Von Birgit Lehnen
Immer mehr Intelligenztests für Hunde lassen so manchen Hundebesitzer vor Scham erröten - sein geliebter Wuffi ist laut Statistik nichts weiter als ein dummer Köter. Schande bei den Afghanenbesitzern, stolz, wer einen Pudel hat!
Woher nehme ich die Überheblichkeit, meinem Hund eine Leistung als Zeichen von Intelligenz abzuverlangen wenn ich nicht einmal weiss, aus welchem Blickwinkel mein Hund dieses Sache betrachtet?
Ich denke dabei immer an den Fall eines Afghanenbesitzers. Es ging in einem Intelligenztest unter andrem darum, dass ein intelligenter Hund einen weggeworfenen Gegenstand direkt wieder zum Besitzer zurückbringt während ein weniger intelligenter Hund dies mühselig lernen müsse. Der Besitzer schrieb zur Ehrenrettung seines Hundes sinngemäss: "mein Hund ist so intelligent, dass er weiss, dass ich nichts wegwerfen würde was ich noch brauche - weshalb sollte er es also wieder bringen?"
O.K. lassen wir jetzt mal die ganze Messerei beiseite. Sich gar nicht mit dem Denkvermögen unserer Hunde zu befassen wäre aber auch sehr ignorant. Daher mal eine ganz andere Sichtweise:
Intelligenz zeigt sich sehr stark in der Fähigkeit, Probleme zu lösen. Da stellt sich für mich die Frage: Bei welchen Gelegenheiten hat unser Hund überhaupt noch Gelegenheit dazu? Während sich Wildhunde tagtäglich im Überlebenskampf mit neuen Situationen auseinandersetzen müssen hat unser Hund ein stabiles Umfeld in dem er gar keine Möglichkeit mehr hat, Probleme zu lösen.
Betrachten wir doch einen Hundealltag: Bevor Herrchen/Frauchen nicht aufgestanden ist tut sich nichts. Kurzer Pipimachspaziergang an der Leine und wieder ab in die Wohnung. Gute Hundebesitzer haben dort Spielzeug und Kauknochen verteilt damit sich der Hund beschäftigen kann während sein Mensch das Geld fürs Futter verdient.
Nachmittags oder abends dann der "grosse Spaziergang". Ohhhh was bieten wir unserem Hund? Wenn's ein glücklicher Hund ist darf er mit Artgenossen spielen bis er müde ist, ansonsten wird er um mindestens 25 Ecken gezogen damit er sein "Laufpensum" erfüllen kann.
Ein guter Tip: Ein paar Kilometer kann man sich sparen wenn das Bällchen 10000 Mal einen Hang runter geworfen wird und Hund es holen darf. (siehe Intelligenztest für Hunde?) Gewissenhafte Besitzer verlangen während des Spaziergangs auch noch abwechselnd Sitz, Platz und Fuss damit der Hund seine Kommandos nicht vergisst. Geschafft kommt das Herrchen heim, der Hund....? Er darf sich dann im Kreis der Familie neben die Couch legen und seine Menschen beim Fernsehschauen beobachten. Noch mal kurz Pipimachen und dann ab schlafen gehen. So sieht's doch wohl bei ??% der Hunde aus.
Beim Menschen ist es wissenschaftlich erwiesen, dass Denkfähigkeit, Intelligenz oder wie man das auch nennen will, verkümmert bzw. sich gar nicht erst ausbildet wenn das Gehirn nicht ständig gefordert wird. Beim Hund macht man sich keine Gedanken darüber. Selbst das Highlight der Woche - der Besuch des Hundeplatzes - was muss der Hund hier denken? Welche Probleme muss er meistern? Einziges Problem für den Hund ist es zu verstehen, was Mensch mit einem bestimmten Wort meint. Hat er dies erst mal kapiert dann kommt das nächste Wort dran. Diese Wörter (Kommandos) werden ihm dann in wechselnder Reihenfolge (oooh, welche Abwechslung) abverlangt. Das war's.
Unser Hund ist nichts weiter als ein Befehlsempfänger und je nachdem wieviel geübt wurde, desto besser führt er seine Befehle aus. Dieses stumpfsinnige Auswendiglernen ist zum Beispiel beim Üben für die Begleithundeprüfung gut zu sehen: Der Hundeführer geht eine bestimmte Anzahl von Schritten vorwärts und dann Kommando "sitz". Was passiert wenn der Mensch sich verzählt? Mensch geht noch einen Schritt weiter, Hund sitz schon!!! Intelligenzleistung für den Hund! Bravo!!!
Macht mal selbst den Test mit Euerem Hund: Zeigt ihm "das Höchste aller Güter" (Bällchen, Lyoner, stinkenden Trockenfisch usw.), macht ihm so richtig die Nase damit lang und haltet diesen Gegenstand dann plötzlich in Brusthöhe vor Euch. Ihr bleibt bewegungslos stehen und wartet mal ab. Was passiert? Der "normale" (verdummte Befehlsempfänger) Hund wird sich direkt ins "sitz" begeben weil sich das bei einem Leckerchen so gehört.
Ihr bleibt weiterhin bewegungslos stehen und wartet. Beobachtet Eueren Hund unauffällig - was macht er? Kommt er auf die Idee, Euch verschiedene Verhaltensweisen anzubieten um den begehrten Gegenstand zu bekommen? Wechselt er von sich aus ins "Platz", geht er versuchsweise mal in die "Fuss-Position", versucht er es mit einem "gib Laut", bringt er ein Spielzeug zum Tausch usw. usf. Oder fängt er frustriert an zu miefern und geht dann lustlos weg?
Fazit: Solange wir unseren Hund als Befehlsempfänger jegliches Denken abnehmen grenzt es an Aufgeblasenheit, die Intelligenz unserer Hunde messen zu wollen!
Begriffsbestimmung von "Intelligenz":
Von Rainer Brinks
Eines der **** Bücher ist das über "Die Intelligenz der Hunde", vom kanadischen Human-Psychologen Stanley Coren, an einigen Rassehunden dargelegt. Auf dieses Buch und die Ergebnisse (u. a. der Afghane als Verlierer) beruft sich Birgit Lehnen in ihrem Top-Thema-Artikel. Ein Beispiel dieser Tests: Der Mann legte Leckerchen in einem geschlossenen Raum aus. Viele Hundekandidaten fanden (was für ein Kunststück!) und frassen den Keks, der - erreichbar - versteckt war.
Nur ein Basset Hound war - wie ich fand - höchst gescheit: er streckte sich einfach kurz vor dem Versteck lang. Er hat es ja gefunden. Aber er mochte aus unerfindlichen Gründen diesen Keks nicht fressen. Möglich, dass er genug hatte. Aber er versagte bei diesem Test.
Wer ist der wirklich Dumme?
Zur Sache:
Ein intelligentes Lebewesen findet in ungewohnten Situationen möglichst schnell Lösungswege. Kein Intelligenztest ermittelt diese Fähigkeit.
Je größer das Gehirn (die so genannten grauen Zellen), desto intelligenter das Lebeswesen? Diese These ist längst widerlegt. Der Intelligenzbegriff kam auf, Tests wurden entworfen. 1912 prägte deutsche Psychologe William Stern den Begriff des Intelligenz-Quotienten (IQ).
Das affektiert amerikanisierte "Ai-Kjuh" ist also falsch. Die Zahl sollte es ermöglichen, die Intelligenz im Vergleich zu ihren Alters- und Zeitgenossen anzugeben - und bleibt bis heute höchst umstritten. Der Test muss erst an möglichst vielen Subjekten geeicht werden. Der Durchschnittswert beträgt immer 100 Punkte. Rund 95 Prozent aller Menschen fallen in die Spanne zwischen 70 und 130 Punkte.
Kein Intelligenztest sagt etwas über die Klugheit eines Lebewesens. Das Ergebnis ist nur ein Mass. Jeder Test ermittelt zudem nur das, was er herausfinden will. Meist sind es Fähigkeiten wie logisches Denken oder räumliches Vorstellungsvermögen. Dies gilt auch für Tier-Intelligenztests. Dort kommen aber noch weitere "dumme" menschliche Fehler hinzu, nämlich vermenschlichte Massstäbe.
Ein Bochumer Wissenschaftler testete - nur einen - Tümmler (Delphine gelten ja als "intelligent"). Er testete unter anderem das Abstrahierungsvermögen des Tiers: der Kandidat konnte Vierecke von Dreiecken nicht unterscheiden - oder er wollte es nicht. Daraufhin dämpfte er den Intelligenzwert. Einige Magazine machten freilich daraus die Dummheit, Delphine als dumm hinzustellen. Dass diese Tiere und andere seit Jahrtausenden viele Situationsanpassungen überlebten, diese wahre Intelligenzleistung wurde nicht "berücksichtigt".
Intelligenz ist also ein reiner, und dabei auch noch eingeengter Leistungsbegriff, ersetzt nicht Klug- oder Weisheit. Sie setzt sich zusammen aus genetischer Veranlagung, psychologischer Wahrnehmung und Lernfähigkeit. Sie ist die Fähigkeit, individuelles Verhalten aufgrund von Erfahrungen anzupassen. Die andere Definition von Intelligenz kann der biologischen zugezählt werden: Sie ist eine genetisch fixierte Disposition (Anlage). Selbst das grösste Intelligenz-Potential bleibt ungenutzt, wenn es nicht gefördert wird. Der bessere Begriff ist "Lernfähigkeit".
Auch biologische Tests geben nur einen sehr geringen Teil eines komplizierten Verständnisses wieder.
Die meisten Tests gründen auf menschlichen Massstäben und sind niemals auf die ganze Gattung des einzeln getesteten Lebewesens zu übertragen, was leider oft aus populistischen Gründen getan wird. Vor allem mit dem unlogischen Anspruch von Züchtern auf ihre "intelligente Rasse". Denn dies ist jedes Lebewesen, fragt sich nur, wie. Und als ob nur diese Rasse "intelligent" sei, bloss, weil sie menschliche Befehle besonders gehorsam ausführt. Diese Behauptung ist nur eigennützig und als Definition nicht gerade intelligent.
Der berühmte Intelligenz- und Kreativitäts-Forscher, Professor für kognitive Psychologie und Neurologe an der Havard-Universität, Howard Gardner (u. a. Buch: "Abschied vom I.Q." im Klett-Cotta-Verlag) sagte einmal: "Intelligenztest sagen nicht viel über die Kandidaten aus, aber mehr über diejenigen, die solche Tests erfinden."


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