Wölfe
Es gibt über keine Caniden-Art zahlreichere, mehr oder weniger fundiertere Informationen als die über den Wolf. Deshalb konzentriert sich diese Kurzinfo auf das Wesentliche - und wissenschaftlich Fundierte. Märchen mag man anderweitig lesen.
Dem Wolf kann man unter allen Hundeartigen die grösste Anpassungsfähigkeit an Klima, Bodenverhältnissen und Botanik nachsagen. Dies bildete neben seinen phänomenalen Körper- und Sinnesleistungen die Grundlage für die wohl grösste Vielseitigkeit des Haushunde-Genpools. Nebenbei, aber gerade hier angebracht: Wölfe vermeiden Inzucht wie der Teufel das Weihwasser. So kam denn auch die gesunde und vererbungstüchtige Vielfalt zustande, denen die Abkömmlinge der Hunde vor mehr als 100 000 Jahren ihre Qualität verdanken, von denen wir heute noch profitieren.
Die Art Wolf (canis lupus) wird an der Schulter zwischen 65 und 90 Zentimeter hoch mit einer Gewichtsspanne von 30 bis 75 Kilo (minimale und maximale Masse). In Europa werden die grössten Exemplare selten über 75 Zentimeter hoch oder über 45 Kilo schwer.
Die grössten Wölfe finden sich in Sibirien, Alaska und Kanada. In den letztgenannten Gebieten sind es Timber- und Grauwolf (Timber ist indianisch und steht für Holz.) Den Indianern galt der Wolf als Bruder des Menschen. Der Wolf wurde hoch geachtet.
Die schwarzen oder weissen Felle sind bei näherem Betrachten nie ganz schwarz oder weiss. Es kommen - je nach Temperatur- und Klimaverhältnissen oder Landschaften - fast alle Farben und Fellbeschaffenheiten vor. Immer tragen sie aber Stehohren. Ihr Körperbau ist zur rudelweisen Hetzjagd ideal: hochläufig und schlank. Das Gehör ist fast so gut entwickelt wie der Geruch.
Einst war der Wolf - durch neueste DNA-Analysen als einziger und eindeutiger Urahn unserer Hauhunde festgemacht - das meistverbreitetste Säugetier der Erde. Vor allem in der nördlichen Erdhälfte, aber auch in Mittelamerika und Teilen Afrikas. Heute ist dieses Gebiet erheblich zusammengeschrumpft: durch menschliche Ausrottung und Vertreibung.
Wölfe sehen natürlich anders aus als jene - aus den vielen amerikanischen Filmen, die wir im Kopf haben. Sie sind dem Klima angepasst, ähnlich wie die spanischen: kleiner, immer noch mindestens schäferhundgross, und kurzstockhaarig. Die Wölfe des äthiopischen Hochlands leben auf gut 3 000 Metern Höhe.
Leider vermischen (hybridisieren) sie sich - aus zunehmender Besiedlung und mangelnder Genvielfalt - notgedrungen mit Hundeartigen, mit der Folge, dass sie auch von Staupe oder anderen Hundekrankheiten befallen werden. Die afrikanischen Wölfe sind inzwischen rarer und damit bedrohter als der bekannte Grosse Panda. Die Wölfe in Äthiopien werden jedoch nicht von den Einheimischen verfolgt.
Der frühere Rotwolf (canis lupus niger) oder der japanische (c. l. hodophilax) und indische (c. l. pallipes) kann als ausgestorben betrachtet werden. Der Japanische schon seit 80 Jahren. Der Rotwolf (c. l. minor) wurde vor 100 Jahren in Ungarn als letzter in Zentraleuropa ausgerottet.
In Europa selbst erholen sich einige fast dezimierte Bestände durch mühsame Aufklärung und Hege, vor allem in Rumänien, der Bestand dort kann mitsamt dem Braunbären-Bestand als der grösste in Europa angesehen werden.
Wie hysterisch jedoch noch manche Menschen auf den Wolf reagieren, zeigt ein trauriges Beispiel aus Norwegen - jenem Land, das doch so sportlich sein soll, aber Wale mit wissenschaftlichem Vorwand wie die Japaner killt und Robben.
Die folgende Notiz hat die Biologin Anette Rebstock der hundezeitung- Redaktion eingeschickt mit der Bemerkung: "ist mir ja richtig peinlich, so als Mutter..." Der volle Wortlaut einer Meldung in der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit", Überschrift: "Grossmutters Rache":
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Es ist, als sei der mythische Fenriswolf erwacht, der die Welt, der Sage nach, dereinst verspeisen wird. In Norwegen gründeten besorgte Mütter jetzt die Bürgerinitiative "Mütter gegen Wölfe", und die Bauern holen die Flinte aus dem Schuppen.
Auslöser der Panik ist die Einwanderung seltener skandinavischer Wölfe aus dem schwedischen Grenzgebiet. Seit Generationen haben sich die norwegischen Bauern daran gewöhnt, ihre zwei Millionen Schafe frei und unbewacht in die Landschaft zu schicken. Nun wildern (Anm. der Red.: dieser Ausdruck ist biologisch falsch: Beutegreifer wildern nicht, sie töten Beute nur aus existenziellen Gründen, aber nicht aus besitzrechtlichem wie menschliche Wilderer) rund 70 Wölfe unter den Nutztieren.
Obwohl Norwegen der Bern-Konvention beigetreten ist, die die Wolfsjagd stark einschränkt, wird nun gnadenlos zurückgeschossen. In den nächsten Monaten sollen 20 Tiere erlegt werden, von Hubschraubern und motorisierten Geländeschlitten aus.
In Rumänien, wo der Wolf nie ganz ausgerottet wurde, löst man das Problem dagegen friedlich - mit Herdenschutzhunden."
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Dem ist fast nichts hinzuzufügen. Norwegen als Urlaubsland für Hundefreunde?
Was Rumänien anbelangt: Die Rumänen kennen kein böses Schimpfwort über den Wolf, ebenso wenig über den Bär. In Rumänien befinden sich die grössten Populationen von Wölfen, Bären und Luchsen. Die Rumänen leben gut damit. Der Autor misst den Grad an "Zivilisation" eines Volkes daran, wie es mit ihrer Natur umgeht.
Der WWF hat nun mit EU-Fördergeldern ein Projekt zum Schutz der grossen Beutegreifer Wolf, Bär und Luchs (leider mit dem Namen "Grossraubtier"- Projekt) in den Karpaten gestartet. Gerade im Einklang mit den Nutztierhaltern und mit dem zunehmenden Tourismus, der sicherlich nicht so schlimm werden wird wie in den Alpen, auch nicht wie in den Pyrenäen, sind aber gerade die grossen Beutegreifer zu hegen. Es ist zu hoffen, dass die WWF-Forscher dabei nicht den landeseigenen Herdenschutzhund Carpatin vergessen in ihre Arbeit einzubauen. Denn der reine Carpatin, eine Varietät des Sarplaninac oder Kaukasischen Owtscharka, ist ebenfalls selten geworden.
Das "Carpathian Large Carnivore Project" hat eine eigene Homepage, die wir empfehlen: http://www.clcp.ro
Weit weniger Wölfe kommen in Polen, im europäischen Russland, in den Restgebieten des Balkan (teilweise durch Krieg vertrieben), in den Abruzzen, den Pyrenäen, in der Sierra Nevada und in östlichen Teilen der iberischen Halbinsel, und vereinzelt in Skandinavien vor. Einzelne vertriebene Wölfe wanderten über Jugoslawien und die Alpen oder aus den Abruzzen (wo ein Wolfsgehege bei Alfedena aufgebaut wurde, wie "üblich" gegen Widerstand der Schäfer und Bauern) bis ins Wallis ein.
Dr. Erik Zimen ist es zu verdanken, dass im Bayerischen Nationalpark sich Wölfe ansiedeln konnten. Auch wenn anfangs erhebliche Schikanen (meist desinformiert aus ignoranten Märchen) sie dort erwarteten, konnten sie sich "niederlassen". Trotz einer von Jägern angezettelte Treibjagd auf ausgebrochene (von einem Bagger verscheucht, der in das Gehege einbrach) konnten etliche Wölfe entkommen, über die Grenze in die Tschechei.
Heute zählt man sie als Touristenattraktion. Wie das nach anfänglicher Abwehr und viel Aufklärung in den meisten Naturparks abläuft. Und die Besitzer "nachweislich" gerissener Nutztiere werden vom Staat entschädigt. Da wächst dann auch das Verständnis der Viehzüchter schnell.
Wölfe regeln den Bestand des Wildes besser, als menschliche Jäger das je tun konnten. Geht der Bestand zum Beispiel an Karibus durch zu viele Wölfe zurück, nehmen auch die Wölfe ab oder ziehen weiter. Die Karibus vermehren sich dann wieder, bis die Wölfe wiederkommen. Dieses natürliche Nahrungskette haben Wildbiologen mehrmals nachgewiesen. Aber die Farmer sind geldgierig und lassen die Wölfe abschießen.
Wölfe holen sich nur die Beute, die sie brauchen. Da sie aber immer mehr in die Enge getrieben werden, holen sie sich auch "Wild", von dem sie nicht wissen können, daß es jemandem gehört, also den Viehzüchtern. Hätten die Wölfe den Platz, den sie brauchen, also auch den Wildbestand, würden sie nicht in fremden Revieren räubern. Aber wir Menschen verdrängen sie zusehends. Eine Wolfsfamilie braucht - je nach Größe der Familie und Nahrungsaufkommen - zwischen 60 und 200 Quadratkilometer Platz.
Die Franzosen haben vereinzelte Exemplare in den Pyrenäen gesichtet und - handeln immerhin verständig: die schufen zum Schutz der Nutztierherden ein Trainingsprogramm für ihren Pyrenäenberghund. Und die Schweizer holten sich schon mal einen Mastin Espanol-Welpen aus Spanien, um die ersten Wölfe von den Schafen auf Herdenschtuzhunde- Art zu trennen.
Vermutlich hätte die Entwicklung des Menschen ganz anders ausgesehen ohne die Mitwirkung des Ur-Wolfs an der Haushundewerdung. Den Wölfen haben die Menschen es zu verdanken, dass sie schliesslich in den ersten Haushunden Herdenschützer, Hüter, Zughunde und Jagdgehilfen fanden.
Es gibt bei der Wiederentdeckung des faszinierenden Hunde-Ahnen Wolf auch negative Seiten: neben ahnungslosen Wolfsfans, die einen Welpen wie einen Hund kaufen, oder selbst ernannte Experten, die Wölfe in Gehege sperren und nur mühsam mit den Tieren einen Umgang lernen, gibt es auch die Geschäftemacher.
Nicht wenige Rassehunde-Züchter wehrhafter Hunde brüsten sich damit, dass ihre Rasse Wölfe killen würden. Sie zeigen dann Fotos umher, die mit martialischen Stachelhalsbändern armiert sind, die angeblich gerissenen Wölfe sieht man nicht. Dies ist nichts anderes als das vergleichbar tierrassistische Niveau von Trophäen-Jägern oder Stierkämpfen. Vom Wahrheitsgehalt mal ganz abgesehen. Menschliche Angeberei. Gleichzeitig sind diese Verkäufer aber stolz darauf, dass auch ihre Hund vom Wolf abstammen.
Mißverstanden haben ihn so manche ahnungslose Schäferhund-Fans, die glaubten, ein Wolf mit einem Deutschen Schäferhund zu kreuzen, dabei käme ein Wundertier heraus an Wildheit. Peinlich, daß sie erkennen mußten, daß der Wolf ein scheues Tier ist und zu ernsthaft, als daß er sich auf menschliche Wünsche wie das in einen Ärmel verbeißen herabläßt. Das ist nur mit angepaßten Haushunden zu machen, denn Hunde sind kindgebliebene Wölfe.
Leider machen auch gerade Amerikaner, die den Wolf fast ausrotteten, Kasse mit dem Mythos. Aber auf geschäftstüchtige Weise. "Wolf People", deren Gründer vorgeben, besonders wilde Tiere zu schützen, sperren halbdomestizierte Jungtiere in einen Zwinger, der in etwa die Grösse eines Schlittenhundezwingers hat, und lassen alle Besucher mal eben einen Jungwolf streicheln. Die anderen Zwinger mit erwachsenen Tieren waren nicht viel grösser. Gleich an der Strasse, damit man nicht wo weit in die Wildnis laufen muss. Schwenk der Kamera in das wichtigste: Der Laden mit den Souvenirs, alles mit Wolfs-Emblemen. Der Laden brummt.
Und dann erzählt der Besitzer des "Wolf People", dass er einen Timber-Wolf gehabt habe, der 1,05 Meter hoch war und 85 Kilo gewogen habe. Märchenhaft. Haben ihn die Rudelmitglieder zum Jagen schleppen müssen? Der kleine deutsche Touristen-Sender Vox moderierte denn auch in der Sendung "Tierzeit" in diesem märchenhaften Sinne die Rückkehr des Wolfs in Montana an: Mit dem deutschen dummen Märchen vom Wolf und den Geisslein. Wie aufschlussreich und hochaktuell! Da wissen unsere Kinder schon mehr.
Bei allen meist verlogenen Märchen: Es gibt in Russland - und die Russen sollte es eigentlich wissen - kein einziges falsches oder schlechtes Märchen über den Wolf. Und die Russen sind hervorragende Märchen-Erzähler.
Auch die Rumänen in den Karpaten sprechen nie schlecht über den Wolf. Warum sie nicht, aber die so genannt aufgeklärten Industrienationen? Weil sie diese Tiere kennen, mit ihnen leben.
Fanatismus und Ignoranz sind Verwandte. Gefährlich sind aber auch jene "modernen" Wolf-Freaks, die dieses Tier nicht um seinetwegen respektieren. Sie hängen sich nur an ein neues Märchen, einen Mythos. Mythen werden aus Geschichten und Legenden geboren.
Der Chefredakteur durfte einem alaskanischen Wolfsvater beim ersten Unterricht mit seinen Welpen zusehen. Er verdankt diesem Rüden unendlich viel.


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