• Bären-Marken: Abbau von Vorurteilen.

    Damit Sie nicht immer nur an Hunde denken, bringen wir in dieser Serie zur Abwechslung einige Beiträge über enge Verwandte der Caniden. Heute hat es den "Grossen Bären" erwischt.

    Foto: Unbekannt

    Spricht man Kinder auf Bären an, kommen sie den Teddybärenblick: einfach zum Kuscheln und Liebhaben. Wer als Kind keinen Stoffbär halten durfte, dem fehlt etwas - in der Spielzeugkiste und für den Schlummer. Bären in kleiner netter künstlicher oder lebendiger Form setzen Marken als Sympathieträger. Und das nicht nur auf den Etiketten eines Kondensmilchproduzenten. Wie ist es jedoch um die Wirklichkeit bestellt? Unsere Beziehung zu Meister Petz trägt zwiespältige Gefühle. Sie wandern zwischen Bewunderung und Horrorbildern. Als Kinder haben wir den Teddy lieb, als Erwachse verjagen und töten wir ihn. Der Zwiespalt fängt im Kopf an: bei märchenhaften Vorurteilen. Der Kosename „Teddy" stammt von Ted Roosevelt, dem früheren amerikanischen Präsidenten - und begeisterten Bärenjäger.

    Die Zahl der gegenwärtig geschätzten 750 000 Grossbären sinkt dramatisch.

    Markige Vorurteile begleiteten seit Bärengedenken unser Verhältnis zu einem Tier, das wir zudem mit dem eigentumsrechtlichen Begriff des grössten „Landraubtiers" bezeichnen. Das einzige korrekte daran ist der Superlativ „grösste". Raub ist dagegen nur ein menschlicher Begriff. Tiere kennen ihn nicht. Sie nehmen sich aus rein biologischem Eigennutz nur, was sie zum Leben brauchen. Und wenn der grösste Landbeutegreifer, diese Bezeichnung wäre biologisch korrekt, sich bedroht fühlt, wehrt er sich. Doch dies kreiden wir ihm an.

    Dieses egoistische Meinungsbild von der Alleinherrschaft und vom Alleintötungsrecht der Menschen erhellt aus den Schlagzeilen der Medien, hier im Originaltext der Nachrichtenagentur dpa eine Meldung vom 11. August 1998: „Eisbären. Touristen angegriffen. Oslo. Touristen haben auf der nordpolaren Insel Spitzbergen in einer Woche zwei Eisbären erschossen, nachdem die Tiere wiederholt das Zeltlager der Gruppe angegriffen hatten. Zuletzt war eine norwegische Studentin 1995 getötet worden. Besucher auf der Insel werden bei ihrer Ankunft stets ausdrücklich vor der Gefahr durch Eisbären gewarnt."

    Ende der Meldung. Aber kein Ende der Fassungslosigkeit, wie selbst diese versucht neutrale Meldung verdeutlicht. Auf die wesentlichen Aussagen konzentriert: „Touristen erschiessen Bären. Die Tiere griffen Zeltlager an." Warnungen sind geradezu eine Herausforderung, genau dorthin zu gehen, wo andere Lebewesen ihr Lebensrecht verteidigen. Um dann erschossen zu werden. Der Vorwurf des „Angreifens" bleibt unkommentiert im Bericht. Denn er beruht ausschliesslich auf Aussagen der „Angegriffenen". Bedroht haben - wenn schon - zuerst die Touristen. Doch mit solchen noch relativ „sachlichen" Meldungen wird das Bild von der Bestie poliert.

    Die neueste Gefährdung, in Form einer sachlichen Nachricht in ARD/ZDF-Videotext vom 2. November 1998: Eisbären sind nach Erkenntnissen von Greenpeace durch den Treibhauseffekt vom Aussterben bedroht. „Vielleicht müssen wir es noch erleben, dass sie aussterben", erklärte der Leiter einer Arktis-Expedition von Greenpeace. Eisbären jagten ihre Beute ausschliesslich vom Packeis aus. Durch den Treibhauseffekt bilde sich das Eis im Sommer so stark zurück, dass die Bären oft an der Festlandküste zurückblieben. Dadurch fänden sie nicht genug Nahrung. Die Greenpeace-Beobachtungen deckten sich dabei mit den Erkenntnissen einer kanadisch-amerikanischen Expedition. Die Folgen kennen wir, sie sind menschentypisch: Wenn die Eisbären auf dem Festland bleiben müssen, suchen sie sich neue Nahrungsquellen. Und finden sie schliesslich in Menschensiedlungen - auf deren Müllkippen und Vorratskammern. Dann droht den Eisbären der Tod durch Erschiessen.

    Wer sich als Tier gegen Menschen wehrt, wird von ihnen verurteilt und mitunter erschossen. Dazu wird er denunziert mit Vorurteilen. Anders beim Braunen auf der sibirischen Halbinsel Kamtschatka. Dort ist die grösste Siedlungsdichte der Riesen, weil ihnen nicht nachgestellt wurde. Von Unfällen mit Bären ist dort daher kaum die Rede. Die Bären trauen den menschlichen Inselbewohnern. Noch. Vermutlich, bis diese Vulkaninsel vom Tourismus erschlossen wird. Erste Vorkehrungen dazu sind schon geschaffen.

    Zu den extrem teuer bezahlten „Naturheilmitteln" (Gallensaft, Knochen etc.) auch aus Bären nur so viel: Den Tieren werden Kanülen gesteckt, die ihr Gefängnisleben lang im Körper bleiben und Infektionen verursachen. Die „Produzenten" der abergläubigen Medizin, unter anderem die Kragenbären Asiens, leben in einem Käfig, der in der Relation nicht grösser ist als der eines Batterie-Legehuhns. Der Plazebo-Effekt ist ein äussert lukratives Geschäft. Es heilt lediglich die Verkäufer dieses Irrglaubens und „Beschaffer" der Tiere. Da wird nur ein Mythos verkauft.

    „Menschenfresser"

    Foto: Unbekannt

    Mit dem unwahren Titel Menschenfresser sind nur Grossbären gemeint; von den kleineren Arten wie Malaien- oder Lippenbär geht schon wegen der viel geringeren Grösse keine Gefahr für den Menschen aus. Auch in der seltensten Möglichkeit, dass Bären und Menschen auf engstem Raum am häufigsten aufeinander treffen, ist der Grossbär der Verlierer: In der „Polarbärenstadt" Churchill starben 1997 drei Menschen, aber 47 Bären. Danach wurde - zum Schutz der Bären vor den Menschen und umgekehrt - eine Eisbärenstation eingerichtet, die Tiere vor der Stadt abfängt und nur mit Wasser versorgt. Würden sie gefüttert, kämen sie nach der Wiederaussetzung unweigerlich wieder. Denn es sind vornehmlich junge, etwa zwei Jahre alte Bären, die gerade von ihrer Mutter abgesetzt wurden und noch wenig Erfahrung haben. Sie lungern einfach herum und suchen den bequemen Weg - den in die Stadt. Die Station ist erfolgreich. Nun werden nur noch zwei Bären pro Jahr erschossen.

    Auf Kodiak, der lachsreichen Insel bei Alaska, wo die grössten Braunbären leben und vermeintlich geschützt sind, ist in diesem Jahrhundert noch kein Mensch von einem Bären getötet worden. Jedes Jahr überfallen Hunderttausende von Hobbyanglern die Insel der Bären. Aber jedes Jahr werden zehn Bären erschossen, von Anglern, die ihre Nerven verloren haben. Wenn sie nicht getötet werden, die Bären, vegetieren sie als Krüppel dahin. Von den Schwarzbären in Minnesota sterben nur 20 Prozent eines natürlichen Todes. Die anderen durch Verkehrsunfälle und Abschuss. Stephen Herrero, Professor für Wildbiologie an der Universität von Calgary (Kanada), sagte dazu: „Meiner Meinung nach sind Attacken durch Bären vermeidbar." Herrero wertet seit 1967 alle bekannt gewordenen Zwischenfälle mit Grizzlys aus. Seine Daten gehen zurück bis 1872, als der Yellowstone-Park eröffnet wurde, und schliessen 1980. Während dieser über hundert Jahre wären bei elf Überfällen mit 130 Verletzungen Grizzlies die Täter. Die Zahl der getöteten Parkbesucher liegt bei rund 25 Prozent. Und das bei mehreren Millionen Besuchern in diesem Zeitraum.

    Foto: Unbekannt

    Die Riesenbären von Kamtschatka im östlichen Sibirien gelten unter den Einwohnern als friedlich. Man arrangiert sich mit ihnen. Lachs gibt es für alle genug. Doch ausgerechnet der bekannte japanische Bärenfotograf Mitsu Yushino erlag einem dieser Riesen. Er spürte ihn in dessen Zelt auf, tötete ihn mit einem Prankenschlag und frass ihn. Für den Bären war der Mensch nichts anderes als eine Beute. Wenn Bären oder auch Grosskatzen Menschen erlegen, dann vor allem, weil sie besonders für ältere Tiere eine leichtere Beute sind als schnelles Wild.

    In Brasov, der zweitgrössten Stadt Rumäniens, besuchen seit acht Jahren nachts einige Bären die Müllcontainer. Kein Mensch kam zu Schaden. Man arrangiert sich. Profi-Wanderer hängen ihren Proviant hoch in die Bäume. In den meisten Fällen - wenn der Mensch nicht zu aufdringlich vorgeht - toleriert der Bär die Menschen. Geht man geräuschvoll und „offen" vor, passiert meist nichts. Es sei denn, eine Bärin führt Junge: Dann kennt die Mutter keine Gnade. Auf dem Rückzug scheint jedoch bei den Besuchern der Respekt zu sein, wenn sie ihre Neugierde nicht im Zaum halten und dem Bären auf den Pelz rücken. Meist fehlt die nötige Distanz. Wenn dann doch mal eine Attacke von einem Bären ausgeht, und dies nie ohne Grund, dann machen die Menschen gleich mehrere Fehler: Sie wollen davonlaufen, wobei der Bär immer der Schnellere ist (bis zu 50 km/h), oder sie schreien, was den Bären meist noch anregt, wie bei erbeutetem Wild in Todesangst.

    Am besten ist es, sich auf den Boden zu werfen, damit man sich klein macht und sich tot stellt. Meist hilft der atemraubende Schock. Es ist keine Garantie. Der Bär kann zu erregt sein, kann sich zu sehr herausgefordert fühlen. Ein Schwarzbär (Baribal) hat zwischen 2,8 und 5 Zentimeter lange Krallen, die eines Grizzly sind wesentlich grösser: zwischen 3,8 und 10 Zentimeter. Die Gebisskräfte dürften bei mindestens einer Tonne liegen. Ein Deutscher Schäferhund bringt eine Gebisskraft von rund 180 Kilo auf.

    Bären werden von den Inhalten zahlreicher Mülltonnen angezogen: eine Fundgrube für Leckerbissen. Kommen Bären den Menschen in den Siedlungen zu nahe, werden sie betäubt, dokumentiert und in das einzige Eisbärengefängnis der Welt transportiert. Die Art der Bärenkontrolle ist äusserst umstritten. Da werden Bärinnen mit Nachwuchs in dunklen Hallen gehalten, bekommen nur Wasser, aber keine Nahrung. Dann werden sie (Mutter und Nachwuchs) im Netz unter einem Hubschrauber ausgeflogen. Der Stress ist für die Tiere gewaltig. Ganz ähnlich wird in Nationalparks südlich des Polarkreises mit Grizzlies verfahren. Auch sie werden von den Touristen, die Mengen an essbarem Abfall hinterlassen, angezogen, auf diese Weise mittelbar gefüttert, aber mit Parkverbot bestraft, wenn sie sich nicht menschenlieb benehmen. Dann werden sie wie Asylanten im eigenen Reich per Hubschrauber in ein anderes Gebiet ausgeflogen. Doch auch dorthin gelangen Touristen.

    Wenn man bei Bären von Allesfressern spricht, so ist das eine Übertreibung. Kein Tier frisst alles. Mit diesem Begriff meint man aber, dass sie sich nicht nur von Fleisch und den in den Knochen befindlichen Minerialien ernähren. Grossbären sind auch keine Vegetarier. Pflanzliche Kost wie Gräser und Beeren, proteinreiche tierische wie Ameisen, Termiten und Insektenlarven gehören zwar überwiegend zu ihrem Futterplan; wenn jedoch die Lachse laichen, lassen sie alles andere stehen. Wenn sie sich an den Flüssen lachsmässig den Wanst vollgeschlagen haben, kosten sie nur noch vom Feinsten, vom Rogen (Fischeiern). Er frisst auch Aas, wenn er Wild nicht frisch schlagen kann - meist im Winter. Kein Bär ist zu bremsen, wenn ihm der Geruch von Honigwaben in die Nase sticht. Honig schlecken ist sein süssestes Vergnügen. Das macht den grössten Bären so menschlich.

    Der Grosse Panda ist hingegen Fast-Vegetarier. Schon seine flachen, breiten Mahlzähne weisen ihn als solchen aus. Er verzehrt ausschliesslich Bambussprösslinge. Und darunter nur bestimmte Arten. Davon freilich frisst er pro Tag bis zur Hälfte seines Körpergewichts. Sein Magen ist aber durchaus fürs Fleischfressen gedacht; und wenn er Fleisch kriegen kann, dann frisst er es auch. Er ist dafür mit Reisszähnen ausgerüstet. Noch eine Eigenart des Grossen Panda: Als einziges Säugetier der Welt verfügt er über eine sechste Klaue (Zehe) und kann damit Bambusstangen halten. Durch seine rigide Nahrungsspezialität ist er latent vom Aussterben bedroht.

    Wenn von so genannten Menschenfressern schon die üble Rede ist, dann meint man nur die Grossbären. Obwohl die meisten Bären überwiegend Pflanzenfresser sind. Der Lippenbär kann seine Zunge wie eine Röhre formen. Damit saugt er vorzugsweise Ameisen und Termiten wie ein Staubsauger auf. Er ist übrigens der einzige Bär, der südlich des Äquators lebt.

    „Winterschlaf"

    Immer wieder wird von einem bärigen Winterschlaf berichtet. Falsch. Bären halten nur Winterruhe, gewissermassen die Vorstufe zum Schlaf. Ihr Puls verlangsamt sich, sie können als einzige Tiere während dieser relativen Untätigkeit Aminosäuren in ihrem Urin abspalten. So vermeiden die Bären eine Selbstvergiftung. Selten wandern sie in dieser Ruhephase aus der Höhle, um verhungerte, von anderen Beutegreifern gerissene oder an Schwäche gestorbene Tiere zu fressen. Bären nehmen bis zum Ende dieser Ruhephase oft mehr als die Hälfte ihres Gewichts ab, das sie zu Anfang hatten und durch viel Proteine und Fette (meist Blaubeeren) anfrassen. So erklären sich auch die stark unterschiedlichen Gewichtsangaben (siehe auch Info-Kasten im Anschluss).

    Eine Bärin wird mit etwa fünf Jahren geschlechtsreif. Mag sie einen Bären, der sie tagelang umgarnt, kopulieren sie mehrere Tage hintereinander, weil erst bei der vollzogenen Begattung jeweils ein Eisprung ermöglicht wird. Sind andere Bären in der Nähe, sucht die läufige Bärin auch deren Sexualkontakt. So kann es vorkommen, dass die Nachkommen - nach 60 Tagen Tragezeit - verschiedene Väter haben. Auf diese Weise verhindert die Bärin auch Inzucht. Ursologen (Bären-Wissenschaftler) können noch nicht erklären, warum Bärinnen unterschiedlich lang tragen. Vermutlich ist dies ein bewusstes Hinauszögern bei zu harten Wintern in den nahrungsträchtigeren Frühling. Die Bärin lebt während ihrer Tragezeit nur vom Vorrat, den sie sich bis zum Winter angefressen hat. Auf diese darbende Zeit ist die Grösse der Bärenkinder abgestimmt. Sie sind auch im Verhältnis zu ähnlich grossen Tieren sehr klein, weil die Mutter mit ihrer Milchproduktion während der langen Winterzeit haushalten und nach der Geburt warten muss, bis das fleischliche Nahrungsangebot zu erbeuten ist. Wären die Jungen grösser und würden damit mehr am Nahrungshaushalt der Mutter zehren, könnten sie während der langen Beutepause der Mutter - besonders bei Polarbären - nicht überleben.

    Wie dicht das Fell eines Eisbären ist, konnte ein Infrarot-Wärme-Messgerät (das auf die geringste Körperwärme anspricht) insofern registrieren, dass nichts zu registrieren war. Auf dem belichteteten Film war nichts drauf. Die Strahlung des Geräts kam nicht unter den Winterpelz.

    „Unberechenbarkeit"

    Wir lassen uns weiter täuschen von seiner vermeintlichen „Unberechenbarkeit", weil wir seine stark eingeschränkte Mimik (im Gegensatz zu Hundeartigen wie Wolf oder Haushund) nicht einschätzen können. Die Gesichtsmimik ändert sich kaum. Das ist nicht das Problem unter Bären. Die kurz angesetzten Ohren verraten wenig. Auch das Kommunikationsverhalten der Bären ist - im Vergleich etwa zum grossen Kommunikator Wolf - stark eingeschränkt. Ihre Geruchsleistung ist wohl die beste unter den Beutegreifern - schlichtweg phänomenal. Im Inneren Amerikas riechen sie trotz der relativ dichten Luft und vielen geruchlichen Ablenkungen eine Nahrungsquelle (Campingplätze) auf drei Kilometer. Eisbären in der klaren Polarluft vermögen wesentlich weitere Entfernungen auf Nahrung beziehungsweise Beute abzuriechen. Ihr langer Fang besitzt wohl die meisten Riechzellen unter den Beutegreifern. Auf leisen Sohlen gehen sie schnurstracks dorthin und tauchen - nur den Menschen überraschend - als „Gefahr" auf.

    Ein weiteres, verbreitetes Vorurteil: Bären seien kurzsichtig. Dagegen sprechen Erfahrungen, als ein kanadischer Wildhüter aus einem Kilometer Entfernung - gegen die Windrichtung - von einem Bären sichtlich wahrgenommen wurde. Dennoch sind Bären vorzugsweise nasengeprägt, weil dieses Organ noch leistungsfähiger ist als das Gesicht oder das Gehör. Sie haben drei Verständigungs-Ebenen: das Grunzen, das Schnauben und die tiefe, helltönende menschliche Stimme, mit der sie alle Bandbreiten der Gefühle ausdrücken.

    Bärenmütter sind zu ihren Jungen sehr zärtlich, sehr geduldig und wachsam. Eine Bärenmutter zu stören und damit zu verunsichern, ist für die meisten Lebewesen lebensgefährlich. Freilich lassen diese mutigen Mütter auch mal ihr Leben, wenn sie auf ein gewaltiges Männchen treffen. Ein Drittel aller Jungen überleben die Attacken von männlichen Bären nicht. Es ist oft die Gunst der durch Tötung der Versorgten früher eintretende Paarungsbereitschaft der Bärin, die ohnehin nicht jedes Jahr läufig wird. Bärenjunge bleiben mindestens zwei Jahre, nicht selten auch drei bei ihrer Mutter. Dann werden sie mit allem Nachdruck abgestossen und müssen sich selbst versorgen, denn die nächste Generation ist bereits programmiert. Manchmal tun sich Geschwister zusammen. Auch nach Jahren der Trennung können sich Familienmitglieder bei unwillkürlichem Treffen wieder gut riechen und jagen ein bisschen zusammen. Im Übrigen: Unberechenbar ist nur, was der Beurteilende nicht berechnen kann.

    „Rückkehr"

    Umstritten ist das Projekt, in den Alpen wieder den europäischen Braunbären einzuführen. Der enorme Alpen-Tourismus würde den Bären so stark zusetzen und bedrängen, dass Unfälle programmiert sind. Gerade der Anreiz einer gruseligen Attraktion („gehen wir mal in die Berge, Bären angucken") würde einen noch grösseren Auftrieb von Bärentouristen nach sich ziehen. Die Bären brauchen aber Rückzugsräume, und den gibt es in den Alpen nicht mehr.

    Die grösste Braunbären-Verbreitung Europas gibt es noch in den - relativ unberührten - Karpaten. In Rumänien - dort nennt man den Bär freundlich Frate Nicolae (Bruder Nikolaus) - schätzt man noch rund 6000 Exemplare. In Skandinavien, auf dem Restbalkan und in den Pyrenäen wie den Abruzzen ist der Bär auf dem Rückzug, zwangsläufig. Naturschützer, die den Bären in einer romantischen Renaturierung rücksiedeln wollen, haben nicht aus den Erfahrungen mit Wölfen gelernt. Wölfe wandern nach der Gründung des Nationalparks in den Abruzzen nun in die Schweiz aus. Die Endlösung der Wölfe ist programmiert. Dem hochintelligenten und weiträumig auftretenden Braunbär würde es nicht anders ergehen, das Kesseltreiben wiederholt werden.

    Eisbären waren noch vor 30 Jahren stark gefährdet, weil sie schonungslos abgeschossen wurden. Erst der Schutz von Naturschutzverbänden sicherte ihre Population. Die grösste Gefahr geht den Grizzlies und Schwarzbären an den Kragen - inform rigiden Holzschlags. Landverbrauch, Verkehr, Tourismus und Bären passen nicht zusammen. Der Bär wird in jedem Fall verdrängt, wenn die betroffenen Regierungen der Rodung nicht strikt Einhalt gebieten. Bären sind trotzdem sehr anpassungsfähig. Im Logan-Nationalpark des kanadischen Yukon schienen sie ausgestorben. Doch seit kurzer Zeit haben sich dort erstmals wieder Grizzlies angesiedelt. Ohne menschliche Aussiedlungs-Programme.

    „Attraktion"

    Menschliche Grausamkeiten finden in Urlaubsgebieten und in unseren Industrieländern statt. In Pakistan und anderen Ländern des hinteren Orient werden heute noch - zur Erbauung westlicher Touristen - Kämpfe zwischen einem Bären gegen mehreren Hunden vorgeführt. Dazu binden die Vorführer den Touristen einen Bären auf: Der Braunbär wird an einen Pfosten angebunden, beide Reisszähne und die Krallen werden ihm ohne Betäubungsmittel gezogen. Dann werden dazu dressierte, bodenständige Kampfhunde auf den Bären losgelassen.

    Eine menschliche Respektlosigkeit der modernen Art wurde im französischen Fernsehen ausgestrahlt: Nach seiner Vorführung durfte sich ein erwachsener Braunbär in einem Studio auf einen Stuhl hocken. Eine vor Bärenliebe unberechenbare Frau setzte sich neben ihn. Der Bär fühlte sich bedroht, weil die Frau ihm fremd war, und griff sie an. Er begrub sie mitten im Studio unter sich und verprügelte sie regelrecht. Die Frau schrie nicht, weil sie unter Schock stand. Der Tiertrainer (im telegenen Judo-Anzug) schlug auf den Bären ein: eine ebenso ahnungslose Reaktion, weil der Bär dies als zusätzliche Erregung aufnahm. Der Bär wandte sich von der Frau ab und griff völlig zurecht seinen so genannten Meister an. Ein paar Minuten später beruhigte sich der Bär. Die Frau bekam nur ein paar Kratzer ab. Was mit dem Bären danach geschah, werden wir wohl nie erfahren.

    Yeti und andere Big Feet

    Dieser Absatz ist sehr kurz. Weil nichts, aber auch gar nichts bis heute bewiesen ist, dass der populistische Berufs-Abenteurer (das meine ich nicht abwertend) Reinhold Messner je einen Yeti als Bären-Mutation (schon wegen der in diesen wohl nahrungstechnisch kargen Hochlagen) nachweislich identifizieren konnte. Er ist auch kein Ursologe. Seine Vermutungen sind aber gut verkäuflich. Ähnlich sind mehr oder weniger glaubwürdige Berichte oder Video-Recorder-Aufnahme-Fetzen von den hie und da im Nordamerikanischen auftauchenden Erzählungen über einen Big Foot zu werten: als (noch) nicht als Gross-Bären mit überwiegend aufrechtem Gang (homo erectus ursis?) identifizierte Vorstellungen. Bis zum Beweis des Gegenteils bleiben es mehr oder weniger glaubwürdige Geschichten.

    Varietäten, Gewichte und Grössen

    Bären sind Nachkommen einer grossen Beutegreifergruppe der Myaziden (von denen auch Marder, Katzen und Hunde abstammen). Sie sind heute die grössten Landbeutegreifer. Eine unerwartete Verwandtschaft bei den Bären fanden Gerald Shields und DNS-Spezialisten der Universität in Anchorage heraus. Demnach ist der Braunbär der Admiralitäts-Inseln im Südosten Alaskas näher mit dem Polarbären verwandt als mit anderen Braunbären. Sie verglichen die genetischen Daten von 450 Bären in Eurasien und Nordamerika und kamen zum Ergebnis, dass Eisbären und Braunbären der Admirals- und einiger Nachbarinseln vor wahrscheinlich 40 000 Jahren gemeinsame Vorfahren hatten. Unter allen Braunbären sind die isoliert lebenden Insel-Bären die einzigen überlebenden Nachkommen dieser archaischen Vorfahren. Alle anderen Braunbären der Neuen Welt stammen von jüngeren Populationen an.

    Gewichte und Grössen variieren wegen der unterschiedlichen Nahrungssituationen wie bei keinem anderen Beutegreifer. Vor allem auch der Zeitpunkt der Messung lässt beim gleichen Tier grosse Unterschiede zu. Kurz vor Wintereinbruch hat sich ein Bär die grösstmöglichen Reserven angefressen. Die er dann nach der Winterpause erst mühsam wieder auffüllen muss. Weibchen sind ein Drittel kleiner beziehungsweise leichter, also noch kleiner, wie das bei Hunden oder Katzen der weibliche Fall ist. Eis- oder Polarbären (ursus maritimus) gelten zusammen mit den Kodiak- und Kamtschatkabären als die grössten.

    Die meisten Bären der ostsibirischen Halbinsel Kamtschatka sind eher klein. Doch es gibt auch Riesen. Aus dem Forschungsbericht des schwedischen Leiters des Staatlichen Museums für Naturgeschichte Dr. Stan Bergman aus den 50er Jahren geht hervor, dass er einen Fussabdruck fotografierte. Die Spur war 38 cm lang und 25 cm breit. Der Kamtschatkabär ist eine Varietät des im sibirischen Landesinneren lebenden Braunbären (ursus arctos beringianus), von dem ein Exemplar mit 816 Kilo gewogen wurde. Ein Eisbär wog vor Jahren mit 1009 Kilo. Die meisten Eisbären werden zwischen 200 bis 600 Kilo schwer. Der bekanntesten der Braunbären-Gruppe, den Grizzlies, gaben Zoologen den unwissenschaftlichen Namen ursus horribilis (der Schreckliche). Kodiaks (ursus arctos middendorffi - nach dem Entdecker) als grösste Braunbärenart können vor der Winterpause über 800 Kilo schwer werden. Aufgerichtet können sie über drei Meter messen. Grizzlies werden maximal 2,5 Meter hoch. Die Bären auf der ostsibirischen Halbinsel Kamtschatka (ursus arctos beringianus) werden fast oder gleich gross und schwer wie Kodiaks, aber sie wirken hochläufiger. Der „Schwarzbär" (ursus americanus) wird maximal 1,9 Meter hoch und 150 Kilo schwer. Es gibt - wie bei fast allen Bären - weisse, cremefarbige, zimtrote, hell-, mittel und dunkelbraune, graumellierte bis schwarze Farben, auch einen weissen Schwarzbär. Vom Grizzly sind sie durch den schmaleren Oberschädel zu unterscheiden.

    Der europäische Braunbär (ursus arctos arctos) kommt noch relativ häufig in Rumänien, wesentlich seltener in den Pyrenäen, den Abruzzen, den Resten Jugoslawiens, im östlichen Polen, im westlichen Russland und vereinzelt noch im nördlichen Skandinavien vor. Er wird maximal 1,50 bis 1,70 Meter hoch (stehend) und wiegt zwischen 70 und 120 Kilo, ähnlich wie der Grosse Panda (ailuropoda melanoleuca) und der Kragenbär (ursus thibetanus). In den Bergen Nordindiens und in anderen Teilen des Himalaya legt ein rötlich-brauner Bär, der dem amerikanischen Grizzly ähnelt. Wie dieser hat er auch weisse Haarspitzen. Der von den Einheimischen „Rotbär" (ursus arctos isabellinus) Genannte ist mit 1,7 bis 2,5 Meter Länge etwa so gross wie ein mächtiger Grizzly. Zu den anderen asiatischen Braunbären gehören auch der Mandschurenbär (ursus arctos manchuricus) und der Tibetbär (ursus arctos pruinosus). Der Lippenbär ist der einzige, der südlich des Äquators lebt. Er (etwa 70 Kilo) gehört wie der kleinere Malayenbär (maximal 50 Kilo) zu den kleinen Bären. Zum Vergleich: Die grössten Vertreter von Hunden (Deutsche Doggen, Irish Wolfhounds und einige Herdenschutzhunderassen) werden, wenn sie auf den Hinterläufen stehen, bis zu knapp 1,80 Meter hoch. Bären können in freier Wildbahn durchschnittlich etwa 25 Jahre alt werden. Im Wiener Tierpark Schönbrunn überlebte dies die Kamtschatka-Bärin Mascha um respektable zehn Jahre. Sie starb mit 35.

    Aktion Bärenhilfswerk in Worbis

    Von Erschiessen oder Abschiebung bedrohte Zirkus- oder Zoo-Bären können im Bärenpark „Aktion Bärenhilfswerk" bei Worbis in Nord-Thüringen eine letzte, aber für sie vielleicht erstmalig artgerechte Heimat finden.

    Das Deutsche Tierhilfswerk betreibt seit vielen Jahren die Kampagne „Nein zur Zucht von Wegwerfbären". Um mit gutem Beispiel voran zu gehen, rief das Tierhilfswerk die Aktion Bärenhilfswerk ins Leben. In Worbis steht eine grosszügige Freianlage, in der gegenwärtig sieben Braunbären und ein Wolfsrudel zusammen gehalten werden. Durch die artgerechteren Bedingungen (abwechslungsreiche Gehege und Intenaktionen mit Artgenossen und Wölfen) konnten Hospitalismus und Stereotypien abgebaut werden. Auch im Wildpark Johannismühle in Klasdorf (Brandenburg) konnte eine grosse Freianlage eingerichtet werden. Sechs ehemalige Zirkusbären haben dort ein neues Zuhause gefunden. Weitere Informationen über den Bärenpark Worbis, Duderstädter Strasse 36a, 37339 Worbis: Telefon: 036074-92966, Fax -30553. Internet: www.baerenpark.de

    Autor und © Rainer Brinks