Lücke im neuen Zuwanderungs-Gesetz: Die Gattung canis lupus ist nicht vorgesehen. Wölfe wandern seit Jahren aus den Pyrenäen, den Abruzzen und aus Jugoslawien (Kriegsflüchtlinge) ein. Sie lassen sich - ganz selten - seit einiger Zeit schon im schweizerischen Wallis nieder. Und nun kommen sie auch aus dem Osten, vermutlich Polen oder der Tschechei, nach Deutschland. Der Hunde-Urahn taucht in Deutschland immer häufiger auf in den Medien, in den Köpfen der Bewohner und als "tätliche Tatsache". Lupomania in Germania?
1976 waren es die Wölfe im relativ neuen Nationalpark des Bayrischen Walds, die durch einen Zaun flohen, weil ein Baggerfahrer ein Loch in den Gehege-Zaun riss. Danach gab es eine bundesweite Hysterie. BILD war vor allem in dieser Hinsicht immer dabei. Aber voll neben der Spur. Eine Wölfin soll zum Schutz ihres verbliebenen Welpen ein Mädchen angefallen haben. Tatsache war, das Mädchen musste ambulant behandelt werden. Weil die Wölfin das kleine Mädchen nicht weglassen wollte.
Einige Wölfe konnten über die Grenze in die Tschechei fliehen, andere wurden erschossen. Viele fühlten sich damals berufen, die Isegrimme grimmigst zu töten. Gefahr war doch im Verzug. Nein, es war schon mehr im Verzug: Unwissen in Tateinheit mit Vorurteilen und Panik.
Das sollte sich gelegt haben in den Jahren darauf. Wolfsforscher und andere Kundige klärten über den wahren Wolf im Menschenbild auf. Manche Freunde kippten dann auch und dies typisch extrem, auf Panik folgte vermenschlichte Verwölflichung. Heute spriessen immer noch zahlreiche private Seiten im Internet mit dieser Wolfs-Romantik.
Einige wenige clevere Hunde-Trainer machten sich den alten Schwarm, dem Wolf verdankt der Hundefan ja schliesslich sein Hobby, zunutze und schafften sich ein paar dieser Vorbilder an.
Wer einen Wolf besass zum Zwecke der eigennützigen Vorstellung, der galt bedingungslos als kompetent auch für Hunde. Wolf sells.
Vor ein paar Monaten tauchten wieder leibhaftige Wilde auf. Ein Rudel diesmal, in der Lausitz, auf einem Militärgelände.
Wieder unkten und riefen und berichteten und fürchteten sich viele. Die alten Vorurteile schienen nicht ganz ausgerottet. Und wieder waren die Medien die Transporteure dieser Nachricht, auch für jene, die diametral entfernt im Wohnzimmer hockten, womöglich den Kater oder Dackel auf dem Schoss oder den Schäfer im Zwinger. Wer heult da mit? BILD war nicht mehr allein, andere, meist TV-Sender heulten mit. Es passierte ausser teilweise bis heute nicht geklärten Schafsrissen nicht viel. Das beste, was diesem Rudel passieren kann, ist ein unaufgeregtes Arrangement. An das Rudel haben sich nach der ersten Panik auch viele Bewohner gewöhnt haben, liessen sich nicht anstecken von der Treibjagd gelangweilter Hysteriker.
Und nun tauchte vor wenigen Wochen dieser Einzelgänger südlich von Göttingen auf, im Bramwald. Die zuständig fühlende "Untere Naturschutzbehörde des Landkreises" hat ihm den Namen Puck verliehen.
Er wird beobachtet, soll laut Umweltministerium Niedersachsen leben dürfen, sein Geschlecht haben sie noch nicht herausgefunden. Zu Anfang der wurde er fast von wild einkreisenden Autofahrern gestellt und als Wolf erkannt. Dann ist er diesen Neuen Treibjägern entfleucht. Ein paar Schafe habe er gerissen, ein Bock soll seine Damen verteidigt haben, ist allen Schafen nicht bekommen. Der Schäfer fordert den Abschuss des Wolfs.
Die Einwohner der bedrohten Gemeinde halten sich noch zurück. Eine Nachsuche wurde diskutiert, eine Betäubung auch, doch die Unvernunft kreist noch in der Warteschleife. Es wird weiterhin, wie immer, mit dümmlichen Argumenten hantiert. Ein Ende der Medienstory um den einsamen Wolf ist nicht abzulesen. Vielleicht erlahmt die Reaktion auf die sensationsgeilen Redaktionen.
Es kann angenommen werden, dass dieser Solo-Wolf die "Nähe" von Menschen sucht, dass es auch ein ausgerissener aus einem Privatgehege oder -haushalt sein könnte. Kann auch sein, dass er wieder ein Vorbote aus vertriebenen oder ausgewanderten Wölfe aus Polen oder der Tschechei ist. Die jedoch würden nur notgedrungen als Einzeltäter auftreten.
Nichts Genaues weiss man nicht. Zitat einer HZ-Forums-Teilnehmerin: "Wenn's mal nicht ein Tschechischer Wolfshund oder ein Wolfshybride oder ein grauer DSH oder, oder, oder ist! Bei mir in der Ecke wollen Passanten vor einigen Monaten einen Bären gesehen haben, der sich letztendlich als Riesenschnauzer rausstellte!"
Rissdiagnostik - ein neuer Beruf? Nein, aber unter Fachleuten die schwierige Aufgabe, herauszufinden: wer war es? Wenn ein Tier von einem Beutegreifer getötet wird: War es überhaupt ein Wolf?
Beutegreifer töten mit gezielten Bissen (zum Beispiel Marder oder Katzen), andere hetzen und reissen (Caniden). Grösse des erbeuteten Tieres und Art, wie der Kadaver verbraucht wird, schaffen erst am Tatort die Voraussetzungen für Aussagen über einen möglichen Täter. Die Rissdiagnostik bringt aber nicht immer einen klaren Befund. Wolfsrisse sind nicht sicher von Hunderissen zu unterscheiden, und bei voll gefressenen oder aufgerissenen Kadavern sind Spuren vertilgt.
Was ist nun zu tun, wenn die Wölfe immer häufiger Deutschland aufsuchen? Das Informieren muss man hier den Hundezeitungslesern nicht mehr empfehlen. Das Weitererzählen vom Verhalten, von der normalen Scheu vor Menschen, das ist sehr wichtig, um Vorurteile abzubauen und Panik zu vermeiden.
Das Spiel "Fang den Wolf" durch Fähnchen-Leinen, durch die er nicht durchrennt, war auch nicht der grosse Bringer. Anfangs klappt das ja, weil er die wehenden bunten Fähnchen in Augenhöhe nicht kennt. Aber ist er einmal durch diese eher psychische Barriere, hat diese Methode ausgedient. Elektrifizierte Schafsweidezäune überspringt ein Wolf. Wenn er keinen Stromstross gewischt bekommt. In diesem Fall funktioniert die Abschrecke. Der nächste Wolf könnte aber drüberspringen.
Praktisch wird aber hier eine alte, hundsnormale Aufgabe wieder interessant. Es ist sehr wohl tauglich, dass eine Horde wütend kläffender Kleinterrier einen einzelne, möglicherweise jungen unerfahrenen Wolf verscheucht. Kein einzelner Wolf wird drei oder vier auch nur mittelgrosse Hunde angreifen. So selbstmörderisch agieren nur asozial gehaltene und psychisch defekte Einzelhunde. Denn auch für kleine tapfere Hunde ist ein Wolf zunächst nichts anderes als ein canider Eindringling und Revierverletzer. Da kennen sie - natürlich - keinen Unterschied.
Für Nutztierherden empfehlen sich aber dann auf die Dauer schon dazu geeignete Hunde, das müssen nicht mal die Experten der Herdenschutzhunde (Hsh) sein, denn da genügt es auch nicht, ist eher fatal naiv, zu glauben, ein möglichst monströser Hsh vom Schlage etwa eines unbeweglich schweren Pyrenäenberghunds genügte, und die Wölfe würden flüchten.
Diesem geradezu tierschändlichen Unverstand sind schon viele Hunde zum Opfer gefallen, weil die Halter den darin dämlichen Rassestandards blinden Glauben schenkten.
Ein Hsh muss von Klein auf an seine Arbeit gewöhnt werden und er muss von erfahrenen aktiven Hsh angeleitet werden, auch diese Hunde müssen lernen, was sie tun sollen. Auch dies ist nur veranlagt, und auch nur dann, wenn die Hunde aus Arbeitslinien stammen.
Eines ist auch ganz strikte Voraussetzung: es sind mindestens drei aktive Hsh erforderlich, immer zwei Alttiere bei einem Jungtier. Und noch wichtiger: Spaziergänger mit Hunden, und seien es die stärksten, oder Industrie- und Touristengebiete, sind kein Hsh-gerechtes Umfeld. Denn diese oft auch nachtaktiven Hunde greifen kompromisslos an, wenn Warnungen oder Schutzdistanzen zu den Schutzbefohlenen, ob Hühner oder Schafe oder Pferde, ignoriert werden. Die meisten naiven Hundehalter werden dies ignorieren. Das ist in den dicht besiedelten Gebieten in Deutschland ein enormes Handicap für den Einsatz von autark arbeitenden Hsh - die von keinem Schäfer stündlich beaufsichtigt werden müssen.
Alternative: Erfahrene Esel als Herdenschützer. Die Portugiesen und Spanier halten sich Esel zu ihren Ziegen oder Schafen, und wehe, ein fremder Hund oder - in diesen Ländern sind die Wölfe kleiner - ein Wildcanide will ein zusammen mit ein paar Eseln weidendes Schaf reissen. In der Biologie gibt es jedoch keine Nicht-Angriffs-Garantien.
Es muss kein Hsh sein, der leicht und veranlagt genug ist, um flink zu agieren. Das können in Europa portugiesische gar eher als manche ungarische Hsh-Typen, die ihrer Aufgabe nur noch auf dem Papier gerecht werden dürfen und können. Es kommt also auf die Behändigkeit an und nicht auf das Kampfgewicht. Das erfahren gerade die Amerikaner, die auf zu schwerfällige Pyrenäenberghunde bauten und mit dem Leben bezahlten, weil sie einfach von den viel leichteren und daher wendigeren Wölfen getötet wurden. In Frankreich denken die Freunde des Patou um und fördern die Rückzüchtung auf Arbeitstauglichkeit. Welche Hunde wirklich geeignet sind, dazu hilft eben auch ein Blick auf das Beutefangverhalten und auf die Konstitution der Wölfe. Denen müssen die Hunde Paroli bieten können. Die speziellen Eigenschaften der Hsh (Herdengebundenheit und Selbstständigkeit) mal aussen vor gelassen. Alles kein Geheimnis mehr.
Ich rede hier ganz bewusst nicht einem verantwortungslosen Run auf Hsh das Wort, denn es gibt schon zu viele Hundehalter, die den "normalen" Hunden nicht gerecht werden.
Diese Aufgabe können auch - mit klaren Abstrichen - andere ähnliche Hundetypen übernehmen, aktive Schäferhunde, Ex-Treiber, bewegliche Molosser. Ein deutscher Hundefreund, in Rumänien lebend, hat dort seinen jungen Rottweiler-Rüden schweren Herzens abgegeben, weil der in seinem Haus- und Hofbereich einfach unausgelastet war und zu rebellieren anfing. Er gab ihn in die Hände von Fischzüchtern.
Max blüht seit dem ersten Tag dort auf und arbeitet als Fischzucht-Schützer, als ob er nie etwas anderes getan hätte. Max geht es blendend, er hat auch Hundegesellschaft, zwei halbwüchsige Rottie-Hündinnen. Er hat eine alte Aufgabe mit neuem Sinn bekommen. Er mag eine Ausnahme sein. Aber gute, brachliegende Veranlagungen muss man an seinem Hund erst mal entdecken. Dazu sind aber die meisten Hundetrainer so wenig fähig wie die Besitzer. Weil die Subjekte fehlen und falsche Veranlagungen gesucht und gefördert werden.
Man kann nicht sagen, der Rottweiler sei ein geborener Tierschützer. Max mag ein Einzelfall sein. Der hat auch noch rumänische Eltern, der würde hier bei den Rassehundevereinen nicht angeschaut werden. Aber jeder Hund kann uns aufs Natürlichste beweisen, dass wir unsere kategorischen Einschätzungen in die Tonne hauen können.
Max ist nur so ein Beispiel. Wir müssen also keine professionellen Hsh importieren, falls da jemand ein Geschäft wittert. Manchen Ex-Hsh täte eine begrenzte Wiederbelebung ihrer Arbeitsfeldes zur Auffrischung ihrer angedichteten Eigenschaften gut. So würden ein paar arbeitslose Hsh wieder als ABSler eingesetzt.
Die Kosten werden aber den Schäfern auch noch zu hoch sein. Das gibt's nix vom Arbeits- oder Sozialamt. Da meckert man lieber wie ein alter Ziegenbock und hält die Hand zur entschädigenden Abfindung auf.
Wir Hundefreunde sollten uns damit abfinden: ein Wolf kommt selten allein. Bei entsprechender Einstellung und Arbeits-Vorbereitung mit geeigneten Hunden - und vor allem Tierhaltern - wissen auch die neuen alten Zuwanderer namens Canis lupus, wo ihre Grenzen sind. Die beiden Vierbeiner-Gattungen werden sich - dank gegenseitigem Respekt - vermutlich eher verstehen als die scheinbar betroffenen Menschen.
Die Komposthaufen aus dem Garten sind wieder zu verschliessen. Die sind ein köstliches Tischlein-deck-dich. Wölfe werden dies auch riechen. Wenn sie mal zu mehreren kommen.
Man sollte ihnen, den Wölfen, aber lieber verclickern, dass sie es wo anders zwar nicht so reichlich gedeckt haben wie in den Müllbergen, in den Abladehöfen von Lebensmittelgeschäften, in ländlichen Gegenden oder Vorstadtgärten wie in Deutschland, aber länger leben. Dort, in den Beskiden oder in den Karpaten, sieht man zwar keine rührenden Wolfsgeschichten im Tatort Fernsehen, aber man lebt gelassen mit ihnen. Seit Jahrhunderten.
In Mittel-Italien ist das ein wenig anders: Aurora Brizzi in Assisi weiss es. Die Schäfer laden ihre Hunde samt den neugeborenen Welpen vor ihrem Tierheim ab. Deutsche Freunde dieser Herdenschutzhunde nehmen sie auf. Der Autor dieser Zeilen hat auch eine Hündin aus solch einem abgeschobenen Wurf.
Die Maremmani-Abruzzese werden einfach weggeworfen. Nach Ostern. Vorher brauch man die Hunde, weil vornehmlich zweibeinige Räuber die Lämmer klauen. Warum werfen die Schäfer ihre Mitarbeiter hinaus? Weil es sich ohne diese Hunde besser jammern und kassieren lässt. Die frischgeborenen eigenen Hsh des eigenen Landes werden abgeschoben oder gleich erschlagen.
Da passt der paradox-ignorante Satz eines Schäfers: "Der Schäfer führt ein Hundeleben und der Wolf das Leben eines feinen Signore."
Wir sollten es langsam besser wissen.
Der Wolf wurde kürzlich von der "Schutzgemeinschaft Deutsches Wild" zum "Tier des Jahres 2003" erkoren. Was hat der Wolf davon? Je weniger in Massenmedien über ihn als deutschen Zuwanderer berichtet wird, um so grösser ist seine Chance. Die Kürung zum schutzwürdigen Tier interessiert jedoch nur Tierschützer. In Russland halten jährlich 4 000 erschossene Devisenbringer immer noch als Trophäe her - für meist westliche Jäger.
In der EU ist der Canis Lupus unter Schutz gestellt. Das gälte ja auch für Spanien und Portugal, für Italien etc., da schert sich kein Wolfsvernichter drum. Brüssel ist fern und tierschutzrechtlich auf Wolke 7.
Puck, der Solist aus Niedersachsen, stellte nun seine Nahrungsquelle von Schaf auf Wild um. Hat er nun aber statt der Schäfer die Jäger auf der Spur?
Dagegen BILD, mit Foto des eindeutigen Wolfs an einem gerissenen Schaf, am 19. November: "Killer-Wolf in Niedersachsen: Kinder in Gefahr". Das ist nicht etwa dumm, es ist zynischer: Angst geilt auf und an. Solche Angst (ähnlich wie Horrorfilme angucken und sich unter der Bettdecke verkriechen) ist nach psychiatrischer Erkenntnis eine sexuelle Sonderform. Wir wollen hoffen, dass die BILD-Redaktion wenigstens das als Motiv für ihre Art der Darstellung nahm.
Um es für derartige Leser auf einen kurzen Nenner zu bringen (die lesen ja eh keine langen Texte): Don`t panic. Eure Kiddies sind längst besser informiert.
Informationen:
Beobachtungen der Wildbiologin Gesa Kluth (die auch die Wölfe in der Lausitz kennt) in den Beskiden auf den Seiten des Ökologischen Jagdverbands: www.oejv.de/archiv/wolfseminar.htm


Bereiche
Für jeden veröffentlichten Artikel unterstützen wir das
Artikel im Bereich Top Themen