Suche in der HZ
Newsletter bestellen:
Über 50 Artikel in der Rubrik "Ausbildung":


Die ersten Tage mit dem Welpen
Die ganze Grundausbildung
Techniken bei der Grundausbildung / Praxistipps
Tipps und Tricks bei Unarten
Hunde Begegnungen
Begegnungs Training

Weiterbildung
Sport- und Spezial- Ausbildungs- Programme

Übersicht
Missverständnisse und Essenz des Clickerns
Apportieren
Tabakspürhunde
Signalhunde (Hearing Dogs)
Wasserarbeitshund
Lawinensuchhund
Touren-Schlittenhund
Schlittenhund- Sport
Ausbildung zum Rettungshund
Zughunde
Minensuchhunde
Fährtenhunde
Mantrailing
Therapiehunde
Schimmelpilz - Spürhunde
Blindenführhunde
Erste Kontakte mit dem Blindenführhund
"Batcane" versus Blindenführhund
So sollte Agility sein
Der Agility Parcour
Lure Coursing für Hetzhunde
Herdenschutzhunde
Koppelgebrauchshund
Diabetes- und Hormon-Spürhund
Waschmaschinen- Hilfshund


Kooperative Tests - die bessere Alternative

BH Grundsätze
BH Praxis

Serie: Schutzhund, Mondioring & Co.

Teil 1: Einführung
Teil 1a: Wehrtrieb
Teil 2: Was ist Mondioring?
Teil 3: Spezial- Sicherheits- Training für Objekte und Personen (STOP)

Serie: Hundeschulen

Einführung und Testbericht 1
Testbericht 2
Testbericht 3
Testbericht 4
Testbericht 5
Testbericht 6
Testbericht 7
Testbericht 8
Hundeschulen: die Qual der Wahl

Serie: Lerntheorien der Psychologie

Teil 1: Grundlagen
Teil 2: Konditionierung; Reflexe, Reize, Reaktionen
Teil 3: zentralnervöse Vorgänge bei der Konditionierung
Teil 4: Operante Konditionierung
Teil 5: Die vier Arten der Verstärkung und Bestrafung der operanten Konditionierung
Teil 6: Diskriminative Stimuli
Teil 7: Prägung

So klappt das mit dem Hund:

Schleppleinen Training
Blinde Hunde selber grundausbilden
Hund taub - was nun?
Wärmehaushalt beim Training




Blinde Hunde selber grundausbilden

Von Bea Urban

Hintergrund: Stella ist das Resultat einer Merle-Verpaarung, von sieben geworfenen Welpen waren zwei totgeboren, eine Schwester ist im Alter von ca. zwölf Wochen gestorben. Nach dem Absetzen von der Mutter hat sie schlichtweg aufgehört, sich weiterzuentwickeln; sie ist nicht gewachsen und hat trotz "Zwangsernährung von Hand" nicht an Gewicht zugenommen. Stella ist gesundheitlich verkorkst, ein weiterer Bruder hat ebenfalls schwere gesundheitliche Probleme.

Ihr älterer Bruder (aus dem Vorjahr), merlefarben mit einem blauem und einem grünem Auge, hat unkontrolliert einen Wurf von fünf Welpen mit einer tricolorfarbenen Hündin gezeugt, aus dem keine überlebenden Welpen hervorgegangen sind.

Stella ist ein Hund, dem zwei entscheidende Sinne fehlen. Sie ist taub-blind geboren worden und im Alter von ca. sieben Wochen zu mir in die Vermittlung gekommen. Unter ihren Geschwisterwelpen hat sie sich gut durchsetzen können, auf Grund ihres Mindergewichts und Zwergwuchses habe ich sie zu uns ins Haus genommen.

Ich bin mehrfach gefragt worden, ob ich nicht erwägen würde, Stella einzuschläfern. Wenn Stella einen furchtsamen, änglichen Charakter hätte, sie sich ständig fürchten würde und ein nur passiver Hund wäre, hätte ich vielleicht "Ja" gesagt. Nun ist sie aber so "normal" wie es nur irgend geht. Sie ist furchtlos, neugierig, selbstsicher, verfressen, abenteuerlustig und hat eine Lebensqualität. Und das mehr als mancher anderer nicht sinnesberaubter Welpe.

Kommunikation und Prägung - bei Stella war das erste Lernziel im Ansatz nicht so sehr die Methodik und Didaktik "Wie bringe ich ihr was bei", sondern "Wie kommunizieren wir am besten". Dadurch, dass Stella taub-blind geboren ist, hat sie sich quasi von Tag 1 anders an ihrer Umwelt orientieren müssen als ihre Wurfgeschwister - sie weiss nur natürlich bis heute nicht, dass sie anders ist, anders agiert und anders reagiert. Sie ist daher nicht wirklich anders in unseren Tagesablauf eingebunden worden als andere nicht ihrer Sinne beraubte Welpen auch, auf sie wird keine besondere Rücksicht genommen; weder von den mit ihr lebenden Hunden noch von mir.

In der ersten Woche haben wir Orientierung im Haus trainiert, damit Stella sicher und geübt darin wird, sich in ihrer unmittelbaren Wohnumgebung zurechtzufinden, Fluchtwege und Verstecke zu finden wenn nötig (durch ihren Bereich poltern die anderen zwölf dort wohnenden, zum Teil viel grösseren Hunde; bis zu 40 kg bzw. 70 cm mit teilweise arg grossen Füssen; Stella ist mit sechs Monaten immer noch ein 5-kg-Zwerg, weitere Wachstumsstörungen können also nicht ausgeschlossen werden) und ihren Schlaf-, Fress-, Trink- und Toilettenplatz zu bestimmen.

Schlafbox und Futterschüsseln sind an einer bestimmten markanten Stelle aufgestellt worden, die Stella jederzeit auch mit verstopfter Nase wiederfindet, und zwar in der unmittelbaren Nähe von Waschmaschine und Trockner. Anhand der Vibrationen der Geräte hat sie so "ihre" Stellen immer wieder gefunden.

Ich habe bewusst darauf verzichtet, sie auf Gerüche zu prägen (sie war anfällig für Nebenhöhlenentzündungen und anderweitig verstopfte Nase), sondern habe mit Luftzug gearbeitet. Nach etwa zwei Wochen war sie perfekt im Navigieren um Hindernisse, der drei Treppenstufen zur Küche hin, dem Unterscheiden zwischen den drei Türen, die aus der Küche abgehen und im Aufsuchen von Schlupfwinkeln.

Zum unmittelbaren Umgang mit ihr habe ich das Berühren bestimmter Körperregionen bzw. Körperkontakt in bestimmter Art und Weise mit darauffolgenden Aktionen verbunden. Kurzes Hin- und Herwedeln vor ihrem Gesicht kündigt an, dass ich mich mit ihr beschäftigen werde (dass ich da bin, weiss sie eh'), ein Wedeln mit Richtungsänderung zeigt an: "Folge mir". Sachtes Antippen unter dem Kinn bedeutet, dass sie jeden Moment hochgehoben wird. Aufnehmen auf dem rechten Arm bedeutet, herumgetragen zu werden, vielleicht auf den Schoss gesetzt werden, vielleicht gebürstet werden, aber immer abgesetzt werden im Haus. Aufnehmen auf dem linken Arm bedeutet, herausgetragen und draussen abgesetzt zu werden.

Hochnehmen und ein schneller "Doppelkuss" ins Gesicht bedeutet "Schmusezeit" auf dem Schoss. Absetzen dann via rechtem Arm. Wenns rausgeht und Stella dort abgesetzt wird, durfte sie zunächst an blühenden Blumen/Büschen riechen und beissen, ist dann per linkem Arm auf einem Stein abgesetzt worden, von wo aus sie in die Wiese gehen durfte. Ging ich vor, kam sie hinterher. Habe ich mich ins Gras gesetzt, durfte sie alleine durch die Gegend marschieren.

Dreimal Klopfen/Stampfen auf den Boden hat ihr angezeigt, wo ich mich befinde und das sie zurückkommen soll. An der Leine ist sie nur dorthin im Garten gegangen, wo sie sich nicht auskannte. Die angeleinte Begehung ihr bekannter Umgebung hat sie verweigert. Sie erklärt mir also genau, wie ich ihr helfen kann. Ohne ihre Zustimmung und Mitarbeit geht nichts.

So haben wir etwa zwei Wochen lang kommuniziert, bis erste richtige Freu-Wedler mit der Rute auf Reaktion der angekündigten Aktionen mir gezeigt haben, dass sie sich tatsächlich auf die bevorstehende Aktion freut, d.h. verstehen und umsetzen kann, was ich ihr kommuniziert habe.

Anzeigen von Verstehen einer Ankündigung/Anweisung drückt sie also a) durch Vorfreude/Aufregung-Wedeln/Zappeln (sobald z. B. das Riechen an Blüten erfolgt ist, wedelt sie los und tobt wie verrückt, um abgesetzt zu werden) und b) Befolgen bzw. entsprechendem Reagieren aus. Sie weiss, dass sie sitzen muss, bevor sie gefüttert wird. Sie weiss, dass sie in eine Hundebox klettern muss, um dort gefüttert zu werden. Also setzt sie sich hin, bis ich sie am Futter riechen lasse, sie geht zur Box, klettert über ihren Tritt in die Box hinein und setzt sich wieder, damit die Schüssel abgesetzt wird. Ist sie mit dem Füttern fertig, kräht sie und tapst gegen die Tür, setzt sich hin, die Tür wird geöffnet und sie klettert hinaus.

Nichtverstehen einer Ankündigung/Anweisung bzw. das bewusste Nicht-Befolgen (aus welchem Grund auch immer) wird durch Zurückbleiben und Hinsetzen bzw. Hinsetzen-zwischen-meinen-Füssen angezeigt. Diese Art Sitzen drückt ein Nicht-Einverständnis oder Nicht-Verstehen aus, es kann aber auch Unsicherheit ausdrücken. An ihrer Kopfhaltung, die anders als beim "Sitzen zum Fressen" ist, kann ich sehen, dass etwas nicht stimmt.

Sie bleibt solange regungslos, bis ich mich korrigiert habe und ihr das richtige Umfeld zur Ausführung einer Anweisung bieten kann. Erst dann wird sie diese ausführen.

Gefahrenvermeidung ist schwierig. Einerseits soll sie natürlich mit sowenig Blessuren und blauen Flecken davonkommen wie es irgend geht, andererseits soll sie lernen, vorsichtig aber nicht ängstlich durchs Leben zu gehen. Gar nicht so einfach bei einem Kamikaze-Welpen wie Stella.

Dieses Tier hat ein gesundes Urvertrauen ("ich kann ruhig springen, irgendwer fängt mich schon auf"), eine gehörige Portion Selbstbewusstsein ("ich kann das, kein Problem") und ist unendlich neugierig. Während es mit dem "rauf" ganz gut klappt, hapert es mit dem "runter". Zum Thema Küchenbank endete der erste selbständige Absprungversuch mit einem verstauchten Bein, das nun drei Wochen lang bandagiert und geschient ist. Während ihre sehenden (und wahrscheinlich auch nicht gleichgewichtsgestörten) Kollegen schräge Ebenen/Rampen hinauf- und wieder runterlaufen, steht Stella unschlüssig davor.

Sie hat es raus, dass links und rechts von der Rampe "nichts" ist. Also arbeiten wir mit einem Klopfstock. Ich klopfe mit dem Teil vor ihr in gleichbleibendem Rhythmus und sie folgt dem Stock mit der Nase. Blindlings. Rampe rauf, Rampe runter. Ohne abzuweichen und sehr emsig. Mittels des Stocks geht sie an den Rand einer Aussichtsplattform, aber nicht mehr drüber. Den Garten kennt sie dank der abenteuerlichen Topographie in- und auswendig und schafft es, haarnadelscharf an Baumstämmen vorbeizusausen, selbst wenn sie Fussball spielt oder unseren Windhund hetzt.

Die Schlitterpartie über ein Stück Wellblech fand sie eher spannend und unbedingt zu wiederholen. Freies Herumlaufen am Strand, das Auffinden von toten Haifischbabies (oder Fröschen bei uns im Garten), Quallen und Krabben eher nebensächlich. Fremde Hunde treffen macht Laune, alle sind ja so nett. Sollte sie bei unbedarften Menschen zwischen den Füssen landen statt meinen, macht nix. Sie setzt sich einfach hin und wartet, bis ich komme.

Nichtvermögen hat sie auch. Stella beherrscht gewisse Körpersignale, die unter Hunden körpersprachlich üblich sind, nicht. Sie kann z.B. nach wie vor keine Rutsche zur Spielaufforderung, einmal hätte sie es fast geschafft, aber nur beinahe, ist allerdings dabei umgekippt. Ausser Einfrieren und Wegdrehen des Kopfes kennt sie keine Beschwichtigungssignale. Sie kreist nicht um andere Hunde herum - die geruchlichen Signale, die andere Hunde bei Missfallen von Stellas Annäherung ausgesandt werden, scheinen nicht stark genug zu sein. Sie wird ihr Futter verteidigen, gegen reelle oder imaginäre Futterneider. Lautstark kreischend. Ohne Unterschied, egal ob es wer auf ihren Napf abgesehen hat oder nur zufällig und unbeteiligt vorbeigeht.

Durch ihre leeren starrenden Augen können andere Hunde sie oft nicht einschätzen, sie kann im Gegenzug ein Warnknurren nicht hören, keine Drohgesichter erkennen. Sie wehrt sich, wenn sich ihr andere Hunde nähern und es ihr nicht gelegen kommt. Ihre Stimme ist laut. Schrill. Unüberhörbar. Drei Abstufungen in der Lautstärke sind nur situationsbedingt zu unterscheiden: am leisesten im Spiel; mittlere beim Hetzen; am lautesten bei der Futterverteidigung und beim Auf-sich-aufmerksam-machen. Allerdings kreischt sie manchmal einfach unvermittelt und ohne ersichtlichen Grund los.

Ich nehme an, dass sie das Vibrieren ihrer Stimmbänder fühlen will, sie erwartet in diesen Situationen keine Reaktion dritterseits. Interessant finde ich allerdings, dass sie eine "Stevie-Wonder"-Kopfhaltung einnimmt, den Kopf oft hochgedreht und zur Seite gelegt. Und - sie hat auch eine solche Schlafhaltung, vergleichbar mit einem Schwan, der den Kopf nach hinten legt, um sein Gefieder zu putzen.

Zeitvertreib - Was macht denn nun solch ein Hund den ganzen Tag? Wie vertreibt sie sich die Zeit, besonders dann, wenn ihre Hundekollegen draussen in den Ausläufen sind und sie alleine im Haus ist? "Durchtrieben" ist sie ja, hetzt den grossen Windhund, rast hinter einem Fussball her falls sie mitbekommt, dass er an ihr vorbeirollt, erjagt sich totes Getier - hat also ihren "Jagdtrieb", den sie in dem ihr möglichen Masse auch auslebt. Sie liebt es zum Beispiel, sich auf dem Fussboden verstreute Käsekrümel zusammenzusuchen. Es wird mit Hundekollegen gespielt oder auch nicht, je nachdem wie diese auf sie reagieren.

Sie ist ein recht "zufriedener", ausgeglichener kleiner Hund, fordert nichts und gibt ihr Bestes, kräht aber durchaus ihren Unmut in die Welt hinaus (wenn sie z.B. in der Schlafbox sitzt und meint, dass es Zeit sei aufzustehen). Bislang habe ich nicht den Eindruck, dass sie irgendwas vermisst, irgendwelche Aktivitäten oder das Ausleben bestimmter Bedürfnisse; ob sich dies mit zunehmendem Alter ändern wird? Sie kann sich gut selbst beschäftigen, leidet nicht unter Trennungsangst und hat ein hervorragendes Zeitgefühl.

Die Unterscheidung von anderen Welpen ist nicht wirklich auffällig. Allgemein ist sie sehr verträglich und nicht sonderlich territorial. Sie teilt ihr Schlaflager und ihre Box, Plätze im Garten und ihren Fussball. Sie macht Kiefer- und Kopfbeissspiele, tobt, fängt, kuschelt, hetzt. Sie fährt gerne Auto. Meist auf dem Vordersitz, wobei sie in den Fussraum geht, falls sie sich entleeren muss - sie meldet sich nicht verbal, sondern sucht sich "eine Ecke". Wenn wir im Auto unterwegs sind, fährt sie entweder vorne mit, hilft dann beim Lenken und beim Aus-dem-Fenster-gucken oder erkundet hinten im Van den Laderaum, klettert dann aber irgendwann über die Sitze wieder nach vorne und ratzt erstmal eine Weile.

Stella ist ein angenehmer, nicht aufdringlicher Hund (es sei denn, ihre Leibspeisen gekochter Lachs oder Makrele stehen zur Debatte, da kennt sie kein Pardon), der ab und zu zum Kuscheln auf den Schoss will, nichts gegen ein Nickerchen auf der Couch einzuwenden hat. Sie spielt mit einem Gummiball mit grossen Noppen, setzt sich an die schleudernde Waschmaschine und lässt sich durchschubbern oder steht vor dem Abluftloch am Hinterteil des Trockners und lässt sich die Luft um die Ohren blasen.

Sobald sie auf dem Arm ist, kann mensch mit ihr alles machen: kopfüber nach unten hängen lassen - Stella fällt nicht/Stella weiss, dass sie festgehalten wird; hoch in die Luft werfen - Stella macht mit/Stella weiss, dass sie aufgefangen wird; in eine relaxte Ruheposition legen - Stella pennt ggf. ein/Stella wird nicht herunterfallen.

Auf Grund ihrer sporadisch auftretenden Erkrankungen (Stella hat u.a. mörderische Probleme beim Zahnen) hat sie anfangs viel geschlafen, entweder zu Hause oder beim Tierarzt in der Praxis. Sie liebt es, zum Tierarzt zu gehen, lässt sich ohne Narkose röntgen, von jedem durch die Gegend schleppen. Und klaut Knochen aus dem Regal. Zerschreddert Papier. Und Schnürsenkel. Liebt es, sich auf warme Decken, die aus dem Trockner kommen, draufzulegen. Und freut sich 'nen Ast, wenn man ihr die Wirbelsäule entlangkrault.

Ein (fast) ganz normaler Welpe also.

© bei der Autorin. 2003