• Die Reizschwelle

    Immer wieder hört man den Begriff "Reizschwelle". Dennoch ist dieser Begriff in fast keinem Hundebuch erklärt oder definiert und wird in allen möglichen und unmöglichen Zusammenhängen ge- bzw. missbraucht. Die Reizschwelle definiert sich wie folgt: Die absolute Reizschwelle ist der Wert, unterhalb dessen kein Reiz mehr wahrgenommen wird oder keine Reaktion mehr erfolgt. Analog dazu kann man sagen: Die Reizschwelle ist der Punkt, ab dem ein Hund auf einen Reiz reagiert. Ein Hund hat bzgl. verschiedener Situationen auch verschiedene Reizschwellen (zum Beispiel kann ein Hund eine niedere Reizschwelle gegenüber fremden Hunden aber eine hohe Reizschwelle gegen Geräusche haben usw.). Da ich es mir hier aber darum geht, auf das "System" Reizschwelle einzugehen, spreche ich der Einfachheit halber jetzt immer nur von DER Reizschwelle. Ob ein Hund auf einen Reiz reagiert hängt von zwei Faktoren ab: 1. der Stärke des wahrgenommenen Reizes 2. der Bereitschaft des Tieres, auf diesen Reiz zu reagieren. Hat ein Hund eine hohe Reizschwelle, dann reagiert er nur auf relativ starke Reize; ein Hund mit niederer Reizschwelle reagiert schon auf schwache Reize.

    Die Höhe der Reizschwelle ist teilweise rassespezifisch vorgegeben. Grosse, schwere Hunde, wozu die sogenannten Bauernhunde, Herdenschutzhunde, Molosser u.v.m.. zählen, haben im allgemeinen eine sehr hohe Reizschwelle - wir würden es beim Menschen eine "stoische Ruhe" nennen.

    Einen solchen Hund kann man mit den Worten: gelassen, ausgeglichen, geduldig, zurückhaltend aber auch langsam, behäbig, faul und träge bezeichnen. Diese "Trägheit" ist u.a. vom Hormon Dopamin abhängig, das eine Vorläufersubstanz von Adrenalin (Stresshormon) ist. Hunde mit hoher Reizschwelle zeichnen sich durch einen niederen Dopaminspiegel aus. Wird ihre Reizschwelle überschritten, dann zeigen sie zwar sehr schnell Extremverhalten, genauso schnell beruhigen sie sich aber auch wieder.

    Das Gegenteil davon sind diejenigen Hunde, die man als agil, aktiv, lauffreudig, und teilweise als hippelig und nervös bezeichnen kann. Diese Hunde haben einen hohen Dopaminspiegel, was bedeutet, dass auch Adrenalin in grösserer Menge bereit ist. Sie reagieren schon auf geringe Reize, regen sich leicht auf und bleiben auch noch längere Zeit "aufgeputscht".

    Durch ihre unterschiedlich hohen Reizschwellen reagieren die Hunde verschiedenartig auf gleiche Reize. So wird sich z.B. ein erwachsener Molosser selten über einen kleinen, kläffenden Wäffwäff aufregen - meistens übersieht er ihn einfach. Sollte er jedoch eine Reaktion für nötig gehalten haben dann regt er sich schon nach ganz kurzer Zeit wieder ab und entspannt sich wieder. In der gleichen Situation würde sich ein Wäffwäff mit niederer Reizschwelle entsetzlich aufregen und noch längere Zeit hinterher angespannt und nervös sein.

    Reizschwellenerniedrigung - der sogenannte "Triebstau"

    Jedes Lebewesen ist bemüht, einen Gleichgewichtszustand zwischen Spannung und Entspannung zu erreichen. Nur so kann es sich vor psychischen und physischen Schäden schützen. Besteht längere Zeit ein Ungleichgewicht, setzt der Hund alles daran, dem entgegen zu steuern.

    Für die Reiz - Reaktions - Muster gibt es neben allen Mischformen folgende extreme Varianten: a) sehr starke Reize und sehr geringe Bereitschaft zur Reaktion (Hund reagiert kurz dann ist alles wieder o.k.) b) sehr starke Reize und extrem hohe Bereitschaft zur Reaktion (Hund reagiert sich ab und ist "ausgelastet") c) sehr schwache Reize und extrem geringe Bereitschaft zur Reaktion (Hund bleibt liegen und schläft weiter) d) sehr schwache Reize und extrem hohe Bereitschaft zur Reaktion (Hund ist unterfordert)

    für das Thema ist Punkt d relevant:

    Wenn auf einen Hund, der eine extrem hohe Bereitschaft zur Reaktion (also eine niedere Reizschwelle) besitzt, ständig nur sehr schwache Reize einwirken dann besteht ein starkes Ungleichgewicht zwischen Spannung und Entspannung. Daraus resultiert schliesslich der sogenannter "Triebstau": Der Hund will agieren, hat aber keinen ausreichend starken Auslösereiz. Deshalb senkt er seine Reizschwelle (natürlich nicht bewusst), so dass selbst schwächste Reize eine Reaktion auslösen können und das Gleichgewicht zwischen Spannung und Entspannung wieder hergestellt wird.

    Der Hund reagiert dann häufig auf die geringsten Reize mit unangemessener Heftigkeit. Aggressive Handlungen gegenüber fremden Hunden, fremden Menschen und sogar gegen die eigenen Besitzer sind denkbar. Der Hund kann sich aus nichtigem Anlass in wahre Bellorgien hineinsteigern, bekommt Anfälle von Zerstörungswut usw. So versucht er, seinen Erlebnishunger zu stillen.

    In diesem Zusammenhang seien besonders all die Hunde genannt, die bis vor kurzem als Arbeitstiere gezüchtet worden sind, Beispiel Hütehunde - Border Collies, Aussies, Collies u.v.m. - die plötzlich "nur noch schön" sein sollen. Hysterisch kläffende, oftmals unkontrolliert um sich schnappende oder exzessiv jagende Hunde füllen die Tierheime. Die Liste liesse sich natürlich fast endlos erweitern: Jagdhunde, die Autos fangen, Nordische Hunde, die stundenlang streunen gehen, Schutzhunderassen, die fremde Menschen anfixieren und attackieren usw. usf.

    Fazit: Jeder Hundebesitzer hat dir Pflicht und Schuldigkeit, sich über die Bedürfnisse seines Hundes zu informieren und ihn dann so zu fordern, dass o.a. Reizschwellenerniedrigung nicht eintritt.

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    ©bei der Autorin 2002

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