• Ge-Fährten

    Fährtensuche als natürliche Form der "Verhaltenstherapie" für Hund und Mensch Von Benno Lippert

    Die meisten Menschen, die Hunde halten, kennen grob die Einsatzmöglichkeiten und biologischen Fähigkeiten von Hunden. Sie gehen viel mit ihrem Hund spazieren, sorgen vielleicht noch dafür, dass der Hund Gelegenheit bekommt, sich mit Artgenossen zu treffen und mit ihnen zu spielen und herumzutollen. Vielleicht gehen sie sogar mit ihrem Hund in eine Hundeschule oder in einen Verein, damit ihr Liebling auch die nötigen Manieren lernt. Damit ist aber ein sehr wichtiger Teil des natürlichen Lebens der Hunde ausgelassen worden.

    Eine Instinkthandlung

    Der Wolf als Stammvater des Hundes ist ein Beutegreifer. Darauf ist sein Verhalten, sein Körper und seine Lebensweise ausgerichtet. Er lebt und jagt in der sozialen Struktur eines Rudels, er ist fast ständig auf der Suche nach Nahrung, alles an seinem Körper ist darauf ausgerichtet. Der Wolf ist ein Laufjäger, der seine Beute über grosse Distanzen verfolgt und sie müde macht, bis er sie relativ gefahrlos erlegen kann.

    Foto: Unbekannt
    Am Anfang dieser Jagd steht die Aufnahme des Beutegeruches, der Fährte. Haben Wölfe eine interessante Fährte gefunden, versetzt sie das in den inneren Zwang, dieser Fährte zu folgen, um gegebenenfalls Beute machen zu können, ihr Überleben zu sichern. Haben sie sich durch die Fährtensuche dem Beutetier soweit genähert, dass sie dessen Luftwitterung wahrnehmen, folgen sie dieser soweit, bis sie es sehen können. Erst dann fängt die Hatz an, das zermürbende Treiben der Beute bis hin zum eigentlichen Angriff und der Jagderfolg.

    Eine Fährte bedeutet nicht immer Beute. Wölfe (und Hunde) entnehmen einer Fährte viel mehr. Sie sagt ihnen, um was für ein Lebewesen es sich gehandelt hat (war es ein Mensch oder ein Tier), wie gross oder schwer es war, in was für einer Situation es gewesen ist (flüchtig, ruhig, vorsichtig, schleichend, krank, verletzt, jung alt etc), ob es eine potentielle Beute war oder eine Gefahr für das Rudel, wann es dort entlang gekommen ist. Die Fährte ist für Wölfe ein elementares Informationsmedium, ohne deren Wahrnehmung ihr Überleben nicht möglich ist. Ein Wolf kann es sich nicht leisten, eine Fährte oder einen Geruch nicht genauestens zu inspizieren.

    Auf dieser Grundlage hat es sich bei Wölfen und Hunden zu einer Instinkthandlung entwickelt, dem Geruchsreiz der Fährte näher auf den Grund zu gehen. Wölfe und Hunde haben zudem ein perfekt und empfindlich ausgebildetes Geruchsorgan, dass sie Gerüche so intensiv empfinden und wahrnehmen wie Geräusche oder Berührungen.

    Im Vergleich zum Menschen ist für sie die Wahrnehmung eines Geruches wie für Menschen die Wahrnehmung einer unerwarteten Berührung oder eines plötzlichen Geräusches, auf die man instinktiv reagiert. Man kann es auch dem eigenen Hund sehr gut anmerken, in dem man das Verhalten bei der Aufnahme eines Geruches beobachtet. Hunde reagieren in so einem Moment sehr zeitverzögert, wie wenn sie geistig völlig weggetreten wären.

    Es ist ein instinktiver Zwang, den plötzlich gefundenen und wahrgenommenen fremden Geruch zu inspizieren, so dass die restliche Umwelt in dem Moment tatsächlich nur noch zeitverzögert wahrgenommen wird.

    Die Wahrnehmung und Aufnahme von Gerüchen und Fährten bedeutet die Grundlage zum Überleben des Rudels und ist eine instinktive und damit zwanghafte Handlung des Caniden.

    Für Wölfe bedeutet die Wahrnehmung von Gerüchen und die Aufnahme von Fährten schlichtes Überleben. Von Welpenalter an befassen sie sich damit, Fährten zu verfolgen, Beute aufzuspüren und sich Nahrung zu beschaffen.

    Es ist unumstritten, dass Wölfe den Hunden körperlich haushoch überlegen sind. Dies ist zum einen darin begründet, das Hunde genetisch nicht mehr so auf Leistungsfähigkeit, Ausdauer und Kondition getrimmt sind. Es ist aber auch darin begründet, dass Hunde in der heutigen Welt gar nicht das Training haben, um körperlich auch nur annähernd auf ihren persönlich möglichen Höchstleistungsstand zu kommen.

    Im Gegensatz dazu "trainieren" ihre wilden Verwandten jeden Tag aufs neue. Daher ist es nur natürlich, das untrainierte Hunde nicht das gleiche Leistungspotential haben wie Wölfe. Folgen Hunde einer Fährte, können sie dieses nur über eine im Verhältnis zum Wolf gesetzt kurze Zeit durchhalten.

    Das konsequente und passionierte Absuchen einer Fährte ist eine körperliche und geistige Hochleistungsarbeit für die Tiere. Auf der anderen Seite entspricht es ihrem evolutionären Potential und Instinktwesen und ist damit eine der natürlichsten Beschäftigungen, die wir unseren Hunde bieten und abverlangen können.

    Natürlich ist es in der heutigen Gesellschaft unmöglich und auch nicht artgerecht, die Hunde selbstständig auf Nahrungs- und Reviersuche zu schicken. Ausserdem widerspricht es einem anderen Instinkt, dem Rudelverhalten. Hunde sind wie Wölfe Rudeltiere; es ist immer das Rudel, das ein Revier besetzt und verteidigt, es ist auch immer das Rudel (oder Teile davon), dass gemeinsam auf die Suche nach Nahrung geht.

    Foto: Unbekannt

    Um nun dem einen Instinkt gerecht zu werden, dem anderen Instinkt nicht zu widersprechen und gleichzeitig nicht in gesellschaftliche Konflikte zu geraten, bietet sich die kontrollierte Sucharbeit an, das Absuchen einer vom Menschen gelegten Fährte. Es ist eine gemeinsame, durch das Rudel getätigte, aber auf die Bedürfnisse des Hundes abgestimmte Beschäftigung, die ihn in hohem Masse fordert und seine Bedürfnisse befriedigt.

    Natürlich besteht am Anfang das Problem, den Hund für so eine "langweilige" Geschichte wie die Menschenfährte zu interessieren, aber das lässt sich schnell und relativ einfach überbrücken.

    Motivierung - eine Frage des guten Tons

    Leider gibt es, wie in allen Sportarten, Auswüchse, die in falsch verstandenem Ehrgeiz den Sinn eines Sports, nämlich Freude und ein gesundes Miteinander, aus den Augen verlieren und nur noch den Erfolg als das Ziel ansehen. Erfolg ist im Sport ein wichtiges Element der menschlichen Motivierung, jedoch heiligt der Zweck nicht die Mittel. Für den Hund ist nicht die Prüfung wichtig, sondern die Anerkennung und Verbundenheit mit seinem Menschen. Fährtensuche ist Team-Arbeit, in der beide Teile, Mensch und Hund, ihre Freude und ihre Befriedigung finden wollen.

    Zwangsmassnahmen, die über passiven oder mässig verbalen Zwang (deutliche Hörzeichen, kein auch für den Hund undefinierbares Genuschel oder Gebrüll) hinausgehen, lehne ich gerade in der Fährtenarbeit ab, weil sie hier wie in der gesamten Hundeerziehung fehl am Platz sind.

    Wer diesen Sport in einer befriedigenden Art und Weise ausführen möchte, ist auf die positive Mitarbeit seines Hundes angewiesen. Alles andere führt früher oder später zwangsläufig zum Scheitern und bringt unnötige, nur schlecht korrigierbare Fehler und Schwierigkeiten

    Die Fährte soll Spass machen und eine befriedigende Beschäftigung für beide Teile des Teams sein. Ein Hund, der auf der Fährte Angst hat, etwas falsch zu machen, wird aus dieser Angst anfangen, Fehler zu machen oder gar zu "lügen". Lügen in diesem Sinne bedeutet, dass der Hund nur anscheinend der Fährte folgt, sie aber schon längst verloren hat und aus lauter Angst vor Strafmassnahmen den Kopf unten hält und einfach schnurstracks geradeaus weitergeht.

    Positive Auswirkungen auf den Alltag

    Es ist kein Geheimnis, das höhere Lebewesen für ein ausgeglichenes Wesen ausreichend Beschäftigung brauchen, mit der sie ihren geistigen und körperlichen Ansprüchen gerecht werden können. Egal ob Mensch oder Hund, beide brauchen "Druckventile", haben sie diese nicht, werden sie unzufrieden und unleidig, aggressiv oder kränkelnd.

    Hunde haben die angeborene Fähigkeit, Fährten zu suchen, sie bietet ihnen aber gleichzeitig ein hohes Mass an Auslastung im körperlichen wie im geistigen Bereich. Fährtensuche ist anstrengend. Sie erfordert viel Konzentration und Kondition. Ein Hund, der eine für seine Verhältnisse lange und/oder schwere Fährte erfolgreich gesucht hat, wird zum einen sehr zufrieden, zum anderen aber auch sehr müde sein und erst mal eine Pause brauchen.

    Hunde, die regelmässig so eine Aufgabe haben, reagieren in anderen, von der Fährte völlig unabhängigen Situationen wesentlich gelassener, weil sie ausgeglichener sind.

    Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Vorteil: Hunde lernen (wieder), dass es Spass macht, sich auf Spiele mit dem Menschen einzulassen. Das es Spass macht, neue Sachen zu lernen und alte Sachen in diese neuen Aufgaben einzubauen. Sie lernen wieder, das ein "Sitz" oder "Platz" nicht das Ende, sondern der Anfang eines Spieles ist, einer Aufgabe, einer Herausforderung. Dadurch sind sie auch in anderen Situationen viel eher bereit, dem Menschen zu folgen, es könnte ja etwas neues, interessantes kommen.

    Gleichzeitig verdeutlichen wir Menschen unsere Vorrangstellung in Bezug auf die Einordnung des Hundes. Wir wissen, wo die Fährte liegt, wir bestimmen, wann gesucht wird und was gesucht wird. In dieser elementaren Frage der natürlichen Beschäftigung geben wir den Ton, die Richtung und das Tempo vor. Auch dieses Phänomen lässt sich für den Hund verständlich auf andere Alltagssituationen übertragen.

    Ein grosses Problem für viele Hundehalter ist die Freude an der Wilderei und der Spurensuche nach Wild. Und da kommen wir wieder dort an, wo wir schon mal waren: Es ist ein innerer Zwang, ein Instinkt, so einer Spur zu folgen. Diesen Zwang kann man durchbrechen.

    Es liegt in der Natur der Sache, dass man nicht alleine auf weiter Flur ist. Ich meine jetzt nicht die tausend anderen Spaziergänger mit Hund. Diese Flächen werden ab der Dämmerung von Wild genutzt, es ist sein Lebensraum.

    Der Einfluss der Fährtensuche nach Menschenfährten auf die Jagdleidenschaft der Hunde ist vielfältig.

    Die Hunde werden von Anfang an mit mehr oder minder stark ausgeprägten Wildspuren und -fährten konfrontiert, weil es uns Menschen gar nicht möglich ist zu erkennen, ob, wann und welches Wild über die Weise gezogen ist, auf der wir gerade eine Fährte für den Hund legen. Je frischer oder aufregender dieser Wildgeruch ist, desto stärker wird der Hund darauf reagieren.

    Hier ist ein wichtiger Ansatzpunkt, die Jagdleidenschaft des Hundes zu unterbinden:

    Der Hund befindet sich auf der Fährte in einer von uns kontrollierten Situation, er kann nicht weg. Wir zwingen ihn sanft über die Leine immer wieder zurück auf die Fährte. Er lernt, sich auf das zu konzentrieren, was wir ihm vorgeben. Dadurch fängt auch der Hund an, seine Jagdleidenschaft zu kontrollieren, ansprechbarer und damit für uns erreichbarer zu bleiben.

    Dieses Training kann man soweit betreiben, das man gezielt Fährten durch Gelände legt von dem man weiss, dass dort vor sehr kurzer Zeit Wild durchgezogen ist, sei es auf einem am Waldrand gelegenen Acker oder auf einer frisch von Wildschweinen gebrochenen Wiese. Wichtig dabei ist jedoch die eigene Nervenstärke und die ruhige Konsequenz , um den Hund auf der Fährte zu halten. Je intensiver man diese Arbeit betreibt, desto mehr wird der Hund eine Wildspur als "normale" Ablenkung von etwas wichtigerem empfinden.

    Ein weiterer sehr wichtiger Punkt der Fährtenarbeit ist Ruhe.

    Fährtenarbeit ist eine sehr ruhige, von aussen betrachtet schon fast unscheinbare Arbeit. Über die Zeit und die Trainingseinheiten zeigt sich, das der Hund viel eher bereit ist, sich auf unser Zeichen hin zu beruhigen und sich auf das zu konzentrieren, was wir von ihm verlangen. Die Aussenwelt wird unwichtiger, es wird nicht mehr jeder Hund, jeder Geruch, jeder Windzug wahrgenommen. Es zählt nur noch die Aufgabe: Die Fährte.

    Man kann mit der Fährtensuche sehr viel erreichen: Der Hund wird ausgeglichener und zufriedener. Er hat eine Aufgabe, die ihn voll und ganz fordert und gleichzeitig seinen natürlichen und instinktiven Bedürfnissen entspricht.

    Man betreibt mit seinem Hund eine enorm team-fördernde Beschäftigung, die viele andere Probleme behebt oder deutlich abmildert, weil sie einen grossen Einfluss auf die Klärung der rudelspezifischen Ordnungsverhältnisse hat.

    Letztendlich ist die Fährtensuche eine Beschäftigung, mit der man viel Freude, Erfolg, Ruhe und Befriedigung finden kann. Und dazu braucht man eigentlich....nur einen Hund.