Teil 3: Pawlows Theorie über zentralnervöse Vorgänge bei der Konditionierung
Der US löst in einem bestimmten Zentrum des ZNS eine Erregung aus, die dann zur
UR führt. Erfolgt nun gleichzeitig mit dieser Erregung eine unspezifische,
indifferente Erregung irgendwo anders im ZNS (und das auch noch wiederholt), so
wird diese Erregung zu der spezifischen "hingezogen", es wird ein Weg (eine
Verbindung) zwischen den ehemals unabhängigen Erregungen gebahnt. Dieser Vorgang
ist reversibel, bzw. hemmbar (siehe Löschung und spontane Erholung).
Irradiation: Die Ausdehnung der Erregung auf benachbarte "Herde" im ZNS. Dem
erregten "Herd" benachbarte Regionen, werden je nach ihrem Abstand,
unterschiedlich stark erregt (s. Generalisation).
Konzentration: Sie ist das Gegenteil der Irradiation, die Erregungsausbreitung
wird, zum Beispiel durch Diskriminationstraining, auf bestimmte Areale
eingegrenzt.
Hemmung, Löschung und spontane Erholung
Hemmung ist sowohl ein gegenläufiger Prozess zur Erregung, als auch zur Bahnung.
Ein anderer Prozess wird, wenn er gehemmt wird, behindert.
externe: Eine CR wird durch die Aktivität eines anderen "Herdes" gehemmt. Ein
anderer Reiz bewirkt zum Beispiel eine OR, wodurch die CR abgeschwächt wird,
oder sogar ganz ausbleibt. Externe Enthemmung beschreibt einen Vorgang, bei dem
eine interne Hemmung durch einen (neuen) Reiz aufgehoben wird.
interne: Ist vergleichbar mit dem Begriff der reaktiven Hemmung bei HULL oder
auch EYSENCK, es werden hiermit physiologische Prozesse beschrieben, die das
Auftreten der CR hemmen. Dazu zählen die Abschwächung (bei öfter CS ohne US) und
auch die Generalisation, die ja mit zunehmender Unähnlichkeit der Reize (und
damit nach Pawlow zunehmender Entfernung der erregten Zentren) geringer wird.
Weiterhin kann interne Hemmung durch Verzögerung auftreten wenn der US dem CS
erst nach längerer Zeit folgt.
bedingte: Man verbindet eine CR zunächst mit zwei Reizen und bietet dann einen
davon nur noch mit einem neutralen Reiz zusammen dar (gleich: Löschung des einen
CS). Dieser neutrale Reiz hemmt nun auch wenn er mit dem anderen CS dargeboten
wird, das Auftreten der CR. Auch hier ist eine Konditionierung zweiter Ordnung
möglich.
Eine Löschung erfolgt im Experiment in Form von interner Hemmung, der CS wird
solange ohne US dargeboten, bis keine Reaktion mehr feststellbar ist, bis also
die Bahnung (physiologisch) aufgehoben ist.
Bei einer spontanen Erholung hemmt sich die interne Hemmung, die zur Löschung
der CR geführt hat, offensichtlich selber. Eine gelöschte CR taucht nach einer
Pause während des Experiments von selbst, also ohne zwischenzeitliche Verbindung
mit dem US von alleine wieder auf.
Einflüsse auf bedingte Reaktionen sind möglich durch
- Motivation: Je stärker die Motivation zu einer bestimmten UR, desto stärker auch
zur entsprechenden CR (zum Beispiel Hunger des Hundes-Speicheln)
- Intensität des CS: Je höher, desto stärker CR.
- Intensität des US: Je höher, desto wahrscheinlicher Ausbildung einer CR.
- Verwendung von CS-Compounds: Dies ist meist wirksamer als nur ein Reiz.
- Verwendung mehrerer US: Dies ist meist wirksamer als nur ein Reiz.
- Inter-Stimulus-Intervall (ISI) zwischen US und CS: beim Skeletalsystem 0,2 - 0,5
s, beim autonomen NS zwischen 2 und 5 s optimal für Konditionierungserfolg.
Erlernen emotionaler Reaktionen und Einstellungen
Generell kann angenommen werden, dass viele unserer emotionalen Reaktionen und
Einstellungen gegenüber Reizen durch klassische Konditionierung erworben wurden.
Das klassische Konditionieren liefert zwar kaum angemessene Beschreibungen
kognitiven bzw. schulischen Lernens. Es spielt jedoch indirekt eine Rolle, da
vorhandene emotionale Reaktionen der Schüler durch klassisches Konditionieren
entstanden sein können (zum Beispiel Schul- und Prüfungsangst, Aggression).
Dieses Wissen kann für den Lehrer hilfreich sein.
In der Schule bzw. im Unterricht können Konditionierungen emotionaler Reaktionen
stattfinden, die langfristige Folgen haben (zum Beispiel Lernfreude vs.
Schulangst). Lehrer, Klassenzimmer, Schule etc. können zum Beispiel zu
angstauslösenden CS werden, wenn sie mit sehr negativen Erlebnissen gekoppelt
wurden. Dies kann bis zu Bildungsfeindlichkeit oder Abneigung gegen Bücher
führen.
Ein anderes Beispiel wird von Anderson (2000) erwähnt, der eine Abneigung gegen
Krabben entwickelt hat, weil ihm nach dem ersten Genuss von Krabben aufgrund
einer Erkrankung sehr schlecht geworden ist. Selbst beim Schreiben des Kapitels
über klassische Konditionieren hat er Übelkeitsgefühle empfunden.
Entstehung von Ängsten
Eine besondere Rolle spielt die Untersuchung von Ängsten, die ein sehr häufiges
Problem darstellen. Es lassen sich leicht viele Ängste nennen, die man selber
hat oder die man von anderen kennt, die mittels klassischen Konditionierens
gelernt wurden (zum Beispiel Höhenangst, Angst vor dem Wasser, vor dem
Zahnarzt).
Allerdings gibt es auch Ängste gegenüber Objekten, mit denen man noch gar keinen
Kontakt hatte (Schlangen). Es ist daher zweifelhaft, in welchem Ausmass KK als
Ursache von Ängsten in Frage kommt. Allerdings gibt es genügend dokumentierte
Beispiele für klassisch konditionierte Ängste. Gut dokumentiert sind zum
Beispiel konditionierte Ängste aufgrund traumatischer Erfahrungen (zum Beispiel
Krieg, KZ, Folter). Solche extrem intensiven US bzw. UR führen zu sehr
löschungsresistenten Konditionierungen und eine einmalige Kopplung von CS und US
kann bereits eine Konditionierung bedingen.
Beispiele dafür sind Reaktionen auf gruselige Filmmusik, die häufig mit
bestimmten "Effekten" kombiniert wurde. Ein weiteres Beispiel sind
Marinesoldaten, die noch 15 Jahre nach dem Krieg eine starke Reaktion auf eine
Tonfolge zeigten, die im Krieg als Signal zum Einnehmen der Gefechtsposition
diente.
Damals fand eine Konditionierung statt, wobei Gewehrfeuer und Geräusche von
Bomben die US darstellten. In der entsprechenden Studie wurden zwei Gruppen
verglichen, nämlich Heeres- und Marine-Soldaten, denen 20 unterschiedliche
Geräusche dargeboten wurden. Es erfolgte eine Messung der psychogalvanischen
Hautreaktion (Hautwiderstandsmessung).
Der grösste Unterschied zwischen beiden Gruppen in ihrer emotionalen Reaktion
zeigte sich bei einer Serie von 100 Gongschlägen/Min. Diese Tonfolge war während
des Zweiten Weltkrieges bei der amerikanischen Marine das Signal für "Alle Mann
auf Gefechtsstation". Mehr als 15 Jahre nach Kriegsende rief dieses Signal bei
den Navy-Veteranen immer noch starke emotionale Reaktionen hervor - bei den
Army-Veteranen, für die dieses Signal keine Bedeutung hatte, hingegen nicht.
Auch in unseren Breiten löst heute noch jede Sirene bei vielen Menschen Angst
aus, obwohl es sich um einen Probealarm handelt.
Ein weiteres Beispiel dafür ist der Zahnarzt. Bereits beim Anblick des Bohrers
bekommen es viele mit der Angst zu tun. Der Grund dafür ist eine gelernte
Reizreaktionsverbindung. Hat ein Erwachsener z. B. im Englischunterricht in der
Schule negative Erfahrungen mit einem Lehrer gemacht, kann dadurch für ihn eine
folgenschwere Lernschwierigkeit entstehen, da seine Motivation für
Sprachenlernen generell gestört sein.
Als Therapieformen (vor allem für Phobien) wurden die systematische
Desensibilisierung und die Implosion entwickelt (bei letzterer hat der Klient
die Möglichkeit, in einer sicheren Umgebung zu erleben, das der phobische Reiz
zu keiner Verletzung etc. führt und es kommt folglich zur Extinktion). Das
Problem bei Ängsten ist oft, dass aufgrund von Vermeidungsverhalten keine
Extinktion erfolgen kann. Dies wird durch Desensibilisierung gewährleistet. Bei
dieser Methode wird erst eine Angsthierarchie entwickelt (zum Beispiel Bild
einer Schlange bis hin zu Anfassen einer Schlange).
Man beginnt damit, den Patienten in völlige Entspannung zu bringen, die
unvereinbar mit Angst ist. Dann präsentiert man den schwächsten Angstreiz so
lange bzw. so oft, bis dieser keinerlei negative Reaktion mehr auslöst; usw.
Evaluative Konditionierung und Werbung
Das klassische Konditionieren beruht normalerweise auf einer Wenn-Dann-
Beziehung, wenn der CS auftritt, dann ist mit dem US zu rechnen, d.h., die
mentale Repräsentation des CS aktiviert die Repräsentation des US und die CR
kommt zustande. Diese Art der Konditionierung ist vom Bewusstsein abhängig.
Daneben gibt es jedoch noch ein andere Art der Konditionierung, die
automatisiert und unbewusst abläuft und auf einer evaluativen Reaktion (ER)
beruht. Damit ist eine unmittelbare Reaktion im Sinne von gut/positiv/Mögen oder
schlecht/negativ/Ablehnung gemeint.
Essentielle ER sind angeboren, weitere können durch Erfahrung erworben werden.
Diese Reaktion erfolgt noch vor dem Einsetzen kognitiver Reizverarbeitung. Man
kann nun solche Reize (zum Beispiel Bilder) ermitteln, die bei einer Person eine
positive ER hervorrufen. Wenn man nun neutrale Reize zusammen mit positiven
Reizen öfter koppelt, lösen die neutralen Reize ebenfalls eine positive ER aus.
Ein Bewusstsein der Kontingenz positiver und neutraler Reize ist nicht
notwendig. Das Prinzip der ER wird vor allem in der Werbung genutzt.
Einige sehr erfolgreiche Werbungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie sehr
persistent ein Produkt mit positiven Reizen kombinieren (Tiger-Esso Benzin;
Natur/Cowboys-Marlboro; Schöner Mann-Parfum). Möglicherweise kann auch mit der
ER erklärt werden, dass Leute, die viel über andere lästern, selbst mit
negativen Eigenschaften assoziiert werden.
Fortsetzung: Operante Konditionierung
© beim Autor 2002 -2003
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