• Wegwerf-Hunde

    Zynische Bilanz eines Tierheims: Wie sich Hundekäufer ihrer Tiere entledigen. Welche Gründe Hundekäufer und -besitzer vorschieben, um ihren Hund loszuwerden, und wie sie ihn loswerden.

    Foto: Unbekannt
    Die Hundemisere fängt beim Kaufgebaren an. Tierliebe ist oft nur ein kurz greifender Gefühlsausbruch. Es ist tierschändlicher Konsumterror. Die "Ergebnisse" landen im Tierheim - wenn die Hunde "Glück" haben. Mitarbeiter eines Tierheims ziehen nüchtern Vierteljahres-Bilanz. Tendenz: Immer mehr billig gekaufte Rassehunde landen in der Abschiebehaft.

    Der Ort des mittelgrossen Tierheims ist nicht wichtig, weil diese Bilanz wohl mehr oder weniger auf die meisten zutrifft. Es ist insofern auch eine soziopsychologische Momentaufnahme. Denn: So lange in reichen Industrienationen die konsumwütigen Hundekäufer ihre Lebewesen wie austauschbare DVD-Player oder wegen eigenen Frusts mästbare Spielzeuge gefangenhalten und bei Nichtgefallen wegwerfen, sollten sie nicht mit den Fingern auf andere Tierquäler in anderen Nationen zeigen.

    Wir schreiben Ende März 2001. Die Aufzeichnungen in unserem Hundebuch seit 1. Januar 2001 ergeben einen Zugang an Hunden (Fund- und Abgabetiere) von 98 Hunden in drei Monaten. Dabei sind die ersten drei Monate im Jahr keineswegs die am meisten besuchten. Neun von 98 Hunden waren so genannte "Kampfhunde". Jetzt sind alle Boxen belegt, und selbst im Büro schlafen nachts neun Hunde.

    Die Vermittlung läuft schleppend. Es wird immer schwieriger, verantwortungsbewusste Menschen für Hunde mit "Vorgeschichte" zu finden. Ganz besonders fällt auf, das im Gegensatz zu früheren Jahren ein Grossteil unserer Neuzugänge (54 von 98 Hunden) reinrassig ist. Der Grund hierfür ist vermutlich in Billigangeboten aus Massenzuchten zu suchen.

    Für 200 bis 300 Mark werden Rassehunde bereits in Zeitschriften und im Internet angeboten. Besonders Findige kaufen sich davon gleich mehrere, in der Hoffnung, ein gutes Geschäft zu machen. Bleibt dies aus, wird der ganze "Vorrat" ans nächste Tierheim abgestossen - wie jüngst gleich sieben Rottweiler auf einmal. Es waren zwei erwachsene und fünf halbwüchsige Tiere, für die sich kein Käufer gefunden hatte.

    Einzelschicksale Cita, eine rotweiss gefleckte Pitbull-Hündin, fand man nachts angebunden. Cäsar, siebenjähriger Malteser, wollte, obwohl "nur acht Stunden täglich allein gelassen", partout nicht stubenrein werden. Buffy, langhaarige Husky-Hündin, wurde von Beamten des staatlichen Veterinäramtes aus einem Stall befreit, in dem sie halb verhungert dahinvegetierte.

    Shanna, die dreijährige Kaukasen-Hündin, wurde nachts im Keller, tagsüber an der Kette gehalten. Als sie (angekettet) aus Frust und Langeweile einer Katze nachjagen wollte, schlug das achtjährige Kind der Halter mit einem Stock nach ihr. Die dabei erlittene, zwei Zentimeter grosse Schürfwunde an der Hand des angreifenden Kindes sollte als Vorwand dienen, den Hund ins Jenseits zu befördern.

    Jerry, vierjähriger Rauhaardackel, fand seinen Zeitvertreib im Verfolgen von Fahrrädern. Statt ihm solche Unart durch konsequente Erziehung abzugewöhnen, steckte man ihn ins Tierheim.

    Ungeeignet zum Leistungssport erwies sich Pepsi, die bildschöne langhaarige zweijährige Schäferhündin, weil sie ein leicht verschobenes Becken hat. Ihre bisherige Familie hat jetzt der 14-jährigen Tochter einen neuen Hund geschenkt und Pepsi im Tierheim abgegeben.

    Gleich fünfmal innerhalb eines Monats wurde ein West Highland White Terrier (Westi) als Fundhund bei uns eingeliefert. Nach dem fünften Mal haben sich die Besitzer nicht mehr im Tierheim gemeldet.

    Völlig abgemagert brachte die eigene "Halterin" die - nun wieder genesene - wunderschöne fünfjährige Deutsche Dogge Afra ins Tierheim. Nach Umzug der Familie wurde Afra kurzerhand ins Gartenhaus verbannt und die Fütterung wohl meist vergessen.

    "Max, vier Jahre alt" hatte der ehemalige Besitzer als letzte Zuwendung am Halsband des grossen, überaus stattlichen Rottweiler x Berner Sennenhund-Mischlings angebracht, ehe er ihn an einem Autobahn-Zubringer festband.

    Viel zu lebhaft für den Geschmack seiner Familie war Mike, der American Staffordshire Terrier. Angeblich "unerziehbar stur" konnte Mike nach einer Woche Training problemfrei seinen Wesenstest bestehen.

    Kelita, eine herrliche einjährige Pyrenäen-Berghündin, durfte bei ihrer Familie niemals das Haus betreten. Dafür wurde von ihr erwartet, niemals das nicht eingezäunte Grundstück zu verlassen und die Übertretung dieses untrainierten Verbots mit Abtransport ins Tierheim geahndet.

    Max und Moritz hatten gemeinsam ein Firmengelände bewacht. Die Firmenpleite jedoch machten die beiden eineinhalbjährigen, kastrierten und gutmütigen Bernhardiner heimatlos.

    Verhätschelt wurde dagegen Rocky, der einjährige Rottweiler-Rüde. Er durfte im Bett schlafen, bekam mehr "Liebe" als Auslauf und wartete vergeblich auf die ihm geschuldete konsequente Erziehung. Zwangsläufig also übernahm er die Rudelführung. Als er dann seinem Frauchen mit lautem Knurren den Zutritt zur Couch verwehrte, bekam sie es mit der Angst zu tun und schon ihn ins Tierheim ab.

    Ein Opfer menschlichen Mobbings wurde Sultan, der freundliche, gutmütige Staffordshire- Terrier. Die Hausgemeinschaft wollte ihn trotz bestandenem Wesenstest nicht mehr weiter dulden.

    Angeblich eine Allergie bei ihrem - völlig gleichgültigen - Frauchen ausgelöst haben soll Kija, die katzen- und kinderfreundliche, absolut folgsame Flat Coated Retriever- Mischlingshündin.

    Hätte Nelly, die zierliche deutsche Schäferhündin, nicht lautstark gewinselt, wäre sie im Forst wohl nie von einer Joggerin entdeckt worden. Dort fand man die ausgesetzte Hündin an einen Baum angebunden.

    Sam, der halbverhungerte, riesige, absolut gutmütige Dobermann, musste wegen Trennungsangst ins Tierheim. Er hatte - den ganzen Tag allein eingesperrt - gebellt und gejault. Um seine Schnauze war deutlich der Abdruck eines Nylon-Maulkorbs zu erkennen, der wohl Lautäusserungen unterbinden sollte.

    Der zweijährige, sehr sanfte und sensible Gordon-Setter-Mischling Belmondo wurde als Fundhund aufgegriffen und von keinem vermisst.

    Ein fünf Wochen alter Pitbull-Mischlings-Welpe wurde im Papiercontainer vor dem Tierheim gefunden. In grauenhaftem Unterernährungs- und Pflegezustand, versteht sich.

    Die Krönung dieser zynischen Bilanz? Nein, da kennt man die Ex-Hundekäufer nicht. Immer von Samstag auf Sonntag kommen die dicken Hunde auf die Tierheim-Mitarbeiter zu. Manchmal geflogen.

    In der Nacht auf Sonntag knallte es in der Nähe des riesigen Tores am Hintereingang, wo normalerweise die Hunde ausgeführt werden. Dort schrie ein Hund auf. Eine Mitarbeiterin fand einen völlig verwirrten Dalmatiner. Am Halsband die Notiz: Ich heisse Mike, bin acht Monate alt und entwurmt und geimpft.

    Er wurde über das zwei Meter hohe Tor geworfen.

    Bei schlechtem Osterwetter: (Be)suchen Sie einfach mal Hunde im Tierheim.