Erste Kontakte mit einem Blindenführhund
Von Karl-Matthias Schäfer
Einige Jahre beschäftigte ich mich mit dem Gedanken, mir einen Blindenführhund
zuzulegen. Allerdings glaubte ich, dass in meinem Leben für ein zusätzliches
Lebewesen, um das ich mich kümmern müsste, kein Platz sei. Hatte ich doch mit
mir genug zu tun, um Familie und Beruf auf die Reihe zu kriegen. Und so
pflügte ich mit meinem Blindenlangstock durch die Weltgeschichte.
Das Gehen mit dem Langstock erfordert jedoch sehr viel Konzentrationsfähigkeit
und ich vermisste zunehmend die Möglichkeit auch als blinder Mensch mal
entspannt spazieren zu gehen, ohne dass dies gleich in Arbeit ausartet.
Eines Tages erhielt ich per Post ein Faltblatt plus Infokassette von der
hessischen Blindenführhundschule Blickpunkt aus Bad König. Nach dem Anhören der
Infokassette verspürte ich das Bedürfnis mich doch etwas intensiver mit dem
Thema Anschaffung eines Führhundes zu befassen. Ich vereinbarte also kurzerhand
einen Termin mit Andreas Kohl.
Ich hatte mir fest vorgenommen, mehrere Schulen zu besuchen. Nachdem aber
gleich beim ersten Treffen meine Fragen kompetent beantwortet wurden und ich
merkte, dass ich in guten Händen bin, beließ ich es bei dem Besuch der einen
Führhundschule. Wieder zuhause galt es, meine Frau zu überzeugen, was
überraschend schnell gelang. Nach einem weiteren Besuch mit der ganzen Familie
beantragte ich bei meiner Krankenkasse die Kostenübernahme.
Einige Wochen später erhielt ich die Nachricht, dass ein Hund, der meinem
Anforderungsprofil entsprach gerade die Ausbildung begonnen hätte. So gab es ein
weiteres Treffen zum kennen lernen. Es erwartete mich ein temperamentvoller
heller Labradorrüde namens Cross. Ich war begeistert. Obwohl ich in den nächsten
Monaten öfters die Gelegenheit hatte, Cross zu sehen, wurde mir die Zeit nun
doch sehr lang. Im Januar dieses Jahres war es dann soweit. Der
Einarbeitungslehrgang begann.
An einem Sonntagabend reiste ich an und wurde in einer netten kleinen Pension
untergebracht. Die Vermieter waren am Anfang Skeptisch wegen des Hundes,
verloren aber schon nach dem ersten Tag ihre Vorbehalte.
Am Montagvormittag ging es los.
Gegen 9.00 Uhr wurde ich von Herrn Kohl abgeholt. Nach der Erledigung einiger
Formalitäten begann die Einweisung mit etwas Theorie über Hunde im Allgemeinen,
was meine Geduld auf eine harte Probe stellte.
Dann war es endlich soweit. Ich konnte meinen zukünftigen Hund übernehmen.
Hinter dem Haus, auf einer schneebedeckten Wiese konnten wir uns spielerisch
einander annähern, so dass der Hund von selbst den Kontakt zu seinem neuen
Besitzer suchen konnte.
Ich musste ihn ignorieren, bis er selbst Interesse an mir fand. Dann gab es in
kurzen Abständen einige Leckerli. Mit der Zeit konnte ich dann mit einigen
Gehorsamszeichen beginnen. Auf diese Art nahmen wir uns viel Zeit, uns einander
anzunähern. Von da ab hatte ich Cross ständig bei mir und er erhielt seine
Zeichen ausschließlich von mir.
Am Nachmittag gab es zunächst noch etwas Theorie zum Blindenführhund und
anschließend konnte ich mit Cross zum ersten Mal im Führgeschirr auf einer
geraden Strecke gehen. Später wurde ich mit Hund zur Pension zurückgebracht. Da
waren wir zum ersten Mal alleine. Cross inspizierte das Zimmer und wollte dann
gleich mal ausprobieren, wer der Herr im Hause ist. Er sprang mehrfach aufs Bett
und wurde von mir energisch verwiesen. Nach dem dritten Versuch gab er auf.
Später fütterte ich ihn zum ersten Mal. Hier musste er gleich lernen, dass erst
gefressen wird, wenn ich das Ok gebe.
Durch derartige Regeln lernt der Hund, sich seinem neuen Rudelführer
unterzuordnen. Da ich vom ersten Tag an konsequent mit Cross umgegangen bin,
ordnete er sich mir schnell unter. An diesem und den folgenden Abenden schwirrte
mir der Kopf vor lauter neue Informationen.
Der nächste Morgen begann mit einem längeren Spaziergang in einem Park. Vorbei
an Passanten, Enten und anderen Hunden, konnte ich die Reaktionen des Hundes auf
seine Umwelt kennen lernen und lernte auch die Möglichkeiten, ihn zu korrigieren
bzw. unterzuordnen. Anschließend gab es wieder einen Block Theorie. Nach dem
Mittagessen wurde im Park ein Hindernisparkur aufgebaut. Anschließend übten wir
zum ersten Mal in der Stadt.
Am dritten Tag ging es dann richtig zur Sache. Wir fuhren mit dem Zug nach
Michelstadt. Hier konnte ich Cross, dann so erleben, wie ich ihn nach der
Einführung einsetzen sollte. Schon die Zugfahrt begeisterte mich. Ich stieg mit
dem Hund in den Zug und er zeigte mir sofort einen freien Platz.
Da es kurz vor den Einführungswochen noch heftig geschneit hatte, waren die
Straßen in Michelstadt noch von Schneehaufen und teilweise Eis besetzt, so dass
wir unter recht extremen Bedingungen trainierten. Wir liefen voran und der
Trainer hinterher. Er gab mir die Richtung an und ich gab dem Hund die
entsprechenden Kommandos. Hier war es für mich sehr wichtig, dass ich Vertrauen
zum Trainer hatte.
Dieser Gang durch Michelstadt stellte aufgrund der extremen Witterung hohe
Anforderung an uns. Allerdings wusste ich hinterher, was mein Hund tatsächlich
kann. Nach diesem Trainingstag war mir 100-prozentig klar, dass ich die richtige
Entscheidung bezüglich der Anschaffung eines Führhundes getroffen hatte. Ohne
Hund wäre ich bei diesen Straßenverhältnissen nicht alleine gelaufen.
Am darauf folgenden Tag trainierten wir wieder in Bad König. Und korrigierten
einige Bewegungsabläufe, zum Beispiel Wendungen. Zudem wurde noch einige Zeit
auf Unterordnung verwendet.
Am Freitag fuhr mich Andreas Kohl nach Kassel und ich brachte Cross in die
Familie. Das Wochenende diente ausschließlich der Eingewöhnung in sein neues
Rudel. Viele Spaziergänge, Spielen usw. bestimmten die Tage.
Am Montag begannen wir das Training am Wohnort. Hier kam mir zu Gute, dass ich
mir meine regelmäßigen Wege bereits vorher mental beim gehen mit dem Hund
vorgestellt hatte. Es war ein schönes Erlebnis plötzlich locker durch die
Kasseler Fußgängerzone gehen zu können. Mit dem Stock fand ich dies sehr
anstrengend und ich lief diese Strecke früher nur, wenn es unbedingt sein
musste. An den ersten beiden Tagen der zweiten Woche trainierten wir die Wege in
Kassel, die ich regelmäßig gehen musste. Dazwischen mussten wir immer mal
wieder das eine oder andere korrigieren, zum Beispiel das korrekte Anzeigen von
Bordsteinen.
Cross ist so ausgebildet, dass er an jeder Treppe, einzelner Stufe oder
Bordstein kurz stehen bleibt. Ich selbst war aber gewöhnt, eine Straße
möglichst schnell zu überqueren und ich fühlte mich nicht gerade wohl dabei,
wenn auch nur für eins zwei Sekunden, auf Straßenbahnschienen stehen zu bleiben.
Es kostete große Überwindung, mich hier an die gelernten Abläufe des Hundes zu
halten.
Zudem merkte ich, dass ich von Tag zu Tag die Bewegungen des Hundes, die über
das Geschirr übertragen werden, immer besser interpretieren konnte. Ich merkte
genau wie beim Gehen mit einer Begleitperson, wann eine Stufe, Bordstein etc.
kommt. Natürlich ist es unabdingbar, dass man sich besonders in der ersten Zeit
korrekt an die Ausbildungsabläufe hält.
Am Mittwoch kam dann das von mir gewünschte Training im Frankfurter
Hauptbahnhof. Ich habe oft beruflich in Frankfurt zu tun und erreiche diesen
Riesenbahnhof meistens zur Hauptverkehrszeit. Ich bewältigte den Weg durch den
Bahnhof, zur U-Bahn und noch mal umsteigen stets mit Langstock, empfand dies
aber immer als Tortur. Nach diesem Tag war klar, dass wir das
Einführungstraining nach der zweiten Woche beenden konnten. Den Donnerstag
nutzten wir noch zur Korrektur einiger Kleinigkeiten. Am Wochenende fuhr ich
dann mit Cross zum ersten Mal zu einer Tagung.
Diese Reise war für mich noch sehr aufregend, ich kam aber doch erstaunlich gut
zurecht. Die darauf folgenden zwei Wochen nahm ich noch Urlaub, um mit Cross
alleine weiter zu trainieren und Routine zu bekommen, um dann mit meinem neuen
Begleiter entspannt in die Arbeitswelt zurückzukehren. Die Tatsache, dass ich
wusste, dass ich eine sehr gute Nachbetreuung erwarten konnte, hat mir diese
Phase sehr leicht gemacht. Ich nahm noch einen der drei vorgesehenen
Nachbetreuungstage in Anspruch und bat mir den Rest aufheben zu können, falls in
nächster Zeit noch mal Probleme auftreten sollten.
Nach sechs Wochen erfolgte die Gespannprüfung, die auf meinen Wunsch in der
Großstadt Frankfurt stattgefunden hat und von uns recht gut bewältigt wurde.
Inzwischen befindet sich Cross acht Monate bei mir und ich habe es keine Sekunde
bereut. Auch auf vielen Dienstreisen begleitet mich mein Hund.
Schlechte Erfahrungen derart, dass mein Hund in bestimmte Institutionen, Lokale,
Geschäfte etc. nicht freiwillig reingelassen wird, hatten wir bisher nicht, da
ich fast immer mein kommen mit Führhund ankündige. Steige ich am Frankfurter
Hauptbahnhof aus und gebe das Zeichen "U-Bahn", führt mich mein Hund
mittlerweile ohne ein weiteres Kommando durch den überfüllten Bahnhof zur U-
Bahn. In der Freizeit ist Cross ein absolut kinderlieber und pflegeleichter
Familienhund.
Mittlerweile haben wir schon Routine und einen geregelten Tagesablauf. Morgens
um sechs geht es mit einem ausgedehnten Waldlauf los. Anschließend gibt es
zuhause erst mal Futter für Hund und Herrchen. An normalen Tagen pennt Cross
dann erst mal ausgiebig in meinem Büro. Sind wir auf Dienstreise, fällt das
Frühstück aus und wir fahren mit dem Zug nach Frankfurt. Cross bekommt dann am
Zielort sein Futter.
In der Mittagspause machen wir noch mal einen kurzen Spaziergang. Das ist besser
als sich von den Kollegen vollqualmen zu lassen. Nach Feierabend ist entweder
ein Gang in die Stadt oder ausgiebiges Spielen auf der Wiese, am liebsten mit
der ganzen Familie, angesagt. Nach dem Abendessen kommen die Kinder ins Bett und
der Hund bekommt sein Futter. Dann ist erst mal Ruhe, bevor wir gegen 22.30 Uhr
noch mal raus gehen.
Ich bemühe mich stets Cross die Tage, an denen wir uns auf Dienstreise befinden,
durch mehr Freilaufmöglichkeit, wenn wir zuhause sind, auszugleichen.
Ich habe durch Cross eine Menge entspannte Freiheit und Unabhängigkeit dazu
gewonnen.
Allerdings kann ich nur jedem, der sich einen Führhund anschaffen möchte raten,
sich klar zu machen, dass die Haltung eines Arbeitshundes viel Zeit,
konsequentes arbeiten bedeutet. Er ist nun mal kein elektronisches Hilfsmittel,
das man nach Gebrauch ausschalten und in die Ecke stellen kann. Das Hilfsmittel
Blindenführhund braucht neben konsequenten Regeln viel Liebe, er haart, "klaut"
gelegentlich ein Brot und manchmal ist es auch ein bisschen stur. Er hat auch
mal einen schlechten Tag oder ist vielleicht auch mal krank. Man muss die
Bereitschaft mitbringen, dem Hund für die neu gewonnene Freiheit auch eine ganze
Menge zurückzugeben.
© beim Autor 12/2002
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