Teil 1: Grundformen des Lernens
Lernen wird in der Psychologie definiert als eine dauerhafte (im Gegensatz zu
einer vorübergehenden) Änderung des Verhaltens und von Verhaltenspotentialen,
die durch Übung (im Gegensatz etwa Reifung, Prägung oder Krankheit) erfolgt.
Die dauerhafte Veränderung wird in dieser Definition betont, weil Gelerntes
unabhängig von temporalen Veränderungen, wie etwa der aktuellen Motivation,
vorliegt. Darüber hinaus sind alle beobachtbaren Verhaltensweisen, die nicht
durch Üben erworben wurden, vom Lernbegriff ausgeschlossen, also etwa auch die
Prägung.
Dieses "Lernen" - besser wäre Verhaltensänderung - in einer genetisch
festgelegten sensiblen Phase (zum Beispiel unmittelbar nach der Geburt), wurde
vor allem durch Konrad Lorenz bekannt, der diesen besonderen Prozess unter
anderem bei Graugänsen nachwies. Inzwischen ist er bei vielen Arten bekannt und
kann später durch Umlernen kaum noch verändert werden (siehe Abgrenzung Lernen -
Reifung - Prägung). Aber auch die im menschlichen Reifungsprozessen automatisch
ablaufenden Verhaltensänderungen sind explizit ausgeschlossen.
Zu unterscheiden ist auch zwischen Lernen und Leistung: Leistung ist das
Umsetzen von Gelerntem durch Hinzukommen der Motivation. Aussagen über Gelerntes
kann man daher nicht aus der Leistung allein ableiten, da bei der Leistung die
Motivation zur Erbringung eines Verhaltens mit berücksichtigt werden muss.
Es gibt unterschiedlichste Einteilungen der Arten des Lernens. Eine sehr
einfache ist die Unterscheidung von vier Arten des Lernens in Reihenfolge
aufsteigender Komplexität:
Habituation (Gewöhnung): Lernen, einen Reiz zu ignorieren, der keine im
Augenblick nützliche Information enthält, zum Beispiel das Ticken einer Uhr oder
das Rauschen des Meeres. Der Sinn ist die Vermeidung einer Reizüberflutung und
Freimachen der Aufmerksamkeit. Sie läuft ständig und unbewusst ab und ist kaum
zu vermeiden, wenn die entsprechenden Randbedingungen vorliegen.
Klassische Konditionierung (Signallernen): Lernen, dass einem Reiz ein anderer
folgen wird, zum Beispiel dem Warnton des Computers folgt eine Fehlermeldung.
Zweck der Konditionierung ist es, Vorbereitungen für den zweiten Reiz treffen zu
können. Dieses Lernen läuft ebenfalls automatisch ab; ihr Ergebnis kann aber bei
Bedarf leichter als eine Habituation von bewussten Überlegungen "überstimmt''
werden.
Operative Konditionierung: Lernen, dass einer Aktion eine Konsequenz folgt, zum
Beispiel dem Aufdrehen des Wasserhahns folgt das Fliessen des Wassers oder dem
Lernen folgt eine gute Note. Dieses Lernen ist die Basis gezielter
nichtinstinktiver Handlungen. Dieses Lernen ist vor allem in Zusammenhang mit
Motivationsfragen von Bedeutung. Ein Aktions-Konsequenz-Paar, dessen Konsequenz
eine positive Motivationswirkung hat, kann man gezielt zum Antrainieren
verwenden, entsprechend eines mit negativer Motivationswirkung zum Abgewöhnen
einer Verhaltensweise.
Komplexes Lernen: Lernen, das über das Bilden von Assoziationen hinausgeht, zum
Beispiel die Anwendung einer Strategie zur Problemlösung oder die Ausbildung der
geistigen Landkarte einer Umgebung. Dieses Lernen setzt die Herstellung mentaler
Abbilder der Welt voraus und die Manipulation dieser Abbilder anstelle der
Manipulation der Welt selbst. Es handelt sich also vor allem um einen
Abstraktionsprozess. Der Lernende muss die richtigen Abstraktionen finden sowie
die richtigen Operationen zu ihrer Manipulation.
Als Konsequenz sollte man versuchen, sich bei allen komplexen Lernvorgängen die
Konzepte hinter den zu lernenden Zusammenhängen zugänglich zu machen. Diese
Konzepte geben die Gemeinsamkeiten hinter den zu lernenden Zusammenhängen (also
deren Essenz) wieder sowie idealerweise auch die Motivation hinter deren Entwurf
(also die Begründung), denn es handelt sich ja um bewusst und gezielt für einen
Zweck entworfene Artefakte.
Somit liegen diese Konzepte schon nah an den Abstraktionen, die zum Lernen
ausgebildet werden müssen und ihre Kenntnis erleichtert deshalb das Lernen.
Häufig ist es dabei nützlich, sich mittels Metaphern, Vergleichen etc. auf
andere Konzepte zu stützen, die bereits geläufig sind. Ein wichtiger Schluss aus
diesem Lernmechanismus lautet, sich beim Lernen nach Möglichkeit Zusammenhänge
vollständig sichtbar zu machen.
Es gibt grundsätzlich zwei Arten, wie eine Abstraktion beim komplexen Lernen
erworben werden kann: induktiv oder deduktiv.
Beim deduktiven Lernen (Lernen des Speziellen aus dem Allgemeinen) wird eine
Beschreibung des zu lernenden Zusammenhangs vorgegeben, die in Begriffen
abgefasst ist, die bereits zuvor gelernt wurden. Der Lernende analysiert diese
Beschreibung und entwickelt daraus geistig die neue Abstraktion. Deduktives
Lernen setzt Sprache oder sprachähnliche Systeme voraus.
Beim induktiven Lernen hingegen (Lernen des Allgemeinen aus dem Speziellen)
werden eine Reihe von Beispielen und Gegenbeispielen für die zu lernende
Abstraktion vorgegeben. Überwiegend unbewusst wendet der Lernende eine grosse
Zahl von früher gelernten Abstraktionen auf die Beispiele an, um deren relevante
Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszufiltern. Die Gemeinsamkeiten werden vor
dem Hintergrund der Unterschiede verallgemeinert (was ein unzuverlässiger
Schritt ist!) und bilden den Inhalt der neu gelernten Abstraktion.
Höheren Lebewesen, besonders Menschen, sind enorm leistungsfähig beim induktiven
Lernen, zumindest, wenn alle notwendigen Basisabstraktionen bekannt sind. Aus
diesem Grund ist es stets vorteilhaft, das Lehren möglichst stark auf induktives
Lernen zu stützen. Allerdings erlaubt das induktive Lernen nicht, mit
vertretbarem Aufwand eine genaue Grenzziehung einer Abstraktion zu lernen.
Zweifelsfälle können also nach einem rein induktiven Lernprozess oft noch nicht
korrekt beurteilt werden.
Es sind in der Regel eine ganze Reihe von Beispielen nötig, um die meisten
Zweifelsfälle auszuschliessen, obwohl sonst sicherlich drei positive und drei
negative Beispiele ausgereicht hätten. Deshalb sollte eine induktive Lernlektion
möglichst mit einer entsprechenden deduktiven vervollständigt werden, die nach
der Ausbildung eines Verständnisses für den überwiegenden Teil des Gehalts der
zu lernenden Abstraktion dann auch recht schnell aufgenommen werden kann.
Gelernte Gedächtnisinhalte sind an vielen verschiedenen Stellen des Gehirns
gespeichert. So befinden sich sprachliche Informationen in einem anderen Bereich
als visuelle oder haptische. Dies bedeutet, dass unser Wissen über einen
Gegenstand, beispielsweise über eine Blume, nicht an demselben Ort abgespeichert
ist, sondern über unser Gehirn verteilt abgelegt wurde. Bei Bedarf, also wenn
wir uns an diese Blume erinnern, werden die vielen Einzelinformationen (Form,
Bezeichnung, Geruch usw.) wieder zusammengefügt.
Die Information trifft in Form eines wahrnehmbaren Reizes auf eine Sinneszelle,
die ihn als elektrischen Impuls an eine Nervenzelle (Neuron) weiterleitet. Wird
ein bestimmter Energiewert überschritten, gibt diese Nervenzelle den Reiz über
einen faserartigen Fortsatz, das Axon, an ein oder mehrere andere Neuronen
weiter, die ihn ihrerseits ebenfalls weiterleiten können. Die Information
hinterlässt so charakteristische Spuren. Durch häufiges "Nachziehen" dieser
Spuren (Üben, Wiederholen) verstärken sich die Verbindungen (Synapsen) zwischen
den betreffenden Zellen.
Es entsteht ein bleibendes Muster, ein Engramm. Die Information ist gespeichert,
das heisst: sie ist gelernt!
Das Abspeichern von Informationen im Gedächtnis kann durch eine Reihe von
Faktoren beeinträchtigt werden, die nicht alle mit dem Lernvorgang im engeren
Sinne zu tun haben. So ist Lernen nicht nur eine Sache des Gehirns, sondern des
ganzen Körpers. Sind wir krank, erschöpft oder müde, ist unsere
Aufnahmebereitschaft herabgesetzt. Ähnlich ist es unmittelbar nach einer
Mahlzeit.
Diese Beeinträchtigungen lassen sich leicht erklären: Denn das Gedächtnis beruht
auf komplexen Vorgängen, an denen viele Gehirnbereiche beteiligt sind, auch jene
Partien, die grundlegende Körperfunktionen steuern.
Gefühle haben einen enormen Einfluss auf den Lernvorgang. Negative Gefühle wie
Angst, Unlust oder Sorge beeinträchtigen das Einprägen des Lernstoffs. Auch
Lernen unter Stress mindert den Erfolg. Gefühle entstehen in einem Teil des
Gehirns, der limbisches System genannt wird. Er hat die Aufgabe, eintreffende
Informationen zu bewerten, ihre Relevanz zu prüfen und somit eine adäquate
Reaktion des Menschen auf den entsprechenden Reiz sicherzustellen. Mit dieser
Bewertung ist eine emotionale Einfärbung der Informationen verbunden. Eine
positive emotionale Besetzung des Lernstoffes ist für das Behalten wichtig.
Daher wird ein Lernstoff besonders gut aufgenommen, wenn er mit positiven
Gefühlen verbunden ist.
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