) in einer Gewebe-Kontrollregion gefunden, die für hohe Mutationsraten bekannt sind. Beim Haushund deren 26. Die Sequenzen von Wolf und Hund waren in den überwiegenden Stellen viel ähnlicher als die zwischen Schakalen oder Kojoten und Hunden.
Kam der Mensch nicht schon früher auf den Hund als vor 15 000 Jahren, als im mittelschwedischen Bohuslän ein Hund in einem Menschenfamiliengrab bestattet wurde? Die Genetiker Carles Vilà und Robert Wayne schreiben in ihrem Aufsehen erregenden Bericht in "Science" auch davon, dass es Hundeartige schon vor rund 135 000 Jahren gegeben haben könnte. Vorläufer des canis familiaris, die sich noch nicht stark vom Ursprung abhoben, also marder- und bärenähnlich aussahen.
Anfang November 1999 fand der Pariser Prähistoriker Michel-Alain Garcia in der südfranzösischen Chauvet-Höhle Pfotenspuren, die etwa 25 000 Jahre alt sein sollen.
Der Franzose ordnet die Pfoten, die neben denen eines Löwen abgedrückt sind, einem vergleichbaren heutigen Schäferhund zu. Die Schäferhundpfoten fotografierte er an Ort und Stelle, weil gerade ein solcher Hund an der Fundstelle vorbeilief. Die Verwechslung mit Wolfsspuren konnte er damit ausschliessen, weil sie eine andere Zehenstellung haben. Die Pfotenabdrücke in der Höhle waren also mit jenen des modernen Schäferhundes identisch.
Auch die Basis für Verhalten wird durch Genforschung neu durchleuchtet. Es müsse genetisch verankert sein, dass sich einige Talente und Leistungsmerkmale wie Treiben, Hüten, Bewachen oder Herbringen bei etlichen Hundetypen so stark ausgeprägt haben. Weil Mensch und Hund schon so lange miteinander leben, hätten sich auch deren Sozialsysteme angeglichen. Die Tierärztin Karen Overall an der Universität von Pennsylvanien glaubt auch, dass Verhaltensstörungen meist auf Gendefekte zurückzuführen sind.
Mindestens die Hälfte der (Anm. der Red.: 450) bekannten Erbkrankheiten von Hunden ähneln bestimmten menschlichen Störungen, behauptet auch die Genetikerin Elaine Ostrander am Krebsforschungszentrum von Seattle. Die US-Forscher vermuten, dass die weit überwiegende Mehrheit des vollständigen Chromosomensatzes (Genom) von Hund und Mensch gleich ist.
Der Tierarzt Gregory Acland von der Cornell Universität in Ithaca (Bild links),der mit Elaine Ostrander eine Karte des Hunde-Erbguts schuf, geht weiter. Er glaubt, dass die frühen Hunde nicht mit vollständig domestizierten Menschen gelebt hätten. Der Mensch sei damals noch gar nicht dazu fähig gewesen, Hunde an sich zu trainieren. Der Hund habe vielmehr von selber eine bequeme Lücke beim Menschen gesucht, gefunden und ausgefüllt. Bei gemeinsamen Jagdausflügen habe er sich dem menschlichen Jäger angeschlossen. Dabei fiel stets Beute für ihn ab.
Dies ist freilich nicht neu. Wird aber durch die "Zusammenarbeit" griechischer Fischer mit Delphinen bestätigt. Der Mensch bediente sich der tierischen Beutejäger beim Aufspüren, beide begleiteten einander mit zunächst gebührendem Respekt der Jagd, zum Dank entlohnte der menschliche Erbeuter dem Jagdgenossen sein Aufspüren mit Beutestücken. Die Jagdgemeinschaft, ein Zusammenarbeiten war geboren.
Der Hund ist ein hochintelligenter Abfalljäger des Menschen. Er nimmt sich nur, was er kriegen kann. Bis heute in allen Formen. Wie geschickt er sich danach beim Menschen eingeschlichen hat, spricht auch nicht gegen ihn, nur für seine grösste Anpassungsfähigkeit. Er half dem Menschen weiter, beim Hüten, beim Lastenziehen, beim Beschützen, als Gesellschafter. Sein Segen. Dass ihn der Mensch zeitlebens auch ausgenutzt und missbraucht hat, war und ist sein Fluch.
Der Ursprung unserer Hunde, nach der Abspaltung von der Obergruppe der Myaziden (den Ahnen der Bären, Marder, Katzen und Hundeartigen), muss Wildhundeartige der verschiedensten Varietäten hervorgebracht haben, und je nach Nahrungsaufkommen und Klima verschieden grosse und befellte.
Wölfe sind den Urmenschen seit 400 000 Jahren bekannt. Der Wolf, der uns heute im Kopf schwebt, war damals sicherlich ein anderer. Darunter gab es kleinere, die sich vom Urahn abspalteten und heute als Kojoten bekannt sind. Die Indianer nannten den Kojoten (heute maximal 60 Zentimeter Schulterhöhe und rund 20 Kilo) Präriewolf oder Gotteshund. Wölfe gab es in allen Erdteilen, den europäischen Wolf ebenso wie früher den japanischen, heute noch den Nebraska-, Mackenzie-Wald-, Alaska-Tundra-, den mongolischen, indischen und Rotwolf.
Es ist völlig abwegig, die heutigen Hunderassen von vorgeschichtlichen Hunden ableiten zu wollen, denn unsere Haushundrassen lassen sich nicht weiter zurückverfolgen, als die Tierbilder der alten Niederländer, die Zuchtbücher der Züchtervereinigungen und andere künstlerische oder schriftliche Überlieferungen zurückreichen. Von vorgeschichtlichen Hunden kennt man nur einige wenige Schädel, oft lediglich Schädelbruchstücke oder sogar bloss einige Zähne, so dass sich zum Beispiel die Spitze unserer Zeit nicht vom steinzeitlichen "Torfspitz" ableiten lassen."
Alle historischen Wölfe können also zur Haushundwerdung beigetragen haben, denn die Domestizierung des wilden Hundes fand in allen Ecken der Erde statt. Zwar kann der nordische Wolf nicht auf der südlichen Halbkugel als Stammvater gelten. Aber auch afrikanische, südasiatische und australische Wölfe, besonders aber Wildhunde können wegen ihres extrem ausgebildeten Sozial- und Jagdgemeinschafts-Verhaltens, und die Kojoten dank ihrer ebenfalls ausgeprägten Sozialarbeit und hervorragenden Überlebensfähigkeit zu den Taufpaten des Haushundes zählen. Wildhundartige pflegen eine komplexe, nicht jedoch komplizierte Kommunikation, ein strenges Management. Sie arbeiten nur im Team erfolgreich. Ihre Kommunikations-Vielfalt konnten sie nur im Rudel lernen und weitergeben.
Die Frage bleibt, inwiefern und wie intensiv der Urahn des Wild- und Hauswolfs zum prädomestizierten Hund beigetragen hat. Wie bei Hunden sind die Körpermasse von Wölfen anpassungsfähig - zwischen 60 und 80 Zentimeter Schulterhöhe sowie 15 und 60 Kilo Gewicht, je nach Beuteaufkommen und Umgebungssituation. Fest steht, dass der Haushund das weitaus älteste domestizierte Tier ist, weit vor den Ziegen (etwa 9 000), Schafen, Rindern, Katzen (je 6 000 bis 8 000), Esel (6 000), Schweinen (5 000), Gänsen (4 500) und Kaninchen/Hasen sowie Pferden (je 3 000). Schon aus diesem Grund ist der Hund wohl das an den Menschen anpassungsfähigste Haustier.
Die Domestikation von Wildtieren war vor allem eine Leistung von Frauen! Frauen waren es also wohl, die den wilden Caniden zum Haushund heranzogen. Ihr Bindungstrieb sorgte dafür, vermutlich verwaiste Wildhundewelpen mit ins eigene Lager zu nehmen und neben den eigenen Kindern aufzuziehen. Erst die Reaktion eines jungen Lebewesens lässt Mütter aller Arten diese Bindung und Versorgung (Bruttrieb) eingehen und pflegen.
Auch Dr. Erik Zimen stellte in seiner Fernsehserie "Wolfsspuren" eine Verbindung zu Frauen her. Aus vielen historischen Zeichnungen kann man dies herleiten, sowie aus der engen familiären Bindung von Busch- und Steppenvölkern, bei denen Welpen ebenso wie andere junge Säugetiere an die Brust gesetzt wurden. Den "Rest" könnte die weibliche Fürsorge elternloser Welpen besorgt haben.
Indianer und Hunde Die Indianer Nordamerikas schätzten Wölfe als feste Charaktere und wegen ihrer sozialen Treue. Sie hielten natürlich auch "Haus"-Hunde. Die einzige Ausnahme waren die Beothuk von Neufundland. (Nach denen wurde aber eine Wolfsart benannt.) Bei allen Graslandindianern mussten Hunde die Tipi- Stangen tragen. Die Hunde schleppten wie die Pferde und Menschen Geräte. An der Seite trugen die Hunde Trageschleifen (Travois), an denen kleine Lasten befestigt waren.
Der Hund war zum Beispiel bei den Comanche ein "Cousin des Kojoten", der in der Mythologie eine Art Spitzbubenrolle auslebte und nach den Angaben einer angesehenen Medizinfrau einmal Menschenfleisch gegessen haben soll. Da Kannibalismus völlig abgelehnt wurde, war eben auch Hundefleisch tabu. Hunde jagten mit den Männern, halfen Fischnetze einzuziehen, waren bei den Inuit vor den Schlitten gespannt und bewachten Tipis und Kinder. Die Hunde schliefen im Tipi.
Eine "Rasse" (obwohl Indianer nie an eine "Reinzucht" dachten, weil Hunde frei waren) gab es nur in Form des Chinook. Dieser sehr starke Typ wurde von den ursprünglichen Besitzern zurückgenommen, wenn er das Leben seiner Familie nicht bis zum Tode verteidigte. So die Chinook-Legende. Der Chinook wurde wieder, wie der Irish Wolfhound, "rekonstruiert". Chinooks erlangten als Zugtiere bei Expeditionen Berühmtheit (Scott u. a.).
Zuerst war der neue Haushund ein Jagdgenosse, der den menschlichen Jägern zeigte, wo es was zu holen gab. Möglich, dass da ein Beutestück zum in respektvollem Abstand wartenden Hunderudel geworfen wurde, als Opfergabe für die Anzeige. Daraus mag sich in vielen Jahren der Gewöhnung eine lockere Jagdgenossenschaft entwickelt haben. Wenn Welpen verwaisten, wurden sie wahrscheinlich aus diesem nützlichen Grund in die Menschenfamilie aufgenommen; dort konnten sie ihre Sozial- und Wach- wie Jagdtriebe unter neuer Herrschaft weiterleben und wurden bald zu Zugarbeiten (frühe Schlittenhunde) benutzt.
Hunde waren, als sie in Menschenhand gerieten, fortan ausschliesslich Nutztiere. Nur die kleingeratenen Exemplare legte man in den Schoss fürsorglicher Frauen. Bis der werdende Haushund den Schutzaufgaben bei Haustierherden, auch ohne Selbstbedienung zuverlässig nachgekommen ist, wird noch sehr viel Zeit vergangen sein. Ebenso wie verwilderte Haushunde folgen auch unbeaufsichtigte Hunde im Zufallsrudel heute noch ungehemmt ihrer selbständigen Nahrungsbeschaffung. Der eigennützige Beutetrieb bei den frühen Haushunden nahm erst in vielen Jahrhunderten ab, weil die Hunde zunehmend in Abhängigkeit von Menschen gerieten oder von ihnen versorgt wurden.
Dies führte immer mehr zur Territoriumstreue, und die wiederum zum Schutz des Territoriums - inklusive Menschenfamilie (als Ersatzrudel) - vor den Wildhunden. Aus den Erfahrungen der ersten menschlichen Herdenbesitzer mit Hunden ist anzunehmen, dass sie ihre Nutztiere erst einmal im offenen Gelände ohne Unterstützung durch Hunde zusammenhielten und zu beschützen versuchten. Einige Wildbiologen meinen, dass die Haushundemacher durchaus gute Erfahrungen mit den Wildhunderudeln machten, weil sie durch ständige Opfergaben in Form verendeter Herdentiere ein Territoriumsbewusstsein heranbildeten. Da war bequem Beutemachen, also blieben die Rudel in Wurfreichweite der Hirten beziehungsweise der Herde. Man gewöhnte sich aneinander, weil auch die Wildhunderudel durch die Zuwendung der Hirten vom Beutemachen abgehalten wurden. Das Arrangement bewährte sich wahrscheinlich so, dass die zutraulicheren Hunde gleich bei den Hirten blieben.
Die Hirten ihrerseits sorgten durch harte Auslese dafür, dass die Hunde nicht wieder in Selbstbedienung zurückfielen. Den jagenden Treiber bauten sie zum ordentlichen um. Als Belohnung (heute: "positive Verstärkung") gab es auf indirektem Wege Fleisch von den Beschützten. Das Territorium der geeigneten Hunde wurde gefestigt. Diese dankten es insofern, als sie Eindringlinge ins neue Revier vertrieben; wie sie es bei ihren mobilen Territorien auch schon taten.
Eine bewusstere Selektion nach geeigneten Arbeitshunden unter den Hirten war wohl entscheidend für die Prägung der Veranlagungen zum Hüten, Treiben, Beschützen. Denn das Hüten ist nichts anderes als umfunktioniertes Treiben; in den Regeln, die der neue Rudelboss Mensch förderte. Aus den spezieller werdenden Aufgaben der Herdenzucht suchten die Hirten nun mit der Zeit kleinere, wendige für das Treiben, Zusammenhalten und Abschneiden, grössere für Wach- und Schutzaufgaben.
Zu allen Zeiten wurden grosse und wehrhafte Hunde als Kampfgenossen missbraucht; auch im japanischen Mittelalter, wo der Akita und besonders der heute rare Tosa Inu den Samurais diente. Andere Hunde wurden in den Weltkriegen später als lebendige Minenräumer in die Luft gejagt, oder dienten als Meldegänger oder Suchhunde.
Der Präsident der Akbash Dog International, Veterinärwissenschaftler David E. Sims, schrieb zu den Vermutungen, die in vielen Hundezuchtvereinen als historisch gelten: "Viele Zuchtvereine haben Pamphlete oder Bücher mit reichhaltig bebilderter Beschreibung über ihre "Rasse". Das Problem ist: Wenn man sie nach Beweisen oder historischen Dokumenten fragt, die nach Fakten verifizieren würden, dann finden sie keine Begründung."
Ich führe dazu ein besonders märchenhaftes Beispiel an: Der chinesische Shar Pei wird gern als eine "Rasse" dargestellt, die über 2.000 Jahre alt sei. Doch nun hat sich eine Züchterin geoutet, als sie auf ihrer Internet- Homepage davon erzählte, dass 1972 in Hongkong verschiedene Mischlinge zu dieser "Rasse" herangezogen worden seien. Macht mal gerade 28 Jahre. Soviel zu einigen "alten Rassen". Dass Herdenschutzhunde alte Rassen sind, ist dagegen belegt. Wenn sie auch heute anders aussehen als früher - wie bei den meisten.
Alte Territoriumswächter Vor 7 000 Jahren - und dies ist nun gesicherte Erkenntnis durch Knochenfunde - besiedelten viele Hirten mit ihren Ziegen, später Schafen die heutigen Staaten von Syrien, Türkei, Irak und Iran. Wie auch David Sims vermutet, dürften zwei grosse Hunde-Grundtypen die Schutzaufgaben der Hirten übernommen haben: Ein Typ, der in der Färbung mehr den schutzbefohlenen Tieren entsprach (meist weiss, mit Flecken), gross, aber sehr beweglich. Der andere (Molosser) viel schwerer, der eher ums Hauszelt herum wachte. Diese Hunde waren in der Färbung eher dunkel, meist braun oder graubraun.
Die frühen Herdenschutzhunde - also die meist weissen - wachten draussen bei der Herde. Sie bewegten sich innerhalb und ausserhalb der Herde, weil sie einem Angreifer nicht gleich auffallen sollten. Wölfe oder menschliche Räuber sollten sich in der Dämmerung oder Nachts sicher fühlen und meinen, es seien nur Schafe. Ist eine imaginäre Grenze jedoch von diesen Angreifern überschritten worden, griffen die vermeintlichen "Schafe" unverzüglich an und bissen. Fortan sahen sich die Räuber vor. Die dunklen Hauswächter sollten wiederum in der Dunkelheit nicht auffallen. Und erreichten dasselbe wie die Herdenschutzhunde: Abschreckung durch Tarnung und schmerzhafte Erfahrung bei Ignoranz.
Einige dieser Herdenschutzhunde zogen natürlich mit den Wanderungen der Hirten mit. Dort bildeten sich Interessengruppen und züchteten eigene Formen ihres Herdenschutzhundes. Siehe auch das Kapitel "Artenvielfalt". Die meisten Herdenschutzhunde der modernen Nomenklatura befinden sich demnach auch in diesen Ländern. In Mittel- oder gar Nordeuropa fanden und finden sich keine Herdenschutzhunde. Warum nicht? Die grossen Rentierherden hätten ihren Schutz genauso gebraucht wie die historisch gewachsenen Herdenvölker des vorderasiatischen Raums. Wölfe gab es vor hundert Jahren zuhauf ins Skandinavien und Nordrussland.
Die Indianer Nordamerikas hielten sich keine Nutzherden. Sie fingen sich das, was sie brauchten. Den Rest liessen sie weiterziehen. Doch zweierlei Hunde, die einen zum Lasten- und Jagdschittenziehen und zum - selbstständigen - Jagen (Elchhunde und Karelische Bärenhunde), Treibhunde und dann noch reine Herdenschützer: das wäre zuviel gewesen für die armen Lappen. Zuviel Mitfresser.
Für eine Gesundung mancher ehemaliger Arbeitsrassen wäre es förderlich, man würde sie wieder halbwegs artgemäss beschäftigen (zum Beispiel Lastenziehen) oder ihre Auswüchse wieder auf ein erträgliches, weil gesundes Mass zurückführen.
Eines ist aber durch die neue Altersforschung auch sicher: Die ständigen Bezüge auf den "Wolf" im Haushund sind überholt bis daneben gegriffen. Der Wolf hat sich vom Haushund eben auch gut 100.000 Jahre getrennt entwickelt, nicht nur, was die Nahrung betrifft. Die Verwandtschaftsbande sind aber stark verknüpft, es sind vor allem jene sozialen Eigenschaften, die uns an der Haushundwerdung so nützlich erschienen.
Das aber ist das blamable Ergebnis dieser Altersforschung im menschlichen Verhältnis zum Haushund: er ist viel älter als bisher angenommen um uns herum, aber wir haben ihn immer noch nicht verstanden. Manche wollen es gar nicht. Sie wollen einern Ersatzmenschen. Das hat er nun davon, der Hund, dass er sich uns anschloss.
Der Hund hatte einen schlauen Grund, sich dem talentierten Versorgungs- Organisator Mensch anzupassen. Einige Wissenschaftlicher glauben nun, dass sich der Hund den Menschen ausgesucht hat, um bequemer zu überleben. Und nicht umgekehrt, wie immer angenommen. Der Hund tut heute noch fast alles, um sich seinem Versorger (Rudelboss) gewogen zu halten. Und die Menschen fallen immer wieder drauf rein und meinen, die hündische Unterwerfung sei ihretwegen. Wer ist nun der "arme Hund"?
©Rainer Brinks 2001


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