• Hundler Fachjargon Teil 1

    Reizvolle Erklärungen. Das grosse Aufräumen mit Vorurteilen

    Wie wollen wir unseren Hunden etwas beibringen, wenn wir nicht wissen, was ihnen angeboren ist, wie sie lernen, wie sie agieren und reagieren? Und warum sie das tun. Hier sind eine Reihe elementarer Verhaltensbegriffe erklärt, die das Lernen mit Tieren erst ermöglichen. Wer versteht, macht es sich und dem Hund leichter. Fachjargon wird gern zitiert, nicht immer korrekt oder gar verständlich, meist aber pauschaliert.

    Angeborener Auslöse-Mechanismus (AAM)

    Man kann dies auch als angeborenes Erkennen oder Instinkthandlungen bezeichnen. Es ist die Vorstellung von einer dauernd auflaufenden zentralen Erregungsproduktion, die durch zuständige Stellen dauernd in Schranken gehalten wird. Diese Hemmungen müssen im biologisch richtigen Augenblick beseitigt werden. Beispiel: Der Suchautomatismus eines Säuglings oder Welpen - ein rhythmisches Kopfpendeln beim Brustsuchen - wird dann gehemmt, wenn das Kind oder der Welpe mit dem Mund die Brustwarze berührt.

    Schlüsselreize

    Dieser nervengesteuerte AAM gibt den zentralen Impulsen erst beim Eintreffen bestimmter Reize die Bahnen zu den Erfolgsorganen frei. Diese Schlüsselreize sind oft einfach: Man ermittelt sie durch Attrappenversuche an unerfahrenen Tieren. Die AAM, die unkontrolliert auf einfachste Reize ansprechen, können durch individuelle Erfahrung (über das Auswählen) gewinnen. Beispiel: Ein Welpe, der zunächst wahllos nach bewegten Objekten schnappt, lernt durch Verbotszeichen, Ungeniessbares zu vermeiden.

    Erworbener Auslöse-Mechanismus (EAM)

    Der Welpe erwirbt durch Lernprozesse zu seinem angeborenen AM Erfahrung. Hat er einmal eine schlechte wie eben beschrieben gemacht, meidet er so lange durch weitere Versuche, bis er begreift.

    Angeborener Antriebs-Mechanismus

    Im Zusammenspiel mit den angeborenen und erworbenen AM bewirkt er, dass Organismen spontan aktiv werden, vereinfacht "Trieb" genannt. Das Tier reagiert auf einen Reiz.

    Bedingte und unbedingte Reize

    Von allen verschiedenen Sinnesreizen, die ein Tier wahrnehmen kann, lösen nur relativ wenige angeborene Reaktionen aus. Bei einem Hund aktivieren zuerst nur jene Reize einen Speichelfluss, die von einem Futterbrocken kommen. Ein entsprechend angelernter Hund zeigt diese Reaktion zuletzt auch auf ein anderes Signal (Hör- oder Sichtzeichen) allein. Dabei müssen wir zwischen wahrgenommenen und auslösenden Reizen unterscheiden. Die ersten sind von den Sinnesorganen her bestimmt (bedingt), die unbedingten (auslösenden) sind erforschbar. Es gibt auch Reizkombinationen, worin Menschen sehr geschickt sind. Hunde weniger. Sie bevorzugen ihre Sinnesleistungen, und dabei oft getrennt voneinander entweder Geruch oder Gesicht. Spürtalentierte Hunde fixieren sich auf ihre Geruchsleistung, auf Gesicht arbeitende wie zum Beispiel Hetzhunde aktivieren eher ihre auf Bewegung koordinierten Augen. Darauf muss im Unterricht mit Hunden Rücksicht genommen werden. Katzen koordinieren übrigens Geruch und Gesicht und Bewegung besser. Beispiel für eine unbedingte Alltags-Reaktion: Ich hatte zum Abendessen, Spaghetti Vongole, Rotwein in eine Karaffe eingefüllt. Diese Karaffe hatte ich vorher nie benützt. Nun stand sie, gespült, zum Trocknen auf dem Sims zur Toilette. Sabah (in memoriam) kam nach dem letzten Gang in die Küche und knurrte sofort sehr erregt und fast aggressiv, wie zu einer Verteidigung, sah dabei in Richtung Spüle. Was erregte sie, wie eben nie zuvor? Die Karaffe, die nie zuvor dort ausgestellt war. Sie ging auf die Karaffe zu, ich zeigte sie ihr, sie durfte daran schnuppern, erst danach legten sich ihre Nackenhaare. Was lernen wir daraus? Hunde können ein phänomenales "fotografisches Gedächtnis" haben, was in ihrem Revier "hineingehört" und was als plötzlicher Fremdkörper auftaucht. Was aus diesem Gewohnheits-Muster herausfällt, wird als Fremdling angezeigt.

    Reizschwelle

    Diese Schwelle ist der kritische Zeitpunkt für das "Losbrechmoment" eines Lebewesens. Vielfach ist von niedriger oder hoher Reizschwelle die Rede. Damit ist nicht die Stärke, sondern die Zeit bis zum Anschwellen gemeint, an dem ein Tier reagiert: je nach individueller psychischer und physischer Gesundheit, Temperament, Veranlagung und Aufgabenschulung heftig, verzögert träge oder kaum merklich. Dieses Schlagwort ist nicht pauschal anzuwenden und vor allem keine messbare, also fixe Formel, sondern eine höchst variable. Sie ist durch züchterische Selektion und Prägung stark zu beeinflussen, negativ wie positiv. Negatives Beispiel sind leider oft Bullterrier oder Rottweiler, positives etwa Irish Wolfhounds. Eine niedrige Schwelle bedeutet: es bedarf nur weniger Reize innerhalb kurzer Zeit, bis der Hund reagiert. Eine hohe Schwelle meint: es vergeht mehr Zeit und braucht starker Reize, bis der Hund reagiert. Es muss nicht ein einzelner Reiz sein, der die Reaktion auslöst; es können mehrere (Umgebungs-) Reize zusammenwirken.

    Reizschwellen kann man "züchten", das heisst: beeinflussen. Zwei Beweise extremer Beispiele, eines mit der wahrscheinlich rassedurchgängig höchsten, das eine mit der leider ebenso niedrigsten: Irish Wolfhounds waren vor ihrer Rekonstruktion im Mittelalter rabiate Grosswildkiller, danach jedoch Lämmer; geboren aus Deerhounds und Doggen. Die Bullterrier-Varietäten können, durch geeignete Selektion der Vererber und Prägung, sehr verträglich sein, die Mehrheit der Halter wünscht sich jedoch den kompakten Allesfertigmacher. Züchter können diese Schwelle wieder sozialverträglicher gestalten. Wenn sie es wollen.

    Der Begriff der Reizschwelle ist subjektiv. Ein Beispiel: Gesunde aktive Herdenschutzhunde haben wegen ihrer Selbstsicherheit und Kraft im Hundeverständnis - aber nicht bei einer von ihnen empfundenen Bedrohung - eine hohe Reizschwelle, die sich nicht mit der Einschätzung von Menschen decken muss. Oder: Jagdhunde zeigen gewünschte "Schärfe" bei der Arbeit, aber nicht zu Hause.

    Appetenz-Verhalten

    Tendenz, die sich auf das Erreichen eines Zieles richtet: ein Bedürfnis. Beispiel: Ein Hund, der "Appetit" nach dem Jagen und Beutemachen bekommt, strebt danach, durch Totschütteln und Zerbeissen einer natürlichen oder Ersatzbeute (Gegenstände) dieses Bedürfnis abzureagieren.

    Angeborene Lerndispositionen

    Nicht jedes Tier lernt alles zu jeder Zeit gleich gut. Das Lernen ist vielmehr programmiert: durch angeborene Lernbegabung oder sensible Zeitspannen, in denen aus Erfahrung etwas Bestimmtes bevorzugt wird (positive Erfahrung).

    Erbkoordination

    Im Verhaltens-Vorrat eines Lebewesens trifft man auf wiedererkennbare (formkonstante) Bewegungen, die nicht erst gelernt werden müssen. Sie sind - wie körperliche Merkmale - Kennzeichen. Man kann auch von einem angeborenen Können sprechen. Erbkoordination ist das entscheidende Kriterium der Bewegungsabläufe.

    Erfahrung (Lernen)

    Lernen ist: erfahren können. Das Anpassen an Umweltsituationen, die sich oft verändern. Den Wert des Lernens begreifen wir empfindlich im Gegenteil: durch Isolation oder Entzug. Nach Erkenntnissen der meisten Vererbungsforscher (Genetiker) besteht der mögliche "Haushalt" aus Intelligenz und Überlebensfähigkeit zu fast drei Vierteln aus Lernen und nur zu einem Viertel aus Veranlagung (Vererbung). In der Praxis bedeutet dies für Hunde-Ausbildung: aus einem vielleicht minderbegabten Hund kann man durch bestmögliches Lernangebot und -training noch einen "gescheiten" Hund machen. Umgekehrt kann ein isolierter oder seiner Umgebung entzogener, hochtalentierter Hund dumm bleiben oder werden.

    Hier finden Sie die anderen bisher vorliegenden Beiträge zum Stichwort "Fachjargon":

    Teil 2 Teil 3