aus der Praxis - für die Praxis
Techniken
Einführung
Eine der wichtigsten Erkenntnisse über die Ausbildung von Hunden: Unsere Schwierigkeiten mit der Konsequenz. Menschen haben durch ihre Sprachvielfalt mehr Differenzierungsmöglichkeiten, kennen auch das Entweder-oder, das Vielleicht, das Naja, das Fünfe-gerade-sein-lassen. Genau jene Schattierungen kennen Hunde nicht, übertrieben gesagt. Anders herum: Sie wollen Eindeutigkeit, sonst nehmen Sie sich, was sie kriegen können, unter anderem die Herrschaft.
Dies ist bei unterwürfigen Hunden, die auch nach dem Welpenalter leicht und locker zu "beherrschen" und damit auch zu führen sind, weniger das Problem. Devote Hunde sind leicht zu händeln, geradezu soldatenhaft gehorsam. Diensthundeführer brauchen solche Hunde. Ich nicht. Ich will einen selbstständigen, selbstsicheren Hund, der seinen Willen ausleben darf, und zwar in den Grenzen, die ich ihm setze. Und genau hier fängt die Aufgabe an: Denn es liegt mehr Arbeit an mit einem dominanten Hund, wie es Herdenschutzhunde meist sind.
Ein schlauer, selbstbewusster Hund braucht eine eiserne Ordnung, sonst "erkämpft" er sich mit aller seiner nicht zu unterschätzenden Intelligenz seine Freiheiten, versucht mit aller Schläue, mehr für seine biologischen Eigennutz herauszuholen. Es muss lange nicht zur Bedrohung oder zu wirklich auffälligen Dominanzen kommen. Hundeausbildung ist ein Prozess, kein Zustand. Und gerade eigenwillige Hunde lehren uns, was Konsequenz ist. Wehret den Anfängen, und - man möge vom ersten Tag an gleich Konsequenz üben. Im Fach "biologische Konsequenz" - aus überlebens-sicherndem Eigennutz - sind uns schlaue Tiere haushoch überlegen.
Nun wissen Sie, was ich mit Konsequenz meine: Das A und O jeder Hundehaltung. Dazu gehört eine für den Hund sich deutlich unterscheidende Laut- und Körpersprache. Perfekte Hundeausbildung wie hundertprozentige Konsequenz wird es nie geben, aber sie anzustreben und sich dabei zu korrigieren lohnt sich. Da lernt man (wieder), sich durchzusetzen. Gleichgültige, "lasche" Menschen dagegen werden von einem willensstarken Hund konsequent vorgeführt. Anhaltend erfolgreich und tiergerecht arbeiten kann man nur mit dem Hund, nie gegen ihn. Ich entschuldige mich im voraus dafür, dass dieser Satz wiederholt wird. Mit Absicht.

Lerntechnik
Die wichtigste Formel, um anderen Lebewesen etwas beizubringen, heisst Reiz-Reaktion. Nur ein Reiz löst Reaktion aus.
Um diese Reaktion gezielt zu fördern, verstärkt man sie mit hundegerechten Hilfsmitteln (Reiz-Reaktions-Verstärkung) und zeitgleich hundeverständlichen Hör- oder/und Sichtsignalen (Verknüpfung).
Hunde sind als Beutejäger Bewegungsseher, besonders Hetzhunde. Ein Fernseh-Test der menschlichen Art mit meinen Hunden bewies, dass sie sich erstens nur für Tiere auf der Mattscheibe interessierten, und stärker noch, wenn sie sich bewegten.
Auch im Garten reagieren Hunde spontan auf sich bewegende Objekte, bis hin auf einen Kilometer. Stehen die Objekte still, nehmen sie nicht mit den Augen wahr. Möglicherweise aber mit der Nase. In der ersten Phase schwenkt der Hund mit leicht zum Boden geneigtem Kopf links und rechts aus und nimmt in Serien von je sechs Schnupperzügen die Düfte auf. Sind die Gerüche intensiver, steigert er diese Frequenz auf 36 Schnupperzüge. Bei entdeckter Fährte gehen nasenorientierte Hunde (nicht Hetzhunde, die mit den Augen arbeiten) sofort mit ihrem Riechorgan auf den Boden. Bei Feuchtigkeit riechen die Fährten noch intensiver. Hundenasen sind in der Lage, geringste Konzentrationen aufzunehmen.
Für hunde-ausbildende Menschen ist eine Anpassung an das hundliche Lernverhalten nötig, weil der Hund mit seiner artgerechten Sinnes-Reiz-Struktur vorzugsweise eindimensional wahrnimmt: Dem besten Leistungsorgan, der Nase nach. Hetzhunde arbeiten dagegen primär auf Sicht. Hundeaugen sind bewegungsreiz-orientiert - daher die Verfolgung von unnatürlicher "Beute" wie Radfahrer, Jogger oder Autos. Radfahrer und vor allem Jogger könnten sich auch arrangieren, wenn sie wollen: Radfahrer durch Klingeln, damit der Halter seinen Hund anleinen kann, Jogger durch ruhiges Gehen vor die paar Meter, bis der Hund an der Leine ist. Objekte oder Subjekte werden also anders wahrgenommen als sich bewegende. Menschen können mehr Reize koordinieren als diese in Gemeinschaft jagenden Sicht- und Riech-Beutegreifer. Katzen können zweidimensional jagen: auf Sicht und Geruch.
Die Lerntechnik für Hunde müssen Ausbilder auf die Sinnes- und Wahrnehmungstechnik des Hund abstimmen.
Achten Sie also von vornherein auf seine Erstrangigkeit bei Reizauslösern. So können Sie im Vorfeld seine gegebenenfalls unangenehmen Reaktionen erkennen und gegenwirken - durch ruhiges, konsequentes Einwirken. Ohne jedes Geschrei, ohne jede Gewalt. Sie sehen voraus. Weil Sie seine systematisch ablaufenden Koordinaten berechnet haben, was ihn ihm einen Reiz auslöst.
Beobachten Sie mal Ihren Hund, in welcher Reihenfolge er auf städtische Verkehrsreize bearbeitet und agiert oder auch nicht ("abhakt"). Wir nehmen viele Reize auf, wir sind heute gar trainiert mit der Reizüberflutung. Wenn nicht, geraten wir in Konzentrationsnöte, in Platzangst oder ähnlicher Panik.
Der Hund hingegen geht systematisch, aber eindimensional vor. Je nach Bevorzugung seiner hervorragenden Sinne wie primär Nase, sekundär Auge. Beispiel: Mein Rüde, ein Landei (seine Stadterfahrung hat er vielleicht noch abgespeichert), fängt gut und gern Mäuse. Mitunter vom Gitter eines Hasenstalls weg, aus den Korntonnen (wobei ich ihm wieder heraushelfen muss). Er ist als Hund schnell. Aber ein Laie gegen eine Katze, vorausgesetzt, sie kann noch Mäuse fangen. Eine Katze koordiniert Auge und Nase. Ein Hund arbeitet dagegen eindimensional: entweder per Geruch- oder Sichtsinn. Zwischen diesen Abstimmungs-Verzögerungen läuft ihm die Maus durch die Beine und sucht das Weite.
So sollten wir unsere Lernmethoden auch auf diese systematische Abfolge einrichten. Das fängt bei der ruhigen, aber deutlichen Zeichensprache (Laut- oder Körpersprache) an und hört bei der Konsequenz der Zeichen noch lange nicht auf. Die eigene kontrollierte Atemtechnik beruhigt sie und den Hund. Man kann dies nicht theoretisch lernen. Dies geht nur mit Eigenkontrolle (Videoaufnahmen sind dazu hervorragend geeignet) und durch Beobachtung - von den Fehlern anderer. Schon deshalb ist der zumindest zeitweilige Besuch einer verständnisvollen Hundeschule sinnvoll. Voraussetzung für die kynologische Lerntechnik ist die Kenntnis von Laut- und Körpersprache des Hundes, siehe entsprechendes Kapitel am Anfang. Und die physische wie psychische Voraussetzungen hundetypischen Lernens, siehe Kapitel "Reizvolle Erklärungen".

Spieltechnik
Es mag lächerlich vorkommen, wenn ich sage: Wir müssen selbst mit dem Hund wieder das "ernsthafte" Spielen lernen. Denn Spielen ist beim Hund nicht Herumalbern, sondern Lernen fürs Leben. Doch ich weiss es aus eigener Erfahrung: Ich habe mich auch anfangs wie ein steifer Stock angestellt. Wie soll der Hund meine Spielaufforderung verstehen, wenn er gar nicht sehen und hören kann, dass das ein "Spiel" sein soll? Ich bewegte mich kaum, agierte nicht. Also konnte mein Rüde nicht reagieren. Nur durch die Beobachtung eines anderen Trainers und durch Video erschrak ich, wie "deppert" ich herumstand. Ich musste also lernen, mich deutlich verständlich zu machen, was ich eigentlich von meinem Hund wollte. Meine Aktionen mussten ihm deutlich machen, was ich meinte. Bewegung war angesagt: In die Knie gehen, um ihm das Herkommen anziehend zu gestalten; mit den Händen anregend "fuchteln", damit er meine Sichtzeichen erkennen konnte; mich spielerisch "flüchtend" rückwärts zu bewegen, um ihm ein Nachfolgen zu erleichtern. Ich musste lernen, den "Affen" zu machen, zu schauspielern, "Theater" machen. Und siehe da! Der Rüde reagierte viel verständlicher. Meine Akbash-Hündin hat von meinem Lernprozess profitiert.
Schauspieler übertreiben ja auch, um sich den Zuschauern deutlich zu machen. Gewiss, wir sind in den nordischen Temperaturbereichen auch keine heissen Gestikulateure, das hat man uns auch gehörig anerzogen. Doch ich weise den Altvorderen keine Erziehungsfehler vor. Mimik und Gestik sind leider verkümmert, doch sie sind erweiterte Kommunikationssignale. Wie anders ist es zu verstehen, dass wir uns auf Reisen mit wildfremden Leuten, deren Lautsprache wir nicht mal andeutungsweise verstehen, nun eben doch verständlich machen können, als mit den beliebten "Händen" und "Füssen"? Machen wir also für die spontanere Verständlichmachung den "Affen" für unsere Hunde. Sie danken es, weil sie uns endlich deutlicher verstehen.
Zur Praxis: Eine junge Frau hat beim ersten "Kooperativen Test" mit ihrem Malinois gezeigt, wie man aktiv mit dem Hund spielt. Sie warf nicht nur ein Stöckchen, um den Hund damit allein zu lassen ("Fang es und lass mich dann in Ruhe"), sondern sie war aktiv, band den Hund richtig beweglich ein in weitere Spielaktionen. Sie liess den Hund nicht mit dem einmaligen Spielauffordern allein. Schlicht: Die Frau agierte beispielhaft und nachahmenswert. Die Ansprache an unsere Hunde erweitert sich auch durch die Lautsprache. Gleichtönende Laute machen keinen Unterschied. Hunde hören nicht nur besser als Menschen, sie trennen auch viel feiner die Töne. Wie soll der Hund zwischen Gebot und Verbot unterscheiden können, wenn wir alles im gleichen, womöglich nuscheligen Gemümmel von uns geben? Hier würde natürlich Sprechunterricht helfen, aber so weit wollen wir nicht gehen. Es hilft uns (für andere Menschen ja auch) und dem Hund, wenn wir die Gebote angenehm und anregend betonen, also mit höherfrequenter Stimme, ohne schrill und panisch zu werden. Einfach freudig, wie der Hund es auch verstehen soll. Das Verbot ist ebenfalls akzentuiert auszusprechen, soll er es auch als Verbot "Nein" verstehen. Tiefer im Ton und prägnant, kurz und bündig.
Der grösste Fehler sind dann "moderierende" Zwischentöne. Das Geplapper zwischen den gerade eben eindeutigen Hörzeichen verwirrt den Hund, hebt für ihn quasi die Eindeutigkeit auf. Ich kenne mich nämlich auch: Das "Und jetzt!", "So, nu mach schon!", womöglich noch falsche Worte für die gewünschte Ausführung - all diese Fehler machte ich auch. Mein Hund machte auch, was er meinte, das es das Richtige sei. Oder auch nicht. Die Folge kennen wir: Er tut erst mal nichts, oder reagiert verwirrt. Der Hund handelt wieder biologisch und macht fortan, was er für richtig hält. Nur Hunde, die schon lange bei ihrem Halter sind, lernen sogar, dessen Macken zu tolerieren und filtern dank Gewohnheit und Erfahrung heraus, was Herrchen oder Frauchen eigentlich gemeint haben wollte.
Im Grunde übertragen wir unsere Unsicherheit, Nervosität, Stimmungen, falsche Nachsicht und falsches Verständnis auf den Hund. Wie soll er da uns verstehen?
Betonen Sie also auch hier, wie es gemeint war: Freudig oder korrigierend streng. Ihr Hund hört auch diese Unterschiede schneller heraus. Und verhunzen Sie es sich nicht, wenn Sie zwischen den klaren Anordnungen ihn wieder zuquatschen. Kennen wir doch noch als Kinder: Dauernde Anordnungen, Ermahnungen der Eltern machten uns "taub". Die Ohren wurden auf Durchzug gestellt.
Tun wir es ihnen für unseren Hund nach. Seine Reaktionen bestätigen unseren Erfolg. Es gibt keine bessere Überzeugung als Ehrlichkeit und Deutlichkeit. Wenigstens für Tiere. Verwechseln Sie nicht das Lob zum richtigen Anlag und richtigen Zeitpunkt mit überschwenglichem Verknuddeln. Denn dies versteht der Hund als Spielaufforderung. Schweigen ist stupide Arbeit. Ihre Körper- und Lautsprache entscheidet über seine Motivation. Sie starten und beenden ein Spiel.
Nicht jeder Hund spielt wie der andere. Manche sind das Gegenteil eines spielfreudigen Typs: Hetz- oder Herdenschutzhunde zum Beispiel. Ja nach Temperament und Masse müssen Spiele ausgesucht und dosiert werden.
Aus diesen spielerisch geübten und erlernten Techniken erwachsen die folgenden:
Jagd- und Beutefangtechnik

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