Instinktsicherheit trotz verheerender Behandlung
Was durch Ignoranz und Unfähigkeit auch an instinktsicheren Hunden (fast) versaut wird. Wenn sie nicht Glück haben, wie diese Geschichte zeigt. Der Fall spielte sich in einem Tierheim im Ruhrgebiet ab. Es gibt sie aber, diese - hoffentlich seltenen - schlechten Fälle. Wichtiger ist jedoch, dass das folgende Beispiel eine "Werbung" für die Fähigkeit von instinktsicheren Hunden ist, Folterängste durch verständfnisvollen und gewaltfreien Umgang abzubauen.
Bericht über eine drei Jahre alte türkische Herdenschutzhündin Von Blanka* (Name der Redaktion bekannt, zu ihrem Schutz verändert).
Vorgeschichte
Anruf einer Veterinärin, dass in dem für sie zuständigen Tierheim eine Kangal-Hündin G. sässe, die eingeschläfert werden sollte. Das Tier sei im Mai 2001 im Tierheim abgegeben worden, dass der bisherige Besitzer ins Gefängnis musste und dessen Mutter zwar gut mit dem Hund zurecht kam, jedoch nicht genug Zeit und Kraft für den grossen Hunde habe.
Während die Mutter den Hund dann in den Zwinger führte, versteckte sich deren Tochter im Büro des Tierheims, da sie panische Angst vor dem Tier hatte. Seither hatte G. den Zwinger nicht mehr verlassen. Sie knurrte und fletschte am Zwinger, so dass sich keiner in ihren Zwinger traute; zum notwendigen Reinigen des Zwingers wurde die Hündin mit dem Wasserschlauch auf Abstand gehalten, beziehungsweise in die jeweils notwendige Richtung getrieben.
Situation im Tierheim D.
Es waren etwa fünf bis sechs aufeinander folgende Zwingerreihen, die so angelegt waren, dass sich die Zwinger gegenüber lagen, getrennt durch einen Gang. Die einzelnen sowie die Eingangstür in den Gang waren alle mit Vorhängeschlössern versehen. Die Zwingerreihen waren nicht überdacht, die Hunde hatten als Liegeflächen entweder kahle Holzpaletten oder leere Hütten.
Es handelte sich entweder um kleinere Zwinger, die rund 1,50 bis 2,00 Meter auf 2,00 bis 2,50 Meter gross waren und in deren hinterer Hälfte eine kleine Öffnung war, durch die die Hunde zu ihrer Holzpalette (Schlafplatz) gelangen konnten. Oder um grössere Zwinger, die etwas mehr als doppelt so gross waren, und in denen jeweils eine Hütte als Schlafmöglichkeit stand. Alles Hunde sassen in Einzelhaft.
Nachdem der Tierheimleiter mir kurz einige Zwinger gezeigt hatte, führte er mich in den dritten Gang. Wider aller Erwartung sass G. in einem kleinen Zwinger, durch die Öffnung zum Schlafplatz hin hätte sie nicht gekonnt, dazu war sie zu gross und zu übergewichtig.
Laut Aussage des Tierheimleiters befand sich gerade der Tierpfleger bei G. im Gang, der als einziger mit ihr klar gekommen sei. Erstaunlicherweise hatte sich jedoch G.s Aufmerksamkeit bis zu unserem Eintritt diesem zugewandt. Die "Aufmerksamkeit" bestand in einem Knurren und Fletschen in seine Richtung. Nun wandte sich G. uns zu und ging fletschend und knurrend am Gitter hoch.
Während ich an den Zwinger trat, blieb der Tierheimleiter an der Aussentür stehen. Der Tierpfleger kam zwar näher, blieb jedoch auf Abstand, da G. bei seinem Nähertreten sogleich wieder in seine Richtung knurrte. Nachdem ich mich zu ihr hinunter gekniet hatte und ihr durchs Gitter etwas Käse gab, beruhigte sie sich umgehend und nahm vorsichtig den Käse aus meiner Hand.
Ich fragte den Tierpfleger, was er damit meinte, dass er mit ihr "zurecht" käme? Um mir zu antworten, trat er näher. G. ging unverzüglich wieder am Gitter hoch. Der Tierpfleger erklärte mir, dass er immerhin mit dem Schlauch zum Reinigen in den Zwinger könne. Meine weitere Frage, ob die Hündin jemals den Zwinger verlassen haben, Gassi war oder ob sie jemand je anfassen konnte, verneinte er.
Als ich nach der Impfung von G. fragte, trat der Tierheimleiter vor, um mir zu erklären, dass das nicht möglich gewesen sei, da keiner an den Hund herangekommen sei. Sofort ging G. wieder in seine Richtung hin am Gitter hoch, fletschte noch intensiver als vorher und beruhigte sich erst wieder, nachdem der Tierheimleiter zurückgetreten war. Mir fiel auf, dass sowohl der Tierpfleger als auch der Tierheimleiter nicht ein einziges Mal ihren Namen sagten.
Auf direkte Nachfrage beim Tierpfleger erklärte mir dieser, dass er den Namen nicht wüsste, ich jedoch im Büro danach fragen könnte. Erstaunt nahm er dann zur Kenntnis, dass ich den Namen bereits wusste.
G. sah sich die ganze Zeit in alle Richtungen um: zum Tierpfleger, zum Tierheimleiter, zu mir sowie nach gegenüber und zur Seite zu den bellenden Hunden hin. Sie war völlig verunsichert. Der Rückzug in den hinteren Teil ihres Zwingers war ihr durch einen flächenbedeckenden Durchfall verwehrt. Schliesslich drückte sie sich an die linke Gitterfront ihres Zwingers, da ihr von links keine Gefahr drohte.
Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass der Zwingergang zu beiden Enden hin begrenzt war, sagte ich, dass ich G. jetzt zunächst einmal aus ihrem Zwinger rauslassen wollte. In ihrem Zwinger war sie so dermassen verunsichert und eingeschüchtert, dass ich ihre eine Konfrontation innerhalb des Zwingers nicht zumuten wollte.
Der Tierheimleiter und der Tierpfleger sahen mich entsetzt an. Letzterer fragte, ob ich mir dessen auch sicher sei? Nachdem ich dies bestätigte, drehte sich der Tierheimleiter in Richtung Ausgang und meinte, er müsse jetzt im Büro die Formalitäten erledigen und bat den Tierpfleger, mir zu helfen, soweit er dazu in der Lage sei.
Beim Hinausgehen des Tierheimleiters reagierte G. sofort wieder mit einem heftigen Knurren. Der Tierpfleger öffnete mir das Vorhängeschloss, schob den Riegel beiseite und trat dann einige Schritte zurück. Ich öffnete die Tür und liess G. hinaus. Vor dem Zwinger blieb sie irritiert stehen und sah hilflos nach rechts und links. Den bisher angenommenen Käse ignorierte sie nun. Dann ging sie leise knurrend einen Schritt in Richtung des Tierpflegers, als dieser jedoch weiter zurückging, drehte sie sich um und wandte sich den anderen Hunden zu.
Hektisch bat mich der Tierpfleger, G. doch an die Leine zu nehmen. Ich erklärte ihm, dass er sie zunächst einmal in Ruhe lassen solle. Die Hündin war in der Zwischenzeit einige Meter den Gang entlang gegangen und abwechselnd von einem Hund zum anderen an das Gitter getreten. Sie wirkte völlig verunsichert und wusste nicht weiter: hinter ihr stand ein Futterwagen, rechts und links bellten die anderen Hunde, und vor ihr standen ich und hinter mir der Tierpfleger.
Langsam ging ich einen Schritt auf sie zu, rief sie beim Namen und bot ihr noch etwas Käse an. Während sie diesen vorsichtig aus meiner Hand nahm, streifte ich ihr die Leine über. Fassungslos starrte sie mich an, um dann unverzüglich in Richtung Ausgang zu ziehen. Den zur Seite springenden Tierpfleger beachtete sie überhaupt nicht mehr, sie wollte nur noch raus.
Anstandslos liess sie sich von mir führen, liess sich das Halsband enger machen, als uns eine Katze entgegen kam, und drängte sich an mich, als wir an der Katze vorbei liefen. In Richtung Ausgang mussten wir durchs Büro, in dem etwa fünf bis sechs Personen anwesend waren. Als wir kurz stehen blieben, setzte sie sich sofort hin und ging danach anstandslos an den Personen vorbei. Als sie draussen zu sehr an der Leine zog und ich daraufhin stehen blieb, sah sie mich kurz an und setzte sich dann neben mich.
Vor dem Tor angekommen, ging sie keinen Schritt weiter und sah unsicher nach rechts und links. Ich lenkte sie zum nächsten Baum, musste sie jedoch regelrecht mitziehen. Da sie das alles irritiert zur Kenntnis nahm, ging ich mit ihr zum Auto und holte den mitgenommenen Rüden heraus. Beiden Tiere beschnupperten sich kurz. Nachdem mein Rüde kurz aufbegehrte, duckte sich G. und ging.
Wir gingen dann zunächst einmal eine Runde, damit G. sich beruhigen konnte. Sie sah sich immer wieder in alle Richtungen um, setzte mehrmals Urin und einmal Kot (reines Wasser) ab und blieb immer wieder stehen. Vorsichtig find sie an, an Grashalmen zu knabbern. Nach etwa 15 Minuten gingen wir zurück in Richtung Auto. Auf einmal warf sie sich auf einem kleinen Stück Wiese zu Boden und wälzte sich, danach scharrte sie den Boden auf, nur um sich dann nochmals, diesmal ausgiebig, zu wälzen.
Als wir dann weiter gingen und ich sie rief, kam sie umgehend zu mir und setzte sich unaufgefordert vor mich hin. Den angebotenen Käse lehnte sie nun ab, sie wollte nur noch weiter. Nach weiteren Minuten stellte sie sich jedoch völlig ausser Atem vor mich hin. Wir gingen zum Auto und sie sprang völlig anstandslos mit meinem Rüden ins Auto. Beiden legten sich dann nebeneinander hin.
Während der mehrstündigen Rückfahrt verhielt sich G. im Auto völlig ruhig. Bei den Zwischenstops liess sie sich problemlos aus dem Auto holen und sprang jedes Mal bereitwillig hinein.
Verhalten im neuen Tierheim
Um G. die Möglichkeit zu geben, sich zu erholen, setzte sich sie bei Ankunft im Tierheim in einen Zwinger. Ohne Probleme liess sie sich ableinen und das Halsband entfernen. Als ich den Zwinger verliess, legte sie sich auf die ihr hingelegte Decke.
Als ich am nächsten Morgen an ihrem Zwinger vorbeilief, hörte sie mich und kam in den Aussenzwinger. Sie setzte sich hin, wedelte und legte eine ihrer Vorderpfoten aufs Gitter. Ich liess sie aus dem Zwinger und sogleich kam sie mir freudig entgegen, liess sich ohne Probleme das Halsband anlegen und sich dann an der Leine aus dem Hundehaus führen. Dem herankommenden Tierpfleger gegenüber reagierte sich völlig gleichgültig.
Beim anschliessenden Spaziergang wurde sie langsam aufgeweckter: sie spielte ansatzweise, hüpfte durch die Wiesen, wälzte sich mehrere Male ausgiebig im Gras und schaute sich interessiert in alle Richtungen um. Entgegenkommende Personen, andere Hunde sowie einen Reiter ignorierte sie und reagierte unverzüglich auf die ihr gegebenen Hörzeichen "Sitz" oder "Platz". Allerdings war sie schon bald ausser Atem. Gemächlich beendeten wir dann den Gassigang.
Zurück im Tierheim wurde sie mit einem Freilaufrudel von ungefähr 30 grossen und kleinen Hunden sowie mit Katzen konfrontiert. Sie reagierte zwar völlig verunsichert, jedoch in keiner Weise aggressiv. Ebenso liess sie sich anstandslos entflohen, auskämmen und baden.
Sie hat sich relativ problemlos in eine Wohnung integrieren lassen, in der mehrere grosse Hunde und Katzen leben. Fremden gegenüber, vor allem Männern, reagiert sie misstrauisch und sehr unsicher."
Die Hündin wurde inzwischen erfolgreich vermittelt.
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