Ende Januar erschoss ein Jäger den einzigen in Niedersachsen lebenden und unter Schutz gestellten Wolf, von den niedersächsischen Behörden "Puck" genannt. Der Jäger gab an, er habe sich von dem Wolf "angegriffen" gefühlt. Ihm ist eine Sicherung durchgebrannt. Den Nachrichten zufolge drohe dem Jäger nun der Verlust seiner Jagderlaubnis.Und was ist nun seither geschehen? Erst hat er sich herausgeredet mit ziemlich dämlichen Schuldzuweisungen: Einmal war es ein Schäferhund-Mix, dann ein Husky, der sich dem Jäger in den Weg stellte.
Als der Wolf noch lebte
Aus dem Göttinger Tagblatt, Lokalnachrichten, Überschrift: "Wolfsangst: "Zäunt doch euren Bramwald ein" "Wir sollen unsere Zäune höher machen", wettert ein Schafhalter, "nur damit ihr euren Spaß am Wolf habt? Dann zäunt doch euren Bramwald ein!" Und der Zwischenrufer ergänzt: "Ich bin der Überzeugung, der ist in der Kiste gekommen."
Das waren dann auch schon die einzigen unharmonischen Töne in der überfüllten Stadthalle. Die Mehrzahl derer, die sich für Wolf Puck und die Ausführungen des Wolfs-Experten Erik Zimen interessierten, waren Freunde Isegrims oder standen zumindest dem Naturphänomen der Rückkehr eines mutmaßlich wilden Wolfes aufgeschlossen gegenüber.
Selbst der pensionierte Pastor Werner, dem "fünf seiner Schäfchen", wie Forstamtsleiter Carsten Schröder formulierte, vom Wolf gerissen wurden, schlug moderate Töne an. Er könne die Freude über das Auftauchen des Wolfes nicht teilen. Er bezweifele, dass es ein wilder Wolf ist, weil er sich nur mühsam von den gerissenen Schafen habe vertreiben lassen. Bei Gehegewölfen aber bestehe die Gefahr, dass sie Menschen angreifen. Das sei ja wohl für den Fremdenverkehr verheerend.
Im Gegenteil, meinte Zimen. Als Magnet hätten sich Wolfsvorkommen in Italien oder Slowenien erwiesen. "Mit dem Wolf lässt sich touristisch was machen." Er sei nicht nur Indiz für eine gesunde Natur, sondern auch für Naturfreunde interessant, die hofften, einmal ein Tier in freier Wildbahn anzutreffen. Die bange Frage, was man denn machen solle, wenn man als Spaziergänger dem Wolf begegnet, beantwortete Zimen: "sich freuen." Gefährlich sei er nicht, er meide Menschen.
Vor einem Wolfstourismus allerdings, wie er schon zu beobachten sei, hatte zuvor Volkmar Kießling von der Unteren Naturschutzbehörde gewarnt: "Alte Leute trauen sich nur noch mit Knüppel spazieren, und andere schieben mit dem Kinderwagen durch den Wald in der Hoffnung, ihn zu sehen." Man solle Puck lieber "in Ruhe den Ausgang seines Asylverfahrens abwarten" lassen.
Als der Wolf tot war
Die dpa-Meldung am 21. Januar 2002 nach dem Tod des Wolfs:
"Hildesheim - Er tauchte erst im
November auf: "Puck", der einzige frei lebende Wolf in
Niedersachsen seit 200 Jahren. Jetzt ist er tot.
Erschossen von einem Jäger, der sich angeblich bedroht fühlte und "Puck" - wie ihn die Behörden nennen - mit einem wildernden Schäferhund verwechselt haben will. Das etwa zwei Jahre alte weibliche Tier starb in einem Wald bei Alfeld im Kreis Hildesheim. Dem Jäger droht ein Gerichtsverfahren - und der Verlust seines Jagdscheins.
Das unter Artenschutz stehende Tier sei eindeutig der Wolf, der vor zwei Monaten erstmals im Bramwald (Kreis Göttingen) aufgefallen und seither durch das südliche Niedersachsen gestreift war. Da die Wölfin einen Chip unter der Haut trage, sei sie offenbar aus einem Gehege entlaufen, vermutet die Biologin Bärbel Pott-Dörfer vom Niedersächsischen Landesamt für Ökologie (NLÖ).
Klarheit über Herkunft und Halter könne die im Chip enthaltene Codenummer geben. Der erste Verdacht: Bei "Puck" handelt es sich um die Fähe "Bärbel", die im Juli 2002 aus dem Tierpark Klingenthal (Sachsen) ausbrach. Gewissheit soll ein DNA- Test liefern, den Bärbel Pott-Dörfer in Auftrag gab.
Die Biologin: "Wir sind wütend und traurig, dass es mit ,Puck' so zu Ende gegangen ist." Wölfe sind nach dem internationalen Artenschutzabkommen geschützt, dürfen in Deutschland nicht gejagt werden.
Warum musste "Puck" sterben? Fest steht: Am Sonntag hatten Spaziergänger in dem Wald zwischen Alfeld und Bad Salzdetfurth ein gerissenes Reh entdeckt. Ein Tier, das sie für einen Schäferhund hielten, machte sich daran zu schaffen. Die Passanten alarmierten den verantwortlichen Jagdpächter, der sofort einen Jäger in den Wald schickte, um nach dem Rechten zu sehen. Nach Aussage des Jägers trieb sich der vermeintliche Schäferhund in der Nähe des gerissenen Rehs herum. Der Wolf habe ihn "bedrohlich knurrend und mit gesträubten Nackenhaaren" aus etwa 15 Meter Entfernung umkreist und sei ständig näher gekommen, berichtete der Jäger. Aus Angst habe er geschossen. Dass es sich nicht um einen Schäferhund handelte, habe er erst bemerkt, als er sich dem toten Tier genähert habe.
Die Jagdbehörde des Landkreises Hildesheim hat ein Verfahren gegen ihn eingeleitet. Laut Landesamt für Ökologie will sich der Mann zudem selbst bei der Polizei anzeigen, um den Fall klären zu lassen. "Tief bedauerlich" findet Wilhelm Holsten, Präsident der Landesjägerschaft Niedersachsen (52 000 Mitglieder), den Abschuss. Holsten zum Abendblatt: "Der Jäger hat die Schutzgarantie für Wölfe missachtet." Ist so eine Verwechslung überhaupt möglich? "Nein. Man kann sehr wohl einen Wolf von einem Schäferhund unterscheiden - auch aus 15 Meter Entfernung. Wenn der Jäger die Arten nicht auseinander halten kann, darf er nicht schießen." Werde der Schütze rechtskräftig verurteilt, müsse er sich auch vor dem Disziplinarausschuss der Landesjägerschaft verantworten.
Die Wölfin war Anfang November erstmals in der Nähe von Ellershausen (Kreis Göttingen) gesehen worden. Dort hatte sie auch fünf Schafe gerissen. Menschen ging sie aus dem Weg. In den folgenden Wochen streifte "Puck" in einem großen Bogen durch den südlichen Landkreis Göttingen bis zum Harzrand - und wurde immer wieder beobachtet. Nahrung fand die Fähe offenbar genug in der Natur, denn es wurde nur ein weiterer Fall bekannt, in dem sie im östlichen Kreis Göttingen ein Schaf riss. In den vergangenen Tagen war "Puck" durch den Landkreis Northeim bis nach Alfeld gewandert. Bärbel Pott-Dörfer: Die Wölfin sei wohl auf der Suche nach einem Partner gewesen."
22. Januar, Radiomeldung NDR: "Es ist die Fähe Bärbel, zweifelsfrei. sie hat sich über Thüringen, Brandenburg und Sachsen, wo sie bereits zum Abschuss freigegeben worden war, nach Niedersachsen durchgekämpft. Die Jägerschaft kritisierte ungewohnt scharf den schiessenden Jäger und sind der Meinung, dass er den Wolf in voller Absicht erschossen hat."
Sächsische Zeitung sz-online.de vom 23. Januar: "Die innere Erregung kann Gesa Kluth nicht verbergen. "Das Tier stand nur 15 Meter von dem Jäger entfernt. Und da will er nicht erkannt haben, dass es ein Wolf war und kein wildernder Hund?" Die Biologin will nicht an ein Versehen und auch nicht an die Bedrohung durch das Tier glauben. Sie befürchtet, da habe einer geschossen, der im Wolf immer noch den Feind sieht. Deshalb macht sich Gesa Kluth nach diesem Vorfall neue Sorgen um die in Nordostsachsen beheimateten Wölfe, deren Entwicklung sie sehr intensiv verfolgt.
Inzwischen steht fest, dass es sich bei dem schon am Sonntag rund 50 Kilometer südostlich von Hannover erschossenen Wolf um "Bärbel" handelt. Ein implantierter Mikrochip brachte es an den Tag. Die sechs Jahre alte Wölfin war am 12. Juli vorigen Jahres aus einem Tiergehege im vogtländischen Klingenthal ausgebüxt und seitdem durch Thüringen, Sachsen, Bayern und Tschechien gestreift. Schützen mit Betäubungsgewehren wurden ausgesandt, bekamen aber "Bärbel" nie zu sehen. Tote Kälber und andere Köder ließ die Wölfin links liegen.
Die letzten Monate fehlte von ihr jede Nachricht, und der urplötzlich in Niedersachsen - 300 Kilometer von Klingenthal entfernt - aufgetauchte Wolf erhielt den Namen "Puck". Gesa Kluth findet es um so bedauerlicher, dass "Bärbel" nach so langer Zeit in der Freiheit abgeschossen wurde. "Es ist beeindruckend, wie sie sich durchgeschlagen und hinzugelernt hat." Nur zweimal griff die Wölfin Schafe an.
Beendet ist das Kapitel "Bärbel" aber noch nicht. Während ein Jurist des sächsischen Umweltministeriums bei seiner im September geäußerten Auffassung bleibt, dass es sich bei einem aus dem Gehege entlaufenen Wolf "allein um ein polizei- und tierschutzrechtliches Problem" handele und das Tier "sachkundig" getötet werden dürfe, hat die Staatsanwaltschaft Hildesheim bereits Ermittlungen eingeleitet. Ihr Verdacht: Hier wurde gegen das Bundesnaturschutzgesetz und das internationale Artenschutzabkommen verstoßen. Beide machen Wölfe für Jäger tabu. Für das Töten von geschützten Tieren drohen bis zu fünf Jahre Haft oder Geldstrafe."
Soweit die Meldungen.
Das Problem Jäger
Wurde der Mann nicht besser beraten vom örtlichen Jägerverein? Wie man wenigstens nicht noch dümmer aus der image-verheerenden Sache rauskommt? Erst verbildet man ihn aus, dann lässt man ihn in seiner Missbildung hängen? Ist der Mann nur eine armer Tropf, Opfer seines Genres? Nein, so billig darf es nicht sein. Die Reaktion der lokalen Jägerschaft zeigt zweierlei Deutungen: Die Empörung kann scheinheilig sein, wohlwissend um die Reaktion der Bevölkerung und das erneute Negativimage. Die Empörung kann aber auch ehrlich sein, wegen des letztgenannten Grundes und - nicht auszuschliessen - aus Einkehr und Erkenntnis.
Denn es gibt nach wie vor Fälle, die durch Kaltblütigkeit erschüttern. Etwas diese Nachricht: "Das Amtsgericht in Schwarzenbek im Kreis Herzogtum Lauenburg verurteilte einen 59-jährigen Jäger aus dem Umkreis Basedow zu einer Geldstrafe in Höhe von 1500 Euro.
"Geplant und gezielt" sei die junge Rottweiler-Hündin vom Angeklagten erschossen worden, der sich gegenüber der Finderin des Hundes und einem Polizeibeamten im Dezember 2001 anbot, das Tier ins Tierheim zu bringen. Laut der Aussage des Angeklagten habe ihn die Hündin beim Einladen ins Auto gebissen. Doch erschossen wurde sie in einem nahe gelegenen Waldstück. Nach drei Stunden Verhandlung hielt das Gericht den Eindruck für bestätigt, dass der Angeklagte den Hund in Tötungsabsicht an sich genommen habe."
Erst allmählich kehrt bei der hundehaltenden Jägerschaft auch ein, dass Gehorsam nicht durch Stromstösse per Teletaktgerät erreicht werden kann oder gar Foltermittel wie die extra angespitzten Stacheln des von Förster Oberländer erfundenen Halsbands, die heute noch verkauft und an den Hals von Hunden angelegt werden. Teletakt ist bei Jägern weit verbreitet.
Mit aufgerissenen Augen des Erstaunens fragte mich mal ein relativ junger Professor für Forstwirtschaft in Württemberg, der seine beiden Vorsteh-Hunde nur einmal "getaktet" haben will: ja, dürfen denn das auch Nicht-Jäger? Ihm schien es so, dass die Jäger nur das Privileg des Teletaktens an ihren Hunden hätten. "Zivilisten" wohl nicht. Ich klärte ihn dann auf, dass es nicht nur in altmodischen Schutzhundlerkreisen täglicher Gebrauch sei.
Es gibt immer noch jene Jäger, die ihre Hunde "raubzeugscharf" machen an lebenden, an Baumästen aufgehängten Katzen. Das müssen nicht nur Katzen-, es müssen Tierhasser sein. Auch der Jargon der Jägersprache ist voll der Verachtung gegenüber jagdbarem Wild, es ist streckenweise eine psychologische Anamnese.
Nur langsam brökelt die Front durch die vernünftigen Beispiele, die es natürlich auch bei den Jägern gibt. Eine pauschale Verdammung hilft vor allen den noch wenigen guten Jägern nicht in ihrem Kampf gegen das antiquierte Denkgut in ihren Reihen. Mehr Biologie samt Ökologie wäre bei der sonst so anspruchsvollen Prüfung zur Erlangung des Jagdscheins nötig, bei weniger überholter Tradition.
Die ökologische Jägerschaft erhält immer mehr Zulauf, wenn sie auch hundegrecht ausbilden, dann sollten diese Bestrebungen von allen Hundehaltern unterstützt werden.
Vergesst jedoch die romantische Vorstellung, in diesem Land wieder Wölfe auch in kontrolliert begrenzter Anzahl anzusiedeln. Es wird immer einen geben, der scharf drauf ist, einen Wolf zu töten.
Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass diese Tat im rumänischen Satellitenprogramm eher veröffentlicht wurde als in den deutschen Medien. Mein Bruder lebt dort. Er erzählt mir das und er war gleichermassen wütend wie ich.
Die Umkehr des transsylvanischen Wolfsjägers
Und dazu fiel mir nun eine andere Geschichte ein. Die eines ehemaligen staatlichen Jägers in Diensten des rumänischen Ex-Diktators Ceaucescu. Der besagte Jäger war abgestellt für die Promis, denen Wild vor die Büchsen getrieben wurde. Bären, Wölfe, Luchse. Vornehmlich in den Karpaten.
Vor Jahren sah ich den Mann (der später mal in einer erschütternden Beichte in der ARD gezeigt wurde) in den Bergen um Brasov. Er erzählte und erzählte sich in Tränen hinein.
Nun könnte man als abgefeimter Westler und Berufszyniker meinen: der Mann macht eine tolle Show. Nein. Das war ehrlich. Der Mann hat sich so geschämt über seine Vergangenheit. Weil er nun diese Tiere in einem anderen Licht - kein Büchsenlicht mehr sah.
Die rumänische Frau meines Bruders kam mit dem Übersetzen nicht nach und ich glaube, es war ihr streckenweise peinlich, was aus dem gestandenen Mannsbild so herausbrach.
Er war erschüttert. Über sich selber. Er hasste sich für sein Tun selber. Selbst noch Jahre nach seinem Umdenken. Seit Ceaucescus Tod und damit dem Fortfall der Jagdprivilegien und folglich der bezahlten Arbeit der Jäger-Helfer hatte er Zeit zum Umdenken, und er nutzte sie. Inzwischen ist er nämlich zu einem der grössten echten Wolfs- und Bärenschützer in den Karpaten um Brasov geworden. So bekannt, dass ein deutsches Fernseh-Team auf ihn aufmerksam gemacht wurde.
Er hat gelernt. Er hat niemand dazu gebraucht, er hat nur nachgedacht und seine Lebensweise in Frage gestellt.
Ich würde den Mann gern mal wiedersehen und ihm von diesem mittelalterlichen Jäger in Niedersachsen (stellvertretend für andere, aber nicht für alle Jäger!) erzählen.
Erzähle mir noch jemand was vom zurückgebliebenen Balkan! Inzwischen sind aber auch andere, teilweise mit Projektsponsorschaften von internationalen Naturschutzorganisationen, darauf gekommen, diese letzten und vergleichsweise "üppigen" Resourcen an Bären und Wölfen in Rumänien zu schützen. Um sie nach ein paar Jahren wieder allein zu lassen.
Aber die Rumänien auf dem Land (die in der Stadt sind auch nicht besser als unsere...) lebten schon lange fair und unaufgeregt mit den Bären und Wölfen. Denen erzählt man nichts Neues.
So haben sie aber auch jetzt gelernt, weil auch sie eines Tages an die EU angeschlossen werden, dass ihre natürlichen Mitbewohner auch Touristen ins Land holen. Das bringt Devisen, die alle Rumänen brauchen. Doch die Einwohner haben wenig davon.
Eine Bärenjagd in Rumänien kostet nach WWF-Angaben etwa 1500 Euro. In diesem Preis inbegriffen sind nicht nur die Flugkosten und die Verpflegung, sondern auch das Abschiessen eines kleinen Bären. Für die Trophäe eines grossen Bären muss der Jäger dann schon Summen von bis zu 9000 Euro aufbringen.
Dennoch: Die Landbevölkerung hat trotz aller Enttäuschungen schnell verstanden, dass das angewandter Naturschutz etwas ist, mit dem zu vertragen sich lohnt. Es ist ein langfristiges Projekt. Gleichzeitig ein Konflikt zwischen Kommerz und bodenständiger Kultur, und dazu gehört Naturbewusstsein.
Dort wie hier in der hochnäsig verkündeten Zivilisation gibt es aber einen gemeinsamen enorm starken und schier unausrottbaren Gegner: das Vorurteil, das Unwissen und die Basis für beide: Dummheit. Aber dies trifft alle, nicht nur Jäger.
Die Hundehalter dürfen vor der eigenen Tür kehren, wenn sie zum Beispiel ihre Hunde im Wald Wild hetzen lassen.
*
*


Bereiche
Für jeden veröffentlichten Artikel unterstützen wir das
Artikel im Bereich Top Themen