**SERIE GREIFVÖGEL
Die Altweltgeier (Aegypiinae) sind eine Unterfamilie der Habichtartigen (Accipitridae) und gehören damit zu den Greifvögeln (Falconiformes). Der Bartgeier, über dessen Wiederansiedlung Teil 1 handelt, gehört also zu den Altweltgeiern.
In den meisten Sprachen nimmt der Name des Bartgeiers Bezug auf seine borstigen Federn, die über seinen Schnabel hängen. Früher wurde der Bartgeier auch Geieradler, Lämmergeier, Goldgeier, Bartfalk oder Berggeier genannt. Englisch: bearded vulture,französisch: gypaète barbu, italienisch: gipeto, wissenschaftlicher Name: gypaetus barbatus
Der Bartgeier sieht nicht wie ein typischer Geier aus. Er wird oft mit dem Steinadler verwechselt, der im gleichen Lebensraum vorkommt. Im Flug sind die beiden Arten oft nicht leicht zu unterscheiden.
Ein erwachsener Vogel ist etwas grösser als ein Steinadler. Im Flug fällt der lange keilförmige Schwanz auf. Die Flügel und der Schwanz sind dunkel, der Kopf und die Brust sind hell-rötlich gefärbt. Borstenartige Federn hängen dem Bartgeier über den Schnabel - einem Barte gleich. Wenn der Vogel aufgeregt ist, leuchtet ein auffällig roter Ring um seine Augen. Die Jungvögel haben schon nach etwa drei Monaten die gleiche Grösse wie die erwachsenen Tiere. Sie sind aber ganz dunkel gefärbt mit einigen helleren Stellen. Mit fünf bis sieben Jahren tragen die Bartgeier das erwachsene Federkleid.
Ein paar Daten:
Sein Lebensraum ist das Gebirge. Gewicht: fünf bis sieben Kilo. Flügelspannweite 2,7 Meter. Keine äusserlichen Unterschiede bei den Geschlechtern. Sie paaren sich im November und Dezember. Die Eier werden von Dezember bis Februar gelegt. Brutzeit 52 bis 58 Tage. Die Jungtiere werden 110 bis 120 Tage nach dem Schlüpfen flügge. Zwischen fünf und sieben Jahren werden sie geschlechtsreif.
Bartgeier leben als Gebirgsbewohner in Asien, Afrika und Europa. Das Hauptverbreitungsgebiet erstreckt sich von den Mittelmeerländern bis zur Mongolei und nach Zentral- und Westchina. In Afrika kommt der Bartgeier vor allem in Ost- und Südafrika sowie im äthiopischen Hochland vor. Eine kleine Population lebt in Südwestarabien.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war der Bartgeier in den Gebirgen Südeuropas und den Alpen noch recht häufig anzutreffen. Heute finden wir ihn in den Pyrenäen, auf Korsika, Kreta und dem Balkan - und seit 1986 auch wieder in den Alpen, wo mit grossem Aufwand junge Bartgeier angesiedelt werden.
Alle Geier ernähren sich fast ausschliesslich von Aas. Der Bartgeier hat seinen Speisezettel noch weiter beschränkt. Er frisst hauptsächlich Knochen. Das ist durchaus nicht das Schlechteste, was ein Kadaver zu bieten hat. Ein bleicher Knochen enthält 12 % Protein, 16 % Fett und ein paar lebenswichtige Mineralstoffe. Die spezielle Vorliebe hat noch einen weiteren Vorzug. Kein anderes Tier macht dem Bartgeier dieses Futter streitig, denn Knochen sind für gewöhnliche Tiermägen unverdaulich. Die aggressiven Magensäfte des Bartgeiers werden jedoch selbst mit grösseren Brocken fertig. Dank dem leistungsfähigen Verdauungsapparat kann der Bartgeier diese Nahrungsquelle konkurrenzlos nutzen.
Knochen bis zur Grösse eines Rinderwirbels verschluckt ein Bartgeier ganz. Noch grössere trägt er in seinen Fängen zur "Knochenschmiede". Das ist eine Felsplatte in einem Steilhang. Aus 50 bis 80 Metern Höhe lässt der Vogel die Knochen gezielt auf den Felsen fallen. Durch die Wucht des Aufpralls zersplittern sie in schnabelgerechte Portionen.
Lange wunderte man sich darüber, dass das Gefieder an Bauch und Hals bei Bartgeiern in Gefangenschaft reinweiss, bei freilebenden jedoch rötlichbraun war. Bis man merkte, dass die Farbe "aufgeschminkt" ist: Stellt man nämlich den Vögeln in der Voliere ein eisenoxidhaltiges Bad zur Verfügung, färben sie ihre Federn mit dem roten Wasser ein. In der Gebirgslandschaft suchen sie dafür gezielt geeignete Tümpel auf.
Bartgeier legen meist zwei Eier, in der Regel fliegt aber nur ein Junges aus. Die beiden Eier werden im Abstand von rund einer Woche gelegt. Somit schlüpft der zweite Jungvogel später und ist entsprechend kleiner als sein Geschwister. Junge Bartgeier sind sehr aggressiv. Der Stärkere tötet den Schwächeren in den ersten Lebenswochen. Das zweite Ei bildet eine biologische Reserve, für den Fall, dass das erste unbefruchtet ist oder der Embryo im Ei abstirbt. "Kainismus" heisst diese Verhaltensweise in Anlehnung an den Brudermörder im Alten Testament. Sie ist sinnvoll: Für zwei Küken würde die Nahrung nicht reichen.
Fortsetzung der Serie "Greifvögel" folgt


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