Täterprofil
Von PD Dr. Ursula Fleig
Das "Narkolepsie-Gen" Hcrt2 beinhaltet den Bauplan für den Bau eines Proteins, des sogenannten Hypocretin/Orexinrezeptors2. Rezeptoren sind Proteine auf der Zelloberfläche, die mit von außen kommenden Signalproteinen wechselwirken und dieses Signal dann in das Innere der Zelle weiterleiten.
Man könnte solch einen Rezeptor vereinfacht mit der Telegrammannahme bei der Post vergleichen: ein Mensch (Signalprotein), der eine Nachricht übermitteln will, betritt die Post und gibt bei der Telegrammannahme (Rezeptor) seine Nachricht ab. Diese wird dann an den Empfänger (Zelle) weiter vermittelt.
Die Signalproteine, mit denen der Orexinrezeptor2 wechselwirkt, sind zwei Substanzen mit dem Namen Orexine. Diese Orexine wurden jedoch ursprünglich nicht in der Narkolepsieforschung entdeckt, sondern bei der Suche nach neuen Substanzen, die ausschließlich im Gehirn zu finden sind.
Interessanterweise war das Vorkommen der Orexine auf Neuronen (Nervenzellen) im Hypothalamus an der Basis des Gehirns beschränkt. Die Funktion dieser Region bei der Regulation von Hunger und Sättigung war bereits seit vielen Jahren bekannt.
Das Vorhandensein der Orexine in dieser Region des Gehirns führte auch zu ihrer Namensgebung, denn Orexis (griechisch) bedeutet Appetit. Der direkte Einfluss der Orexine auf die Nahrungsaufnahme und das Essverhalten wurden dann auch experimentell nachgewiesen.
Die Identifikation des Hcrt2 Gens als "Narkolepsie-Gen" beim Dobermann führte daher zu dem überraschenden Befund, dass die Orexine auch eine zentrale Rolle bei der Regulation des Schlafes haben. Und nicht nur das: da an Narkolepsie erkrankte Hunde ihre Schlafattacken meist bekommen, wenn sie aufgeregt sind, könnten Orexine auch eine Rolle beim Gemütszustand spielen.
Es wird noch viel Arbeit notwendig sein, bevor man die Funktion des Orexinrezeptors2 und der Orexine im Gesamtkontext der spannenden Geschichte vom Schlafen, Essen und dem Gemüt versteht.
Tat-Prävention: Der Narkolepsie-Gentest
Da rezessiv vererbbare Krankheiten bei vielen Hunderassen durch den engen Verwandtschaftsgrad der einzelnen Hunde immer häufiger auftreten, sind Gentests entwickelt worden, um den spezifischen Genstatus bei Zuchthunden zu ermitteln. Eine amerikanische Firma bietet zum Beispiel für 22 Hunderassen DNA-Gentests für die unterschiedlichsten Erbkrankheiten an. Diese reichen von der Progressiven Retinaatrophie (eingeschränkte Sehfähigkeit bis hin zur Blindheit) beim Englischen Cockerspaniel bis zur Cystinurie (führt zur Harnwegsobstruktion) beim Neufundländer. Die Kosten für einen solchen Gentest sind recht unterschiedlich: der Narkolepsie-Gentest für 130 US Dollar pro Dobermann liegt im Mittelfeld.
Beim Narkolepsie-Gentest, dem NARC-Test, geht es darum, Träger-Hunde von gesunden Hunden zu unterscheiden. Da Narkolepsie eine autosomal rezessiv vererbte Krankheit ist, können phänotypisch gesunde Elterntiere Träger sein, die an Narkolepsie erkrankte Nachkommen zeugen können (siehe Abbildung 1). Beim NARC-Test wird aus einer kleinen Menge Blut DNA isoliert und diese auf das Vorhandensein der spezifischen Mutation (Veränderung) im "Narkolepsie-Gen" getestet.
Diese Mutation führt dazu, dass das Endstück des veränderten "Narkolepsie-Gens" länger ist als das des normalen "Narkolepsie-Gens" (Abbildung 3).
Abbildung 3. Der Narkolepsie-Gentest. Das veränderte „Narkolepsie-Gen“ trägt in seinem hinteren Teil ein zusätzliches Stück Erbinformation (markiert durch das rote Dreieck). Zur Diagnose eines „Narkolepsie-Gens“ wird der hintere Teil des Gens vervielfältigt (Abschnitt zwischen den 2 Pfeilen). Die unterschiedliche Größe der Abschnitte ermöglicht den Nachweis, ob es sich um das normale (in blau) oder um das veränderte Gen (in rot) handelt.Durch Vervielfältigung dieses Endstücks und Sichtbarmachung auf einer Matrize (Gel) kann durch den Größenunterschied zwischen dem mutierten und dem normalen "Narkolepsie-Gen" unterschieden werden. Wie im unteren Teil von Abbildung 3 gezeigt können Hunde mit dieser Methode daher sehr einfach als gesund, Träger oder krank klassifiziert werden.
Beim gesunden Hund erhält man das Signal für das normale Narkolepsie-Gen (de facto zweimal das gleiche Signal, da diese Hunde ja zwei Kopien des normalen Gens tragen). Bei einem Träger-Hund wird sowohl das Signal für das mutierte wie auch für das normale "Narkolepsie-Gen" sichtbar. Beim kranken Hund findet man nur das Signal für das mutierte Gen (hier erhält man auch wieder zwei gleiche Signale, da die Hunde zwei Kopien des veränderten Gens tragen).
Was soll nun mit potentiellen Zuchthunden, die als Träger identifiziert wurden, bezüglich der Zuchtzulassung geschehen? Ein generelles Zuchtverbot erscheint nicht sinnvoll, da dies zu einer weiteren Verkleinerung des Genpools der bestimmten Rasse führen würde. Wird jedoch ein Träger (oder selbst ein kranker Hund) mit einem gesunden gepaart, können die Nachkommen zwar Träger sein, jedoch nicht selbst erkranken.
Eine Verpaarung dieser Nachkommen und den darauffolgenden Generationen mit nachgewiesenermaßen gesunden Hunden führt zu einer Abnahme der Häufigkeit des mutierten "Narkolepsie-Gens" in der Population. Von daher kann der begleitende Gentest für bestimmte vererbbare Krankheiten bei der Rassehundzucht durchaus hilfreich sein.
Weniger sinnvoll erscheint jedoch das Angebot der Firma, die "Custom Design Coat Color Litters" (Würfe mit maßgefertigter Fellfarbe) für den Labrador Retriever anbietet. Bei diesem Gentest werden die Allele (alternative Formen eines Gens am selben Genlocus) der Gene, die für die Fellfarbe verantwortlich sind, bestimmt. Der Kunde hat damit die Möglichkeit ganze Würfe mit der gewünschten Fellfarbe zu bekommen und "Fehlfarben" zu minimieren.
Damit sind der erhöhten Produktion der jeweiligen Modefarbe und den dazugehörigen populationsgenetischen Konsequenzen Tür und Tor geöffnet. "Apart".
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© bei der Autorin 03/2003


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