Ein zahnloses Thema. Passt aber zu allerlei verbissenen Übertreibungen und Vermutungen, die in den letzten Monaten über Hunde nachgesagt wurden. Gerne auch von jenen, die urteilend verordnen und nicht wissen. Und fletscht so gut zum Top Thema Angst vor Hunden. Weil mit dem Begriff gleich auch immer - stupid - die grösstmögliche Gefahr verbunden wird. Als ob Hunde ständig nur mit grösster Kraft zubeissen würden. Biologie 6.
Denn die Beisskraft-Plauderer wissen nicht, wie vorsichtig Hunde mit ihren Beisserchen umgehen können. Es sind nicht nur Reisserbeisser, sondern Multifunktionswerkzeuge. Meine Hündin, sicherlich auch mit respektablem Gebiss ausgestattet, "nimmt" mich zärtlich an der Hand, wenn sie raus will. Mehr über die Vielseitigkeit dieses Werkzeugs, vor allem auch über die Ausdrucksmöglichkeit, steht im Hundekunde-Kapitel der Körper- und Lautsprache. Hündinnen transportieren auch ihre Welpen - mit was wohl?
Kleiner bissiger Hinweis auch auf die "Beisskraft" von Krokodilen: Sieht immer fürchterlich aus, wenn sie eine Beute reissen. Aber sie können auch anders. Wenn sie ihre Jungtiere transportieren müssen, können sie mit ihren Zähnen und ihrem vermutlich gewaltigen Kieferdruck diese ungepanzerten Echslein so vorsichtig packen wie kein Baggerführer in "Wetten das..."
Beweise? Das Thema der Beisskraft bei Hunden erzählt mehr von wissenschaftlichem Zahnausfall als von Beweiskraft. Wie könnte man wissenschaftlich (das heisst: reproduzierbar) beweisen, was so behauptet wird? Die Beisskraft nur über Schmerzsensoren in die entsprechen sensible Gehirnteile einführen und dann ausreizen, weil die vermutlich grösste Beisskraft unter Schmerz ausgelöst wird. Vermutlich, denn auch das wissen wir eben nicht. Es könnte ja auch Aggressivität ohne Schmerz sein.
Die Vermutungen gehen weiter: Wo misst man? Bei der grössten Verletzungsgefahr vermutlich von den Eck- und Reisszähnen? Wer ist da sicher? Oder vom knochenbrechenden Kieferdruck, wo - dies ist einigermassen gesichert - im Vergleich zu anderen Caniden - die Hyänen den mit Abstand grössten Druck ausüben können. Auf welcher Fläche wird wo gemessen, wenn der Schmerzreiz ausgelöst wird über den Elektro-Impuls? Auf welchen Zähnen wirkt der grösste Druck? Wie lange muss unter welchen psychischen Voraussetzungen ausgelöst werden? Muss der Kandidat vorher eigens "gereizt" werden, oder genügte ein vor dem Test friedlicher Zustand?
Was sagt Beisskraft überhaupt als Aggressionsmerkmal aus? Gar nichts. Beide Werte sind rein biologisch unabhängig voneinander. Denn die Kraft des Gebisses entscheidet nicht über die latente Gefährlichkeit, die - wir wissen es - von sehr viel mehr Unwägbarkeiten und Annahmen und Voraussetzungen und Veranlagungen ausgeht als just von dieser Beisskraft, die auch bei anständigen Pferdegebissen höher sein kann als die eines Pitbull.
Ich kann zwei hundezeitung.de-Leser zitieren über die geradezu kariösen Behauptungen und Widersprüche. Hans-Jürgen G. schreibt: "Ich fürchte, da haben Sie die Rechnung ohne Herrn Dr, Uwe Ballinger, Vorsitzender des Tierschutzvereins Dessau, gemacht. Der hat festgestellt und in "Super Sonntag" behauptet, dass sog. "Kampfhunde" mit bis zu sechs Tonnen zubeissen können, und die wiegen ja bekanntlich deutlich weniger als Hyänen. In einem "Stern"-Artikel über Pitbulls von vermutlich 1992 wurde diesen Tieren noch eine "enorme Beisskraft von 250 kp" unterstellt. Mittlerweile ist die Presse bei 6 000 kp angekommen. Ich frage mich, wer das alles wie gemessen hat? Zumal in einer BBC-Sendung die Messung der Beisskraft weisser Haie demonstriert und mit 60, in Worten: sechzig, Kilopond angegeben wurde."
Werner G. Preugschat ist ein wahrer Schatz - an Dokumenten, auch über die Behauptungen an Beisskraft. Zitate: "Cantu in "Wall Street Journal" vom 6. Juli 1987 gilt als das Nonplusultra. Er berichtet über Beisskräfte des eigentlich undefinierbaren Pitbulls von angeblichen 1000 bis 2000 Kiloponds."
Preugschat weiss von Lindner und anderen in "Measurement of Bit Force in Dogs: A Pilot Study" in "J. Vet. Dent" von 1995. "Dieser Pilotversuch dokumentiert unter anderem, dass ältere Angaben zur möglichen Beisskraft von Hunden fragwürdig sind; ein geschilderter Versuch wurde an sedierten - also medikamentös beruhigten! - Hunden vorgenommen. Die gemessenen Beisskraft von zwei Rottweilern betrug beim ersten Probanden etwa 200 Kilopond, beim zweiten über 1000."
Preugschat folgert: "Es gibt meines Wissens keine umfassende wissenschaftliche Untersuchung, die geeignet sein könnte, dass Beisskräfte den Schluss zulassen, dass, je grösser diese ist, die Gefährlichkeit ausgesuchter Rassen steigerte. In Wahrheit beruhen derartige Angaben auf überwiegenden Vermutungen und redaktionellen Schätzungen, die in Rassemonographien und Presse veröffentlicht worden sind."
Der fleissig recherchierende Preugschat schliesst mit einem Vergleich, den ich zum Anbeissen finde: "Ein durchschnittlicher Mensch, wissentlich untersucht, bringt es gleichfalls auf 200 Kilopond."
©Rainer Brinks 2001


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