Der Waschmaschinen-Hilfshund
Von Jutta Steffens-Carter
Im Mai 1998 holten wir Dicker, einen unkupierten Englischen Springer Spaniel,
aus dem Tierheim in Bath zu uns. Er war damals gute zwei Jahre alt, sehr lebhaft
und aktiv, zog an der Leine wie eine Dampflok und jagte richtig, wenn von der
Leine - leider auch erfolgreich.
Um das zu ändern, besuchten wir die einzige Hundeschule in unserer Nähe. Dort
wurde fast ausschliesslich für Obedience-Turniere trainiert. Hilfe gegen das
konstante Ziehen an der Leine und gegen seinen zu stark ausgeprägten Jagdtrieb
fanden wir dort nicht. Obedience selbst schien uns gar nicht zu liegen. Dicker
liess sich fast gar nicht motivieren und wir kamen kaum weiter.
Diese Ausbildung wurde dann schon im November unterbrochen, als ich das erste
Mal mit entsetzlichen Rückenschmerzen zusammenbrach. Dies wurde vom Hausarzt als
"Hexenschuss" diagnostiziert. Nach zwei Wochen konnte ich wieder gehen. Nach
vielem Herumfragen und Telefonieren fand ich einen hervorragenden Ausbilder, der
mit uns zusammen spazierenging und mit dessen Hilfe sowohl die Leinenführigkeit
besser wurde als auch Auslauf ohne Leine wieder möglich wurde - ausschliesslich
durch positive Verstärkung, keinerlei Starkzwang oder gar Gebrauch von
Elektroschock-Halsband.
Im Mai 1999 brach ich wieder mit extremen Rückenschmerzen zusammen und
verbrachte acht Wochen am Stück auf dem Wohnzimmer-Fussboden, weil ich nicht
einmal die Treppe nach oben zum Schlafzimmer meistern konnte und ein Bett
sowieso zu weich zum Liegen war.
Während der akuten Rückenprobleme (die ersten zehn Wochen) war ich kaum in der
Lage, mich mit Dicker zu beschäftigen. Er musste allerdings nie auf seine
ausgiebigen Spaziergänge verzichten, da meine Nachbarn netterweise mit ihm
gingen, wenn mein Mann auf Geschäftsreise war (obwohl sie selbst keinen Hund
haben). Zu der Zeit hatte ich auch mit einer Art Fernstudium in "Canine
Psychology" angefangen, durch das ich viel über Hunde gelernt habe. Mein
Hundetrainer arbeitete nämlich seit Anfang 2000 leider im Ausland.
Angeregt durch diesen Studienkurs habe ich mir überlegt, dass es vielleicht doch
eine Möglichkeit gibt, die stimulierende Beschäftigung für den Hund mit meinen
durch die Krankheit einhergehenden, arg eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten
zum Besten auszunutzen und Dicker Schritt für Schritt innerhalb meiner
Möglichkeiten zum Helferhund auszubilden.
Also fing ich an, meinen vier Jahre alten, ehemaligen Tierheimhund für folgende
Aufgaben zu schulen (nachdem wir seine Gesundheit vom Tierarzt haben überprüfen
lassen): Schieben, Ziehen, Apportieren.
Und so haben wir geübt: Trainingseinheiten wurden immer kurz gehalten und auch
immer mit einer Übung beendet, die er gut kann, selbst, wenn das hiess, zum
Schluss noch einmal etwas ganz einfaches wie "Sitz" zu machen. Ausserdem haben
wir die Übungen immer variiert - ein paar "alte Favoriten", ein paar Versuche
mit etwas Neuem, wieder ältere, gekonnte Übungen usw. Mit Dicker war es so
besser, um sein Interesse wachzuhalten.
Ich wollte auch nicht zu viel Neues auf einmal verlangen, um ihn nicht zu
überfordern. Vor allem wurde er ausgiebig gelobt, sobald etwas das erste Mal
halbwegs klappte. Bestrafung gab es überhaupt nicht (wie auch - da ich so etwas
noch nie gemacht habe, musste ich alle Fehler bei mir suchen, nicht beim Hund) -
nicht gewünschte Reaktionen wurden ignoriert und meine Versuche, es ihm
verständlich zu machen, neu überdacht.
Aufschieben der Badezimmer-Schiebetür
Ein besonders gutes Leckerchen wurde in das Badezimmer gelegt und die Schiebetür
zugezogen, während Dicker zusah. Da er verfressen ist, hat er sofort die Tür zu
meinem "Schieb" mit der Nase aufgeschoben und sich das Leckerchen geholt. Nach
fünf Wiederholungen (verteilt auf zwei Übungseinheiten) öffnete er die Tür auf
"Schieb", ohne dass ein Leckerchen hinter der Tür versteckt war. Er bekam
natürlich sofort trotzdem eins, zusammen mit ausgiebigem Lob. (Weniger
verfressene Hunde können dafür länger brauchen, andere würden eher die Tür
öffnen, wenn ihr Lieblingsball dahinter liegt).
Bald hatte er gelernt, die Tür verlässlich auf "Schieb" zu öffnen - ob nun ein
Leckerchen hinter der Tür versteckt war, ob ich im Badezimmer war oder ich
einfach neben der Tür stand und "Schieb" sagte. Allerdings schob er die Tür nur
gerade weit genug auf, um selbst durchzukommen. Ich musste also neu überdenken,
wie ich ihm verständlich machen kann, dass er die Tür ganz öffnen soll.
Eines Tages habe ich aus Versehen das Leckerchen in der Hand gehalten, mit dem
ich zur Tür zeigte für "Schieb". Er stellte sich sofort auf die Hinterbeine,
stützte seine Pfote auf der Tür ab und versuchte, ans Leckerchen zu kommen.
Natürlich öffnete sich die Tür dadurch weit. Selten wurde er so ausgiebig
gelobt und mit Leckerchen vollgestopft… Das war's aber mit Training für den
Tag, da ich es ihm in guter Erinnerung lassen wollte.
An den nächsten Tagen wiederholte ich dann, die Hand mit Leckerchen
hochzuhalten. Er stellte sich jedes Mal auf, aber stützte seine Pfoten nicht
immer auf der Tür auf. Also bekam er bald nur noch das Leckerchen, wenn er die
Tür mit den Pfoten traf und sie etwas öffnete. Als das immer klappte, bekam er
dann das Leckerchen nur noch, wenn die Tür weit auf war.
Mit regelmässigen, kurzen Trainingseinheiten öffnet er seither verlässlich die
Tür weit genug, um mich bequem ins Badezimmer gehen zu lassen - nur auf das Wort
"schieb" hin und kaum wahrnehmbares Auf-die-Tür-zeigen.
Ziehen
Für das Ziehen benutzen wir ein "Motivations-Objekt" (MO: ein rot-weisses,
kurzes, geflochtenes Seil), da er das schon kannte und mochte. Da er es schon
ohne Probleme apportierte, befestigte ich ein Lederband daran und schlang dieses
dann um einen Türgriff, so dass es für Dicker einfach zu erreichen war.
Die Tür war halb offen. Wie üblich, zeigte ich einfach auf das MO und sagte
"bring das Seil" und, sobald er es im Fang hielt, "Zieh" (um ihn von Anfang an
an das Wort zu gewöhnen). Er wanderte auch gleich rückwärts los, die Tür mit
sich ziehend. Ein paar Mal liess er das Seil los, nahm es aber gleich wieder auf
und zog die Tür fast ganz zu (das Schloss ist zu fest für ihn zum Schliessen der
Tür, das ist mir aber egal). Natürlich bekam er viele Leckerchen und Riesenlob.
Andersherum (Türe öffnen) klappte auch gleich beim ersten Training, so wie das
Zuziehen (das Seil war dann natürlich am anderen Griff befestigt).
Nach nur zwei oder drei kurzen Trainingseinheiten öffnete und schloss er die
Türen nur auf das Signal "Zieh", ohne das MO zwischendurch fallenzulassen.
Nachdem er das so gut mitmachte, fingen wir an, das Ziehen des Wäschekorbs zu
üben. Das MO habe ich an der schmalen Seite des Wäschekorbs befestigt und diesen
auf den schön glatten Parkettboden gestellt. Auf das Signal "bring das Seil"
fing er an, den (natürlich leeren) Wäschekorb zu ziehen. Am Anfang nur ein ganz
kleines Stückchen - er muss sich ja daran gewöhnen können, so ein
verhältnismässig grosses Teil hinter sich herzuziehen - und sofort Lob und
Leckerchen.
Die Strecken liess ich langsam immer länger werden, bis er dann den Wäschekorb
locker vom Wohnzimmer bis in den Garten über den Kies zog. Er brauchte viel
Ermutigung, Leckerchen und Lob, aber er verstand ziemlich schnell, was ich
eigentlich von ihm wollte - und dann zog er den Wäschekorb überall hin, wo es
ging (nicht über Stufen oder so) und das wild wedelnd.
Nun fing ich an, die ersten Wäschestücke in den Korb zu geben. Wiederum zuerst
nur ein Handtuch, dann zwei, dann später Hosen usw. Da das Gewicht nur ganz
langsam erhöht wurde, schien es ihm gar nichts auszumachen und wir erreichten
innerhalb weniger Tage das "End-Gewicht" - ca. eine halbe Wäscheladung.
Dieses Üben war sehr praktisch am Geburtstag meines Mannes. Da war Dicker
nämlich der "Geschenke-Überbringer". Zuerst brachte er meinem Mann ein kleines
Geschenk im Fang. Die restlichen Geschenke (zwei Bücher und Karten) legte ich
dann in den Wäschekorb, den Dicker zu meinem Mann zog. Dort nahm Dicker einzeln
die Bücher und die Karten und gab sie weiter. Er wurde natürlich
überschwenglich gelobt und belohnt, denn zu dem Zeitpunkt übten wir das Ziehen
erst seit einer Woche! Er musste dann an dem Tag gar nicht mehr "arbeiten".
Nach nur ca. zehn Tagen Training zeigte Dicker, dass er nicht nur verstand, was
ich von ihm wollte, sondern auch, dass er keine Schwierigkeiten hatte, einen
doch recht grossen Gegenstand quer durch Haus und Garten zu manövrieren. Und das
Ganze nur mit Lob, ohne das MO zwischendurch fallenzulassen oder überhaupt
aufzuhören und nur, um zum Schluss ein kleines Leckerchen zu bekommen.
Nach ein paar Wochen Üben kam mir die Idee, wieder etwas Neues auszuprobieren,
um etwas Abwechslung in das Training zu bringen. Ich setzte mich aufs Bett und
zog einen Socken halb vom Fuss. Dann rief ich Dicker zu mir, der sich vor mich
setzte. Den herunterhängenden Teil des Socken hielt ich ihm dann vor das Gesicht
(ja, die Socke war noch sauber) und sagte "pull".
Zu meiner riesigen Überraschung (es war ja nicht geplant und ich hatte keine
Ahnung, wie man so was wohl einem Hund beibringt) packte er diesen Teil der
Socke nach nur kurzem Zögern und zog, bis der Socken vom Fuss war! Ich war
dermassen stolz auf ihn, dass wir erstmal zusammen eine Runde durchs Haus gerast
sind… (nachdem er ein grosses, besonders tolles Leckerchen bekommen hatte).
Das gleiche machte er dann noch zweimal so, wofür er jedes Mal wild belohnt
wurde. Das reichte dann für den Tag. Während der nächsten zwei Wochen half ich
weniger und weniger mit den Socken, so dass er auch immer weniger
"Herunterhängendes" hatte, um es zu packen. Das geht auch sehr gut, solange die
Socken nicht zu eng sitzen. Dann hat er sowohl Schwierigkeiten, sie überhaupt zu
greifen (er will mir nämlich nicht in die Zehen kneifen!) und auch, sie über die
Ferse ziehen zu können. Also üben wir das nur mit alten, etwas ausgeleierten
Socken. Aber das klappt hervorragend!
Apportieren und das Leeren der Waschmaschine
Im Haus (nicht auf Spaziergängen) hat er sowieso Spielzeug apportiert. Also
haben wir das Signal "bring it back" eingeführt, um das Apportieren zu
verstärken. Sehr bald brachte er alle möglichen Gegenstände zurück, selbst von
einem anderen Zimmer.
Glücklicherweise war es ihm von Anfang an egal, was er im Fang hielt! Von daher
waren TV-Fernbedienung, metallene Brillenhüllen und ähnliches überhaupt kein
Problem. Seither bringt er uns die Fernbedienung, wenn wir zu faul sind, sie zu
holen.
Eines Tages, als ich sowieso Wäsche gewaschen habe, entschied ich,
herauszufinden, ob es Dicker auch egal ist, nasse Socken zu apportieren. Nachdem
ich also die grösseren Wäschestücke aufgehängt hatte, stellte ich den Korb mit
vier nassen Socken darin auf den Boden. Dann rief ich Dicker, zeigte auf den
Korb und sagte "Bring it back". Sofort wählte er einen Socken aus, nahm ihn und
brachte ihn zu mir - und wiederholte das mit den restlichen Socken. Für jeden
gebrachten Socken bekam er sofort ein kleines Leckerchen und natürlich viel Lob.
Am gleichen Abend hängte ich ein altes, kleines Handtuch in die offene Tür der
Waschmaschine, zeigte darauf und sagte zu Dicker "Bring it back" - und er
apportierte es sofort. Da ihn die Waschmaschine dabei überhaupt nicht zu stören
schien, packte ich das Handtuch einfach gleich in die Trommel (ungeduldig wie
üblich…). Wieder zeigte ich in die Richtung und sagte "bring it back" - und er
steckte seinen Kopf ohne Zögern in die Waschmaschine und holte das Handtuch. Zu
dem Zeitpunkt fing ich an, mir Sorgen zu machen, was die Nachbarn wohl bei den
freudigen Aufschreien "Ja, klasse, toller Kerl" dachten!
Am nächsten Morgen musste ich sowieso Wäsche waschen. Als sie fertig war, holte
ich nur ein Hemd und ein sehr grosses Badetuch selbst raus. Danach holte Dicker
jedes einzelne Wäschestück aus der Waschmaschine und gab es mir - für jedes ein
Leckerchen "kassierend".
Da ich Probleme habe, mich zu bücken, bevorzuge ich es, wenn Dicker die
Wäschestücke aus der Maschine holt und sie mir angibt. So kann ich die
Wäschestücke gleich in den Wäschekorb legen, der auf der Waschmaschine steht,
und muss mich gar nicht bücken. Es wäre natürlich genauso gut möglich, dem Hund
beizubringen, die Wäschestücke in den Wäschekorb fallen zu lassen.
Im Laufe der nächsten Wochen bekam er langsam immer weniger Leckerchen für das
Leeren der Waschmaschine - zuerst, wie beschrieben, für jedes Wäschestück, dann
für jedes zweite, dann jedes dritte usw., bis er die ganze Waschmaschine für ein
kleines Leckerchen leerte. Für ihn war und ist es sehr wichtig, die ganze Zeit
anfeuerndes Lob zu bekommen. Ich meine das im Sinne von fröhlich anfeuern,
nicht ständig Befehle geben. Diese Übungen sind ja vor allem für seine mentale
Stimulation gedacht sowie als "schöne Zeit zusammen" - erst danach als Hilfe für
mich. Es hat keinen Sinn, da zu ehrgeizig oder gar fordernd zu werden, ganz
besonders, wenn der Hund, wie Dicker, sowieso viel lieber in Feld und Wald
schnüffelnd rumrennen würde als mit seinen Menschen zu arbeiten!
Oktober 2001
Mein Rücken hat seitdem noch oft Schwierigkeiten gemacht, so dass Dicker mir
immer viel geholfen hat. Im März 2001 wurde es dann so schlimm, dass ich
dringend operiert werden musste. Vor und nach der Operation war ich ca. drei
Wochen lang geradezu abhängig von Dickers Hilfe und extrem froh, dass wir all
dies geübt hatten - und zwar so, dass er sogar gern hilft.
Dicker hilft weiterhin im Haushalt - und hat zusätzlich noch einige andere Dinge
gelernt. Er hilft jetzt auch u.a. beim Auspacken/Verstauen von Eingekauftem
(ausser Essbarem!) und ausserdem machen wir ein bisschen "Freestyle" - wenn auch
nur so zum Spass im Garten. Je mehr wir üben, desto schneller scheint er Neues
zu verstehen. Ich bin unglaublich stolz auf ihn - und ausserdem hat uns all das
Üben zusammen irgendwie noch näher gebracht.
Ich glaube, der Hauptgrund für den Erfolg hierbei, wo ich doch bei "obedience"
so versagt habe, ist, dass ich zwischendurch Dickers Hilfe wirklich brauchte.
Ich bin nicht sonderlich interessiert an Hundeshows, Turnieren usw., daher war
solches Training meinerseits immer nur irgendwie halbherzig. Hierbei allerdings
war ich wirklich glücklich über jeden winzigkleinen Fortschritt. Ich bin mir
absolut sicher, dass Hunde diesen Unterschied genau bemerken - und viel besser
arbeiten, wenn ihr Mensch sich wirklich freut statt nur erleichtert zu sein,
dass "diese doofe Übung endlich klappt".
Photos by Peter Feather, Shoscombe, GB, September 2001
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