• Teil 4: Neuweltgeier (Kondore)

    SERIE GREIFVÖGEL

    Vultur gryphus. Für die Indios in Südamerika galt der Kondor einst als ein Bote der Götter. Heute sind die majestätischen Vögel der Anden vom Aussterben bedroht und stehen unter Schutz.

    Der Körper des Anden-Kondors wird bis zu 110 Zentimeter lang. Die Flügelspannweite beträgt bis zu 320 Zentimetern. Die männlichen Tiere wiegen bis zwölf Kilogramm, die weiblichen bis knapp zehn Kilogramm. Ihr Gefieder ist glänzend schwarz, die Flügeldecken und Schwingen silberfarben. Sie tragen eine weisse Halskrause, von der sich der nackte rote Hals und Kopf abhebt. Die Männchen sind von den Weibchen auch durch die roten Hautlappen an ihrer Kehle und durch den fleischigen Kamm zu unterscheiden. Selbst die Augenfarben sind geschlechts-unterschiedlich: Die männlichen Tiere haben graue, die weiblichen rote Augen. Jungtiere sind bis zum Alter von etwa sechs Jahren bräunlich gefärbt.

    Foto: Unbekannt

    Der Anden-Kondor lebt von Venezuela bis zum Süden von Argentinien und Chile. Dort findet man ihn überwiegend in der Region der riesigen Gebirgskette der Anden, vor allem in der Hochgebirgs-Region über 3500 Meter Höhe vor, aber auch an den Klippen und Felsen der südamerikanischen Pazifikküste.

    Kondore werden in freier Wildbahn etwa 40 Jahre alt, in Gefangenschaft aber bis zu 85 Jahre.

    Mit dem Anden-Kondor verwandt sind Königs-, Raben- und Truthahngeier, und der Kalifornische Kondor.

    Auch in Kalifornien standen noch vor zwanzig Jahren die urzeitlichen Aasfresser am Rande des Aussterbens. Dank 35 Millionen Dollar kreisen nun wieder rund 100 Kondore dieses Typs über dem Südwesten der USA. Fast 150 Exemplare sorgen in den Zoos von San Diego, Los Angeles, Santa Barbara und Boise in Idaho kontinuierlich für Nachschub. Nach 70-jähriger Abwesenheit wurden im Vorjahr im Norden Baja Californias in der Sierra San Pedro Martir die ersten Kondore freigesetzt.

    Kalifornische Kondore (Gymnogyps californicus) versenkten ihre orangerot gefärbten, nackten Köpfe schon in eiszeitliche Mammutkadaver. Ihr Verbreitungsgebiet reichte vom heutigen Baja California im Süden bis nach British Columbia Norden und im Osten bis nach New York und Florida.

    Als im 19. Jahrhundert immer mehr Siedler nach Westen vordrangen, ging es mit der Population kontinuierlich bergab. 1982 gab es nur noch 22 Exemplare in freier Wildbahn und einen Vogel in Gefangenschaft. Der Plan der zuständigen Bundesbehörde, dem Fish and Wildlife Service (FWS), die verbliebenen wenigen Vögel in Schutzhaft zu nehmen und ein Zuchtprogramm zu starten, stiess auf erbitterten Widerstand.

    "Umweltschützer waren skeptisch, weil es keinen erfolgreichen Präzedenzfall gab. Die Ureinwohner wollten den Kondor als Verbindung zu ihrer spirituellen Welt nicht verlieren. Das Gegenargument war, dass die Kondore ihre überlebenswichtigen Verhaltensweisen in Gefangenschaft vergessen würden", erinnert sich Wallace, der von der ersten Stunde an mit dabei war und das Kondorprojekt unter der Ägide des FWS leitet. Als zwei Jahre später kurz hintereinander sechs Vögel starben, war das Programm beschlossene Sache.

    Aber trotz aller Erfolge ist weit und breit keine selbst erhaltende Population wilder Kondore in Sicht. Die wenigen in freier Wildbahn geborenen Vögel verendeten entweder oder mussten zu ihrem Schutz in Gefangenschaft genommen werden. Dutzende Vögel erlitten Bleivergiftung oder starben, nachdem sie von Jägern liegen gelassene Eingeweide - kontaminiert mit bleihaltiger Munition - verzehrt hatten. Stromleitungen und andere Gefahren, die sie an den Rand des Aussterbens gebracht haben, existieren noch immer.

    Von Hand aufgezogene Jungtiere suchen zudem nur allzu gern die Nähe von Menschen. Die so genannten "Schuhbandvögel" im Grand Canyon sind besonders dreist. Sie warten, bis neugierige Touristen nahe herankommen, dann schlagen sie zu und reißen mit ihren kräftigen Schnäbeln die Schnürsenkel aus den Schuhen. "Kondore sind sehr kluge und gesellige Tiere und lernen nicht nur voneinander, sondern auch von anderen Spezies", warnt der pensionierte Raubvogelexperte Noel Snyder, einer der größten Kritiker der Wiederfreisetzung. "Um Futter bettelnde Kondore sind einfach ein anderes Problem als bettelnde Raben."

    Die Wiederansiedlung der Kondore in Baja California - eine fast menschenleere mexikanische Halbinsel, die sich von der US-mexikanischen Grenze aus 1300 Kilometer nach Süden zieht - ist deshalb so etwas wie eine zweite Chance. "Es ist ein ständiger Lernprozess", gibt Wallace zu. Heute wachsen die Jungtiere ohne direkten menschlichen Kontakt heran. Gefüttert werden sie entweder von ihren Eltern oder von Menschen mit Handpuppen.

    Falsche Strommasten versetzen den Jungvögeln einen leichten elektrischen Schock, wenn sie darauf landen. Zusätzlich zu den Mikrochips unter der Haut werden Miniatur-GPS-Sender an den Flügeln befestigt und schicken alle drei Tage Daten wie Aufenthaltsort, Fluggeschwindigkeit und Höhe via Satellit an Wallace und seine Kollegen.

    Das FWS verteilt jährlich fast 29 000 Koyoten- and Wildschweinkadaver und die Eingeweide von 8000 Rehen im Kondorrevier, um die Versorgung mit sauberem Futter sicherzustellen. Trotzdem sind tödliche Bleivergiftungen an der Tagesordnung. "Es macht wenig Sinn, die Vögel freizusetzen, solange das Bleiproblem nicht gelöst ist", kritisiert Snyder.

    Es gibt zwar brauchbare, wenn auch etwas teurere Alternativen zu bleihältiger Munition. Aus Angst, die mächtige Jagd- und Waffenlobby zu verprellen, zögert das FWS jedoch mit dem Ruf nach einem allgemeinen Verbot. Stattdessen setzt die Behörde auf freiwillige Zusammenarbeit und Information. Jäger sollen entweder auf Bleischrot verzichten oder die Eingeweide vergraben. Für Snyder ist das viel zu wenig. "Die wenigsten Jäger werden sich die Mühe machen, eine Schaufel mitzuschleppen, um schrothältige Eingeweide und Tierkadaver, die sie erst finden müssen, einzugraben."

    Aber nicht nur Snyder zweifelt an dieser sanften Strategie. Eine bunt gemischte Gruppe aus Umweltschützern und -vereinen hat sich zu einer Koalition zusammengeschlossen. Sie wollen Blei ein und für allemal aus Kondorrevieren verbannen. "Wir werden in Kalifornien einen Gesetzesantrag gegen bleihaltige Munition einbringen und rechtliche Schritte gegen die Bundesregierung einleiten", sagt Peter Galvin, Raubvogelexperte und Direktor des Zentrums für Biologische Diversität. "Es ist nur eine Frage der Zeit."

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    PS: Die Molekularbiologen zählen übrigens im Gegensatz zu den Zoologen die Kondore inzwischen eher zu den Schreit- oder Storchenvögeln (ciconiiformes).

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