• Die Grosse Hunde-Freiheit

    6. Dezember 2000

    Ein langes Wein-Nachts-Märchen. Zynische Illusion der Redaktionshunde Anima Satchmo Howdy

    Hunde ohne Menschen. Ein glückliches Leben nur auf dem Lande. Buddeln ohne Ende, aber nicht nach Geld. Nur aus Lust, Erde riechen statt Aral und Shell und Bohnerwachs. Hunde ziehen aus und um: in absolut sichere Gehege zum Schutz vor Menschen, die vor Tierliebe sabbern oder Hunde einfach nur kaufen oder besitzen oder als Waffe missbrauchen wollen. Tierärzte, Tierheimleiter und Sachverständige, die Hunde widerrechtlich töten liessen, werden an Hundefutterhersteller verschickt. Als Lagerpersonal auf Lebenszeit. Tierheime konnten bald aufgelöst und von der Treuhund abgewickelt werden, weil die Hunde ins Eigenheim im Free Doggy Valley umzogen.

    So genannte Kampfmenschen (mit und ohne Anführungszeichen, aber meist Sachverständige des Verhindertenverbandes der demi-kratischen Hunderassenunwesens) müssen sich einem Wesenstest unterwerfen. Rasseverbände sind nicht mehr notwendig für das freie Leben von Hunden. Wer sich nicht bei den Hundeordnungsämtern meldet, wird mit Stachelhalsband und Maulkorb in ein Menschenentsorgungsheim abgeführt.

    Hundehalter der besseren Sorte dürfen einen Hundehalter-Führerschein ablegen, aber nur zeitlich befristet. Bei einmaliger Zuwiderhandlung wird der Berechtigungsausweis für Hundehaltung eingezogen. Strafmass: Lebenslanges Hundehaltungsverbot mit Schüsselputzen bei ihren missbrauchten Zöglingen, aber unter laufender Kontrolle von Herdenschutzhunden und Molossern als Wärter.

    Am Härtesten trifft es Rassehunde-Verbandsfunktionäre, Züchter und die Futtermittelindustrie: Die ersten kann kein Schwein mehr gebrauchen, sie produzierten eh nur Mist, wenn sie überhaupt für Hunde tätig waren. Die anderen, die an ihnen verdienten, müssen sich unentgeltlich - wie früher Tierheimmitarbeiter - als Hundelagerplatzwarte betätigen. Ausnahmeregelungen für die durch ein neutrales Hundegremium geprüften 25 verantwortungsvollen und fürsorglichen Züchter stellen die verkauften Hunde aus, nach Rücksprache mit den ehemaligen Käufern.

    Warum sollen die Hersteller kein Fleisch von Massenzüchtern und anderen Tierquälern wie Hundekampf-Veranstalter und -Teilnehmer oder Spontankäufer und Allergie-und-noch-verlogeneren-Ausreden-ins-Tierheim-Abschiebern verwenden? Hundehasserfleisch für die Hunde? Igitt! Um Hundes Willen, dieses Gift kann man doch Hunden nicht anbieten! So versifft mit Tabletten und Alkohol und Nikotin und Drogen. Da würden ja Amtstierärzte als Fleischbeschauer violett anlaufen und glatt den Stempel verweigern! Eher werden die Hunde wieder wie früher Fast-alles-Fresser. Befreundete Schweine planen, Biofood für alle anzubauen. Nackte Batteriehühner sorgen für ein paar Korn.

    Zwei Sozialfälle waren nicht sofort zu therapieren: Ein verwöhnter Rehpinscher brauchte wöchentlich seinen aus Japan eingeflogenen Luxusbarsch, einen Koi im Wert eines oberen Mittelklassewagens. Und ein Bernhardiner mit vermutlich 90 Kilo und dem Schädel einer Bodensee-Apfelkiste, der brauchte als früherer Abstinenzler täglich seine Flasche unverschnittenen Jamaika-Rum. Er wollte, nachdem er immer in Berner Kaufhäusern diese dämliche Reklame für Nestlé laufen musste, endlich mal das Zeug saufen, das man ihm immer in einem Fass mit Holzimitat umhängte.

    Aber nach der Übernachtung in einer Niedrigst-IQ-TV-Serie in einem Neon-Wohn-Container mit wahnsinnig gutdraufseienden Menschen, die so quasselten wie der Fusel in seinem Fass, da beschloss er, Alki zu werden.

    Zwei Bordeaux-DoggInnen, früher liefen sie mit ihren Edel-Dominas auf der Reeperbahn als BodyguardInnen, versuchen - zu VeganerInnen konvertiert - nun ihr Bestes mit jenem Barry. Mit dem Fassungsvermögen ihrer flusspferdgrossen Mäuler konnten sie ihn sauberlecken. Allein sein Name kotzte ihn immer an. Der Koloss von Bern wurde in eine abgelegene Ecke gesteckt, damit er den Welpen nicht als schlechtes Beispiel über den Weg torkelt. Die zwei Hündinnen gossen sich dann nach der Versorgung des Trunkenbolds selber je ein Glas von jenem roten Zeug ein, von dem sie schliesslich ihren Namen bezogen.

    Hundesteuern werden nicht mehr erhoben, aber Steuern in Höhe der früheren Kampfhundesteuern für Züchter und Halter, die Hunde produzierten und ver- und kauften, die letzteren die Ware aber ins Tierheim abschoben. Diese Steuern kommen nur Tierheimen zugute, die solche Hunde nicht verrieten.

    Die Hundefutterhersteller müssen astreines Fressen produzieren und kostenlos zur Verfügung stellen, sie hatten vorher zu viel an der Zucht verdient. Vittel und Evian stellen Wasserzelte zur Verfügung. Ausschliesslich mit süssen kleinen English Bulldogs als Bedienung. Die können zwei Schüsseln gleichzeitig in ihrem Breitmaul halten. Entertainer ist eine Bordeaux-Dogge, die genau jene Grimassen nachäfft, die Schutzhunde- oder Ausstellungs-Richter machten, wenn sie Hunde beurteilten und dies den enttäuschten Halter mitteilen mussten. Der Perma-Brüller!

    Daneben können sich die freien Hunde in Selbstverwaltung auch Schafe und Hühner und Pferde und Esel und Schweine und Ziegen halten, aber nur als Beschäftigungs-Partner.

    Ausnahmegenehmigung für einen Kurden-Kangal: Als ehemaliger Tierasylant darf er einen Imbiss-Stand führen, der biologisch einwandfreies Human-Klöten-Chappab anbietet. Aber nur für Hunde. Menschliche Kunden mit implantiertem Herkunftsnachweis bekommen Rindfleisch aus von EU-Landwirtschaftsministern garantierten Lagerbeständen mit 20-jähriger Inkubationszeit. Der Erlös geht an die Istanbul-Strassenhunde-Stiftung. So isser, der Ali.

    Hunde-Literatur endlich ohne menschliche Zensur: Die Leitung übernimmt ein Irish Wolfhound, weil aus dem Land der Literatur-Nobelpreisträger, der Bushmills Malt Whiskey saufende Ire wird der erste Nobelfressträger in Kynologie. Doch der überwiegende Teil der menschlichen Hundeliteratur dient als Penn-Unterlage. Und als Piss-Vorlage für Welpen. Und als First-Menstruations-Aufsauger für Hundegirlies.

    Nur Kinder ohne Begleitung von erwachsenen Menschen haben freien und ungehinderten Zutritt zum globalisierten Dog`s Free Live Refuge. Es sei denn, sie kreischen: „Maaaammmiii, ich will den süssen Knuddelbär sofort haaam!" Oder sie grapschen nach dem, was ihnen nicht gehört und auch nicht gekauft wurde als Langweile- oder Spielersatz: Ruten oder andere Extremitäten. Die letzteren, sicherlich lernwilligen Kinder kommen in ein Umerziehungsprogramm mitsamt hundeartig sozialisierendem Lehrplan.

    Die Hunde brauchen kein Share Holder Value, sie werden auch nicht geoutsourced, kein Kredit, keine Aktien, kein Internet, müssen nicht mehr hektisch im Auto zum Fünf-Minuten-Territoriums-Entleerungs-Jogging ausrücken, mit Automatikrolle, damit ihnen das täuschende, ja verarschende Gefühl von Hundefreiheit vorgegaukelt wird. Und dann ab für neun Stunden ins Designer-Atelier, dem Edel-Wartesaal, gelangweilter Lederarmsesselpupser, bis dieser dekadente Rudelboss wiederkommt einen auf sozial macht und meint, das teuer verpackte Premium Junk Dog Food sei gut genug als Wiedergutmachung für diese Einzelhaft. Dummer Mensch, wer da für einen Luxus-Rassewelpen 4 000 Mark zahlte.

    Fünf Minuten nervöses Schlechtes-Gewissen-Kraulen, bis die Glotze angeht. Dann ist Sense. Das Handy bellt. Keine Zeit für lebende Hunde. Der Aibo-Roboter ist ihnen aber zu metallisch. Echte Hunde waren da doch billiger. Das warme Fell mit echtem Hundegeruch nach Regenwetter, nicht mal das können sie nachahmen, diese Techniker.

    Manchmal sehen diese früheren City Dogs, die noch Windeln gebunkert hatten als Anti-Kack-Tüten, richtige freilaufende Hunde, ohne Elektro-Halsbänder. In der eigenen Glotze im Hundebabyzimmer. Einige schlaue Füchse unter den Hunden hatten aber zugeschaut, wie Kids rumhackten auf kleinen Glotzen, sie nannten es Surfen. Die Hunde waren so frei, wenn die Kids mal Omis ausrauben gingen, und klickten auch mal auf diese virtuelle Maus. Hund bekam Kontakte, eine bissige Hundezeitung war ihr Kontaktplatz. Da fing die Sache übrigens an. Nur die tierischen Mails konnten die tumben Kinds nicht dechiffrieren.

    Einige Hunde in Tierheimen durften ungehindert, wenn die lügnerischen Besucher endlich weg waren, unter Anleitung von Pflegerinnen einen Crash-Kurs im Programmieren und Hacken machen. Ein Ring of Free Doggy formierte sich.

    Wenn der Fressnapf leergefressen war, dieses makrobiotische Genfood, dann erschien eine kreischende Katze am Boden der Schüssel. Per Videoeinspiegelung, ein vollfetter Brüller vom pickelgesichtigen Besitzer.

    Die Tierheime mussten vorübergehend geschlossen werden, weil sie ohnehin stapelweise überfüllt, ja Container brechend voll waren. Sie wurden - bis zur Endlösung des Halter- und Züchterproblems - als Übergangslösung zu Bio-Sondermüllstationen umgetauft. Die Mitarbeiter wurden erstmals nach Fachkenntnis ausgesucht und durften sich in die neuen Free Doggy Center bewerben. In diesen war aber auch zur Erinnerung an diese schreckliche Zeit ein Zynismus-Museum eingerichtet, durch das alle menschlichen Besucher gehen und müssen, die freie Hunde sehen wollen.

    Da sind Elektroschock-Halsbänder (Teletakt) und Stachelhalswürger, oder Maulkörbe ausgestellt, die gegen Entgelt auch an Sado-Masos ausgeliehen werden. Oder umfangreiches Schrifttum über kynologische Gedankenspiele von Verordnungen, Gutachten, Wesenstests, Rassestandards, Rassezeitschriften, Vereinssatzungen wie Hundebücher. Videos von Wesenstests laufen permanent, auch von bürokratischen Einziehungen von Hunden, die nachweislich unbescholten sind. Unter Beteiligung von denunzierenden Nachbarn. Auf einer Homepage werden sämtliche Adressen von krankhaften Hundehassern veröffentlicht. Und die meistgebrauchten Lügen von Abschiebern.

    Vorgeschobene Allergiker gegen alles, was mit Hunden in Verbindung zu bringen ist, werden vor den Kassen zwangsesoterisiert. An den Türen stehen Hunde über 40 Zentimeter und 20 Kilo. Sie sehen unter dem Tisch auf Monitore, auf denen Daten der meistgesuchten Anti-Hunde-Personen abrufbar sind. Die müssen leider draussen bleiben. Gerüchten zufolge sollen sich eine sture Politikerin aus Nordrhein-Westfalen und ein asyler Politiker aus Hessen pauschal ziemlich daneben benommen haben, als sie von einem etwas aus dem Rassestandard ragenden Chihuahua per Maulkorberlass abgeführt wurden. Jenem Erlass, den die Politiker selber durchgesetzt haben.

    Ehemalige Behördenhunde schlafen an den Abfertigungsschaltern und haben ab und zu die Güte, einen Berechtigungsschein zur Hundepflege auszustellen. Denn es melden sich auch plötzlich so uneitle scheinheilige selbsternannte Tierschützer. Anders die echten Idealisten, die damals auch einige diskriminierte und flugs abgeschobene Hunde trickreich anderweitig unterbrachten und retteten, gar durch diese Wesenstests brachten, deren Erfinder einen IQ unterhalb eines Strohlagers aufwiesen.

    Hunde erhalten kostenlose und bundesweit gültige Fahrtberechtigungsausweise für die Deutsche Bahn. Damit endlich die Wagons wieder gefüllt werden. 80 Prozent der Hunde mussten früher ohnehin über Niederlande, Belgien und Frankreich oder Polen und Tschechien reisen, wenn sie von einem nördlichen Bundesland in ein südliches fahren mussten. Das Zugbegleitpersonal besteht aus zuvor von einer Hundekommission wesensgetesteten Begleithundeprüfern, denen der Zutritt zum Speisewagen verboten bleibt.

    TV-Sender, die leider wegen ausfallender Pitbull-Horrorshows vor die Medienhunde gingen, müssen nun mangels idiotischer menschlicher Fuzzi-Egos auf die Serie „Big Dogger" umschwenken. Da können sich dann Hunde, von ihren selbstdarstellungsgeilen Besitzern damals in unzähligen Talkshows Drehtür an Drehtür mitgeschleift (ohnehin nur Ersatz für Ausstellungsmisswahlen), da können sich die missbrauchten Hunde verbal und rektal auskotzen. Hundepsychologen kotzen solidarisch mit, hier verstehen sie zum ersten Mal ihre Patienten.

    Was den Patienten allerdings am Körper vorbeigeht. Sie haben ihren Spass an den drolligen Therapeuten oder weichgespülten Problemhundlern, die immer unmotiviert und ziellos mit Knackfröschen zucken. Die haben es aber bitter nötig, diese armen Snackfresser und Leckerli-Fuzzies!

    Wie kam es dazu? Als die Menschen wirklich keine Zeit mehr für ihre Hunde hatten, machten die sich die selbstständig. Rädelsführer waren die wenigen verbliebenen Naturarbeitsechtzeithunde, ein paar anarchistische Hetz-, Schlitten- und Herdenschutzhunde, die der Anpassungsdressur entkamen. Mehr und mehr desertierten Hunde, meist arbeitslose Sofa-Lungerer, am eifrigsten aber die Schutzhunde.

    Einige Laborhunde, die noch über ihr Hirn und Gedächtnis verfügten, drehten das Reagenzglas um und sperrten die Laboradoren in viel zu enge Käfige, und spielten den ganzen Forschungsplan noch mal an den neuen Patienten durch. Sie kamen übrigens zu denselben Ergebnissen: unbrauchbaren, letzten Endes.

    Hunde, die aus Massenzuchten massenweise über die Maschendrahtzäune sprangen, wobei die als Ladenhüter vergessenen Molosser und Bullterrier-Varianten ihre Gebisskraft letztmalig, aber erstmals sinnvoll einsetzen durften, die pinkelten und kackten sich erst mal in hygienischem Umfeld auf Wiesen aus, dann drehten sie um und steckten den Züchter in den kleinsten Zwinger im dunklen Stall. Der Kleinste, ein Yorkshire mit verklebtem Fell, kackte auf den Schlüssel und scharrte ihn mit den überlangen Krallen, die der einer amerikanischen Sprinterin nahekamen, ins Gullyloch. Das Telefonkabel verbissen drei ohnehin durchgeknallte Foxterrier.

    Dann zogen sie, unter Einsatz all ihrer alten Geruchsleistungen ins Hundeparadies. Der nächtliche Hunderundfunk meldete dies von Zuchtanstalt zu Hundeplatz, von Tierasyl zu Kampfhunde-Container, vom Versuchslabors zu Ausstellungskongressen von Rassehundefunktionären und so weiter.

    Sie fanden überall noch reichlich Platz und errichteten ihre Refugien. Zutritt für Menschen verboten, siehe obenstehende Ausnahmen. Sie nahmen viel lieber alleingelassene Katzen oder ausrangierte Zirkus- und Zoobären auf. Vereinzelt auch Strassenkinder. Oder - bis auf Widerruf - ein grauhaariger Verhaltensforscher, weil er seine Hunde aus einem Tierheim holte und sich bemühte, sie zu verstehen. Er versuchte immer, sich ihnen gegenüber wie ein Menschenhund zu verhalten. (Im Traum stellt man sich selber meist ein gutes Zeugnis aus.) Daher wollen ihn seine Hunde zum Ausgleich nicht in einem Menschenghetto alleinlassen. Dafür muss er von diesem Hundeparadies Zeugnis ablegen im Internet. Strafe genug.

    Jagdhunde dürfen nun so tun, als hetzten sie, die Hasen lachen und schlagen voller Vergnügen einen Haken um die applaudierenden Whippets. Die Border Collies erzählen den Lämmern langweilige Märchen von Sheepdog Trails, staatlich geprüfte Rettungshunde bilden American Staffordshires und Pitbulls in Hundekrankenpflege aus, Dackel und Boxer und - für extra grosse Portionen Bernhardiner - servieren das Fressen in Porzellanschüsseln und - ooops - alkoholfreies Bier. Sie sind einfach die geborenen Gastgeber.

    Zwerghunde werden endlich nicht mehr stumpfgetreichelt und dürfen echte Hunde spielen, trainiert von besonders rüpelhaften Alaskan Malamutes. Retriever richten als Behindertenhelfer für missbrauchte Hunde eine Sozialstation ein. Ein lesbisches Paar aus Cardigan Corgie (aus der Zucht von Queen Mum, vergleichsweise genauso alt und so gin-erös) und Doberfrau baut ein Müttergenesungswerk für Hündinnen auf, die als Wurfmaschinen ausgelaugt wurden.

    Ausgemusterte Rennhunde wie Greyhounds aus spanischem Exil und ausgekochte Doppelverwerter wie Mastini therapieren Übergewichtige oder Magersüchtige.

    Herdenschutzhunde behalten als Souveräne wie gewohnt die Übersicht und wachen über alle als Friedensrichter. Sie müssen sich am wenigsten umstellen. Es sei denn, ein Mensch wollte unbefugt wieder in den Besitz seines ehemaligen Hundes gelangen. Es sprach sich rum, dass dies bei jedem Versuch ein fürchterlicher Fehler wäre. Ohnehin schert sich kein Hund nach seinem früheren Bezahler. Denn der hatte ihn ja auch nicht gefragt, ob er denn zu ihm wolle.

    Ein paar Ausnahmen von Haltern wurden genehmigt; es waren die wenigen, die sich um Hundeverstand bemühten. Die hatte man auf einer Homepage im Internet in einer Hundezeitung gefunden. Die Newsletter wurde von den Hundehackern kopiert.

    Rudelpolizei, anfangs von den meisten Deutschen Schäferhunden gefordert, auch noch mit grünen Satteldecken mit Abzeichen, wurden vom Hundeparlament so konsequent abgeschmettert, wie es selbst die schärfsten Schutzhunde von ihren Brüllern nie gehört hatten. Die Worte „Kommando" oder „Befehl" oder ähnliche militante Zeichen kamen auf den Index. Daran haben etliche altgediente vierbeinige Soldaten noch schwer zu knabbern. Ihnen stehen einige Parias aus Bayern, dem Baskenland, Nordirland und Tschetschenien als Freiheitsberater zur Verfügung. Abhängige Ex-Drogenspürhunde werden von importierten Stinktieren schocktherapiert.

    Ein paar notorische Leistungssportler wie Huskies, die ihre Ausrüstung mitsamt den Schlitten und Rollwagen von ihrem Mushern gemopst hatten, fahren nun Kinder mit Welpen spazieren. Vorstehhunde apportieren jetzt Entenküken und entfleuchte Kätzchen, Nachkommen jenes fürchterlichen Raubzeugs, auf das sie von ihren Jagdherren in lebendem Zustand auf Äste gebunden gehetzt wurden. Ein Berner Sennenhund baut einen alten Milch- zum Kinderwagen um.

    Ein Mops, ein Zwergschnauzer und ein Malteser gründen eine Comedy-Truppe. Die Vorstellungen sind brechend voll. Das Thema ist ein Dauerlutscher: Wie der Mensch auf den Hund kam. Sehr witzig!

    Ein Airedale und ein Bouvier klauen ein paar TV-Geräte von verwirrten Blood-and-Money-Sendern und übertragen direkt ins eigene Dog 1. In den Nachrichten reportiert eine blond ondulierte Cocker-Hündin ins Knopf-Mikro dauernd darüber, wie viele Menschen sich den Hunde-Roboter Aibo als Ersatz kaufen. Der Züchter Sony wird darauf als Ehren-Sponsor in die H-UN aufgenommen.

    Das Hunde-Parlament beschliesst, sich nach dieser einmaligen Platzung aufzulösen und künftig keine Beschlüsse mehr zu fassen. Bei dem letzten Wort verfällt ein schwerhöriger Rottweiler in seine alte Rolle und versteht: FASS! Er schämt sich sogleich und wird von einem schwulen Pudel getröstet, den er früher für eine derartige Anmassung dermassen was von gefasst hätte.

    Die neue Verfassung: Es solle die frühere natürliche, evolutionäre Rudelordnung wie bei den ausgerotteten Verwandten wieder eingeführt werden. Das genügt. Denn dies war biologisch. Natürlich gibt es fortan weder „Rassehunde" noch „Mischlinge". Alle nennen nur noch mit Vornamen Hund. Mehr steht nicht in der Verfassung. Wäre auch zu menschlich gewesen. Daher auch keine Rassendiskriminierung, die von Rasseverbandsfuzzies an verachteten Mischlingen vollzogen worden waren. Rassistische Funktionäre haben Zutrittsverbot auf Lebenszeit.

    Selbst durch Trennung und Isolation gefolterte Hunde therapieren sich selbst. Sie sind wieder unter sich. Status gibt es keinen, wer sich als Rasse-Champion durch Papiere als was Besseres wichtigmachen will, wird ausgelacht und seinem Statussymboliker vorgeführt. Das genügt meist.

    Es gibt keinen Menschen mehr, der sie nur kaufen und besitzen will, der sie zu etwas dressieren will, das nie dem Wesen des Hundes entsprach. Da kommt ein alter Grauwolf vorbei - alle konnten sie eben nicht ausrotten - und legt sich auf einen Hügel. Einige Herdenschutzhunde, ganz in ihrem neuen Element, dieses Paradies zu schützen, bemerken dies und laden ihn zu einem Vortrag ein.

    Der Wolf hält keinen komplifizierenden Fachaufsatz mit ethologischem Jargon. Nur dies: „Endlich lassen sie Euch in Ruhe. Sie haben 100 000 Jahre Zeit gehabt, Euch zu tolerieren, wie ihr seid. Ihr wart einfach zu sozial zu ihnen, zu gutgläubig, habt ihren Versprechungen geglaubt. Sie wollten Euch nur zu Ersatzmenschen machen."

    Zynisches Gelächter unter den Zuhörern. Auch ein paar menschliche Kinder glucksen. Jene, die von ihren Eltern flohen und um Asyl bei den Hunden nachsuchten. Weil die Hunde sozialer und toleranter lebten und mehr Zeit hatten zum richtigen Spielen.

    Der Wolf sagt, bereits im Umdrehen, denn er hat keinen Bock mehr auf wichtigtuerische Worte, zu einigen immer noch vermenschlichten Hunden, denen das Wasser in den Augen steht: „Sie haben Euch einfach nicht verdient. Sie wollten Euch nie verstehen. Was wart Ihr doch für dumme Hunde, naive Arschlöcher!"

    Einige junge Hunde stehen auf und rufen: „Macht das, was sie mit uns gemacht haben!" Zustimmendes Geknurre auch unter den bravsten Dietunnixen.

    Da fagen sie an, Menschen in Hallen einzuführen, sie in etwas zu enge Drahtboxen zu sperren, und ihre Gangwerke zu beurteilen. In einem Pit. Sie lachen sich so krumm, dass manche Menschenrichter sich in der Muskulatur und an den Hüften zerrten. Da erinnern sie sich der zweiten Stufe.

    Sie zwingen manche hübsch gefärbte, miteinander verwandte Menschen, die Urkunden besassen und adelige Vorfahren, sich zu paaren. So, wie sie es mit den Zuchttieren taten. Humane Inzucht nennen die Beagles als Forschungsleiter diese menschliche Erfindung.

    Sie vermeiden es aber, Menschen zu klonen. Das wäre dann doch zu viel des Zynismus gewesen. Sie haben einfach noch zu viele davon. Sie stecken sie in Zwinger, die in den Tierheimen. Besuchszeit für Hunde Sonntags von 14 bis 17 Uhr. Nachher müssen sie unter eine Allergie-Wäsche. Sonst stecken sich die Hunde an.

    Die Belohnungssäckchen standen auch in der Asservatenkammer rum und verkamen als das, was sie mal waren: Übersprungshandlungen der Vermenschlichung und Lernkrücken statt natürliches Verständnis. Die Hunde hatten diese Bestechungen satt.

    Und Schluss mit lustig. Die Hunde haben schliesslich was Besseres zu tun.

    Und als ich aus dem Traum erwacht, ward ich um den Schlaf gebracht. Ich war wieder in Hundefeindesland.

    So `n Kack!