Begegnungen
Zunächst die Begriffsbestimmung, das ist immer erhellend aufzuklären, wenn Schlagwörter um sich greifen und immer missverständlicher gebraucht werden. Hier haben wir so einen Fall: der falsch verstandene Begriff "Kommentkampf". Der Herkunft des Wortes Komment nach bedeutet es Brauch, Sitte, Regel, entlehnt aus dem Französischen Comment gleich: wie? Es ist also die Art und Weise gemeint, wie etwas getan wird. In der weiteren Wortentwicklung zu "Kommentar" bedeutet dies: Erklärung, Stellung nehmen.
Das Foto von Ursula Schneider mit zwei Hovawart-Rüden zeigt eine stark dominierende Geste des Hundes, der seinen Kopf über den Rücken eines anderen legt (T-Stellung)
So und nicht anders sollte auch der Begriff in der tierlichen Auseinandersetzung verstanden werden: als etwas Klärendes und nicht automatisch negativ Besetztes, wie das heute leider oft mit ähnlichen grassierend und krass falschgedeuteten - meist gar aus Übertragung eigener Ängste und durch Vorurteile - Begriffen wie Dominanz geschieht (siehe auch Rubrik Techniken in "Ausbildung/Hunde-Techniken").
Wenn vielfach der Kommentkampf als Ernstkampf verstanden wird, ist dies also absolut falsch. Beschädigungskampf ist ein Ernstkampf, weil es die Absicht ist, mit allen zur Verfügung stehenden Waffen und Kampftechniken den Gegner "kampfunfähig", ja unschädlich zu machen, eben auch durch Beschädigung ihn so zu schwächen, dass er zumindest aufgibt.
Am Anfang ist immer der Reiz
Die Halter sind es, die den Reiz erst herstellen, wenn der Hund vom Halter aufmerksam gemacht wird auf etwas, was einen Reiz darstellt. In dem - buchstäblichen - Augenblick, in dem ein anderer Hund im Geruchs- oder im Gesichtsfeld auftaucht, ist der Reiz erst akut.
Doch der wahre Reizauslöser gedeiht schon vorher: im Kopf des Halters oder der Halterin. Sie äugen schon von weitem, ob da nicht doch ein neuer oder ein ganz bestimmter, vielleicht Angst auslösender Hund um die Ecke schiesst. Erfahrene Hundler schauen deshalb weit voraus, sind oft genug gespannt. Just diese angespannte, ja oft nervöse Erwartungshaltung zementiert sich in unserer Körperhaltung - und die liest ein erfahrener, seinen Halter kennender Hund sofort. Die Erwartungshaltung überträgt sich auf ihn, oft genug mit der Anspannung der Leine.
Der Reiz ist aufs Äusserste gespannt. Eine Verkrampfung manifestiert sich. Der Hund ist dann - entweder durch Verteidigungsmotivation oder Angst - entsprechend geladen. Es braucht also nicht viel, um diesen "Dampfkesseldruck" zur Explosion zu bringen.
Es ist dabei nicht leicht, bei der Begegnung mit einem entspannten, souveränen Team aus Halter und Hund wieder sich zu entspannen. Übersprungshandlungen aus dem angestauten Affekt sind dann die Folge. Leichtfertige Hundehalter ignorieren diese Situation, und dann knallt es trotz eines im Verhalten gegenteiligen Gegenübers.
Diese Erfahrung setzt sich dann aber fort, sie wird als negatives Erlebnis gespeichert. Kommt am nächsten Tag dieses eigentlich doch entspannende Team wieder um die Büsche, wird die negative Erfahrung wiederholt und damit verstärkt.
Zu allem Übel kann es sei, dass der doch so souveräne gegenüberstehende Hund nun auch seine Verteidigungsbereitschaft erhöht aufgrund dieser schlechten Erfahrung. Und sein Halter, weil er seine ganze positive Arbeit für die Katz sieht.
Kommt von einem Hund nun auch doch das Drohfixieren (starrer Blick, wer standhält und wer dem Blick ausweicht), dazu, summieren sich die Explosionsgefahren. Oder einer weicht. Damit ist aber der Konflikt nur verschoben, nicht gelöst.
Die wenigsten Hunde durften es von diesen Haltern lernen, sich selber zu beschwichtigen, und ihre aufgeregten Halter zu deeskalieren. Schon, um selbst nicht beschädigt zu werden. Dazu müsste der Hund aber korrekt im Rang eingeordnet sein. Ist der Hund jedoch der Rudelführer - und dies geben die meisten Halter als Fehler nicht zu, ja, sie erkennen dies gar nicht als ihren Fehler, dann entscheidet auch der hundliche Führer, wann, gegen wen es zu attackieren, vermeintlich zu verteidigen gilt. Dann können die Halter meist auch nicht mehr auf ihre Bosse am unteren Ende der Leine einwirken, sie werden von ihren Hunden schlicht nicht für voll genommen.
Beschwichtigen sich aber beide Hundehalter wirksam, auch durch körperlich sicheres Ausdrucksverhalten (u. a. offener, stabiler, nicht gebückter Gang, freie Atmung) und Sicherheit vermittelte Lautsprache - und damit auch zeitlich versetzt auch ihre Hunde, ist einer werdenden Hundefreundschaft fast nichts mehr im Wege. Siehe auch entsprechende Passagen der Körper- und Lautsprache:
www.hundezeitung.de/hundekunde/lautsprache.html und Folgen.
Aber das sind dann wirkliche Souveräne, und die sind selten. Es reicht also nur einer, der den Reiz auslöst und verstärkt. Oft kommen dümmlicher Tierrassismus (mein Hund ist stärker als deiner) oder Minderwertigkeitsgefühl oder Hysterie (Hyperventilierer) dazu, bestens geeignet, um einen angestauten Aggressionsreiz zum Explodieren zu bringen. Geschrei ist dann noch das Sahnehäubchen auf diese Eskalation. Es ist eine Eskalation der vorbereiteten, also der erwarteten Angst und einer Bestätigung des Feindbilds.
Hunde-Begegnung von Einzeltieren sind nie Teil einer Rangordnung. Ich warne auch davor, nun plötzlich die Neuentdeckung der Beschwichtigung (als ob dies was Neues wäre in der Tiersprache!) der calming signals (schlicht: Beschwichtigungs-Zeichen) als Hauptinstrument allen Kommunizierens misszuverstehen. Daran ist nur wieder eine erschreckende Denaturierung zu erkennen, wenn Hundehalter sich nicht mehr auf jahrtausende alte Verständnisse berufen können.
Es gibt wie bei anderen Lebewesen, nun eben auch Konstellationen, die sich nie in Wohlgefallen auflösen, es gibt eben jene, die sich im Leben nie riechen können. Bei solche Ignoranz des Unvermeidlichen werden eher Feindbilder gefestigt. Da hilft dann nur noch Vermeiden.
Diese doch sehr kindische (nicht kindliche!) Naivität: "alle Hunde sind Freunde" entspringt oft einem wirklichkeitsfremden Ideal vom Paradies, eben ein Märchen (wie alle Menschen keine Brüder sind), nicht selten nur der Faulheit, mit dem Hund ein Konflikttraining zu erarbeiten, oder ist ist glatte Rücksichtslosigkeit gegen andere. Die freilich ist die wirkliche Aggressivität, die dann über den Hund ausgelassen wird.
So manches Beschädigungsverhalten entsteht zuerst im Kopf des Halters.
Eine ganz organische Lehre ist immer die innerhalb eines nach Altern gemischten Hunderudels, die von instinktsicheren Alttieren bestens, nämlich ohne Einfluss von Menschen, gemanagt wird. Und durch das gezielte, aber nach psychisch und physisch gesunden, souveränen Tieren ausgesuchte (aber nicht vom jeweiligen Besitzer, der kann seinen Hund nicht ohne Vorteilsnahme beurteilen) Trainings-Programm der Spielstunden ab der Rangordnungs- und Sozialisierungsphase an bis weit über ein Jahr hinaus.
Kampf- und Rauf- und Beutefangspiele gehören zur Natur des Hundes und sie machen ihm Spass, sie sind Gymnastik und Unterricht fürs Leben. Hier kann der Menschen nur noch lernen, wie er sich an Hundes statt zu verhalten hat. Wer diese Rituale und auch Begegnungen ausserhalb des Spielplatzes meidet, erntet eben den ungewohnten Stress. Auch hier ist wieder mal nicht der Hund schuld, sondern die Angst des Halters vor dem Konflikt, der eben kein solcher sein muss. Begegnungen zu suchen, sie zum Alltag in allen Lagen zu machen. Üben.
Hundebegegnungen finden nun mal statt, die mit Menschen gehen oft komplizierter aus als die ohne. Was soll der Halter tun? Wie ist dieser schwelende und sich verfestigende Begegnungs-Krampf zu lösen - wenn es nun mal nicht geht durch räumliches Ausweichen?
Durch vorzeitiges Gewöhnen an Begegnungen. Dies gehört ohnehin zum Trainingsprogramm aller seriösen Hunde-Halter-Schulen.
zur Fortsetzung: Begegnungs-Training
© Hundezeitung 2/2004
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