• Hundler Fachjargon Teil 2

    Reizvolle Erklärungen. Das grosse Aufräumen mit Vorurteilen

    Berühmtes Beispiel einer absichtlichen Fehlprägung sind Konrad Lorenz` Graugänse. Statt der Gänsemutter zog er zum richtigen Prägezeitpunkt die Aufmerksamkeit der Küken auf sich. Folge: Sie liefen und flogen ihm nach und nicht ihresgleichen. Prägung ist, wenn die erworbene (vermittelte) Kenntnis auslösender Objekte zeitlebens beibehalten wird. Vergessen ist ein wesentliches Merkmal alles Erlernten. Das Gelernte wird aber nicht nur beibehalten, sondern das Objekt der Prägung wird zeitlebens bevorzugt. Eine Prägung findet immer nur in einer bestimmten empfindsamen Zeitspanne statt. Verstreicht diese Zeit, kann das Tier nicht mehr geprägt werden, höchstens noch korrigiert. Zeitpunkt und Dauer können je nach Individuum unterschiedlich sein, vor allem ziehen sie sich bei Langsam-Entwicklern (grosse Rassen) hin. Nach langer und nachweisbarer Erfahrung ist die Zeit zwischen der fünften und zwölften Lebenswoche die entscheidende. Anders lautende Zeitspannen sind unbegründet. Für die weitere Sozialentwicklung ist es entscheidend, dass und wie der Welpe von Züchter und Haltern auf andere Menschen und ihre Umgebung geprägt wird. In der ersten Prägungszeitphase vom Züchter, dann, wenn die Personen nicht dieselben sind, fortgesetzt vom künftigen Halter. Vergleiche lassen besser verstehen: Es ist Prägung im Kernlernalter, wenn viele Kinder die Berufe mindestens eines Teils ihrer Eltern ergreifen, oder von dominanten Umwelteinflüssen beeindruckt werden.

    Sozialprägung

    Diesem Begriff widme ich ein eigenes, kurzes, aber eindringliches Kapitel. Ich wiederhole mit prägender Absicht: Nach allem, was Hundeinteressierte inzwischen wissen können, und das ist nicht wenig, ist eine Prägung auf Sozialfähigkeit in der Kernprägezeit zwischen dem fünften und zwölften Lebenswoche entscheidend für die künftige Entwicklung des Hundes. Und zwar aller Hunde. Zweifellos wird jedes Lebewesen ein Leben lang geprägt. Aber die beeindruckendste und entscheidende Zeit ist die eben erwähnte, vom „Entdecker" der Prägephase, Konrad Lorenz erklärte.

    Was man (Hundezüchter und -halter wie -ausbilder) in dieser Zeit versäumen oder falsch verstehen, wird dem Hund zu drei Vierteln für den Rest des Lebens erschwert. Für mich, der sehr selbstbewusste Hunde bevorzugt, ist diese Zeit die wichtigste. Kleinste Hundetypen müssen in dieser Zeit ebenso angstfrei, aber umsichtig und selbstsicher aufgebaut werden wie grosse, später sehr wehrhafte. Die Übertragung aller Charaktermerkmale der prägenden Menschen um den jungen Hund herum erzeugt den künftigen Charakter des Hundes - quasi ein Spiegel derer, die ihn geprägt habe, schlecht oder gut.

    Menschen übertragen im Grunde ihre Anlagen, ihren Charakter und ihre Erfahrungen auf ihre Hunde. Prägung muss heute heissen: Vorbereitung für das künftige Leben. Auch Arbeitshunde, so erzählte mir ein Border-Collie-Trainer, in Grossbritannien werden leider isoliert auf die schlichte Arbeit als Treiber und Hüter geprägt. Quasi von der Mutter weg an die Schafe, und dann - oftmals - an die Kette. Falsch. Er muss auch auf seine unmittelbaren Arbeitsbereich geprägt werden, also an Strassenverkehr, an Fähren, an andere Menschen und Tiere. Dieser junge, hochtalentierte Trainer holte sich für einen Haufen Geld einen Jungrüden aus England, der eben diese Sicherheit schon drauf hatte. Ein unsicherer Hütehund steckt Schafe an. Panik zeugt Panik. Das gilt für alle Hunde und alle Präger. Vor allem aber für sehr wehrhafte und sehr selbstbewusste eigenständige Hunde wie zum Beispiel Herdenschutzhunde, die mehr können als nur ihre Schützlinge zu bewachen. Aber dazu müssen sie vorbereitet werden, von klein auf. Wie alle Lebewesen.

    Sozialprägung ist im Grund einfach: Der Welpe soll weder unter- noch überfordert werden, vor allem nicht körperlich. Er soll mit allem in Kontakt treten können, alles kennenlernen (und vorsehen), was ihn in seinem künftigen Leben begegnen könnte.

    Eine Gluckenmentalität behütet nicht, es macht Neurotiker, Ängstliche, Angstbeisser. Eben Hunde, die so geprägt wurden, als gäbe es ausser der Wohnung ihres Halters nichts mehr auf dieser Welt. So werden von ängstlichen Erwachsenen auch Kinder von jeglichen Erfahrungen isoliert. Für das Überleben jedes Lebewesens ist das eine zeitlebends wirkende Höchststrafe. Es kann auch das Leben vorzeitig kosten. Wenn ein Welpe in freier Wildbahn nicht seiner Mutter gehorcht, stirbt er. Wenn er Gefahren nicht kennenlernt, stirbt er an ihnen. Wenn er nicht lernt, wie man überlebt, überlebt er vielleicht nicht.

    Für mich ist die Sozialprägung schon beim Züchter oder auch im Tierheim der Entscheidungsgrund für oder gegen einen Welpen. Sozialprägung ist also entscheidend. Alles andere sind nur noch Korrekturen und weitere Erfahrungen.

    Konditionierung

    Konditionieren heisst: Das Ausbilden bedingter Reaktionen (Reflexe). Ein unbedingter (angeborener) Reflex wird durch einen natürlichen Reiz ausgelöst (zum Beispiel das Augenschliessen bei Gegenwind). Der angeborene Reflex kann jedoch auf einen unwirksamen (zum Beispiel für Hunde neutralen) Reiz übertragen (konditioniert) werden, indem dieser mehrmals mit dem angeborenen Reflex gekoppelt wird. Beispiel nach dem Pawlowschen Reflex: Kurz bevor man dem Hund ein Leckerle zeigt, klingelt eine Glocke. Nach wiederholten Versuchen läuft ihm schon das Wasser herab, wenn man nur mit der Glocke läutet. Er verknüpft das Läuten mit der Wurst. Das Geheimnis des Belohnungsystems (positive Verstärkung) bei der Dressur.

    Dominanz und Aggression

    Was unter Wölfen gilt, sollte den Hundefreunden unter Menschen verständlich sein: Dominanz und Unterwerfung sichern den Frieden und die soziale Ordnung. Dazu kommunizieren die Tiere mit deutlicher Körper- und Lautsprache. Dominanz und Unterwerfung im Rudel schützen vor innerartlicher Ausrottung. Dies sollten sich einige Hundepädagogen in Erinnerung rufen, wenn sie eine dieser beiden Hauptordnungen unterdrücken oder missverstehen. Vielfach wird schon das Wort Dominanz als Bedrohung empfunden, weil man von sich ausgeht. Eine Begriffserklärung: Dominieren kommt aus dem lateinischen dominari (überlegen sein). Heute wird dies meist als „beherrschen" oder „vorherrschen" verstanden. Dominanz ist eine veranlagte und erlernbare Eigenschaft. Selbstsicherheit darf nicht mit Dominanz verwechselt werden. Aggressive Dominanz jedoch ist ein Sprengsatz, der oft herangezüchtet oder gar gefördert wird. Das Scharren nach dem Markieren wird dominanten Rüden oft als Fehler angekreidet. Dominanz ist bei vielen, schon selbstsicheren Rüden in Einzelhaltung und ohne viel korrigierenden Kontakt zu anderen Hunden eigen. Hündinnen können auch dominant sein. Aber sie scharren viel weniger, sie markieren kaum. Ihre Dominanz äussert sich nur anders.

    Foto: Unbekannt
    Foto: Unbekannt

    Der Rest zu diesem Thema - Dominanz und/oder Aggression - ist entweder eine wirkliche Verhaltensstörung, eine gewünschte, also anerzogene Eigenschaft oder eine biologische, weil durch Selbstbewusstsein bestätigte. Vererbte Anlagen zur Dominanz soll man nicht austreiben, sondern auf ein sozialverträgliches Mass korrigieren. Wenn ein selbstbewusst geprägter Hund versucht, dominant zu werden, so ist das noch lange kein Grund, dies als Verhaltensstörung zu bezeichnen und zu therapieren. Der Dominanz-Versuch ist eine veranlagte Selbstsicherheit. Geht der Versuch jedoch in die Verwirklichung einer Vorherrschaft über, ist Therapie angesagt. Und zwar bei denen, die diese asoziale Dominanz verursacht beziehungsweise zugelassen haben, also der oder die Halter. Die überwiegende Aufgabe liegt an den Menschen. Das fängt schon beim Spaziergang an. Er darf sich auslassen, was auch für seinen Urinhaushalt gilt. Dann aber, wenn er bei Fuss gehen soll, fängt der Übergang zur möglichen Hundedominanz an. Ein psychisch starker, dominanter Hund versucht, ständig zu markieren, zu tun, was ihm beliebt. Hier muss der Halter dominant einwirken und das „grundlose" Markieren unterbinden. Tut er dies nicht, belässt er den Anfang zur Hundedominanz. Wer dies unter Kontrolle behält, muss erfahren sein im Umgang mit dominanten Hunden. Unerfahrene geraten bei physisch starken Hunden unter die Pfoten. Dominanz kann herausgefordert werden, wenn sich selbstsicherer oder unsicherer Hund und Mensch Aug in Aug gegenüberstehen. Wie Nahkämpfer (Boxer), die durch diese Augenfixierung (starrer Blickkontakt) herausfordern wollen: Wer ist der stärkere von uns beiden? Hunde kämpfen anders. Selbstsichere können zum Angriff übergehen, unsichere weichen oder aus Angst präventiv angreifen.

    Es gibt sie, die grundsätzlich weniger dominanten (Hunde). Für eine Familie ohnehin die einzig richtige Wahl. Doch Vorsicht vor verallgemeinernden Versprechungen: Ich kenne allein zwei Fälle, wo gern als automatisch kinderlieb gepriesene Golden Retriever (beides Rüden) zu dominant-aggressiv wurden. Die konsequent eine Therapie befolgende Halterin konnte den Hund kurieren, aber nicht die eigentliche Schwierigkeit: ein zur Pflege aufgenommenes, verhaltensgestörtes Kind, das seine Macht am Hund ausprobieren will, wenn die Eltern nicht da sind. Der Hund wurde zwar in der Rangfolge abgewertet, aber das Kind wird dies als Aufwertung missbrauchen. Der Konflikt ist programmiert, wenn das Kind nicht unter elterliche Kontrolle gerät.

    Dominanz kann genetisch veranlagt sein. Bereits im Alter von zwei Wochen agieren dominante Welpen gegen die Wurfgenossen. Das Dominanzverhalten ist ein breites Feld - es reicht von aufdringlichem Bestimmen bis zur Aggressivität. Lässt man den dominanten Welpen vor lauter Entzücken über seine Stärke gewährten, versucht er stets und überall, seine Wünsche durchzusetzen. Das fängt damit an, dass er als erste durch die Türe drängt, will ans Futter gelangen, bevor man ihm die Schüssel hinstellt, bellt, wenn er was will, und endet keineswegs mit allerlei Widerständen.

    Es ist eine Hausaufgabe für Halter, denn das Problem entstand zu Hause, hat also nichts auf dem Schutzhundeplatz verloren. In jedem Fall sollten sich die für diese Hunde nur menschlichen Dosenöffner daran gewöhnen, dass das rangunterste Mitglied, also der Hund, zuletzt frisst. Wie im richtigen wilden Hunderudelleben.

    Auf dem Platz wird dem Hund Dominanz ausgetrieben, aber zu Hause darf er aufs Sofa, ins Bett, nimmt sich jeden Thron, den der Boss oder die Herrin besteigt, liegt da, wo er will. Sollen doch die anderen Rudelmitglieder ausweichen! Fehler über Fehler aus Nachlässigkeit oder Unverständnis, wo Dominanz wohnt. Wie soll der Hund unterscheiden, wo er dominant sein darf und wo nicht? Er nimmt sich in biologischem Eigennutz das, was er kriegen kann. Inklusive Betteln, wenn ihm erst aus Inkonsequenz das Betteln trainiert wird, weil er „ausnahmsweise" kleine Häppchen vom Tisch bekommt. Ausnahmen bestätigen eben die Regel.

    Es ist leider so, dass zunehmende menschliche Aggression und Herrschsucht die Wahl des Hundes beeinflusst. Hier ist der Mensch wieder der Verursacher und der so genannte Kampfhund nur das willfährige Objekt. Die andere, wesentlich schwieriger zu erfassende Gruppe sind Menschen, die sich - aus gegebenem Anlass oder aus Angstgefühlen - bedroht fühlen. Sie wählen einen schon äusserlich einen wehrhaften bis abschreckenden Begleiter. Schutzgefühle sind mal vorgeschoben (es könnte ja mal der Fall eintreten), wobei die mentale Vorbereitung einer Erwartungshaltung gleichkommt.

    Wie auch immer diese berechtigten - bei überfallenen Frauen verständliche - Gefühle verarbeitet werden: Wenn ein Hund Sicherheit vermittelt, muss seine Aufgabe immer noch sozialverträglich gestaltet werden und nicht bloss als vierbeinige Waffe, die unkontrollierbar nach hinten, zum Besitzer, losgehen kann. Ein präventiv aggressiver Mensch wird immer einen gleichartigen Hund heranziehen wollen - und einen solchen Typ auswählen. Ein ängstlicher Mensch einen entsprechenden unsicheren Hund. Darin liegt der Fluch des anpassungsfähigsten Begleiters. Freilich tummeln sich hier meist geplagte Menschen, die ihre Minderwertigkeitsgefühle über den Hund kompensieren wollen. Militärgeist kommt auf den Hund. Unterdrückte im Berufs- und Privatleben unterdrücken vierbeinige Rekruten. Die meisten Schutzhunde-Ausbildungs-Methoden für Privatpersonen fördern nur auf den treuen Soldaten übertragene Wunschbilder vom Rambo auf vier Beinen, aber keinen jederzeit und überall selbstsicheren Hund. Weil die meisten Menschen, die von ihrem Hund ein solches soldatisches Reagieren verlangen, selbst unsicher sind. Aber sie würden es nie zugeben. Ein freiheitlich denkender Mensch wird seinen Hund niemals auf solche Schulen schicken. Wer seine Aggressionen verarbeiten will, der möge eine sozialmenschliche Kampfschule besuchen. Da lernt er erstens, hart an sich zu arbeiten und zweitens, selbst einzustecken und nicht nur auszuteilen. Erst dann ist er reif für einen Sozialpartner auf vier Beinen.

    Diensthunde müssen leichtführig sein. Nicht ohne Grund werden dazu meist Schäferhunde herangezogen. An eigenständigen Hunden, denen früher andere, vor allem selbstständige Aufgaben zugewiesen wurden, beissen sich unflexible Ausbilder die Zähne aus. Und wenn sich solche Ausbilder blamiert fühlen, werden sie oft gewalttätig. Das Versagen ist komplett. Die Ausbildungsmethoden müssen dem jeweiligen Individuum angepasst werden und nicht jeder Hund einer einzigen Methode. Devote Hunde sind „einfach", selbstbewusste jedoch fordern heraus. Mit selbstbewussten Tieren muss man umgehen können. Dies ist jedoch bei den meisten Ausbildern unbeliebt, weil sie nicht herrschen dürfen. Ein selbstbewusster Herdenschutzhund wird jeden unflexiblen Schutzhundeausbilder bis auf die Knochen blamieren, wenn der Figurant überhaupt ungeschoren davonkommt. Deshalb sind solche Methoden absolut tabu für psychisch wie physisch starke oder psychisch sehr weiche Hetzhunde. Gerade ein selbstsicherer Hund, der seinen Rang und Platz kennt, gehorcht der Autorität. Aber dies bedeutet Arbeit mit dem Hund - nicht gegen ihn.