• Was ist ....Magen-Darm-Atonie?

    Von Harald Wenner

    In vielen Fällen sind länger andauernde gesundheitliche Probleme im Magen-Darm-Trakt nicht ohne weiteres zuzuordnen. Auch mit modernen Untersuchungsverfahren und Laboranalysen sind Tierärzte nicht immer in der Lage, auf Anhieb effiziente Diagnosen zu stellen, da ein breites Spektrum an Einflüssen auf das Verdauungssystem einbezogen werden muss.

    Die Führung eines Tagebuches über den Verlauf der Krankheit, in dem nicht nur die Symptomatik, die durchgeführten Untersuchungen und Diagnosen, etc. aufgezeichnet, sondern auch besondere Streßsituationen, Futterumstellungen, Fress- und Trinkgewohnheiten und Lebensumstände festgehalten werden, hat sich bewährt und war schon in vielen Fällen sehr aufschlussreich. Diese Informationen sind für einen Tierarzt sehr wichtig, da sie das Gesamtbild einer möglichen Erkrankung abrunden und dem behandelnden Arzt weitere Indizien liefern, die sich weder im Labor noch bei umfangreichen Untersuchungen feststellen lassen. Gemeint ist hier auch das Verhalten und Wohlbefinden vor und nach der Futteraufnahme, Aufstoßen und Blähungen und Anzeichen von Sodbrennen (Aufstoßen mit anschließendem ständigen Belecken der Schnauze).

    Auch unser Buddy zeigte irgendwann sehr unspezifische Symptome im Magen-Darm-Bereich, die anfänglich von uns als Bagatelle abgetan wurden. Auch der damals behandelnde Tierarzt fand keine Ursache und sagte uns, dass wir die Symptome beobachten, aber nicht überbewerten sollten.

    Ich möchte hier nun den Verlauf einer sehr seltenen, aber auch sehr heimtückischen Erkrankung, der Magen-Darm-Atonie, einer Lähmung von Magen, Dünn- und Dickdarm, beschreiben. Auch ich hole hier etwas weiter aus, um Buddys Lebensumstände aufzuzeigen:

    Wir übernahmen Buddy, einen Malinois-Mix, im Oktober 1994 aus dem Tierheim Rüsselsheim. Buddy wurde auf ca. zwei Jahre geschätzt, wurde von Polizei und Amtstierarzt aus einem Schrebergarten herausgeholt und war in einer sehr schlechten körperlichen Verfassung. Er hatte eine stark eiternde, tennisballgroße Wunde am Kopf, Brandwunden um den Genitalbereich und war fast verhungert. Bei etwa 68 cm Schulterhöhe wog er als ausgewachsener Schäferhund knapp 15 kg. Nachdem Buddy 12 Tage im Tierheim verbrachte, wovon die ersten Tage kritisch waren, nahmen wir ihn mit zu uns und begannen ihn aufzupäppeln.

    Buddy behielt kein Futter bei sich. Er erbrach es wieder und was wirklich den Weg in den Darm fand, kam als wässriger Durchfall wieder heraus. Er verweigerte die Aufnahme von Wasser, schleckte aber das Tau von Grashalmen und Pflanzen. Ein dreiviertel Jahr kochten wir spezielle Diäten, kauften Diätfuttermittel und Dank einer vorbildlichen tierärztlichen Betreuung, schafften wir es, dass sich Buddys Verdauung regulierte. Buddy nahm an Gewicht zu und wog ein weiteres Jahr später 42 kg. Er war gesund! Jahrelang blieb dieser Zustand so, bis sich irgendwann die folgenden Symptome einstellten:

    Angefangen hat alles damit, dass Buddy vermehrt übelriechende Blähungen hatte und öfter aufstoßen musste. Gegen Ende langer Spaziergänge bekam Buddy mehrmals Durchfall, der sich erst nach einer gewissen Ruhephase wieder legte. Bis dahin musste er noch mehrmals nach draußen. Eine konventionelle Durchfallbehandlung konnte die Symptomatik immer wieder unterdrücken, Blutbild, bakteriologische und parasitologische Untersuchen vom Kot waren ohne Befund.

    Buddy verlor ganz schleichend an Körpergewicht und Leistungsfähigkeit. Wir wechselten den Tierarzt, Buddy wurde erneut untersucht, ohne das eine Diagnose greifbar war. Die behandelnde Tierärztin verordnete Buddy Metronidazol, ein Medikament gegen gasbildende Bakterien. Zwei Tage später war Buddy wie neu geboren, hatte keinen Durchfall mehr, fühlte sich sichtlich besser und wir konnten eine enorme Leistungssteigerung feststellen. Es dauerte aber nicht lange, bis sein Befinden sich wieder in den ursprünglichen Zustand verschlechterte.

    Wir machten einen Termin in einer Tierklinik. Buddy wurde sprichwörtlich auf den Kopf gestellt. Es wurden Röntgenaufnahmen des Bauchraumes gemacht, alle Organe, Magen, Darm und Herz wurden mit Ultraschall untersucht und die Verdauungsenzyme der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) wurden bestimmt. Hier unterscheidet man drei Enzyme: Chymotrypsin - ein eiweißspaltendes Enzym, Amylase - ein kohlenhydratspaltendes Enzym und Lipase - ein fettspaltendes Enzym.

    Alle Werte waren in Ordnung und die bildgebenden Untersuchungen waren soweit ohne Befund. Man wies uns darauf hin, dass Buddys Magen sehr groß war und wir auf die Gefahr einer Magendrehung achten sollten. Sein Magen war völlig kraftlos und zog sich nicht mehr zusammen, wenn er leer war.

    So, nun hatten wir einen kranken Hund, der ein erstklassiges Blutbild, gesunde Organe und einen "ausgeleierten" Magen hatte. Buddy nahm weiter an Gewicht ab, die Durchfälle wurden häufiger und heftiger und er begann, sein Futter - teilweise nach Stunden noch unverdaut - zu erbrechen. Das Aufstoßen und die Blähungen wurden schlimmer und wir konnten beobachten, wie sich Buddys Magen aufblähte, so stark, dass auf der linken Körperseite eine deutliche Wölbung zu sehen war.

    Foto: Harald Wenner
    Dieses Foto entstand ca. 2 Stunden nach dem Füttern. Buddys (rechts) linke Körperhälfte ist ausgebeult, der Magen stark aufgebläht. Beim Betasten dieser "Beule" konnte man fühlen und hören, dass der Magen mit Gasen gefüllt war und den ganzen Brustkorb ausfüllte.

    Wir nahmen alle Behandlungsberichte, Röntgenbilder und unser Tagebuch und fuhren mit Buddy in eine internistische Klinik. Der Internist war vor allem an unseren Aufzeichnungen interessiert und vernachlässigte alle tierärztlichen Unterlagen zunächst. Erst im Anschluss arbeitete er auch diese Unterlagen durch. Beim Aufhängen der Röntgenbilder sagte er schon: "Da haben wir doch die Ursache!" Wir waren erleichtert, endlich die Ursache für Buddys gesundheitliche Probleme zu kennen, die ihm in den letzten Monaten das Leben so schwer gemacht hatten, während er fortfuhr " Es sieht nicht gut für ihren Hund aus."

    Die Diagnose lautete Magen-Darm-Atonie, eine Lähmung der Eigenbewegung von Magen und Darm (Peristaltik). Diese Erkrankung führt dazu, dass die aufgenommene Nahrung im Magen nicht vorverdaut wird und einfach nur in den Verdauungssäften liegt. Nach einer Zeit fängt dieser Nahrungsbrei an zu gären und bildet Gase, die den Magen aufblähen. Wird der Druck im Magen zu groß (es kann hier unter Umständen zu einer Beeinträchtigung der Atmung kommen), schafft sich der Hund durch Aufstoßen oder Erbrechen Erleichterung. Der Weitertransport in den Darm ist gestört - teilweise unmöglich.

    Eine fehlende Peristaltik im Darm führt dazu, dass im Dünndarm der Nahrung keine Nährstoffe mehr entzogen werden können. Dem Dickdarm gelingt es nicht mehr, dem Kot Flüssigkeit zu entziehen - es kommt zu wässrigem Durchfall und einer Unterversorgung des Hundes mit Flüssigkeit und Elektrolyten. Nun kannten wir die Ursache dafür, dass Buddy Gewicht verlor und nicht mehr viel bei sich behielt, aber was der Auslöser?

    Der Internist bestätigte uns eine einwandfreie Arbeitsweise aller Organe und auch ein großes Blutbild (inkl. Verdauungsenzyme) war unauffällig. Buddy bekam Futter und wurde zwei Stunden später geröntgt. Die aufgenommene Nahrung "lag" unverändert im Magen und begann Gase zu bilden (im Normalfall wäre die Nahrung vorverdaut und auf dem Röntgenbild nicht mehr zu erkennen). Eine Untersuchung im Durchleuchter (wie eine Röntgenaufnahme, aber als "laufender Film") zeigte, dass im Magen und im Darm auch nicht nur ein Anzeichen einer Eigenbewegung vorhanden war.

    Am folgenden Tag wurde eine Magen- und eine Dickdarmspiegelung vorgenommen und Biopsien entnommen. Auch hier waren keine Veränderungen festzustellen - keine Zysten, keine Tumore oder andere Geschwüre, einfach nichts. Es stand lediglich fest, dass die Nervenenden an Magen und Darm keinerlei Impulse zu einer eigenen Bewegung erhielten.

    Schlussendlich blieb uns nur zu versuchen, diese Bewegung medikamentös zu stimulieren, was leider nicht gelang. Wir unterdrückten die Symptome so lange es für Buddy lebenswert war und mussten ich dann erlösen. In seinen letzten beiden Tagen kam es zu geistigen Aussetzern, während denen er fremde Menschen, aber auch unsere Shy, die knapp zwei Wochen bei uns lebte, anzugreifen versuchte. Ob diese Aussetzer letzten Endes in einer Fehlsteuerung aus dem Hirn (Tumor, eventuell auch verantwortlich für die fehlende Information an die Nervenenden in Magen und Darm) oder einer Unterversorgung des Gehirnes mit Nährstoffen ihre Ursache hatten, blieb offen.

    Foto: Harald Wenner
    Buddy am Tag, als wir ihn erlösen ließen. Mit letzter Kraft versucht er, mit Shy zu spielen.

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