• Parvovirose

    Von Dr. med. vet. Elisabeth Venzl

    Parvovirose ist die jüngste der gefährlichen Infektionskrankheiten. Wenn früher die Staupe als die gefährlichste Infektionskrankheit der Hunde galt, so änderte sich dies mit dem Auftreten der Parvovirose des Hundes Ende der 70er Jahre. Diese Viruserkrankung ist hochgradig ansteckend, die Übertragung geschieht nicht nur von Tier zu Tier, sondern auch über Kleidung, Schuhe und andere Gegenstände. In der Umwelt kann das Virus monatelang überleben.

    Erkrankte Tiere scheiden das Virus über einen langen Zeitraum mit Kot und Speichel aus. Einige Tage nach der Ansteckung kommt es zu hohem Fieber, Appetitlosigkeit, Schwäche, Erbrechen und blutig-wässrigen, fast nicht behandelbaren Durchfall. Der Darm kann keine Nahrung und keine Flüssigkeit mehr in den Körper aufnehmen.

    Der Patient stirbt durch den Flüssigkeitsverlust und Auszehrung. Auch eine Herzmuskelentzündung durch die Viren kann zu einem plötzlichen Tod führen, manchmal sogar ohne dass vorher Brechdurchfall aufgetreten ist.

    Diese Seuche rafft ungeimpfte Hunde häufig dahin, Todesfälle sind auch bei erwachsenen, ungeimpften Tieren keine Seltenheit. Doch manchmal scheint die Erkrankung auch "geimpfte" Hunde, besonders Welpen im Alter von acht Wochen, zu befallen. Warum dies so ist, war Gegenstand vieler wissenschaftlicher Untersuchungen.

    Früh oder spät impfen?

    Es gab immer wieder die Streitfrage, ob man mit dem Impfen möglichst früh (sechste Woche) oder lieber erst spät (achte bis zwölfte Woche) beginnen sollte, wobei besonders die Entscheidung für letztere Variante wirtschaftliche Überlegungen hatte: sollte doch der Welpenkäufer sein Tier selbst impfen lassen, diese Kosten würden dann zumindest nicht den Welpenverkäufer belasten. Diese Ansicht trifft man häufig dort, wo Mischlingswelpen aufgezogen werden.

    Die Verfechter des späten Impftermins berufen sich auf eine Entdeckung in der Abwehrlage des Welpen. Mit der Muttermilch in den ersten Lebenstagen nimmt ein Welpe auch Antikörper über den Darm in seinen Kreislauf auf. Dies ist nur in den ersten Lebenstagen möglich, da danach die Darmwände für diese Abwehrstoffe nicht mehr durchgängig sind.

    Deshalb ist es auch so wichtig, dass die neugeborenen Welpen Muttermilch und nicht etwa Milchersatz erhalten, der diese Abwehrstoffe nicht erhält. Diese Antikörper enthalten auch solche gegen Parvovirose. Kommen sie mit einem Virus in Kontakt, so zerstören sie ihn, dabei machen diese Antikörper keine Unterschiede, ob es sich um ein krankmachendes sog. Feldvirus handelt, oder aber um ein abgeschwächtes (nicht mehr krankheitsauslösendes) Impfvirus.

    Bei einer aktiven Impfung injiziert man dem Welpen abgetötete oder lebende, aber nicht mehr krankmachende Erreger und der Körper stellt daraufhin eigene Antikörper her. Diese haben auch eine längere "Haltbarkeit". Es ist natürlich sinnvoll, ab dem Zeitpunkt zu impfen, ab dem der maternale Antikörperspiegel keinen ausreichenden Schutz mehr bietet. Die Zeit zwischen dem Ende des Schutzes durch die maternalen Antikörper und dem Beginn der Eigenproduktion durch die aktive Impfung nennt man die "immunologische Lücke".

    Die sichere Impfung - einmal ist keinmal

    Die meisten Welpenbesitzer wundern sich, wenn sie von ihrem Tierarzt mehrere Termine für die "Nachimpfung" genannt bekommen. Manchen beschleicht vielleicht der (ungerechtfertigte) Verdacht, sein Tierarzt wolle ihm nur möglichst viel Geld mit einer "unnötigen" Impfung aus der Tasche ziehen. Man sollte es einmal so sehen: Auch wenn eine Impfung 50 Euro kosten würde, ist das nur ein Bruchteil von den Kosten, die bei einer Erkrankung eines Hundes entstehen würden.

    Bei der Erstimpfung werden zwar Antikörper des eigenen Organismus produziert, aber die Menge ist nicht ausreichend für einen wirklichen Schutz. Mit den Nachimpfungen erreicht man eine Anzahl im Blut, die sicher schützt. Ausserdem reagieren die Abwehrzellen schneller mit dem Produktionsbeginn. Wenn dieser Zustand hergestellt ist, spricht man davon, dass die Grundimpfung abgeschlossen ist. Da aber Antikörper mit der Zeit abgebaut werden (Haltbarkeit), muss in regelmässigen Abständen nachproduziert werden, sonst reicht die vorhandene Menge nicht mehr zum Schutz aus.

    Dazu dienen die Auffrischungsimpfungen, die bei Parvovirose in jährlichem Abstand empfohlen werden. Wird jahrelang nicht geimpft, sind meist keine schützenden Antikörper mehr da und auch die "Produktionsstrasse ist verstaubt und eingerostet". Jetzt ist verständlich, dass es bei einem Viruskontakt zum Krankheitsausbruch kommen kann.

    Die Lücke im Schutzschild

    Um Welpen wirksam zu schützen, möchte man möglichst zu keiner Zeit zu wenig Antikörper im Blut. Ab der Geburt schützen, wie oben erklärt, die maternalen Antikörper aus der Muttermilch. Diese werden aber mit der Zeit abgebaut und eigene Antikörper erst durch die Impfung aufgebaut. Es entsteht die "immunologische Lücke" im Schutzschild des Körpers. Wann diese auftritt, hängt natürlich auch von der Antikörpermenge ab, die der Welpe mit der Muttermilch aufnimmt. Die Menge der Antikörper, die in der Muttermilch ist, unterscheidet sich zudem von Hündin zu Hündin und ist auch nicht bei jedem Wurf gleich.

    Es wurde mehrfach untersucht, in welchen Lebenswochen nun diese "Lücke" auftritt. Die Ergebnisse waren sehr unterschiedlich, nannten teilweise die sechste bis achte Woche, manche betrafen auch Wochen die vor oder nach dieser Spanne lagen. So gab es immer wieder Stimmen, die behaupteten, eine frühe Impfung in der sechste Woche wäre nur hinausgeworfenes Geld und brächte den Welpen keinen Schutz - wegen der maternalen Antikörper.

    Dieser Streit führte zu einer erneuten Untersuchung an der veterinärmedizinischen Universität München mit fast 400 Welpen verschiedener Rassen. Die Ergebnisse wurden im Jahr 2000 veröffentlicht.

    Nach einer einmaligen Impfung in der sechste bzw. achten Lebenswoche waren jeweils zwei Drittel der geimpften Welpen geschützt. Der Vorteil der früh geimpften Hunde liegt darin, dass sie diesen Schutz bereits zwei Wochen früher als die anderen haben, da sich bei Erkrankungen der Grossteil der Welpen gerade in dieser Zeit infiziert.

    Gleichgültig, welches der üblichen Impfschemata angewendet wurde (Impfung 6./8./12. Woche oder nur 8/.12. Woche), nach der Abschlussimfpung waren nur 92 Prozent aller geimpften Welpen geschützt. Gründe für das Versagen der Impfung kann (neben sehr unwahrscheinlichen Fehlern bei Impfstofflagerung und Handhabung) in starker Verwurmung der Welpen oder Befall mit anderen Parasiten oder auch in angeborener Schwäche des Abwehrsystems liegen. Diese wird bei bestimmten Rassen, vor allem grösserer Hunde, vermutet.

    Als jedoch die Welpen beider Impfschemata nochmals in der 15. oder 16. Lebenswoche nachgeimpft wurden, waren wirklich alle (100 Prozent) geschützt.

    Diese Ergebnisse führen zu einem anderen als bisher gewohnten Impfplan: 6./7. Woche: Parvovirose (P) 8./9. Woche: Staupe, Hepatitis, Leptospirose, Parvovirose (SHLP) 12./13. Woche: Staupe, Hepatitis, Leptospirose, Parvovirose, Tollwut (SHLPT) 15./16. Woche: Staupe, Hepatitis, Leptospirose, Parvovirose, Tollwut (SHLPT)

    Impfbücher sind Dokumente

    Als Tierärztin bekomme ich immer wieder Impfausweise in die Hand, in denen auf der Innenseite noch nicht einmal Rasse, Alter, Farbe und Geschlecht eingetragen ist, vom Hunde-, Zwinger- und Züchternamen ganz zu schweigen. Wenn diese Seite gänzlich unausgefüllt ist, hege ich grosse Zweifel, zu welchem Tier/ Hund dieses Dokument überhaupt gehören soll.

    Es ist keinesfalls ein Nachweis, dass das mitgebrachte Tier entsprechend den Eintragungen geimpft ist. Für einen Grenzübertritt oder als Beweis bei Rechtsstreitigkeiten ist es ungeeignet.

    Ein eindeutige Zuordnung von Impfbuch zum Hund ist nur möglich, wenn die Identität mit Tätowierung oder Mikrochip feststeht und diese auch im Impfbuch steht.

    Im Gegensatz zu Ahnentafeln, die ein Welpenkäufer meist erst Wochen, manchmal auch erst Monate nach dem Kauf zugeschickt bekommt, stellt der Tierarzt den Impfausweis sofort nach der Impfung aus. Begründet der Verkäufer das Fehlen eines Impfdokumentes mit dem Satz "... muss erst noch ausgestellt werden ...", ist das Ganze sehr zweifelhaft.

    Ausserdem sollte sich ein Welpenkäufer durchaus den Stempel des für die Impfung verantwortlichen Tierarztes einmal genauer ansehen. Liegt die Postleitzahl der Praxis weitab vom Wohnort des Verkäufers (Verkauf im Saarland, impfende Tierarztpraxis in Niederbayern), stammt dieser Hund wahrscheinlich aus dem Hundehandel und wurde im Welpenalter schon über Hunderte von Kilometern transportiert. Es wäre kaum vorstellbar, dass ein Züchter aus dem Saarland mit einem Wurf Welpen nach Passau zum Impfen fährt!

    Noch schlimmer, wenn ausser einem unleserlichen Unterschriftskrakel sich gar kein Stempel im Impfbuch befindet."

    Bemerkungen des Parasitologen Dr. Torsten J. Nauck

    In Frankreich wurde nun bekannt, das die humane Parvovirose auch durch verschiedene, menschliches Blutplasma enthaltende, medizinische Produkte auf weitere Menschen übertragen wird. Als Konsequenz wird gefordert, Blutkonserven zukünftig zur Qualitätskontrolle auch auf die DNA des Parvovirus B19 hin zu kontrollieren, da in Parvovirus-endemischen Regionen Frankreichs in einer von 1 420 Blutkonserven das Parvovirus B19 nachgewiesen werden konnte.

    Der Erreger der caninen Parvovirose (CPV-2) tauchte 1978 erstmalig auf, und ist heute weltweit verbreitet. Es wird vermutet, das das CPV-2 Virus als eine Mutation aus dem felinen Parvovirus (Panleukopenievirus) hervorgegangen ist, von dem es sich nur in wenigen DNA-Basensequenzen unterscheidet. Die Mortalität (Sterberate) einer spontan dem CPV-2 Virus ausgesetzten Hundepopulation liegt bei bis zu zehn Prozent. In Südspanien ist CPV-2 weitverbreitet, die Welpensterblichkeit soll jedoch hier bei 80 Prozent liegen, wobei jedoch zu bedenken ist, dass das CPV-2 als Coinfektion mit der Hundestaupe (oder auch mit Coronaviren) die Morbidität und Mortalität von Spontaninfektionen auf 100 Prozent ansteigen lässt.

    Laut den Angaben lokaler (andalusischer) Veterinäre funktionieren Impfstoffe verschiedener Hersteller gegen CPV-2 nur noch unzureichend. Ähnliche Beobachtungen wurden auch in Deutschland gemacht. In der Schweiz, Österreich und Deutschland wurden kürzlich zwei neue CPV-Antigen Typen (CPV-2a und CPV-2b) isoliert. Es wird die Notwendigkeit diskutiert die Lebendimpfstoffe für Hunde entsprechend zu modifizieren.

    Derzeit ist es notwendig zu klären, ob die hohe Welpensterblichkeit in Südspanien tatsächlich "nur'" auf eine CPV-2 Infektion zurückzuführen ist, ob andere CPV-Typen vorhanden sind, oder ob es sich um Coinfektionen (zum Beispiel Staupe) handelt, denn die Impfstoffe namenhafter Hersteller fallen zunehmend aus.

    Eine Parallele zum Impfstoffversagen gegen Parvovirose in Andalusien ist aus Sizilien bekannt, jedoch betrifft es dort die Impfstoffe gegen Staupe. Einige Veterinäre haben - mit Erfolg - auf die Impfung mit amerikanischen Präparaten umgestellt. Basierend auf den bereits existierenden Arbeiten zur Typisierung der CPV-Viren in Europa sind weitere Arbeiten auf diesem Gebiet in Zusammenarbeit mit Spezialisten anzustreben, gegebenenfalls ist das Testen und die Entwicklung neuer Impfstoffkombinationen nötig.

    Auch die Praxis hat sich auf diese neuen Erfahrungen umgestellt und empfiehlt dringend, gerade junge Hunde früher als bisher zu impfen."

    Erfahrung einer Vielhundehalterin aus Irland

    "Auch Welpen und Junghunde, die zum richtigen Zeitpunkt mit der korrekten Dosis geimpft wurden, können Parvo bekommen. Parvoviren liegen auf jeder Wiese herum, wo sich Hunde treffen.

    Eine Halterin hat zwei Welpen verloren, in dem Wurf waren sieben Welpen, die anderen sind identisch geimpft worden, identisch gefüttert, keiner war vorher krank und daher die Schutzsysteme "unten". Es kommt immer auf die individuelle Konstitution eines Hundes an, ob Parvo bei ihm ausbricht (viele Hunde tragen den Virus mit sich, ohne dass die Krankheit ausbricht) und wenn es ausgebrochen ist, ob zum Beispiel das Herz stark genug ist.

    Es gibt mehrere Varianten von Parvo, die regional unterschiedlich zu sein scheinen. In Irland geht mensch von einer initialen kritischen Periode von drei bis vier Tagen aus, wenn der Hund diese Tage überlebt hat, stehen die Chancen sehr gut. Die Rekonvaleszens danach wird mit zehn Tagen angegeben. Bei uns in den Midlands reden die Tierärzte von einer kritischen Zeit von mindestens zehn Tagen und weiteren drei Wochen des "Zitterns."

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    © bei den Autoren; 7/2002