Ausschnitt eines Protokolls: Hundetyp- und -name (hier nur S.) sowie das Tierheim bleiben hier ungenannt, zum Schutz des Hundes und des Tierheims, und weil es um eine grundsätzliche Frage geht: Wie sinnvoll oder wie unsinnig sind Vorkontrollen? Ein Beispiel, das auch für private Tierschützer, für Züchter und Hundeinteressenten gilt.
Der Bericht:
"Ein Traumhund ist er. Es sah so aus, als hätte dieser Hund seinen Traumplatz fürs Leben gefunden. Hätten wir all den Beteuerungen, vorgezeigten Fotos, Augenzeugenberichten und Aussagen von Freunden und Bekannten Glauben geschenkt, dann hinge dieser Traumhund jetzt an einer verrosteten Ein-Meter-Kette an irgend einem verdreckten Schuppen gekettet.
Einfach super waren die Konditionen, die der übers Internet gefundene Interessent unsrem eigenwilligen, selbstbewussten 5-jährigen Rüden zu bieten hatte: Eine freistehende Mühle mit riesengrossem Grundstück drumherum, einschliesslich der Bereitschaft, dieses im Einverständnis mit uns vollends einzuzäunen, freier Zugang zum Haus.
Zweimal war der stolze künftige Besitzer von S. im Tierheim und ging mit ihm spazieren - alles schien perfekt.
Zeitpunkt der Übergabe war Montag. Der Herr, der S. ins Tierheim gebracht, und übers Internet seine Vermittlung organisiert hatte, sollte ihn an seinen neuen Platz bringen. Doch plötzlich war dort kein Besuch erwünscht, und der Erwerber liess uns ausrichten, er werden den Hund selbst abholen. Unsere Ablehnung dieses Plans riss ihn zu ziemlich - um es noch nett auszudrücken - "unqualifizierten" Aussagen hin.
Dadurch stutzig geworden, beschlossen die Hundeausführer von S. und die Tierheimleitung, den Hund gemeinsam an seinen neuen, 150 Kilometer entfernten Platz zu bringen, um sich selbst per Augenschein von dessen Qualität zu überzeugen. Abfahrt samstags morgens um 5 Uhr, Ankunft 8 Uhr. Dazwischen pausen mit Hunde-Spaziergang.
Erste Überraschung: die angegebene Adresse gab es nicht. Zweite: Das laut Wegbeschreibung dritte Haus auf der linken Seite gab es auch nicht. Drittens: Wir trafen unseren "Interessenten" auf der Strasse, und er fuhr mit uns zusammen zum Hof. Keine Mühle, kein Zaun. Wir sollten den Hund schon mal dalassen, die Mühle sei fünf Kilometer weg. Viertens: Nachdem wir darauf bestanden, die Mühle zu sehen, fuhr er vor uns her. Nach ca. fünf Kilometern waren wir doch sehr erstaunt, an einem total verkommenen Schuppen anzukommen: zerschlagene Fenster, Müll und Schrott auf dem Gelände, überall leeren Alkoholflaschen, anstelle eines Zauns zwei abgeknickte Pfosten etc.
Sofort war uns klar, dass wir S. keine Stunde dort lassen würden. Trotzdem baten wir, ins Haus eingelassen zu werden. Antwort: "Drinnen ist mein Kumpel nackt unter der Dusche, deshalb kann man da nicht rein."
Wir verfrachteten S. schnell ins Auto und wollten gerade abfahren, als ein total verdreckter älterer Mann aus dem Haus kam und irgendwas von "blöde Tierschutz-Kontrolliererei" laberte.
Hätten wir dem wirklich meisterhaft eingerichteten Lügengebäude Glauben geschenkt und S. ohne eigenen Augenschein mitgegeben, würde dieser herrliche Hund mit jeder Stunde, mit jedem Tag seines restlichen Lebens für unseren Leichtsinn büssen.
Eine Gruppe von wirklichen Fachleuten hat S. kürzlich hervorragende Charakterfestigkeit und Führungsqualitäten zuerkannt.. S. ist äusserst stattlich, vertrauten Personen gegenüber freundlich und zuverlässig, Fremden gegenüber entsprechend seiner Aufgabe wachsam und misstrauisch.
Sein neuer Besitzer muss unbedingt ein starker, selbstbewusster Partner des Hundes sein und einiges an Hundeverstand mitbringen. Länger als halbtags darf der Hund nicht allein gelassen werden. Wir haben S. "versprochen", alles Menschenmögliche zu unternehmen, dass er doch noch zu seinem Traumplatz kommt.
Nach mancher Ansicht sollte ein Tierheim wie ein Selbstbedienungsladen funktionieren. Man wählt aus, nimmt gleich mit und zahlt - wenn es denn überhaupt sein muss, auf jeden Fall so wenig wie möglich. Und gleichzeitig hat man ein gutes Werk vollbracht, dessen man sich künftig rühmen kann. Nachfragen, Vor- und Nachkontrollen werden gemeinhin als unzumutbare Belästigung empfunden.
"Ein Tierheimhund muss froh sein, wenn er da überhaupt wieder rauskommt" ist die weitverbreitete Ansicht, manchmal unter Tierschützern selbst. Eine Tierheimleitung, die nicht jedes momentan gewünschte Tier gleich heraus- und mitgibt, setzt sich häufig böser Kritik aus.
Die Irrfahrt von S. verdeutlicht wie wichtig Vorsicht, Vorkontrollen und später Nachkontrollen sind. Als äusserst schwierig, fast unmöglich, erweist sich die Massnahme, einen Hund von einem schlechten Platz wieder wegzuholen. Dazu benötigt man das Eingreifen von Behörden, und dafür muss Tierquälerei nachgewiesen werden.
Wollen wir das auch nur einem unserer Schutzbefohlenen zumuten? Hat nicht jeder einzelne Tierheimhund seine ganz persönlichen schlechten Erfahrungen mit der Spezies Mensch bereits hinter sich? Unsere Aufgabe besteht darin, eine Wiederholung solcher Erfahrungen zu verhindern und den vorübergehenden Aufenthalt eines Tiers im Tierheim als Sprungbrett für ein neues, geschützteres und besseres Leben zu nutzen.
Tierschutz ist unsere Aufgabe, nicht Tierhandel."
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