"Wind" ist keine Arbeitsbezeichnung, aber Hetzen. Das Englische kennt folgerichtig nur "Sighthound", weil diese Hunde vornehmlich auf Sicht arbeiten.
Man dichtet den Hunden eine gewisse erhabene Arroganz an. Das ist aber kynologisch wesentlich tiefer gehängt. Weil sie eben nur auf Sicht arbeiten, also mit den Augen, halten sie ihren Kopf notgedrungen immer oben, nie gesenkt wie auf Fährte gezogene Hunde, die meist nur mit dem viel besseren Organ, der Nase arbeiten. Das gibt bei Hetzhunden aber jenes erhabene Bild. Mehr ist nicht dran.
Was den Bewegungsdrang und die Wacheigenschaften angeht, sind diese, auf Sicht arbeitenden, meist sehr grossen Ex-Jägerhunde den Schlittenhunden im generellen Bedürfnis (nicht in der Art) sehr ähnlich. Nur dem Irischen Wolfhound kann wegen seiner wolfsähnlichen Riesenstatur eine äusserliche Schutzwirkung zugeschrieben werden. Die beispielhaft hohe Reizschwelle ist das eigentlich imponierende an der Rekonstruktion aus den Solo-Wolfskillern - vor grauer Zeit.
Hetzhunde haben keine ursprünglichen Aufgaben mehr. Früher waren es durchaus multifunktionale Helfer. Der alte Afghane etwa, in seinem Herkunftsland, sollte auch hüten, türkischen und kurdischen Herdenschutzhunden wie dem Akbash (der einen wolfs- und hetzhunde-ähnlichen Körperbau hat) oder auch Kangal wiederum tragen noch Hetzhundeblut in sich.
Wer diesen Hunden, selbst dem kleinsten Windspiel, keinen ausreichenden Auslauf (oder artgerechte Rennen) bieten kann, sollte auf einen Hetzhund verzichten, oder ihn etwas zum Therapiehund ausbilden lassen. Leider nutzt man diese sensiblen Hunde oft nur noch in Wettrennen aus. Dort ist aber mehr oder weniger viel Geld im Spiel.
Die Typen: Irish Wolfhound, Barsoj und Deerhound (75 bis über 90 Zentimeter und 45 bis gut 70 Kilo), Afghane, Galgo, Saluki, Sloughi, Azawak und Greyhound (zwischen 60 und 75 Zentimeter und 25 bis 35 Kilo) sowie Whippet (maximal 50 Zentimeter und 20 Kilo und Italienisches Windspiel (maximal 45 Zentimeter und 15 Kilo).
Greyhounds damals und heute*
Die ersten beiden haben rauhes, mittellanges Stockhaar (gemäss ihrer nördlichen Herkunft), der schottische Verwandte des Iren, der Deerhound (den kann man auch als rauhaarigen grossen Greyhound bezeichnen), ist in allem etwas zierlicher - wobei aber durchaus ein kräftiger Rüde auf den ersten weiten Blick mit einer leichten IW-Hündin verwechselt werden kann. Die modernen Barsoj haben heute nur noch seidiges Langhaar mit wenig Unterwolle, früher war das nicht so elegant, aber wettertüchtiger, der Afghane war früher ebenfalls wetterfester, heute mit langem, seidigen Haar, der spanische Galgo ist ein kurzrauhaariger Typ (Herkunft wie der Greyhound auch keltisch), den nordafrikanische, kurzhaarige Sloughi kann man vom ähnlichen Saluki unterscheiden, weil er im Gegensatz zum Hund aus dem Iran/Irak nicht an den Ohren, Läufen und Rute fein gefedert ist. Beide Hunde sind sich aber auch in ihrer Geschichte ähnlich.
DeerhoundDaraus wird ersichtlich, wie eng diese Spezialisten alle miteinander verwandt sind, denn das Hetzen ist eine der ältesten Aufgaben des Haushundes. Und einzig im arabischen Raum gelten diese Hunde etwas im sonst eher hundefeindlichen Islam. Sie nehmen hinter den Greifen und Pferden einen verehrten Platz ein, aber nie im Raum des Herrn.
AzawakhDer Azawak, kurzhaariger Hetzhund aus dem westlichen Sahara-Gebiet der Tuareg um Mali und Niger, ist rein körperlich so extrem wie der Greyhound: sehr hochläufig (bis zu 75 Zentimeter) bei sehr wenige Gewicht (maximal um die 25 Kilo). Man kann ihn auch Tuareg Sloughi nennen. Er soll früher der Dauerläufer gewesen sein, der Azawak (im englischsprachigen Raum auch Azawakh) wurde auf dem Rücken des Pferdes - vor dem Reiter - zur Jagd geritten, und dann losgelassen. Die buchstäblich atmenraubende Jagd kann dann schon mal einige Stunden dauern. Der Hund stoppt seine Beute durch Bisse in die Kniekehlen - eine auch anderen Hunden bekannte Jagdtechnik. Dann wartet er auf seinen Herrn, der das Opfer tötet.
In den Wettländern Grossbritannien und Irland gibt es noch die Lurcher: Kreuzungen, grösser noch als der Greyhound, manchmal gar fast 80 Zentimeter. Die Hunde werden zur fragwürdigen Erbauung der Wetter auf lebende Hasen gehetzt. Es gibt nach dem brutalen Ausrangieren der Hunde aber auch welche, die als Renn-Rentner die zugewiesenen Feind-Hasen als Hausgenossen schätzen.
Besonders Greyhound und der etwas kleinere spanische Vetter Galgo werden Opfer einer menschlichen Sucht: dem Wettrennen. Die Entsorgung dieser Berufsrennhunde geht weit über das Mass an justiziabler Tierquälerei hinaus. Es ist noch ein weiter Weg in der EU, bis dies aufhört.
GalgoDie speziellen Körperformen und darauf ausgerichteten Sinne des Bewegungsjagens auf Sicht sind sichtbar für Hundefreunde: auch bei alten, also noch gesunden Bild-Vorlagen extreme Hinterhandausmasse und auf grösstmöglich weitausgreifenden Vortrieb ausgerichtete Winkelung und Längenverhältnisse, tiefstmöglicher, aber schmaler Brustkorb, um die ausgreifenden Schritte nicht zu behindern (Gegenteil: Molosser), geringstmögliche Kopfgrösse (schon aus aerodynamischen Gründen).
Wer meint, dass dies sie schnellsten sind, irrt. Schnelligkeit ist hier nicht das reine Springvermögen, da wären kleine Terrier oder Hütehunde fixer. Auf den ersten Metern aber nur. Denn dann kommen die Hetzer in Schwung, dann machen sie durch ihre Körperverhältnisse Meter und Meter und rasen an den Kurzstrecklern vorbei. Diesen Schwung in voll ausgedehnten Laufgliedern bei grösstmöglichem Luftdurchsatz (andere Hunde sind da vergleichsweise kurzatmig, ausser den Schlittenhunden als Ausdauertraber) nehmen sie dann über weite Strecken mit. Im Vergleich zu Rennpferden, deren Endgeschwindigkeit ein Greyhound (das sind die schnellsten auf dem Renn-Course) bei weit über 60 km/h auch erreicht, sind die Rennhunde aber auch wieder eher Kurzstreckler.
Whippet Whippets, die kleine Form der Greyhounds, sind durch weniger raumausgreifende Körperverhältnisse, fast so schnell, die grösseren arabisch-asiatischen Formen der Azawak (aus Mali und Niger stammend), Saluki und Sloughi ebenso fast so schnell. Die Afghanen, die - wie fast alle Hetzhunde modernen Standards - auch in England "veredelt" wurden, zu was auch immer - sind durch ihr langes Haarkleid natürlich gehandicapt (auch wenn man rein optisch schwärmen könnte, wie elegant leicht das aussieht, wenn sie rennen), wie die Barsojs und Deerhounds durch ihre Grösse, die oft um die 80 Zentimeter beträgt.
Rennkurse sind wichtig für diese Hunde, auch für die durchschnittlich noch grösseren Irish Wolfhounds, damit sie wenigstens einen Ersatz für ihre doch so verschwärmten Eigenschaften ausleben können. Einen Hetzhund in einer kleinen Wohnung in einer Stadt zu halten und ihn nur an der Flexileine um den Häuserblock zu führen ist schlichte Tierquälerei. Es ist nur erfreulich, dass die meisten Halter fettleibiger sind als die Hunde. Einen fetten Hetzhund auf einem Rennplatz führt zu deutlich verhärmten Blicken der Halter, die die Rippen von weitem sehen wollen. Mitunter sind aber karikierende Beispiele vom Wunschdenken an Körperformen zu beobachten.
Die klimatischen Verhältnisse hier sind manchen Hetzhunde-Haltungswünschen fremd, Hunde wie ein eben nicht gut isolierter Azawak aus dem heissen Mali müssen hier gesund adaptiert werden. Barsojs ist die frühere notwendige Unterwolle abgezüchtet worden, nur wegen des Äusseren. Der hochelegante Ex-Russe diente nur noch einigen Colliefans dazu, ihre in ihren Augen zu groben Arbeitshunde zu veredeln. Sie kreuzten den Barsojs ein. Daraus wurde der bezeichnenderweise smooth Collie gezüchtet. Das unpraktische Haarkleid mitsamt der Hirn-, Gesichtsfeld- und Gebissraumverengung. Aber er sollte ein Hütehund bleiben. Die besseren blieben die Border Collies.
Dass Hetzhunde keine Allrounder sind, kann man den Hunden nicht ankreiden. Daraus resultieren auch mitunter menschlichdumme Benotungen, was eine Intelligenzleistung angeht. Dass Hetzhunde nicht sehr mit Nase arbeiten, ist bei einem Suchtest natürlich dem Quotienten abträglich. Da bewegt sich vor allem im Kopf der Tester nichts. Denn die Aufgabe ist schlicht falsch. Der IQ ist daher nicht höher als der eines Hetzhundes.
Einem Hetzhund derart menschlichen Unterhaltungs- und Darstellungssucht entnommenden neuen Beschäftigungsarten zuzuführen, ist ebenso artungerecht. Aber typisch menschlich, doch dies gilt auch für andere falsche Hundetypenwahl. Menschen suchen sich auch die komischsten Ersatzwesen aus, um eigene Wünsche zu befriedigen, für die sie selbst völlig ungeeignet wären. Also, verkauft mir die Hetzhunde nicht deswegen für doof, bloss weil sie das nicht machen könne, was die Menschen in ihrem Irrsinn von ihnen verlangen! Dass ein Hetzhund kein Wach- oder Schutzhund oder kein Fährtenhund wird, ist nicht das Problem des Hundes. Hetzhunde brauchen mehr als andere aber engsten Rudel-, also Familienanschluss.
Es sind durch ihre normalerweise geradezu degressive Art (wenn kein Wild in der Nähe ist, wo es natürlich noch juckt, da bricht dann der Ex-Job durch) höchst angenehme, ruhige Genossen.
Der abgedroschene Begriff vom sanften Riesen ist auch hier eine Verleugnung der Kynologie, er wird den Hunden nicht gerecht. Höchst unsanft können sie untereinander werden, auch bei anderen Tieren. Selten durch Bissigkeit, eher durch Rempeln. Das genügt oft. Sozialkluge kleinere Hunde (und das sind fast alle) wissen das und lassen es gut sein. Meist genügt auch ein Brummen von der Tonart einer Basstuba.
Für die falsche Wahl kann der Hund nichts. Aber die Hunde können mehr als ihnen andere zutrauen, sie können wunderbare Aufgaben übernehmen, die uns Menschen fremd geworden sind. Siehe auch Artikel "Hetzhunde - schnell, aber dumm?".
Märchen sind beliebt bei Hetzhundlern. Geschichten aus 1001 Nacht bei den afro-asiatischen Typen oder aus dem mittelalterlichen keltischen Bereich bei den Irish Wolfhounds.
Die letzte schöne, aber durchaus lehrreiche Beschreibung einer Wolfsjagd ist aber beim Weltklassiker Tolstoj in "Krieg und Frieden" zu lesen. Zur Zarenzeit hielten sich die Adeligen (Hetzhunde zählen zu den Jägerhunden und damit waren sie dem Adel vorbehalten, normale Leute durften keine Jagdgründe haben) eine Menge an Barsojs. Eine Dreiergruppe, eingedeutscht: "Sworra", hetzte und trennte (auch dies noch Jagdverhalten) Wölfe. Um sie schliesslich zu töten. Die Adeligen hatten ihren Spass. Es gab schliesslich genug Wölfe, die als Spielzeug dienten, wie weiland auch anderes Grosswild mal in Irland oder Skandinavien, Zentral- und Südeuropa. Überall. Bis das jagdbare Grosswild ausgerottet wurde.
Die Weltkriege taten viel dazu, dass die Grossgrundbesitzer ihre Pfründe verloren, und damit wurden die letzten Grosswildhetzhunde arbeitslos. Die Irish Wolfhounds (IW) oder Deerhounds hatten ihren Job längst verloren. Der immer gern (warum nur der stets ungesunde Schwarm zu Superlativen?) als grösster Hund der Welt - wobei dieser Titel die Deutsche Dogge (warum nur...?) den Titel streitig machte - besungene IW starb aus. Er wurde wieder rekonstruiert aus Restbeständen von grossen Deerhounds und schlankeren, doggenartigen Typen.
Die schönen Lieder aus dem Mittelalter über diesen damals doch wohl eher wilden Riesen sind also im Grunde Etikettenschwindel. Gut so, heute, denn solche Hunde wären hier nicht nur auf den Listen der Grossstadt-Politiker. Heute sind sie ein würdevolles angenehmes Mitglied der mindestens mittelklassigen Gesellschaft. Wer den Platz für die nach wie vor lauffreudigen Hunde hat.
Zu den Nachteilen, die diese - ja schon - höchstreizschwelligen Hunde durch kranke Einstellung vieler Züchter mit auf den immer kürzer werdenden Weg mitbekommen haben, ist ein Link zu einem hundzeitungs-Artikel geschaltet. Der Gigantismus hat viele Väter. Und erzeugte viele kranke Kinder. Ich habe den Eindruck, dass sich zumindest viele IW-Halter und Züchter in Deutschland nun Sorgen machen und mühevoll zurückkehren zu gesunden Beständen. Aber die Inzucht ist zu weit geraten. Andere Halter und Züchter des Grössen-Nebenbuhlers Deutsche Dogge haben ihr Problem nur in Ausnahmen begriffen. Dort ignoriert man weiterhin die beweisbaren Erbkrankheiten. Man schwärmt lieber von den wenigen Methusalems, die als Werbeschild gegen die Tatsachen herhalten müssen.
Der Grössenwahnsinn hat nicht allein viele IW-Züchter ergriffen. Im Gefolge dieser auch - wie bei vielen Jägerhundenzüchtern - intern oft recht elitären Gruppierung von Züchtern gerieten auch Deerhounds, Greyhounds, Whippets immer grösser. Zweckdienlich war dies weder im Coursing, nicht mal dem vergangenen Ziel der Hetzjagd. Die Whippets sollten 50 Zentimeter an Schulterhöhe nicht überschreiten, doch auf Ausstellungen, wo schliesslich die äusserlichen Massstäbe gesetzt werden möchten für jene Halter, die das "brauchen", geraten sie bald an die 60er Marke. Wozu?
Bleiben wenigstens die immer schon kleinsten, die Italienischen Windspiele, mit um die 40 Zentimeter klein?
Italienisches WindspielWird auch hier wieder mal das "Vorbild" Auto übersetzt, wo auch ehemalige Kleinwagen immer grösser werden, eine Klasse höher einnehmen, weil die Mittelklasse auch immer mehr in die Bereiche der Grösseren konstruiert wurde? Welchen Grund hätte diese strikt unfachliche Vergrösserung, wo man doch die ursprünglichen Eigenschaften in den roman- und schwatzhaften Historien immer so hochhält? Das gilt eben besonders für den Hetzhundebereich. Hier betont man doch so gern die körperlich spezifischen Eigenschaften der Schnelligkeit. Von Ausdauer redet keiner mehr, oder gar von normaler Haushaltstauglichkeit. Manche Racer sind so kaputtgezüchtet, dass sie aufgrund der extremen Hinterhand nicht mehr sitzen können. Das gehört nach wie vor zum Haltungsrepertoir auch bei Hetzhunden.
Einigen speziellen Rennhunden ist die natürliche Unterhautfettschicht und auch die normale Dichte an Unterwolle fast abgezüchtet worden. Sie frieren daher sehr leicht und sind feuchtigkeitsempfindlich. Meilenweit entfernt vom Ursprünglichen! Vive la decadence?
Schade um manche - beispielhaft menschenfreundlichen - Hetzhunde. Ist Ihnen eine Beissattacke auf einen Menschen durch einen Hetzhund in Erinnerung?
Weitere Informationen über Hetzhunde in der hundezeitung:
Artikel über den Missbrauch von Rennhunden von Jutta Steffens-Carter "Hetzhunde - schnell aber dumm?": www.hundezeitung.de/top/top-52.html
Ein Artikel über die fatalen Folgen des Gigantismus, nebst spezifischen Erbkrankheiten bei Deutscher Dogge und Irish Wolfhound "Das grosse Elend": www.hundezeitung.de/top/top-35.html
Ein Artikel von Sarah Gunther über einen misshandelten Greyhound "Die Geschichte von Merlin": www.hundezeitung.de/top/top-48.html
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