Einschneidendes Thema mit sehr menschlichen Ausprägungen. Teils selbstgerechte Moral gewisser Tierschützer, die nichts mit der medizinischen Indikation zur Kastration zu tun hat, und eine neue Modewelle mit neurotischen Zügen, aus den USA herüberschwappend: Frühkastration. Dazu fachliche Informationen, was Kastration ist und die fast vergessene Alternative Sterilisation. Von Rainer Brinks
Das Tierschutzgesetz in Deutschland verhindert aus gutem Grund eine voreilige und nicht medizinisch begründete Kastration. Manche „Tierschützer“ scheren sich jedoch einen Dreck drum. Denen geht es nur vorgeblich um den Schutz vor Missbrauch. Denn der müsste erst nachgewiesen werden. Nein, mensch (oder nur frau?) kastriert präventiv. Das ist tierschutzwidrig. Ich halte einen derartig schwerwiegenden Eingriff für so wichtig, das er den Tierschützern nicht allein überlassen werden darf. Hier trifft oft leider die menschliche Selbstgerechtigkeit auf die ebenso menschliche Überheblichkeit. Was nehmen sich vor allem die Fanatiker der Frühkastration heraus gegenüber anderen Lebewesen?
Ich kenne natürlich auch das gute Argument, dass reinrassige Hunde, die frisch im Tierheim landen, gern kastriert werden, um sie vor allzu profitlichen Gelüsten (Züchten und Verkaufen auf die ganz billige Tour) von noch mieseren Geschäftemachern, die sich tierlieb nennen, weil sie einen Hund aus dem Tierheim „befreiten“, zu schützen. Ja, das ist sinnvoller Tierschutz, sie vor solchen Heuchlern zu schützen. Aber erst dann, wenn die Gefahr besteht, dass ein solcher Mensch eine „reinrassige“ Hündin im gebärfreudigen Alter haben will - das ist schon einen Verdacht erfahrener Tierheimleute wert. Auch ein Versprechen, das man nicht zu halten gedenkt, ist eine Lüge.
Natürlich ist es ein Argument für die Kastration, wenn in den wohl meisten Ländern der Erde die Menschen sich nicht um „Geburtenkontrolle“ von Haustieren (ich schliesse Katzen ein) kümmern und sich vermehren lassen, meist nicht zum Wohl der Tiere. Dort aber helfen wirkliche Tierfreunde aus reichen Ländern nur in Notprogrammen und kastrieren etliche Tiere, deren sie habhaft werden können – der Tropfen auf den heissen Stein. Das ist dennoch praktizierter Tierschutz.
Aber das ist kein Punkt, worüber man streiten muss. Es geht in diesem Thema um die Regionen der Welt, in denen keine akute Not am Tier herrscht.
Was mir bei meinen beiden letzten – wegen Gebärmuttervereiterung (Pyometra) – kastrierten Herdenschutzhündinnen (die Maremmana Anima relativ früh, nach der zweiten Läufigkeit mit ungefähr zwei Jahren, die andere, die Tornjakhündin Aria nach zweifelsfreiem Missbrauch als Produktionsmaschine nach sechs Jahren und Pyometra) missfällt, ist ein hoher Aktivitätsabfall nach der Kastration (Schilddrüsen-Probleme ausgeschlossen).
Ich bin nach diesen Erfahrungen - abgesehen von unpraktischem Fellwucher, von Gewichtszunahme bei Spätkastraten trotz strikter Reduzierung der Nahrungsmenge bis hin zur Sättigungsuntergrenze als nicht zu kompensierende Folge des Eingriffs an Nahrungs-Verbrennungsveränderung oder Inkontinenz durch unfachliche Operationstechnik - zum Gegner dieser allzu eigensüchtigen voreiligen Kastration geworden. Ich liess nach der Diagnose einer Tierärztin auch die frühere Maremmano- Hündin Anima kastrieren, das war ihr Rat. Den würde ich nun nicht mehr unbedingt befolgen, denn auch eine Pyometra kann man erfolgreich behandeln, ohne gleich alle Fortpflanzungsorgane kastrieren zu müssen. Anima wurde im Alter von gut zwei Jahren kastriert. Der Eingriff blieb ohne negative Folgen für ihre Figur, anders als bei der sechsjährigen Tornjakhündin.
Hündinnen vor einem weiteren Missbrauch als Produktionsmaschine zu schützen, ist nun eben nicht immer der Fall, wenn sie dann doch in gute Hände kommen, die gar nicht an eine weitere Verwendung als Gebärmaschine denken.
Das Argument, was nicht drin ist, kann nicht krank werden, ist blöd. Dann müssten Hohlkörper fast ewig leben. Stecken bei dieser totalitären Handlungsweise an abhängigen, schutzbefohlenen Tieren andere Gründe dahinter als medizinisch indizierte? Gehen diese Kastrationsfanatiker von sexualneurotischen Zwangsvorstellungen aus?
Es wird mir einfach zu voreilig kastriert, und die Gründe für Kastration sind für mich nicht immer hundeschützende. Die anderen Fanatiker sind natürlich die, denen eine Kastration die Geschäftsgrundlage, das Züchten, endgültig beschneidet. An die Tiere wird, wie oft, zuletzt gedacht.
Wenn Hirten ihre Herdengebrauchsrüden präventiv kastrieren, hat das andere Gründe, die ich durchaus nachvollziehen kann. Wer sich nicht durch läufige Prädatoren oder auch Hündinnen ablenken oder verlocken lässt, ist zuverlässiger.
Verkaufstüchtige Züchter zucken zusammen, wenn das Wort „Kastration“ fällt. Es ist eine vordergründige Ablehnung, weil damit die Geschäftsgrundlage für die Zucht entfällt.
Neue Mode Frühkastration
Kastration heisst ursprünglich Entmannung. Ich lese in der Brockhaus Enzyklopädie von 1970, dass eine Kastration beim Mann „schwere Folgen“ habe, „wenn sie vor dem Eintritt der Geschlechtsreife ausgeführt wird. Infolge des Ausfalles der von den Hoden in die Blutbahn abgegebenen Hormone bleiben sämtliche männlichen sekundären Geschlechtsmerkmale aus: Bartwuchs, Körperbehaarung, Stimmbruch. Der Körperbau dieser Kastraten zeigt weibliche Formen. Auch das Seelenleben bleibt teils auf kindlicher Stufe stehen, teils nimmt es weibliche, manchmal auch abwegige moralische Züge an. Die Frühkastraten sind sexuell völlig neutral, geschlechtliches Erleben ist ihnen fremd, Libido und Potenz fehlen.“
Zum medizinischen Aspekt der Kastration beim Mann schreibt die Brockhaus-Redaktion: „Die Notwendigkeit der operativen Entfernung beider Hoden zu Heilzwecken ist ein ebenso seltenes Ereignis wie der Verlust beider Hoden durch Verletzungen.“
Die Enzyklopädie weiter zur Kastration bei Frauen: „Bei Frauen zu Heilzwecken ausgeführte Kastration wirkt sich genauso aus wie das natürliche Erlöschen der Eierstocktätigkeit in den Wechseljahren. Die Folgen der Frühkastration entsprechen denen beim Mann."
Zu Tieren schreibt das Werk: „Kastrationen werden bei Haustieren vorgenommen, um temperamentvolle, ohne den Eingriff schwer oder nicht zur Arbeit brauchbare und bösartige Tiere zu zähmen (Hengste, Bullen), den Fettansatz zu steigern und das Fleisch wohlschmeckender zu machen (Eber, Ziegenböcke). Bei Hühnern spricht man von Kapaunisieren. Bei Pflanzen bezeichnet man als Kastration auch die Entfernung der Staubgefässe vor der Narbenreife, um eine unerwünschte Bestäubung auszuschliessen.“
So, dies sei mal vorausgeschickt. Betrifft das, was über menschliche Kastraten immer noch gilt, nicht auch höhere Lebewesen auf vier Beinen?
In den letzten Jahren hat sich aus den USA kommend auch in Europa eine neue Welle ausgebreitet, die eine Frühkastration bei Hunden empfiehlt. Dies in einer Argumentation und Handlungsweise, die stark an religiösen, viktorianisch-puritanistischen Eifer erinnert. Es ist auch interessant dabei zu erkennen, dass diese Welle vornehmlich von weiblichen Verfechtern ausgeht.
Ich schreibe dies, weil ich eine vehemente psychologische, ja sexualpsychologische Komponente als vorgeschobene Argumentation pro Frühkastration nicht unerwähnt lassen kann. Ich betrachte diese Vehemenz der Frühkastrier-Fans schon in der Nähe von Tiersexualfeindlichkeit.
Sind es nicht die selben Verfechter (innen), die die Beschneidung von Frauen in Afrika und andernorts zurecht verteufeln, aber bei Hunden einen einschneidenden Eingriff in hoher Potenz das Wort predigen? Ein radikaler Fanatismus ist hier am Werk, der nicht weit entfernt ist von den Forschungsgelüsten entarteter Medizin- und Pharmamanipulateure, wie sie in Horrorversuchslabors gedeihen. Zu allen Zeiten, seit den Versuchern solche Möglichkeiten gegeben wurden, nicht erst seit dem auch in dieser Hinsicht berüchtigten Dritten Reich. Dazu kommt eine Sucht zur Manipulation an Lebewesen, von denen man wohl überzeugt ist, dass sie unter einem stehen. Und eine gehörige Portion Desinformation, aus Gesellschaftssitten und Religionen entstanden.
Beispiel: Vor einigen Jahren fragte mich eine Biologie-Studentin angesichts der bevorstehenden Kastration eines Hengstes allen Ernstes: „Warum wird da nicht der Penis abgeschnitten?“
Ich schiebe diese sexualfeindlichkeits-schwangere Schwanzab-Projektion nicht nur auf dieses eine Beispiel. Psychologen und Psychoanalytiker haben Dokumentreihen dieser Wünsche vorliegen.
Andere Argumentations-Baustelle: Ist es nicht auch ein Argument, Frühkastration vorzuschlagen, gerade von Tierärzten, weil das auch Geld in die Kasse bringt?
Noch mal zur Erklärung, und ein Versuch zum Nachdenken, dass Pyometra behandelbar ist, ohne dass man gleich radikal zum Messer greifen muss: Unter typische Pyometra ist laut „Klinik der Hundekrankheiten“ die „Ansammlung von eitrigen oder blutig-eitrigen Exsudaten im Uterus bei verschlossenem Zervix zu verstehen.
Zur Therapie schreibt die erwähnte Tiermediziner-Enzykopädie aber Interessantes – nicht, was die medizinische Seite der sofortigen Behandlung angeht, sondern eher das, was dort nicht steht: Die Fachleute beschreiben ausführlich Therapieformen bei „besonders wertvollen Zuchthündinnen“. Und nicht so wertvolle...? Aha.
Wer einen Hund, gleich welchen Geschlechts, vor der Pubertät kastriert, beraubt ihn nicht nur einer seiner elementarsten Bedürfnisses der Fortpflanzung, so kontrolliert diese in vielen Fällen auch sein sollte, sondern – was ich für noch wichtiger erachte – seiner ganzen weiteren physischen und psychischen Entwicklung. Die ist durch Frühkastration essentiell manipuliert durch den radikalen und überheblich selbstgerechten Eingriff. Das Tier kann sich fortan nicht gemäss seiner Natur und seines spezifischen Geschlechts weiterentwickeln. Ich stelle daher Frühkastrierer in dieselbe Ecke wie Tierfeinde.
Was bilden sich einige Hundler ein, medizinisch involviert oder nicht, einen derartig schwerwiegenden Eingriff bei Hunden vor der Geschlechtsreife zu befürworten? Den absichtlich zweideutigen Begriff Beutelschneiderei will ich nicht sofort unterstellen, aber es riecht ein wenig danach.
Wenn alle Argumente nicht helfen, greife ich gerne zur persönlichen Konfrontation und Praxis: Würden diese Leute das bei ihren Geschlechtspartnern auch so gutheissen? Mit welchen Argumenten kämen sie da an? Nein, machen sie doch nicht, es geht nur um das Ausschalten des Geschlechtslebens von Hunden.
Nicht zu vergessen die neurotische Manipulation, den erwachsen werden wollenden Hund welpisch zu halten. Eine luxuriöse Gefangennahme mit Baby-Koeffizient und eine egomane Form mammophilen Kinderkriegenwunsches. Puppy kommt von Puppe.
Genügen partiell an wenigen Körperteilen angezüchtete Kindchenschemata wie Stupsnäschen, Kinder-Reh-Augen nicht mehr? Gibt es da nicht - auch aus den USA kommend – diese krankhaften Vorführungen von eigenen Kindern, die wie erwachsene zurechtgestylt und dressiert werden? Ich halte diesen Vergleich mit dem Hang zur Welpisierung von Hunden nicht für abwegig.
Eine Folge dieser krankhaften Modewelle, erwachsen werdende Hund genau daran zu hindern, wäre der - sicherlich eines Tages produzierbare - gigantische Welpe, der über die Welpenphase geistig nicht hinauskommt.
Vielleicht ist diese humanpsychologische Entwicklung, übertragen auf den ältesten Menschenkulturfolger Hund, nur eine Flucht, sich mit der bösen Umwelt nicht auseinandersetzen und selbst am liebsten wieder in den schützenden Mutteruterus zurückkehren zu wollen. Ausdruck einer psychisch immer mehr unterentwickelten Gesellschaft, erst einmal am Liebling auf vier Beinen vollzogen?
Mich ärgern die Neurosen von Menschen nicht, aber sie sollen die Hunde und andere Abhängige damit in Ruhe lassen.
Ich halte daher Frühkastration nicht nur für sexual-, sondern für lebens- und tierfeindlich.
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