Ein Welpe oder Junghund mag noch so "niedlich" sein, das Kindchen-Schema ist beim Brutpflegetrieb von Frauen so wenig zu ersetzen (nur mit viel Fachverstand als Kompensation, was mehr wirkliche Tierliebe erfordert), manche Männer mögen sich da einen Kumpel auf vier Beinen, der wenigstens ihnen aufs Wort folgen möge, heranziehen - es bleibt auch bei erfahrenen Hundlern Stress pur. Der Mensch muss sich bisweilen schwer beherrschen, um mit kundiger Hand ein junges Tier bestmöglich auszubilden, und wenn es nur das Nötigste ist. Dieser - wenn mensch es eben hundegerecht richtig machen will, so gut er kann - anfangs enorme Zeitaufwand bei viel Gewöhnungstraining an längere Verweildauer oder nur Stoffwechselzeiten - das entfällt bei einem Oldie. Der ist im Gegenteil für Anfänger der beste Lehrer, weil selbst sehr geduldig.
Welpen und Junghunde machen einfach etliche Wochen lang viel "Mist", die Grade des Mistbauens variieren nur beträchtlich, von Toilettenpapieraufrollen bis zur Zerstörung von Luxus-Lieblingsschuhen oder Ledergarnituren (sie kennen keine materiellen Wertschätzungen). Bis sie mal die Grundregeln einhalten, dauert es Monate. Wenn die Tiere auch noch durch schlechte Vergangenheit verhaltensgestört sind, ob bei miesen Züchtern oder durch andere tierwidrige Umstände, dann ist eine Menge Geduld und fachliche Arbeit angesagt.
Anders bei erfahrenen Alttieren. Sie sind, wenn sie die Grundschule erfahren durften, im Vergleich zu den jungen Lehrlingen leicht zu führen, wobei auch alte Hunde noch lernen können, das wollen wir uns doch selber auch zubilligen.
Kluge Neuhundhalter tun also gut daran, sich zuerst einen weisen alten Hund als Lehrmeister zu holen.
Noch ein Argument für die Senioren (Hunde): auf sie muss man nicht, wie bei Welpen, erst warten, sie gibt es zuhauf. Sie warten geduldig.
Folgende Beispiele finden sich in vielen Tierheimen, nur die Namen und Charaktere sind anders: Von Tierheimleiterin Ursel Gericke
Hat ein Hund sein bestes Alter - so um die fünf Jahre - erreicht, wird er bereits als "alt" eingestuft und deshalb abgelehnt. Püpsi und Partner hätten da niemals eine Chance; man schaut sie sich erst gar nicht an.
Doch sie kommen in zunehmendem Mass ins Tierheim, die Hunde reiferen Alters. Sie alle waren auch einmal jung, und die meisten von ihnen müssen auf ein Leben zurückblicken, das ihnen von kaltherzigen oder gleichgültigen Besitzern verdorben wurde. Und wenn diese ihres Hundes dann endgültig überdrüssig geworden sind, wird er einfach auf die Strasse geworfen und landet, wenn er nicht verunglückt oder verhungert, als "Fundtier" im Tierheim.
Relativ gut dran sind die Tiere, die vom Besitzer unter fadenscheinigen Vorwänden im Tierheim abgegeben werden. Hier ein paar Beispiele aus jüngster Zeit:
Sammy war von seinem Besitzer unter dessen Balkon angekettet und wäre verhungert, hätten ihn die Nachbarn nicht wenigestens mit Futter versorgt. Sie waren es auch, die das Schicksal des 11-jährigen, total abgemagerten Labradormischlings im Tierheim meldeten.
Püpsi, die 10jährige Jagdhund-Mischlingshündin, wurde zusammen mit drei Leidensgenossen aus einem winzigen dunklen Verschlag befreit. Die Hunde waren jahrelang nicht mehr im Freien gewesen. Ihre Krallen waren überlang; eines der Tiere war durch lange Dunkelhaft erblindet.
Bearded Collie Cäsar wurde total verfilzt, mit riesigem Tumor, in völlig verwahrlosten Zustand im August 2003 aufgefunden. Der 13jährige Hund war in miserablem Zustand.
Die ca. 10jährige
Podengo-Mischlingshündin Flicka wurde mit schweren Prellungen
und angebrochenem Becken auf der Strasse gefunden.
Klärchen, Schäferhund-Mischling reiferen Alters, kam mit einem ausgeschlagenen Auge und fast verhungert zu uns.
Die siebenjährige übersensible Schäferhündin Gina musste nach einem Leben mit vollem Familienanschluss wegen Scheidung ins Tierheim und drehte im Zwinger völlig durch.
Langhaardackel Lonni musste im Alter von 11 Jahren ins Tierheim, weil ihr Frauchen ins Pflegeheim eingeliefert wurde. Wir könnten diese Liste noch weiter fortführen (siehe unten).
Doch Glück im Unglück hatten alle oben aufgeführten Senioren: sie alle haben für ihre wertvollen verbleibenden Jahre noch Menschen gefunden, die sie liebevoll bei sich aufnahmen.
Püpsi lebt mit zwei Hunden und zwei Katzen zusammen. Sie ist anhänglich, zutraulich und gesund geworden, war nach kurzer Zeit stubenrein und hat mit 10 Jahren alles gelernt, was ein perfekter Familienhund so können muss. Sie ist jetzt 15 und noch immer wohlauf; durfte also noch fünf wirklich schöne Jahre mit ihrer Familie verbringen - denen hoffentlich noch viele weitere folgen.
Sammy lebt in der Wohnung. Er hat zugenommen, sein Fell glänzt wieder, und er hängt mit abgöttischer Liebe an seinem Frauchen.
Cäsar ist operiert und geschoren worden und lebt mit mehreren Hunden und Katzen zusammen an einem Pflegeplatz. Er bewacht das Haus, er liebt seine Familie, und er wundert sich ein bisschen, weshalb er tagtäglich gebürstet wird.
Auch Flicka hat ein Zuhause gefunden. Sie lebt mit zwei weiteren Podengos zusammen und kann wieder einwandfrei laufen. Es hat lange gedauert, bis sie wieder Vertrauen zu Menschen gefasst hat, doch heute geht sie ohne Leine überallhin mit. Und wenn die beiden jungen Hunde neben dem Fahrrad herlaufen, fährt Flicka im eigens für sie angeschafften Anhänger mit.
Klärchen lebt jetzt in einem Haushalt, dem acht ältere Katzen angehören. Die waren anfangs als "Futterkonkurrenten" anzusehen. Heute liegt sie gelassen in ihrem Korb. Sie weiss jetzt, dass sie sich um ihr Futter keine Sorgen mehr machen muss.
Schäferhündin Gina hat im Tierheim fast nichts gefressen. Wir haben deshalb alles mögliche unternommen, um rasch ein neues Zuhause für sie zu finden. Nachdem ihr Foto in der Zeitung erschien, meldete sich der Vorbesitzer, dem die Ehefrau samt Hund davongelaufen war. Jetzt hat Gina wieder ein eigenes Herrchen, den sie liebt und nicht mehr aus den Augen lässt.
Dackelhündin Lonni ist bei einem älteren Ehepaar gelandet, das zeitlebens Dackel hatte. Da die beiden aus Verantwortungsbewusstsein keinen Welpen mehr haben wollten, nahmen sie Lonni liebevoll bei sich auf.
Pascha, jetzt ca. 15jähriger Pekinese, sollte im Alter von 10 Jahren eingeschläfert werden, weil er angeblich keine Freude mehr am Leben habe. Eine Tierärztin lehnte die Tötung ab und verwies den Hund ans Tierheim. Nach einer dort verbrachten Nacht fand der kleine Lebenskünstler ein Zuhause, erfreut sich bester Gesundheit und geniesst seit nunmehr fünf Jahren sein Leben in vollen Zügen.
Es ist kein Akt des Mitleids oder gar der Gnade, einem vom Leben bös gebeutelten Hund eine zweite Chance zu geben. Natürlich muss man mit den psychischen und physischen Gegebenheiten zurechtkommen, die eine solche Aufgabe mit sich bringt.
Vielleicht wird man öfters mal den Tierarzt aufsuchen, eine bestimmte Art von Diätfutter bereitstellen, vielleicht mehrere kleine Mahlzeiten statt einer einzigen verabreichen müssen, vielleicht auch beim täglichen Joggen etwas langsamer treten müssen oder Rücksicht auf besondere Ängste aufgrund schlimmer Erfahrungen nehmen müssen.
Doch in den Hunden lebt eine wunderbare Kraft zum Neubeginn und zur Anpassung an eine neue Umgebung. Sie sind meist bereit und in der Lage, auch nach schlimmsten Erlebnissen wieder Vertrauen zu Menschen aufzubauen. Dies tagtäglich mitzuerleben, einem schon älter gewordenen Hund noch ein paar wirklich schöne Jahre zu ermöglichen, gehört zum Beglückendsten, was man sich in einer Mensch-Hund-Beziehung vorstellen kann.
Es ist ganz selbstverständlich, dass gute Tierheimleiter/innen ihre Hand auch nach Vermittlung eines Senioren schützend über diesem halten und Ihnen bei allen auftretenden Problemen mit Rat und Tat zur Seite stehen.
Bei der Wahl eines erfahrenen Hundes kann man sich auch im Internet bei den Tierheim-Seiten erst mal informieren, und dann Kontakt aufnehmen. Die hundezeitung.de hat auch dafür eine "Notruf"-Seite eingerichtet und bietet in der Rubrik "Links" auch einige Adressen dazu an.
Von einem alten kann nicht nur ein junger Hund, sondern auch der Mensch viel lernen.
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