• Die Geschichte von Merlin

    Von Sarah Gunther, Irland Ich betreibe ein kleines Tierheim im Westen Irlands. Meine Aufnahmekapazität ist beschränkt, da ich alles alleine manage und auch finanziere. Deshalb nehme ich mich meist solcher Hunde an, die hier in Irland keine Lobby haben: Deutscher Schäferhund, Rottweiler, Dobermann, American Pitbull Terrier, Staffbull etc.

    Natürlich finden auch oft die typisch irischen Rassen ihren Weg zu mir; Bordercollie, Jack Russell Terrier und Jagdhunde. Greyhounds eigentlich relativ selten, da man sie einfach nicht sieht. Selten begegnet man einer Person, die einen Greyhound an der Leine führt. In keinem Land gibt es pro Kopf mehr Greyhounds als in Irland und in keinem Land sieht man weniger Greyhounds auf der Strasse als hier.

    Ich arbeite eher lose mit einigen anderen Organisationen zusammen, wie zum Beispiel der Galway Society of Prevention of Cruelty to Animals (GSPCA). Für diese bin ich als field officer unterwegs und bearbeite Tierschutzfälle. Im Mai 1999 erhielt ich einen Anruf des GSPCA Headquarters, indem man mir mitteilte, dass eine Anzeige vorliege. Ob ich diese bearbeiten könne, da man bis zu den Ohren in Fällen stecke und keinen Mann frei habe, um der Sache auf den Grund zu gehen.

    Nachdem ich alle Informationen erhielt, rief ich den lokalen Polizisten an. Dies ist normales Prozedere, da viele der Farmer und Zigeuner aggressiv reagieren. Der Polizist meinte nur, dass der "arme Paddy schon immer Greyhounds hatte und ihm nichts aufgefallen sei, was eine Anzeige rechtfertigte". Trotz allem erklärte er sich bereit, mich am nächsten Tag zu treffen und mit mir auf die abgelegene Farm Paddy's zu fahren.

    Was uns dort erwartete, spottet aller Beschreibung. Der "arme" Paddy hielt Greyhounds in einem Verschlag, der weder Fenster, noch irgendeine Art der Entlüftung hatte. Auf Anordnung des Polizisten öffnete er die Tür zu dem Verschlag. Auf engstem Raum waren fünf Greyhounds zusammengepfercht; drei Rüden und zwei Hündinnen. Eine der Hündinnen war sichtlich tragend. Alle fünf waren extrem unterernährt, räudig mit sekundären Hautinfektionen, zwei waren völlig haarlos, die gesamte Haut eine einzige offene, eitrige Wunde.

    Beide Hündinnen waren nicht in der Lage, auf eigenen Beinen zu stehen. Einer der Rüden hatte eine gebrochene Rute, deren unterer Teil schon in Verwesung übergangen und ballonförmig angeschwollen war. Er stand wackelig auf drei Beinen, die rechte Hinterpfote war auf doppelte Grösse geschwollen, eine Kralle hing noch an einem Stück Haut. Alle fünf waren extrem gross, sodass man davon ausgehen konnte, dass sie nicht zum Racing, sondern zum Coursing gehalten wurden.

    Foto: Unbekannt

    Diese Fünf waren zu nichts mehr in der Lage, und nach kurzem Gespräch mit dem Polizisten beschlagnahmte ich die Hunde und erklärte dem sprachlosen Paddy, dass ich ihn wegen Tierquälerei vor Gericht wiedersehen würde. Der Polizist weigerte sich, mir beim Verladen der Hunde in meinem Transporter zu helfen, weil er Angst hatte, sich mit Räude anzustecken. Alle fünf mussten getragen werden, was nicht gerade einfach war, da sie nicht an Menschen gewöhnt waren. Der Rüde mit gebrochener Rute und geschwollener Pfote biss panisch um sich, und ich musste ihn mit einem leichten Sedativ ruhigstellen, bevor ich ihn überhaupt anfassen konnte.

    Über Handy verständigte ich den Tierarzt und fuhr direkt in seine Praxis. Dort mussten beide Hündinnen eingeschläfert werden, sie waren so schwach, dass ihre Herzen eine notwendige Narkose nicht überlebt hätten. Beide hatten eingewachsene Stricke um dem Hals, mittlerweile fast von Haut bedeckt. Diese hätten nur operativ entfernt werden können. Eine Entscheidung, zu der ich mich schweren Herzens durchringen musste, zudem eine der Hündinnen tragend war.

    Die Rüden wurden alle drei an den Tropf gehängt und bekamen schmerzstillende Medikamente und Antibiotika. Sie waren so dünn, dass der Tierarzt meinte, so etwas habe er noch nicht gesehen und er glaube nicht, dass sie durchkommen. Besonders der Rüde mit der gebrochenen Rute war schlimm dran.

    Ich fuhr nach Hause, um mich um meine anderen Tiere zu kümmern und an dem Abend bin ich heulend in mein Bett gefallen, was mir nicht oft passiert...

    Nach zwei Wochen (!!) konnte ich die ersten zwei beim Tierarzt abholen. Sie wurden im GSPCA Tierheim untergebracht, beide sahen wesentlich besser aus, aber waren immer noch extrem handscheu und sehr dünn. Der Dritte verblieb beim Tierarzt, bis er stark genug war, eine Operation zu überleben. Die war notwendig, um den grössten Teil der Rute zu amputieren und einen Teil der Hinterpfote. Er biss vor Schmerzen um sich, wenn man ihn anfasste, der ganze Körper war mit Ekzemen übersät.

    Die GSPCA weigerte sich, den Hund nach der Operation aufzunehmen, da er nicht einfach war und ständiger Pflege bedurfte. Das Personal sei dazu nicht ausgebildet. Ich hatte zu der Zeit gerade vier Hunde vermittelt und nahm ihn nach der Operation bei mir auf. Sein offizieller Name war "One More Buddy", aber ich fand, er brauchte einen magischen Namen, damit er all das überlebt. So wurde aus einem ungeliebten "Buddy" ein geliebter "Merlin".

    Er konnte nicht in einen Auslauf, musste dreimal am Tag gewaschen werden und bekam schmerzstillende Medikamente sowie Antibiotika. Also zog er erstmal zu mir ins Haus. Da zu dem Zeitpunkt bereits acht Hunde in meinem Haus lebten, zog er in mein Schlafzimmer, wo ich ihm unter meinem Schreibtisch eine Höhle baute, in die er sich sofort zurückzog.

    Am Anfang war es mir nur möglich, ihm anzufassen, wenn ich ihm vorher vorsichtig einen leichten Rennmaulkorb umlegte. An diesem war er gewöhnt, da die Greyhounds mit Maulkorb gecoursed werden. Aber nach zwei Tagen habe ich das Ding aus dem Haus geschmissen. Ich konnte es nicht ertragen, ihn da stehen zu sehen, mit hängendem Kopf und auf drei Beinen. Mit viel Geduld hatte ich ihn nach zwei weiteren Tagen soweit, dass ich ihn anfassen konnte, ohne dass er in Panik geriet. Nach einer weiteren Woche kam er freiwillig aus seiner Höhle, wenn ich mit der Schüssel kam, in der sich die Waschlotion befand.

    Sowohl die Stummelrute, als auch die Pfote verheilten gut, aber die Haare an seinem Körper brauchten ein halbes Jahr, um wieder einigermassen nachzuwachsen. Er konnte die ersten vier Monate nur Spezialnahrung zu sich nehmen, da sein Magen geschädigt war. Er wog nach den drei Wochen Tierarztbehaldung 18 Kilo, und das bei fast 80 Zentimeter Schulterhöhe.

    Heute wiegt er 32 Kilo, ist fit und aktiv, er hat sich gut ins Rudel eingegliedert und verträgt sich trotz seiner Coursing-Vergangenheit auch mit kleinen Hunden. Er begrüsst mich stürmisch, schläft auf der Couch mit dem Bauch nach oben und kann (fast) alles fressen. Er kann ohne Leine laufen, nur bei Ziegen muss man aufpassen.

    Aber Fremden gegenüber ist er extrem misstrauisch. Die anfängliche Angst ist einer Zurückhaltung gewichen, die teilweise so extrem ist, dass er sich weigert, in Gegenwart eines Fremden aus meinem Auto zu steigen oder ins Haus zu kommen, wenn ich Besuch habe.

    Vermitteln kann ich ihn nicht, er ist jetzt fast drei Jahre hier und gehört zur Familie. Anfängliche Versuche, ihn bei Greyhound Rescue Organisationen unterzubringen sind gescheitert, eine deutsche Organisation teilte mir mit, dass sie einen "Krüppel" nicht vermitteln könnten, dass sei bei gesunden Greyhound schon schwer genug.

    Heute lebt er mit acht Hunden bei mir im Haus und gehört dazu. Er kommt zum Schmusen, ist stubenrein (was ewig dauerte) und begleitet mich auf Ausritten. Seine zwei "Kollegen" habe ich mit Hilfe einer deutschen Tierärztin und Beatrix Urban von der Bordercollie Rescue nach Deutschland vermittelt. Dort leben sie bei einem Ehepaar und sind geschätzte Familienmitglieder.

    Paddy wurde von einem Gericht zu einer Strafe von £ 200 verurteilt und darf keine Hunde mehr halten. Die Tierarzt- Kosten wurden mir von ihm nicht erstattet, Paddy kam mit einem blauen Auge davon.

    Alle fünf Greyhounds waren registriert beim Irish Racing Board, komplett mit Racing Card und Tätowierung. Merlin hat als Welpe £1 500 gekostet, aber selbst dieser Preis hat ihn nicht davor bewahrt, fast zu sterben. Die racing cards der toten Hündinnen wurden mir vom Racing Board zugestellt, mit dem lakonischen Stempel "expired". Abgelaufen.

    Racing:

    Das herkömmliche Windhundrennen auf abgesperrten Rennstrecken. Die Hunde hetzen, meist mit Maulkorb, hinter einem künstlichen "Hasen" her.

    Coursing:

    Dabei werden zwei Greyhounds auf einen echten Hasen gehetzt und dann gewettet, wer ihn zuerst erwischt. Offiziell nur mit Maulkorb, aber meist geht der Hase dabei drauf. Coursing ist nach wie vor legal, obwohl dabei Hasen verwendet werden, die in Irland unter Naturschutz stehen (diese Unterart des Hasen gibts nur dort).

    Die Coursing-Greyhounds sind grösser (75 Zentimeter Schulterhöhe und höher) als die Racer-Typen (um die 70 Zentimeter und geschmeidig).

    Racing hat die grösste Lobby, da steckt viel Geld dahinter.

    Die Fotos zeigen einen Merlin "schon" sechs Wochen nach dem ersten Tierarzt-Besuch (oben) und einen in glücklichem Zustand mit einer kleinen Freundin (Rebecce, 11).

    Foto: Unbekannt

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