Hausesel
Von Sarah Gunther
Esel sind wohl die am meisten missbrauchen "Nutztiere" in der Geschichte der Menschheit. Auch heute noch, gerade in der Tourismusindustrie in der Türkei oder Nordafrika. Während Pferdebesitzer großen Wert auf die Gesundheit ihrer Tiere legen, haben die Eselbesitzer meist nicht mal das Geld für die medizinische Versorgung ihrer Kinder, geschweige denn für veterinärmedizinische Behandlung seines Esels. In der Dritten Welt ist der Esel noch heute das Tier der Armen und leidet dementsprechend.
Esel werden als Reit- und Lasttiere benutzt, in der Landwirtschaft, in Tretmühlen, zur Milch- und Fleischgewinnung. Oft wird er missverstanden, selbst von Leuten, die jahrelang Esel hatten. Seine Kraft und Ausdauer, seine Geduld und Intelligenz und seine Art, Schmerzen still zu ertragen, werden nicht anerkannt, sondern ihm hängt immer noch der Ruf der Sturheit nach. Selbst C.K. Chesterton hatte ein Problem mit Eseln:
With monstrous head and sickening cry And ears like errant wings The devils walking parody Of all four-footed things.
Aber heute haben sich Menschen zusammen gefunden, die dem Wohle der Esel dienen wollen. Der Esel hat einen kleinen und auserlesenen Fanclub wahrer Tierfreunde gefunden. Der Esel als Haustier hat Mitte der 60er Jahre an Bedeutung zugenommen. Der "Pet Donkey" nimmt im heutigen Europa und auch in den Staaten an Bedeutung zu. Eselshows werden abgehalten und Eselfreunde bemühen sich, die breite Masse über das Grautier aufzuklären.
Wer einen Esel als Haustier hat, der weiß, wie schwer es ist, zum Beispiel einen Tierarzt zu finden, der Esel behandeln kann. Die meisten Tierärzte sind damit überfordert und versuchen, einen kranken Esel wie ein krankes Pony zu behandeln. Obwohl der Esel zur Geschichte der Menschheit fest dazu gehört, ist er wenig erforscht und noch weniger ist publiziert.
Esel eignen sich durchaus als Haustiere. Wenn man bestimmte Dinge beachtet, so wird der Esel zum guten Freund und Begleiter. Esel sind soziale Tiere und sollten nicht allein gehalten werden. Es muss nicht immer ein zweiter Esel sein, ich kenne viele Fälle in denen sich ein Esel auch mit Ziegen, Schafen, Rindern oder Pferden begnügt. In einem, mir bekannten, Fall lebt eine Eselstute seit sechs Jahren glücklich mit einem Wollschwein zusammen. Beide sind unzertrennlich. Wird die Stute ausgeritten, galoppiert das Schwein hinterher. Kommt der Hufschmied, so schaut das Schwein zu.
Esel sind territorial, sie dulden zum Beispiel keine fremden Hunde auf ihrer Weide. Der eigene Hund wird nach einer Kennlernphase meist toleriert. Aber wehe, ein fremder Hund betritt die Eselweide. Das endete schon für so manchen Hund böse. Manche Schäfer halten Esel, weil diese auch im Notfall die Schafherde verteidigen, Herdenschutzesel sozusagen. Man sollte immer vorsichtig sein, wenn man ein neues Tier auf die Weide eines Esels bringt. Viele Grautiere neigen dazu, Neuankömmlinge egal welcher Art, erst einmal um über die Weide zu jagen. Am besten ist es, wenn der Esel neu hinzukommt, dann schaut er sich meist erst einmal die Weide an, bevor sich sein Interesse auf die andere Tierart richtet.
Wichtig ist, dass dem Esel im Winter Schutz vor dem Wetter gewährt wird. Selbst in gemäßigteren Temperaturen wie hier in Irland, würde ein Esel in der Nässe des Winters schnell krank werden. Offenstallhaltung ist meines Erachtens nach die beste Haltung über das ganze Jahr. Überfütterung ist ein anderes Problem des Hausesels, weniger ist hier besser. Der Esel braucht keine Zufütterung, es sei denn, er arbeitet hart, ist krank, sehr alt (eingeweichte Nahrung ist dann meist angesagt) oder es ist Winter. Esel werden im Vergleich zum Pferd sehr alt. Der älteste mir bekannte Esel hat mittlerweile das stolze Alter von 36 Jahren erreicht und ist immer noch recht fit.
Die Hufe müssen regelmäßig getrimmt werden. Eselhufe wachsen schneller als die eines Pferdes und nicht jeder Hufschmied kennt sich mit Eseln aus. Die Zähne sollte man auch regelmäßig kontrollieren, gerade bei älteren Tieren. Dazu kommt natürlich das regelmäßige Entwurmen und andere Parasitenkontrolle (Zecken, Läuse etc). Sie sind extrem neugierig und die Weide sollte sicher sein. Es gab Fälle in denen sich ein Esel unter den Elektrozaun hindurch gewälzt hat, weil er das Nachbarfeld interessanter fand. Auch sind sie sehr geschickt im Öffnen von Toren.
Eselstuten sind meist exzellente Mütter, lassen ihr Fohlen nicht aus dem Auge und behalten lange Körperkontakt aufrecht. Eselstuten tragen zwischen 11 und 14 Monaten. Körperpflege wird oft gemeinschaftlich betrieben, sie graulen sich gegenseitig die Mähne. Dies hat auch soziale Ursachen und stärkt das Herdengefühl. Gerade wenn ein Esel mit einer anderen Tierart gehalten wird, so ist es wichtig, dass der Mensch den Esel regelmäßig bürsten und striegelt.
Esel kommen in allen Größen und Farben vor. Grauschattierungen sind wohl die häufigsten Farben, gefolgt von Braun, Schwarz und seltener auch rein Weiß. In den 60er Jahren waren die gescheckten Esel "in". Heute sieht man sie nur noch selten, die sogenannten Piebald Esel. Auch in Größe variieren Esel gewaltig. Vom Asinara mit ca. 80 cm Schulterhöhe bis zum zotteligen Riesenesel, dem Poitou, mit ca. 160 cm Schulterhöhe ist alles vertreten. Ich möchte auf einige europäische näher eingehen, aber bei weitem nicht alle beschreiben.
In Frankreich gibt es den Grand Noir du Berry. Diese Eselart wurde zum Schleppen von Booten benutzt und in den Weinbergen für landwirtschaftliche Arbeit. Beinahe vom Aussterben bedroht, nahm sich die Thiaulins de Lignieres (eine Organisation zur Erhaltung der Berry Distrikt Traditionen) dieser Eselart an. Die erste Eselshow fand 1986 statt, mit Erstaunen nahm man zur Kenntnis, dass es wohl doch mehr dieser, zwischen 130 - 140 cm großen, Esel gab als man ursprünglich dachte. 1990 nahmen bereits 100 Esel an der jährlichen Show teil und im Jahre 1993 waren es 220. Mit der Gründung einer Organisation zur Erhaltung des Grande Berry erfolgte der stete Aufstieg dieser fast ausgestorbenen Eselart.
Ebenfalls eine französische Eselart ist der Provence Esel. Ein Zensus am Ende des 19. Jahrhunderts brachte 13 000 Esel zum Vorschein. Aber 1993 war diese Zahl auf 330 zusammen geschrumpft. Noch heute gehören viele dieser Esel zu Schäfern. Der Provence Esel erreicht 120 - 133 cm Schulterhöhe und manche Exemplare haben "Zebrastreifen" an den Beinen.
Erwähnenswert ist auch der Pyrenäen Esel, auch bekannt als der Gascon. Sie stammen vom katalanischen Esel ab und waren zur Milchgewinnung hoch geschätzt. Die Hengste wurden zur Maultierzucht eingesetzt. Heute schätzt man, dass es noch etwa 1500 Esel auf der französischen Seite der Pyräneen gibt. Diese Esel sind für ihre außergewöhnliche Stärke berühmt und ihre Größe variiert von 120cm aufwärts. Die größeren Gascon sind sehr elegant.
Weitere französische sind der Ane Normhandy (ca. 260 Tiere 1996) und der Cotenin (ca. 250 Tiere 1996). Auf den französischen Poitou und seine besondere Geschichte möchte ich am ganz am Ende eingehen.
In Spanien finden wir den Catalan. Der Catalan Hengst wird seit Generationen für seinen Anteil an der Maultierzucht geschätzt. Er ist sehr groß (135 - 160 cm). Keine andere Hauseselart ist derart über die Welt verstreut. Ende des 19. Jahrhunderts wurden mehr als 400 Hengste und 200 Stuten exportiert, um die anderer Länder zu verbessern.
Einige Bestimmungsländer waren Frankreich, England, Kanada, Indien, Australien und Italien. General George Washington erhielt 1785 einen Hengst und zwei Stuten, nachdem er an den König von Spanien, Charles IV, geschrieben hatte. Er bat in seinem Brief darum, einige spanische Esel kaufen zu dürfen, um die Qualität der amerikanischen Esel zu verbessern. 1950 kaufte die amerikanische Armee 300 Catalans und brachte sie nach Nordamerika. Der Nachwuchs dieser Esel wird nun in den Staaten Kentucky Catalan Donkey genannt.
Weitere spanische sind der Mallorquin (vom Aussterben bedroht), der Zamaro-Leones (1998 ca. 8000 Tiere) und der Andalusier (vom Aussterben bedroht).
In Italien gibt es sechs relativ bekannte . Der Pantelliera ist fast ausgestorben, es gibt nur noch wenige Exemplare in der Gegend von Trapani in Sizilien. Der Amiata lebt in der Toskana und unterliegt strengen Zuchtbestimmungen, um ihn vor dem Aussterben zu retten. Dieser kräftige und lebhafte Hausesel erreicht eine Schulterhöhe von 135 - 138 cm.
Der am häufigsten vertretene Hausesel ist der Martina Franca. Zwischen 140 - 150 cm groß ist er bekannt für seine Fähigkeit, auch dem rauesten Wetter standzuhalten. Er ist schwarz in Farbe und seine Fohlen sollen extrem widerstandfähig sein. Eine weitere wetterfeste Hauseselart ist der Ragusa, auch heute noch wird er in Sizilien zum Reiten benutzt, da er extrem trittsicher ist. Zwei italienische stechen hervor. Zum einen der Asinara, der nur auf der Insel Asinara (Sardinien) zu finden ist. Diese Eselart ist oft rein weiß mit blauen Augen. Sie sind sehr klein, 80-100cm und wurden oft als Zirkusesel verkauft. Da Inzucht durch die geographische Lage bedingt ist, sind viele der Stuten steril.
Zum anderen der Sardinische Hausesel. Der Sardinische Esel ist recht klein, mit nur etwa 85 - 115 cm Schulterhöhe und auch sehr leicht (90 - 130kg). Er wurde von den Schafhirten zum Tragen von Werkzeugen und Feuerholz benutzt. In manchen Gegenden galt und gilt das Fleisch des Sardinischen Esels als Delikatesse. Heute gibt es nur noch ca. 200 dieser Tiere, eine Schande, wenn man bedenkt, dass es 1965 noch 27 000 Esel waren. Vom ihm stammen die Miniaturesel ab, die heute in den USA so beliebt sind.
Kreuzungen
Zu erwähnen wäre noch das Zeedonk (auch genannt Zonk oder Zonkey), eine Kreuzung aus Zebrahengst und Hauseselstute. Relativ unbekannt, aber dennoch keine Innovation der Amerikaner. Das Zeedonk wurde bereit im 17 Jahrhundert gezüchtet. Zwischen 1820 und 1830 kreuzte man Bergzebrahengste mit Hauseselstuten in England (Windsor Park). Um 1900 wurde das Zeedonk in Afrika gezüchtet, um ein Tier zu erhalten, das gegen die Tse Tse Fliege und die Afrikanische Pferdekrankheit immun ist.
Mittlerweile hat es in den USA Beliebtheitsgrad erhalten. Aber wie auch bei Maultieren und Mauleseln ist ein Zeedonk fast immer steril. Dies liegt an der verschiedenen Zahl von Chromosomen (Esel 62, Pferde 64, Grevy Zebra 46, Bergzebra 32).
Der Poitou
Nun aber zum Poitou, dem wohl bekanntesten der französischem Hausesel. Seine Geschichte ist wie ein Thriller zu lesen. Fast wäre diese wundervolle Hauseselart ausgestorben. Poitou ist der alte Name einer Provinz ca. 400 km im Südwesten von Paris. In dieser Region wurde der zottelhaarige, große schwarze Esel gezüchtet. Im Gegensatz zu anderen hat der Poitou breite Hufe, die auch oft beschlagen werden Seit Hunderten von Jahren ist der Poitou zum Maultierzüchten gebraucht worden. Wegen dieser Qualität wurde der Poitou reinrassig gehalten und keine andere Hauseselart eingekreuzt. Die Poitou Hengste wurden ganzjährig im Stall gehalten und nur zum Decken herausgelassen.
Die Pferdebesitzer fühlten sich vom Erfolg des Poitou dermaßen bedroht, dass man im Jahre 1770 ein Gesetz erlassen wollte, das vorschrieb, alle Poitou Hengste kastrieren zu lassen! Doch dazu kam es glücklicherweise nicht. Die Regierung erkannte den Wert des Poitou und 1884 gründete man das erste Stutbuch für Poitou und die Mulassier, einer Pferdeart, die besonders zum Züchten von Maultieren geeignet war. Der Poitou wurde in viele Länder exportiert, darunter Russland, Nordamerika und der Kongo (damals noch belgisch).
Aber ab 1950 sank die Nachfrage, Traktoren übernahmen die Arbeit der Maultiere. Die Auswirkungen waren katastrophal. Viele Poitou Züchter töteten ihre Herden, da sie nicht mehr in der Lage waren, die Tiere mit Profit zu verkaufen oder zu vermehren. Bald war diese einmalige Hauseselart vom Aussterben bedroht, aber es schien niemanden zu interessieren. Nur eine interessierte es, Annik Audiot, und die Ergebnisse ihrer Untersuchung wurde 1977 veröffentlicht. Die Zahl der Hengste war auf 12 gesunken und die der Stuten gar auf 13. Im gleichen Zeitraum war die Zahl der Stutbucheinträge gerade einmal sieben. Im Jahr zuvor waren es noch weniger, nämlich nur zwei.
Aber noch niederschmetternder war die Untersuchung zur Fruchtbarkeit. In 73 Prozent der gedeckten Stuten wurde was Embryo abgestossen und ein Drittel der Fohlen waren Totgeburten. Die durchschnittliche Lebenserwartung des Poitou betrug 14 Jahre. Mit all diesen Daten war eines klar: der Poitou war dem Untergang geweiht.
So wachte man endlich auf und versuchte zu retten was zu retten war. 1979 fand ein Treffen des Parc Naturel mit den wenigen Züchtern statt, daran nahmen auch Wissenschaftler und lokale Autoritäten teil. Man kam zu folgendem Ergebnis: eine Zählung sämtlicher Poitous, auch derer, die nicht reinrassig waren, ein experimentelles Zuchtprogramm wurde gestartet mit Schwerpunkt auf Stallhygiene und Öffentlichkeitsarbeit. Endlich wurde etwas unternommen. In einem speziellen Zuchtprogramm nahm man sich der Esel an, die nur teilweise über Poitou Blut verfügten und versuchte durch Auskreuzung mit portugiesischen Poitou Nachfahren wieder den reinrassigen Poitou nahe zu kommen.
Dieses Projekt erlitt einen Rückschlag, als Fohlen eines plötzlichen Todes starben und dann auch noch acht Poitou Stuten in einem Jahr. Dazu kam der Tod von fünf Fohlen in einer anderen Zuchtstation. Es sah sehr düster aus. Nun kam es auf internationale Zusammenarbeit an. 1988 übernahm ein englisches Donkey Sanctuary drei Esel, zwei Stuten und einen Hengst zur Zucht.
Eine Organisation mit Namen la SABAUD wurde ins Leben gerufen. Mitglieder dieser Organisation reisten durch Europa, um reinrassige Poitou zu identifizieren und dem Zuchtprogramm zuzuführen. Durch Auskreuzung wurde erreicht, dass die siebte Generation wieder als Poitou zu bezeichnen war. Dieser Nachwuchs wurde in das reinrassige Zuchtprogramm eingegliedert. Die Zusammenarbeit mit Deutschland, der Schweiz, England und den USA sicherte zum ersten Mal seit 1977 das Überleben dieser einzigartigen Hauseselart.
Heute gibt immer noch sehr wenige dieser imposanten Esel, aber ihr Überleben ist gesichert. Ein bedeutendes Beispiel für internationale Zusammenarbeit in der Erhaltung von Tierarten, mögen dem noch viele folgen.
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© bei der Autorin 10/2002


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